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Konzert-Bericht
 
Giraffengesichter, falscher Fuchspelz und Piratenkonfetti

The Wave Pictures

Köln, Gebäude 9
21.11.2015

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The Wave Pictures
Es galt hier mal etwas zu überprüfen: Auf dem letzten regulären Album, dem mit Billy Childish komponierten "Great Big Flamingo Burning Moon", klangen die Wave Pictures gerade so, als seien sie 1977 in New York in eine Zeitmasc hine gestiegen. Unwillkürlich fühlt man sich als Zuhörer an die großen Zeiten des urbanen Indie-Rock a la Television, Richard Hell oder Patti Smith erinnert. Das kommt zum einen daher, dass David Tattersall, der quirlige Frontmann des für diese Tour um den Perkussionisten David Beauchamp erweiterten Trios aus London genau jenes traurige Timbre in der Stimme und genau das inspirierte Verhältnis zum virtuosen Gitarrenspiel hat, wie der junge Tom Verlaine und zum anderen daran, dass die Jungs auf "Moon" ein besonders konsequentes, geradliniges, schnörkelloses Klangbild aufgefahren haben, wie man es eben auch aus dem o.a. US-Setting gewohnt war.
Und das alles, obwohl sich viele der Tracks, die Tattersall im Gebäude 9 mehr oder minder ausführlich erläuterte (bzw. wenn dies nicht möglich war, zumindest umschrieb), um durchaus britische Themen (wie z.B. Snooker in dem Song "Hoops") drehen. Würde das also im Live-Kontext fortgesetzt werden? Nun, ganz so schlimm wurde es dann doch nicht, als die Band mit einer halben Stunde Verspätung - aber zum Glück ohne Supportband - auf die Bühne kletterte. Es ist indes so, dass die Wave Pictures dennoch nach wie vor keine typische Brit-Pop-Band sind. Zum einen, weil ihnen die dafür notwendige Blasiertheit schlicht abgeht, und zum anderen, weil es in ihrer Musik eben zu viele Bezugspunkte zur US-amerikanischen Musikkultur gibt. Sei es, dass es in "Stay Here And Take Care Of The Chickens" nach Tattersalls Aussage um Humphrey Bogart geht oder aber um die Prägung, die Tattersall in seiner Jugend erfuhr. Als Tattersall bei dem neuen Song "Fox Fur Pillow Case" mitten im schönsten Solo "wegen der ganzen Rock'n'Roll-Aufregung" eine Saite riss, sprang Drummer Johnny Helm als Vokalist ein und sang einen Song über den großen "Reverend Gary Davies". Tattersall war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Wave Pictures nicht etwa zum christlichen Rock konvertiert seien und auch nicht die Lücke, die Nickelback hinterlassen haben, füllen möchten, sondern dass es bei besagtem Reverend um einen legendären Ragtime-Gitarristen handele, der zu Tattersalls frühesten Einflüssen zähle. Um das zu belegen spielte er im Anschluss ein hochkomplexes, virtuose Ragtime-Instrumental auf seiner Gibson-Gitarre.
Ein weiteres wichtiges Standbein des Wave Pictures-Universums ist - neben der musikalischen Ausrichtung - die Absurdität. So räumte Tattersall unumwunden ein, dass der Song "Panama Hat" nur deswegen so hieße, weil man ja Songs über irgendein Thema schreiben müsse, dass es in "Fake Fox Fur Pillow Case" darum ginge, dass ein Freund ihm vorgeworfen habe, dass er aussehe wie eine Giraffe, seine Freundin aber meine, dass er aussähe wie ein Fuchs und als es schließlich um den Song "Long Black Cars" ging, räumte er unumwunden zu, selbst nicht zu wissen, worum es dabei eigentlich ginge. In der Tat wollte er den Song sogar abbrechen, weil ihm nicht mehr einfallen wollte, warum die Piraten im Text Konfetti in den Wind würfen. Das macht die Wave Pictures alles ungemein sympathisch - hindert sie aber wohl andererseits auch daran, zu einem veritablen Mainstream-Act aufzusteigen. Denn bei aller Griffigkeit, die sich bei manchen Songs einstellen mag, gibt es - insbesondere live - auch immer wieder nickelige Haken, Ösen oder spielfreudige Soli, die sich dann eher an wahre Musikfreunde als Gelegenheitshörer richten.

Musikalisch war das Ganze ziemlich spontan organisiert. Es dauerte auch eine ganze Weile, bevor sich die Herren durchrangen, neues Material anzustimmen. Dabei bedankte sich Tattersall beim Publikum, dass es den Weg ins Gebäude 9 gefunden habe und nicht etwa zum zeitgleich stattfindenden Konzert von Billy Cildish, mit dem zusammen man ja nun mal die ganzen neuen Stücke - wie z.B. "Fire Alarm" - geschrieben habe. "Billy Childish ist ja ganz gut", erklärte Tattersall, "aber er ist nicht so gut wie die Wave Pictures, oder?" Wichtig bei dem ganzen Unterfangen - und auch mit der Grund, warum das alles so locker und sympathisch rüberkommt - ist der Umstand, dass die Musiker selbst jede Menge Spaß auf der Bühne haben. Sei es Tattersall selbst, der keine Gelegenheit für ein verstiegenes Solo auslässt, Johnny Helm, der neben seinem Gastauftritt noch "das beste Bongo-Solo, das ich je gehört habe" (Tattersall) zum Besten gab - und David Beauchamp zu einem Bongo-Contest aufforderte oder Bassist Franic Rozycki, der seinen Hofner Bass mit einem für Bassisten wahrlich beeindruckenden Enthusiasmus beackerte: Da blieb am Ende kein Auge trocken. Kurz gesagt: Wenn es um schnörkellosen, unbeirrbaren, inhaltlich zwar unsinnigen, musikalisch aber extrem sinnigen Indie-Rock geht (gleich ob er dabei nun typisch britischer oder US-amerikanischer Prägung sein mag), gibt es zur Zeit erst mal nur die Wave Pictures und dann lange Zeit nichts...

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Surfempfehlung:
www.thewavepictures.com
www.facebook.com/thewavepictures
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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