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Welt Aus. OBS An.

Orange Blossom Special 20 - 3. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
15.05.2016

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Einar Stray Orchestra
Mit dem zur Tradition gewordenen Surprise-Act am dritten Festivaltag hatte sich die Festivalleitung dieses Mal richtig Mühe gegeben und mit den OBS-Veteranen Torpus & The Art Directors eine eher obskure Wahl getroffen, denn obwohl die bandspezifische Allergie-Kombination ein Leak bei der Catering-Crew ausgelöst hatte, der Tourplan der Band das Ganze eigentlich nahegelegt hätte und auch eine aktuelle Veröffentlichung (eine EP mit Coverversionen) angestanden hatte, waren wirklich nur hartgesottene Spezialisten auf die Idee gekommen, die Band um Sönke Torpus überhaupt in Betracht zu ziehen. Da hatte es auch nicht geholfen, dass die Bandmitglieder bereits am Vortag gesichtet hätten werden können. Doch die Gerüchteküche rotierte währenddessen auf Hochtouren in ganz andere Richtungen. "Dass ihr nicht auch noch auf Bob Dylan getippt habt, hat uns dann doch gewundert", meinte Rembert zu dem Thema, "na gut - dann ist der das nächste Mal dran...".
Rein musikalisch machte das Ganze natürlich Sinn, denn die organische Americana-Folkpop-Schiene, die Torpus & The Art Directors höchst abwechslungsreich verfolgen, ist ja schließlich ideal geeignet, einen Open-Air-Festival-Tag stimmungsmäßig einzupegeln. Neben den Songs ihrer bisherigen Alben spielten Torpus & Co. auch zwei Coverversionen - eine von der E-Pop-Band MGMT und dann noch "Big Jet Plane" von Angus & Julia Stone. Während des Sets von Torpus & Co. brachte Niels van Heerum, der Tubist der Band von Chantal Acda, im Backstageraum sein Instrument auf Betriebstemperatur (das war - wie auch bei den Streichinstrumenten, die gelegentlich auf der Bühne verwendet wurden - bei den nach wie vor arktischen Temperaturen, eine recht knifflige Sache). Das hörte sich dann an wie ein schnarchender Seelöwe und brachte dem Mann viele verwunderte Blicke ein. Die Belgierin Chantal, die dann mit ihrer Band die "delikaten" Slowcore-Songs ihrer aktuellen Debüt-LP "The Sparkle In Our Flaws" in zum Teil epischer Form ausbreitete, hatte ein spezielles Problem: "Eigentlich hatte ich Schuhe an - bekam dadurch aber Stromschläge, weswegen ich sie ausgezogen habe", erklärte sie zwischen den Nummern, "dabei habe ich festgestellt, dass ich Löcher in den Socken habe und fühle mich deswegen jetzt unsexy." Kurz gesagt, wäre es auch ohne Sockenlöcher bei den schneidend kalten Wechselwinden wohl schwer gefallen, sich sexy zu fühlen.

Die nächste Band, die Knüppel-Aus-Dem-Sack Truppe Love A war dann der Act, an dem sich in diesem Jahr die Geister schieden. Traditionellerweise gibt es ja jedes Jahr auf dem OBS mindestens einen Act, der im Zusammenhang so gar keinen Sinn macht. "Ohne in Harmonie zu verwässern" (wie es Rembert im Folder beschrieben hatte), hauten Jörkk Mechenbier und seine Mannen dem Publikum die knochentrockenen Punk-Riffs und Coverversionen obskurer Kollegenbands um die Ohren. Nicht nur, dass es zwischenzeitlich immer mal regnete: Jetzt wurde das Publikum auch noch mit Testosteron getränkt, das da von der Bühne spritzte. Das nächste Mal bitte eine Damenband in dieser Art - die riechen wenigstens besser.

Einen unerwarteten Höhepunkt präsentierte dann das revolutionäre Latin-Rock-Orchester Xixa mit einer bemerkenswert ansteckenden Crossover-Show. Das von den Tucson-Veteranen Brian Lopez und Gabriel Sullivan gegründete Projekt verwurschtelt in seiner Musik den klassischen Wüstenrock a la Giant Sand (beide Protagonisten waren ja auch in diesem Projekt tätig), der jeweils eigenen, recht unterschiedlichen Songwriter-Kultur, Tex-Mex, verschiedene Latin-Elemente wie Salsa, Son und Cumbia sowie psychedelischen Rock zu einer faszinierend eingängigen Melange, die wirklich kaum jemanden kalt ließ. Das lag nicht nur daran, dass die Jungs ihre Songs mit viel Stil und Attitüde präsentierten, sondern vor allen Dingen an der Spielfreude und dem hemmungslosen Bekenntnis zur guten Laune, die die Band - trotz betont cooler Posen und musikalischer Ernsthaftigkeit - an den Tag legte.

