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Heimspiel Knyphausen

Eltville-Erbach, Draiser Hof
23.07.2016/ 24.07.2016

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Gisbert zu Knyphausen
Für alle, die es noch nicht wissen: Das Heimspiel Knyphausen im Rheingau bei Eltville ist ein bemerkenswert friedfertiges und familiäres Sommerfestival, bei dem man als Besucher an einer exklusiven Schiffstour teilnehmen kann, mit hausgemachtem Wein und erlesenen Speisen verwöhnt und von einem leibhaftigen Baron begrüßt wird, sowie einen sympathisch unkonventionellen Mix an Musikanten serviert bekommt, die den Gastgebern - der Familie zu Knyphausen und hier insbesondere Gisbert - auf diese und jene Weise freundschaftlich verbunden sind.
Das diesjährige Line-Up ist aus der Historie heraus zu sehen und unter anderem dem Umstand geschuldet, dass Gisbert dieses Mal selbst gar nicht auftrat (u.a. auch deswegen, weil er kaputt war und sich mittels Krücken im Schongang bewegen musste). Nachdem das Festival zunächst mal erwartungsgemäß mit einem im Wetterbericht auch angekündigten Starkregen-Anfall begann (was in diesem wankelmütigen Wetterjahr ja unvermeidbar zu sein scheint), gab es zunächst einen unangekündigten Guerilla-Gig der Münchener Brass-Rap-Combo Moop Mama. Das plötzliche Auftauchen an unerwarteten Orten gehört ja zum Konzept der Blaskapelle, die sich im Partymodus spannende Dominanz-Battles mit ihrem Front-Rapper Keno Langbein liefert. Bei dem begeistert aufgenommenen Auftritt im Garten des Draiser-Hofes ging die Sache mehr oder minder unentschieden aus - indem nämlich eigentlich niemand dominierte, sondern alle zusammen dem mitfeiernden Publikum ordentlich einheizten. Musikalisch betätigen sich die Herren dabei irgendwo im Grenzbereich zwischen Funk, Dixieland und HipHop (soweit das mit Blasinstrumenten zu machen ist). Der besondere Witz war hier tatsächlich der Überraschungseffekt, denn Moop Mama spielten nicht auf der Bühne, sondern im hinteren Teil des Festival-Geländes im Catering-Bereich, so dass auch diejenigen Fans, die vielleicht später gekommen waren und keine Möglichkeit mehr gehabt hatten, sich Liegeplätze vor der Hauptbühne zu sichern, in den Genuss hautnaher Live-Musik kommen konnten. Nachdem dann Baron zu Knyphausen die Familiengeschichte und die Geschichte des zugrundeliegenden Weingutes zusammengefasst hatte und mit lockeren Worten auf die kulturhistorische Bedeutung des Festivals hingewiesen hatte, präsentierte dann Gisbert zu Knyphausen das diesjährige Line-Up.

Der Kanadier Mark Berube, der das Bühnenprogramm zusammen mit seiner musikalischen Partnerin Kristina Koropecki am Cello eröffnete, war über seine Verbindung zur Heimspiel-Veteranin Sophie Hunger, mit der er zusammen schon des Öfteren auf Tour war und auf deren Two Gentlemen-Label er seine Scheiben veröffentlicht, ins Programm gekommen. Mark war dabei übrigens der einzige Act, der des Deutschen noch nicht fließend mächtig ist. Er übt aber gerade und freute sich, dass das Wetter - zumindest zum Beginn des Musikprogrammes - so schön lecker sei. Mark Berube macht eine Art Kunst-Folkpop - was sich darauf bezieht, dass er zwischen Gitarre und Piano wechselnd recht komplexe Songstrukturen auf intensive Art und Weise darbietet, die in ihrer wortreichen, lyrischen Manier auch heute noch an seine Anfänge als waschechter Poet erinnern - auch wenn er nun schon seit ca. zehn Jahren in Sachen Songwriter macht.

Die ruhige Art, in der sich das alles abspielte, war wohl im Hinblick auf den dann folgenden musikalischen Kontrapunkt gewählt, denn mit dem Auftritt der Nerven hatte es sich dann auch schon mit der anfänglichen Hippie-Stimmung des Festivals. Wie schon bei ihrem bemerkenswerten Auftritt auf dem Orange Blossom Festival schafften es die drei Jungs, zumindest ein Kernpublikum direkt vor der Bühne für die Pogo-Ästhetik zu interessieren. Das macht Sinn, denn die Nerven schaffen es mit ihrem No-Nonsense-Post-Punk-Ansatz durchaus, ihrer kompromisslosen Botschaft Nachdruck zu verleihen. Dabei spielt es übrigens keine Rolle, dass man kaum ein Wort ihrer deutschsprachigen Texte (und somit eigentlich auch nicht die Botschaft) verstehen kann, denn alleine durch ihr sympathisch verpeiltes Wesen und die Ernsthaftigkeit und Inbrunst, mit der sie sich an die Arbeit machen, setzen sich die Nerven von anderen deutschsprachigen Acts schon alleine dadurch ab, dass sie ihr Heil eben nicht in der Comedy suchen. Dennoch macht ein Nerven-Auftritt auch unterhaltungstechnisch durchaus Sinn und Spaß.

