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And Now For Something Completely Different

Anna Ternheim

Köln, Stadtgarten
11.04.2016

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Anna Ternheim
"Alle die mich vor vier Jahren zum letzten Mal hier in Köln gesehen haben, sollten sich dieses Mal besser auf etwas ganz anderes einstellen", meinte Anna Ternheim zur Begrüßung des Publikums im restlos ausverkauften Kölner Stadtgarten. Im Prinzip hätte sie sich diesen Hinweis eigentlich sparen können, denn schließlich bietet Anna Ternheim als eine der wenigen Vertreterinnen ihrer Zunft auf jeder einzelnen Tour immer wieder etwas Neues - dieses Mal schienen die Veränderungen allerdings besonders auffällig.
Da war zunächst mal die lange Pause, die Anna nicht wirklich mit dem Hinweis erklären konnte, dass es manchmal eben lange dauere, Musik zu machen (insbesondere dann, wenn man zuviel darüber nachdenke). Nach dem Ausflug nach Nashville, wo sie mit Country-Veteranen wie Dave Ferguson unter der Regie von Matt Sweeney eine klassische Americana-Scheibe "The Night Visitor" eingespielt hatte, ist sie mit ihrem aktuellen Album "For The Young" wieder bei ihren Wurzeln angelangt - und damit bei jener "World-Weariness", die sie anlässlich ihrer LP "Leaving On A Mayday" noch so malerisch mit der nicht vollständig ironischen und rhetorischen Frage (und mit seufzender Stimme) erläuterte: "Haben wir nicht alle einen kleinen Affen an der Hand?" Wer Anna indes ein wenig kennt, den dürfte es nicht überrascht haben, dass das neue Material nun nicht einfach 1:1 live emuliert wurde. Stattdessen war Anna auf dieser Tour mit einer neuen Band unterwegs, die es ihr letztlich ermöglichte, alles, dessen sie als Performerin mächtig ist, in einer ansprechend vielseitigen Form darzubieten. Konkret hieß dieses an diesem Abend: Es gab Solo-Beiträge wie das Backstreet Boys-Cover "Show Me The Meaning Of Being Lonely", A-Cappella-Extravaganzen wie das wunderschön intonierte "Summer Rain", zu dem sich alle fünf Musiker um ein Mikro gruppierten, Indie-Dicso a la "Let It Rain", New Wave Rock wie bei "What Have I Done", die abgefahrene Space-Opera "Calling Love" zum Abschluss oder druckvollen Power-Pop a la "Girl Lying Down". Ach ja: Songs vom neuen Album gab es unter anderem auch - etwa der rätselhafte Psycho-Drone des Openers "Hours" oder eine vergleichsweise werksgetreue, aber auf das notwendigste reduzierte Variation des Instant-Anna-Klassikers "Still A Beautiful Day".
Freilich - und das war ja der Witz bei der Sache - gaben Anna und ihre Musiker sich alle Mühe, die Arrangements der jeweiligen Originalaufnahmen möglichst zu umgehen, um mit zum Teil völlig neuen, oft auch gegensätzlichen Ansätzen aufzuwarten. So wurde - nur mal als Beispiel - aus dem auf der Scheibe eher unverfänglich pulsierenden "Only Those Who Love" eine Art dramatischer Rockhymne, die zudem mit einem dramatischen Piano-Intro angereichert war, zu dem Anna - wie auch bei anderen Gelegenheiten - den Songinhalt einleitend auf unpeinliche Art zusammenfasste. Auch "My Secret" wurde mit einem betörenden Crescendo zur Hymne aufgebohrt. Dabei leisteten die Musiker ganze Arbeit. Gitarristin Charlotte Centervall dominierte ein Effektpedal von der Größe eines mittleren Postleitzahlengebietes - ohne dass das irgendwie unnötig auffiel. Bassist Patric Thomas wechselte ständig zwischen Rock- und Akustik-Bass - dem er zudem zuweilen düster dräuende Cello-Psychedelia entlockte, Drummerin Jonna Löfgrens trieb die Sache mit einer Mischung aus Tribal- und Kraut-Unerbittlichkeit an und der Keyboarder Tomas Hallonsten gefiel nicht nur durch seine dramatischen Intros, die - mal jazzig, mal theatralisch, mal dramatisch und mal verspielt - das Setting für die Songs legten, sondern auch durch gelegentliche Trompeten-Parts.

Stärker noch als ihre Musik (die ja eh einem ständigen Wandel unterliegt) hatte sich indes Anna selbst verändert. Mit Punkfrisur, einem (tourbedingt lückenhaften) Tattoo-T-Shirt und erstmals ohne Springerstiefel präsentierte sie einen neuen Look, der der dramatischen Inszenierung auf der Bühne durchaus angemessen erschien. Sie selbst hatte dann auch zu jenem leichtfüßigen, lakonischen Schwermut zurückgefunden, mit dem sie ihre Lebensumstände - wie auch früher schon - gelegentlich auf humorige Weise in anschaulichen Anekdoten zusammenfasste. (Ja, richtig gelesen: "leichtfüßiger, lakonischer Schwermut" - die Anna-Fans wissen schon, wie das zu verstehen ist (siehe "Affe am Arm").) Zu den Höhepunkten der Show gehörte aber auch eine akustische Lesung des Tracks "The Longer The Waiting The Sweeter The Kiss", dem Duett mit Dave Ferguson vom "Night Visitor"-Album, dessen Entstehungsgeschichte und Sinngehalt ("ein Lied für die Seeleute unter uns") sie noch mal einleitend darlegte. Kurz: Auch dieses Mal schaffte es Anna Ternheim irgendwie, nicht nur die Erwartungen ihrer Fans in vollem Umfange zu erfüllen, sondern dabei auch noch wagemutige Experimente einzugehen, ihrem eigenen Material neue Perspektiven abzugewinnen, sich selbst treu zu bleiben und gleichzeitig zu überraschen. So viele Widersprüche verwirren ja im allgemeinen - nicht jedoch im Fall von Anna Ternheim, die sich mit sowas ja bestens auskennt. Wollen wir mal hoffen, dass sie nicht wieder zu viel über neue Musik nachdenkt, denn wieder vier Jahre wollen wir nicht auf eine neue Tour mit Anna Ternheim warten.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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