Es hat ja jeder so seine Vorlieben, aber Sarah Muldoon von Sarah & Julian, die sich das Set angeschaut hatte, meinte, dass das Erfolgsgeheimnis in der Verwendung der Percussion-Elemente bestanden habe. Daran kann wohl was sein, denn das Rhythmus-Team - bestehend aus Drummer-Legende Winston Watson und Latin-Drummer Efren Cruz Chavez - brachte die Party erst so richtig ins Rollen. Anschließend stand die ganze Band den Fans für ein Meet & Greet am Road-Tracks-Stand zur Verfügung. Dabei erfuhr man dann auch, dass die Band gerne "Ksiksa" ausgesprochen werden möchte, und wofür die roten Armbänder standen, die die Musiker stolz präsentierten: "Das symbolisiert die mexikanische Revolution", meinte Tastenmann Jason Urman zum Beispiel, während er Efren Cruz Chavez an den Schultern packte und vor sich stellte, "jedenfalls für diesen Mann hier. Ansonsten ist es ein Zeichen, dass wir alle zusammen eine eingeschworene Gemeinschaft sind." Das bedeutet, dass Xixa gerne als Band wahrgenommen werden möchte - und nicht als Projekt von Lopez und Sullivan.

Während Xixa noch die Fanarbeit leisteten (die sogar darin bestand, Gruppenfotos mit einzelnen Fans zu machen), erklangen von der Hauptbühne schon wieder laute Töne. Die Trondheimer Motorpsycho-Freunde von Spidergawd überraschten nicht nur mit einem ungewöhnlichen Bühnen-Setting (Saxophon links, Gitarre rechts, Drums in der Mitte und Bass dahinter), sondern auch mit einem brachialen, psychedelischen Rock-Sound, der dann detroitmäßig schallte wie MC5 mit Saxophon. Gerade die Kombination aus Sax und Violence machte hier dann die besondere Note aus. Dass die norwegische Band zwar betont gutgelaunt und spielfreudig zur Sache ging, aber schon wieder zur knüppelharten Fraktion gehörte, wie auch die dann folgende schwedische Jungherrenkapelle Vita Bergen (die Rembert & Co. bei einem Reeperbahn-Festival entdeckt und verpflichtet hatten) und auch der dann folgende OBS-Veteranen-Act Miraculous Mule um Michael J. Sheehy, gehörte dann zu den Unannehmlichkeiten des Festivals, die man einfach abkönnen musste. Zwar gab es zwischen den brachialen Urgewalten auch versöhnlichere Töne - aber leider nur im Abseits auf der Mini-Bühne. Dort hatten sich zunächst mal Pleasant Grove auf eigenen Wunsch eingefunden. Wie auch schon am Tag zuvor, begann es zu regnen, als die Jungs gerade begonnen hatten zu spielen. "Vielleicht sollten wir uns einfach in 'The Stormbringers' umbenennen?", schlug Bret Egner vor, während Marcus Striplin "The Executionists" als Alternative vorschlug. Musikalisch gab es dann eine - gegenüber dem Vortag nur leicht abgespecktere, akustisch ausgerichtete Americana-Melange. Das bot dann angesichts der Volldröhnung von der Hauptbühne eine notwendige Gelegenheit zum Durchatmen. Das, was Vita Bergen dann - trotz aller lauten Töne und Rockstar-Allüren - von den anderen Knüppeltruppen des Tages unterschied, war der Ansatz, ihr Treiben zumindest mal dynamisch, komplex und bunt anzureichern - etwa mittels des Einsatzes vieler Instrumente und jeder Menge alternativen Showmanships mit großen Gesten und bösen Gesichtern, die viel Männerschmerz und Attitüde verhießen. Beim anschließenden Meet & Greet im strömenden Regen freuten sich die Jungs dann erst mal darüber, dass die Fans die wenigen mitgebrachten Vinylscheiben aufkauften, die im übrigen anders aussehen, als jene in Schweden.