Sophie Hunger und ihre Band, die den Abend nach einem weiteren Zwischenspiel von Moop Mama beschloss, war bereits 2013 bei Gisbert zu Knyphausen zu Gast gewesen und bezeichnet das Heimspiel auch gerne als ihr Lieblingsfestival. Wie auch schon bei anderen Festival-Auftritten der Schweizerin zu beobachten gewesen war, scheint sich Sophie auf Festival-Bühnen sogar wohler zu fühlen, als bei ihren eigenen Konzerten. Jedenfalls spielte Sophie dermaßen locker, inspiriert und humorvoll auf, wie schon seit langem nicht mehr. Dabei begeisterte sie wie üblich mit einem geradezu ausgeklügelten Programm, in dem ihre bekannten Klassiker bestenfalls den Eckpfeiler darstellten. Die Setlist enthielt dabei erstaunlich viele deutschsprachige Titel, alte wie neue Coverversionen (neben "Le vent nous portera" von Noir Desir zum Beispiel "Purple Rain" von Prince), Oddities wie zum Beispiel das haarsträubend effektive, treffende und lustige "Spaghetti mit Spinat" (in dem sich Sophie über schöne Menschen lustig macht), ergreifende Solo-Nummern wie der "Walzer für niemand" und vor allen Dingen die charmanteste, unterhaltsamste, informativste und ausführlichste Band-Vorstellung aller Zeiten. Hier schaffte es Sophie - aufgrund des internationalen Charakters ihrer Musiker - zudem eine Kulturhistorie Europas zu formulieren, in der etwa Volksstämme wie Römer, Schweizer, Spanier, Italiener, Deutsche, Flamen, Franzosen, Alemannen (die kommen immer von oben), Ägypter und ein sprachlicher Bürgerkrieg in der Schweiz Erwähnung fanden - und das, obwohl Sophie nach eigener Aussage nur unwichtige Aspekte darzustellen wisse.

Der zweite Festivaltag begann dann zunächst ein Mal mit drückend schwülem Hochsommerwetter. Das musste natürlich zu denken geben, denn damit war ein weiterer Gewitterregen geradezu vorprogrammiert, der sich indes bis zum späten Abend Zeit ließ. Zunächst ein Mal durfte sich Lilly Among Clouds dem Publikum präsentieren. Die junge Würzburgerin hatte den Wettbewerb gewonnen, mittels dessen sich unverbrauchte, junge Acts empfehlen können, um sich auf dem Festival einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Lilly ist dabei gar nicht mehr soooo neu, denn obwohl es nach wie vor noch keinen Longplayer von ihr gibt, geistert sie doch schon seit einigen Jahren über die Bühnen der Republik (und merkwürdigerweise Skandinaviens). Lilly Brüchner wird dabei - wohl wegen ihres eher zierlichen Wesens - gerne schon mal als neue Lieder-Elfe abgetan. Musikalisch haut diese Einsortierung freilich so gar nicht hin, denn Lilly bietet alles andere als gewöhnliche Mädchenliedermacherei. Da sind zum einen nämlich die ausformulierten, orchestralen Pop-Arrangements (die man sich bei diesem Auftritt im Trio-Format freilich ein wenig dazu denken musste), zum anderen die brillant strukturierten, melodiösen Kompositionen Lillys mit vielen potentiellen Hits und nicht zuletzt eine erstaunlich kräftige und eben überhaupt nicht elfenhafte Stimme, die (auch deswegen, weil das Piano und nicht die Gitarre Lillys Instrument der Wahl ist) vom Timbre her zum Beispiel an die große Fiona Apple erinnert. Freilich ist Lilly nicht ganz so durchgeknallt wie Fiona und auch wesentlich bayrischer (zumindest bei den Ansagen).

