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Pollockopter und mehr

Reeperbahn Festival 2016 - 1. Teil

Hamburg, Reeperbahn
21.09.2016/ 22.09.2016

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Reeperbahn Festiva 2016
Auch die 11. Ausgabe des Reeperbahn Festivals wartete wieder mit einigen interessanten Neuerungen auf, die das Angebot des Stadtfestivals noch ein Mal erweiterten. So gab es mit der Pollockopter-Aktion, bei der kleine Farbbeutel mittels Drohnen gegen die Verkleidung der ehemaligen Esso-Häuser geschleudert wurden, um ein Klecks-Kunstwerk in der Art von Jackson Pollock zu erschaffen zu den neuen Kunst-Akzenten, die das Festival schon seit Jahren bereichern. Dann gab es - etwa mit der Uraufführung von Matthias Arfmanns "Ballett Jeuness" und einer Reihe von Konzerten mit Künstlern aus dem Bereich der Klassik (u.a. Olga Scheps) eine weitere thematische Ausweitung des stilistischen Angebotes (vielleicht auch im Hinblick auf die zukünftige Einbeziehung der Elbphilharmonie?). Auch die schon zur Tradition gewordenen Länder-Showcases wurden in diesem Jahr neu sortiert - mit den Niederlanden als Partnerland und neuen Teilnehmern, wie z.B. Weißrussland, das erstmals mit einem eigenen Showcase-Tag präsent war. Nicht zuletzt sorgte der neu erschaffene Anchor-Award - ein auf dem Festival vergebener Preis für den besten Live-Act eines Newcomers (siehe zusätzlichen Bericht) für Aufhorchen, denn einen solchen Preis hat es schließlich noch nicht gegeben. Hauptsächlich waren die zahlreichen Besucher freilich wegen des regulären Musikprogrammes gekommen, das in über 70 Spielstätten weit mehr als 400 Shows bot, aus denen der geneigte Musikinteressierte dann eben auswählen musste.
Los ging das Musikprogramm offiziell mit dem Auftritt des in London lebenden Dänen Alex Vargas auf dem N-Joy Reeperbus. Die Reihe mit akustischen Teasern angesagter Festival-Acts und Newcomer hat sich als feste Größe auf dem Festival etabliert - zum einen, weil man seinen Stars hier so nahe kommen kann, wie sonst nirgends und zum anderen, weil hier vielleicht die eine oder andere Entscheidungshilfe zu einem abendlichen Konzertbesuch abzuholen ist. Vargas, der bereits im Alter von 17 Jahren einen Plattenvertrag bei Geffen Records einheimsen konnte, bevor er nun als Solo-Künstler reüssiert, überzeugte mit einem organischen Ansatz in der Manier vorangegangener Festival-Entdeckungen wie Ry X oder Hosier.

Gleich darauf präsentierte sich der in Berlin residierende Fil Bo Riva, der in seiner Vita aufgrund seiner multinationalen Wurzeln aber auch Dublin und Rom stehen hat, mit Songs von seiner gerade erschienenen EP - und empfahl sich mit seinem charakteristisch langgezogenen, sonoren Gesangsstil gleich als neue Songwriter-Hoffnung.

Es folgte dann ein Auftritt der Indie-Supergroup Oum Shatt aus Berlin, die ihren Stil ausnahmsweise ein Mal nicht auf Americana-Elementen basiert, sondern mit orientalischen, griechischen und türkischen Harmonien und Melodien hantiert. Durch das akustische Setting bekam die Sache noch einen zusätzlichen Reiz.

Nach der Eröffnungsveranstaltung des Anchor Awards ging es in der Sommerbar mit der Showcase-Reihe Hidden Talents weiter, bei der sich relativ junge Acts aus dem deutschen Raum präsentierten. Das aus Nina Müller und Laila Nysten bestehende Hamburger Duo Poems For Jamiro etwa überraschte mit einem ungewöhnlichen Ansatz, bei dem nämlich "ganz normale" englischsprachige Folkpop-Songs mit Loops, Elektronik (und ein wenig Geige) zu einem eigenständigen Mix verquickt wurden. Das um das Schwesternpaar Lena und Laura Kloos gruppierte Projekt Lunascope hat sich der Pflege des soliden Disco-Songs verschrieben. Das heißt: Es hätte dies, wenn alle Tracks im Stile der letzten zwei, drei Nummern aufgebaut gewesen wären. Leider bremsten sich die Damen durch allzuviele elegische Dramen-Momente dann wieder aus. Ein solches Problem hat June Coco nicht. Hier war es eher die ungebremste Fröhlichkeit, mit der die retromäßig aufgebrezelte Künstlerin ihren eh schon hyperaktiven Kook-Pop präsentierte, die dann ein wenig irritierte.