Das, was dann das Geschwisterpaar Sarah & Julian Muldoon in zwei Teilen auf der Minibühne präsentierten, stellte sozusagen den antithetischen Gegenentwurf zur Festivalästhetik an diesem Tag dar. Zwar hätte man die variantenreichen Popsongs ihres erstaunlichen Debütalbums sicherlich lauter, ambitionierter, komplexer, opulenter und aufwendiger inszenieren können - aber keinesfalls besser. Sarah & Julian präsentierten ihr Material auf eine absolut glaubwürdige und hinreißende Manier, die sich makelloser und schlüssiger kaum hätte realisieren lassen. Dabei machten Sarah & Julian und ihre Band eigentlich gar nichts besonderes, sondern spielten ihr Material einfach mit jeder Menge Herzblut und auf eine ungemein sympathische Art und Weise. Nun gut - die Percussion-Einlage, bei der beide virtuos eine Stehtrommel bearbeiteten, war dann doch schon ein wenig besonders. Schade nur, dass das Ganze quasi so im Abseits stehen musste, denn aufgrund der beschränkten räumlichen Möglichkeiten können ja nur wenige Zuschauer die Acts auf der Minibühne wirklich intensiv verfolgen und genießen. Ihre gute Laune ließen sich die Geschwister durch so etwas aber nicht verderben. "AnnenMayKantereit haben ja auch auf der kleinen Bühne beim OBS angefangen", meinte Sarah Muldoon zu diesem Thema, "und vielleicht klappts dann ja später mal mit der Hauptbühne." Wollen wir also mal hoffen, dass das auch so sieht und auslegt …

Beim OBS gibt es eine Art inoffiziellen Wettstreit, wer hier öfter auf der Bühne gestanden hat: Michael J. Sheehy oder Chris Eckman. Geklärt werden konnte das nicht eindeutig (denn technisch gesehen ist Chris einfach öfter auf dem OBS zugegen), aber an diesem Abend legten die wunderliche Maultiere wieder mal ein ordentliches Brett auf die Bühne. Mit einer fast nihilistisch zu nennenden Attitüde begruben Sheehy bei ihrem Auftritt alles, was die Blues-Musik vielleicht als subtil, liebreizend, vielseitig oder lebensbejahend auszeichnen könnte, unter einem Schwall knochentrockener, brutal lauter und betont stacheliger Riffs und Hooklines. Mag sein, dass Sheehy immer schon ein Faible für desolate, schroffe und düstere musikalische Szenarien gehabt haben mag - mit Miraculous Mule übertreibt er es aber dann doch ein wenig.

Immerhin bot der letzte Act des Festivals, das norwegische Einar Stray Orchestra wieder etwas von jenen Zauber, den das OBS neben der Brechstangen-Ästhetik eben auch zu bieten hat. Im Prinzip machen der junge Norweger und seine Musikanten so etwas wie eine zeitgemäße Variante des legendären Klassik-Rock der 70er Jahre - nur dass es hier nicht wirklich um Klassik geht, sondern eher um einen Mix aus Folk- und Rock-Elementen - die dann aber im vertrackt geschachtelten Stolper-Art-Pop-Prog-Stil in überlangen, epischen Songgebilden angerichtet werden. Deswegen überraschte es vielleicht weniger, dass Einar einen seiner Songs dem VW Caravelle widmete, sondern eher, dass er das Publikum einlud zu tanzen. Dazu hätte er aber auch sagen oder vormachen müssen, wie man das denn bitteschön hätte bewerkstelligen sollen, denn selten hat es rhythmisch unberechenbarere, ambitioniertere Musik mit mehr Haken und Ösen auf der Bühne des OBS gegeben, als bei dem Auftritt des ESO. Mal abgesehen davon, dass das Ganze ein wenig anstrengend zu verfolgen war, bot der dargebotene Mix im Detail aber doch auch viel Schönes, denn insbesondere das Zusammenspiel des virtuos agierenden Pianisten und Sängers Einar mit seinen simultan singenden und musizierenden Streicherinnen Ofelia Østrem Ossum und Maja Gravermoen Toresen brachte viel Leben ins Geschehen. Insbesondere auch deswegen, weil die Musiker selbst wirklich begeistert von dem Setting waren. "Mein Gott, ist das ein schönes Festival", freute sich etwa Maja.

Nach dem Set machte sich Rembert dann zunächst mal daran, den Drei-Tages-Witz zu Ende zu erzählen, während ihn dann sein Fall-Guy Simon indes mit einem Auftritt der gesamten OBS-Mannschaft überraschte, die dem verdutzten "Maitre de" dann ein selbstgefertigtes Plakat überreichte, auf dem alle Mitarbeiter unterschrieben hatten. Das nötigte Rembert dann auch gleich bekanntzugeben, dass es ein nächstes OBS geben wird - und auch gleich das Motto "Nothing This Beautiful" (c/o Pleasant Grove) - und das Leittier (ein Einhorn) bekannt zu geben - das habe er diktatorisch so festgelegt, weil das OBS ja noch nie eine Demokratie gewesen sei. Die Witze zwischen den Acts waren an diesem Tag allerdings auch wieder nicht so dolle: "Morgen müsst ihr wieder alle zurück in den Knast - denn ihr seid ja nur auf Beverungen hier..."

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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