Seit der in Bolivien geborene, aber in Berlin ansässige David Lemaitre sein Album "Latitude" herausbrachte, auf dem er sein musikalisches Troubadourendasein schlüssig vertont hatte, sind auch schon wieder drei Jahre ins Land gegangen. Insofern brannten der Meister offensichtlich geradezu darauf, nach längerer Zeit auch wieder ein Mal live aufzutreten. Sichtlich gelöst und begeistert erkundeten nun die drei Musiker das Material von "Latitude" - und kamen hierbei im inspirierten Miteinander wohl zu ganz neuen Einsichten. Denn in dem "jam-artigen" Setting gewannen die Musiker auch bekannteren Stücken wie dem aus einem Traum entstandenen "The Incredible Airplane Party" oder der Ode an "Jacques Cousteau" im Vergleich zu früher ganz neue Perspektiven ab. Es wird ja immer mal wieder gesagt, dass Musiker im geeigneten Augenblick in der Lage seien, ihre Zuhörer irgendwohin mitzunehmen oder zu transportieren: Das war dann so einer (bzw. viele davon). Und das lag auch an der sympathisch offenen Art, mit der sich Lemaitre präsentierte (und die Anwesenden zur anstehenden, ersten Tour durch seine Heimat Bolivien einlud).

Der Ostfriese Enno Bunger gehört seit einiger Zeit auch zum persönlichen Bekanntenkreis von Gisbert zu Knyphausen. Anlässlich seines letzten Albums "Flüssiges Glück" hatte Enno - zumindest für Live-Auftritte - sein musikalisches Konzept (ausgehend vom bloßen Piano-Pop) deutlich ausgeweitet und überzeugte auf dem Heimspiel mit vielen guten musikalischen Ideen, wobei er teilweise mit E-Pop-Elementen, teilweise mit Club-Versatzstücken und teilweise mit New-Wave-Pop-Bestandteilen arbeitete. Dabei unterhielt er durch launige Ansagen und lustige Einlagen: Eigentlich hätte er zum Beispiel Sophie Hunger gerne einen Heiratsantrag gestellt - auch, weil sie schöne Musik mache, hauptsächlich aber deswegen, weil er dann "Bunger-Hunger" geheißen hätte. Dabei konnte sich Enno Bunger zudem auf seine Fans verlassen, die den Großteil seiner Texte (auch etwa Slogans wie: "Nichts ist für alles, aber alles für jetzt") durchaus verinnerlicht hatten und mitsingen konnten. Außerdem sah die stylish durchkonstruierte Band ziemlich cool aus.

Wie die Nerven, die am Tag zuvor aufgetreten waren, hatten auch Konstantin Gropper und Get Well Soon auf dem diesjährigen Orange Blossom Festival gespielt. Freilich gab es hier keinesfalls ein Replay des dort gezeigten Programmes. Was hauptsächlich daran zu liegen schien, dass dieses mal Schwester Verena Gropper mit ihrer - bislang stets prägenden Geige - nicht dabei war. Ihre Beiträge wurden von einer (eben nicht Geige spielenden) Keyboarderin übernommen. Das führte dann in letzter Konsequenz dazu, dass die Tracks - inkl. entsprechend schwirrender Synthie-Sound - teilweise im Gewand von regelrechten Disco-Krachern daher kamen. Das galt nicht nur für offensichtliche Kandidaten, wie z.B. das schwülstige Cover des eh schon unsäglichen "Careless Whispers"-Tracks, sondern auch für viele ältere Rausschmeißer. Ein Mirrorball anstelle des intensiv eingesetzten Bühnennebels hätte hier Wunder wirken können. Es waren dann am Ende aber doch die eher dramatischen Tracks wie "It's Love" oder das hier fast orgiastisch ausgelebte, bombastische "Marienbad", die mit viel Punch und Nachdruck dramatisch dargeboten wurden, die letztlich die Höhepunkte der Show ausmachten. Hier galt übrigens das Motto "Klotzen, nicht kleckern", denn sowohl Konstantin Gropper wie auch Gitarrist Max Schenkel bedienten sich 12-saitiger Gitarren. Das von den bisherigen "Love"-Konzerten bereits bekannte, beleuchtete Backdrop erfüllte auch dabei hier wieder seinen plakativen Zweck. Insgesamt war diese Show am Ende ein zwar durchaus würdiger Abschluss des diesjährigen Heimspiel-Festivals - auch wenn dieser dadurch getrübt wurde, dass im letzten Drittel des Sets dann doch wieder ein Starkregen einsetzte. Vom Himmelswasser aber ein Mal abgesehen, machte das Heimspiel Knyphausen seinem Namen als Festival, das in dieser entspannten Atmosphäre seines Gleichen sucht, auch dieses Jahr wieder alle Ehre.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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