Zwischenzeitlich zeigten in der Molotow Sky Bar die Hidden Charms aus London, dass sie die Musik-Geschichte bestens studiert haben. Sei es Rock, Pop, Glitter, Blues - irgendwas davon ist immer Bestandteil der Songs, die live ohne Rücksicht auf das Equipment dargeboten wird. Man muss es der Band lassen: Für einen hervorragenden Groove sorgen sie fast durchgehend. Warum die Band allerdings noch ein Mitglied in ihren Reihen hat, das meist unhörbar kleinste Perkussions-Intrumente bedient, wenn man mal von der eigentlichen Hauptaufgabe des Zigaretten-Rauchens absieht, bleibt wohl ein Band-internes Geheimnis.

Nothing aus Philadelphia waren die nächsten auf der Sky Bar-Bühne und die Band konnte mit ihrem Hardcore-Punk nicht vollständig begeistern. Das lag vor allem an der offensichtlichen schlechte Laune des Sängers Dominic Palermo - wenn man schon nur Zeit für ein kurzes Set hat, warum lamentiert man dann ausgiebig herum und verweist auf angebliche Sound-Probleme?!? Es klang gut und es klang vor allem laut, ganz so, wie es die Band vermutlich haben wollte.

Im Docks spielte derweil Frances eines ihrer eher seltenen Konzerte mit Band. Die Dame mit dem schwer googlebaren Künstlernamen präsentiert ihre Songs nämlich normalerweise alleine am Piano sitzend. Musikalisch empfahl sich Frances als Alternative zu Adele, mit der sie nicht nur die Stimmlage, sondern auch die Art, melancholisch geprägte Powerballaden in Szene zu setzen, teilt.

Die Offenbarung des ersten Festivaltages fand dann allerdings in der traditionell unterbeleuchteten Prinzenbar statt. Es stellt sich ja schon irgendwie die Frage, wieso ausgerechnet zwei Mädels aus Berlin - Andreya Casablanca und Laura Lee Jenkins - angetreten waren, zusammen mit ihrer Band Gurr die beste Rock-Show des ganzen Festivals zu zelebrieren. Aber da gab es nix zu hinterfragen. Schon der erste Titel hieß gleich "Atemlos" und dann ging das eine Stunde mit Vollgas durch die Historie des Schrammelpop, Riot-Grrl-Punk, Garagenrock, Schepper-Beat und allem, was sich sonst nicht wehrte. Störende Virtuosität wurde dabei durch den unbedingten Willen, es allen mal so richtig zu zeigen und den enthusiastischen Körpereinsatz insbesondere Andreyas von Anfang an vermieden. Und dann gab es auch noch "Helter Skelter" von den Beatles als Dreingabe (obwohl die eigenen Tracks auch nicht von schlechten Eltern sind). Fazit: Wenn schon Rock'n'Roll ohne Gefangenen, dann aber bitte nur so.

Danach hatten Oum Shatt mit ihrem regulären Auftritt Mühe, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Einem dreißigminütigen ergebnislosen Soundcheck folgte ein eher sprödes Set, das sich durch klangliche Unstimmigkeiten auszeichnete - obwohl die Qualität des zugrunde liegenden Materials schon beeindruckend ist.

Am nächsten Tag ging es dann wieder mit einer Premiere weiter: Erstmals gab es einen Showcase mit weißrussischen Acts auf dem RF zu bestaunen, der vom Goethe-Institut angeleiert worden war und von Alan Bangs moderiert wurde. Auch hier gab es dann wieder eine beeindruckende musikalische Bandbreite zu entdecken. Die Band Super Besse präsentierte sich etwa als weißrussische Joy Division-Alternative (inklusive kinetischem Marsch-Schritt, Ian Curtis-Frisur und -Gesten). Später am Tag zeigte dann Natallia Kunitskaya mit ihrem Solo-Projekt Mustelide, dass man auch in Weißrussland verstanden hat, dass man mit den Mitteln der Elektronik und einem klangtechnisch durchaus avantgardistischen Ansatz, bei dem Field-Recordings und Samples die Beats und Klangflächen ergänzen, am Ende dann doch so etwas wie Popmusik fabrizieren kann. Kleine Anekdote am Rande: Alan Bangs berichtete davon, dass er soeben Nick Mason von Pink Floyd interviewt habe. Zumindest das klassische Musiker-Journalisten-Gefüge funktioniert also noch - wenn schon ansonsten alles den Bach runtergeht.

Das diesjährige Partnerland des RF waren die Niederlande. Einen Showcase-Tag der interessantesten Acts hatte man hierzu in mehreren Venues des Molotow-Komplexes angesetzt. Zum Glück hatte man die Frontscheibe des Clubs in diesem Jahr abgeklebt, was dem ersten Act, Rats On Rafts, sicherlich zu Gute kam. Ratten, die sich auf Flöße retten, sind ja schon ganz schön klug. Insofern wunderte es dann nicht, dass das Quartett aus Rotterdam mit einem cleveren Mix aus Punk und Post-Punk, Noiserock, Grunge und Shoegazing aufwartete. Die Band bot dabei ein ziemliches Spektrum: Während sich etwa Gitarrist Arnoud Verheul extatisch heiser brüllte, Frontmann David Fagan die Sache ziemlich cool anging, sich Drummer Bram Nigten förmlich überschlug outete sich Bassistin Natasha van Waardenburg als eher schüchtere Ice-Queen. Allen gemeinsam war dann, dass sie ihr zum Teil hyperkinetisches Tun ohne jede ironische Distanz und vollkommen ernsthaft betrieben. Leider waren die nicht am Showcase beteiligten niederländischen Acts über das ganze Festivalgelände verstreut.

Vielleicht hätte man hier dem Beispiel der Kanadier folgen sollen, die - wie gewohnt - ihre Showcases an zwei Tagen im Kukuun als Canadian Blast zusammenfassten. Hier spielte zunächst Joel Henderson, der sich lieber Poor Nameless Boy nennt. Joel ist ein Songwriter, der auf seinen Reisen amüsante und zu Herzen gehende Geschichten aufschnappt, die er dann zwischen seinen Songs zum Besten gibt. Leider gelingt es ihm nicht, diese dann auf gleicher Weise in seinen Texten zu verarbeiten, so dass seine Stücke am Ende eher überraschungsfrei als gediegene Folksongs daher kommen.

Auf dem Reeperbus gab es derweil eine Stippvisite von Malky - einer klassischen Reeperbahn-Entdeckung. Inzwischen ist man vom Indie-Duo zur voll orchestrierten Band aufgestiegen und freute sich hier sichtlich, mit einem kurzen Akustik-Set wieder zu den Wurzeln zurückkehren zu dürfen.

Das aus Katarzyna Kowalczyk und Łukasz Rozmysłowski polnische Duo Coals überzeugte musikalisch mit einem angenehm temperierten, melodisch ausformulierten E-Pop-Trip-Hop-Mix, der selbst in diesem reduzierten Setting und mitten am helllichten Tage eine Art magischer Stimmung entfachte.

Lilly Among Clouds reüssierte bereits vor zwei Jahren auf dem Reeperbahn Festival - und immer noch arbeitet die kleine Würzburgerin an ihrer ersten LP - die aber nun dann doch für Anfang nächsten Jahres avisiert ist. Lilly nutze indes die Gelegenheit, auf dem diesjährigen Reeperbahn Festival gleich mehrfach aufzuschlagen - unter anderem im legendären Plattenladen Michelles, wo sie ein Solo-Set mit geschlossenen Augen spielte.

In der etwas abseits gelegenen Gastwirtschaft Grüner Jäger spielte später am Abend Thayer Sarrano aus Athens, Georgia, eines ihrer seltenen Konzerte in unseren Breiten. Die Dame, der ihre Eltern den Mädchennamen ihrer Großmutter als Vornamen verpassten ließ es sich nicht nehmen, die Anlage des grünen Jäger mit ihrem abrasiven Grunge-Rock-Sound auf Probe zu stellen - auch wenn sie im Grunde genommen klassische Folkpop-Songs im Programm hat. Es kommt halt manchmal darauf an, wie man sein Material selbst betrachtet.

Schweißtreibend wurde es dann im Molotow Karatekeller bei Telegram aus London. Indie-Rock, Psychedelia und auch etwas Krautrock wurde hier dargeboten, auch eine Prise Glam durfte nicht fehlen. Das passte hervorragend zum kleinen, engen Kellerraum.

Im Docks spielte derweil die Französin Louane eines der letzten Konzerte ihrer höchst erfolgreichen Europa-Tournee. Da es nach 23 Uhr war, fehlte ihre Haupt-Zielgruppe - Kinder - natürlich - weswegen das Set vielleicht auch eine Spur lebhafter ausfiel als zuletzt gewohnt. Louane griff selbst zur Gitarre, spielte "Girls And Boys" von Blur als Cover, gab neue Songs auf Englisch zum Besten - vergriff sich aber auch an Justin Biebers "Sorry". (Ihre Kollegin Coeur De Pirate hatte interessanterweise mit einem ganz anderen Anspruch aus der gleichen Nummer auf ihrer Tournee noch eine sarkastische Parodie gemacht.)

Cover-Songs waren auch im Set von Abay zu finden - "Same Sane" von seiner ehemaligen Band Blackmail und Massive Attacks "Paradise Circus" (bekannt u.a. aus dem Soundtrack zu "Luther"). Trotz der relativ späten Stunde (es war nach Mitternacht) legten Abay und seine Kollegen (u.a. natürlich mit Jonas Pfetzing, sonst Gitarrist bei Juli) ein knackiges Set im Kaiserkeller hin, so dass die Ohren noch gut klingelten. Es war laut, druckvoll, gespickt mit tollen Melodien und einem gut gelauten Aydo Abay. Klasse!

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Surfempfehlung:
www.reeperbahnfestival.com
www.facebook.com/reeperbahnfestival
www.anchor-award.com
Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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