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Reeperbahn Festival 2016 - 2. Teil

Hamburg, Reeperbahn
23.09.2016/ 24.09.2016

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Reeperbahn Festival 2016
Der dritte Festivaltag begann im Kanadischen Haus im Kukuun mit einem Auftritt des RF-Veteranen Ben Caplan, der die schon zu diesem Zeitpunkt zahlreichen Zuschauer mit seinem - wie gewohnt manisch/inbrünstig vorgetragenen - Americana-Schrat-Weird-Folk-Pop schon richtig wachrüttelte. Der folgende Auftritt der Blues- und Soulpop-Künstlerin Erin Costello und ihrer mit zwei Harmoniesängerinnen erweiterten Band bildete hierzu einen interessanten Kontrast - auch deswegen, weil es in Kanada keine große musikalische Tradition für diese Art von Musik gibt und sie somit schon eine Ausnahmeerscheinung darstellt.
Kurzfristig ins Programm aufgenommen worden war noch ein Showcase von Izzy Bizu in der Sky Bar des Molotow. Dennoch platzte der Club aus allen Nähten, als die zierliche Frau mit der großen Stimme ein eher jazziges Akustik-Set als Einstimmung auf ihre abendliche Show im Mojo Club zum Besten gab. Izzy dürfte mit ihrem organisch geprägten Soulpop-Ansatz alle Türen zu einer großen Karriere offenstehen und es dürfte das letzte Mal gewesen sein, dass man der Künstlerin bei einem Konzert noch Nase an Nase gegenüber stehen konnte.

Das sieht bei der Kanadierin Christina Martin ein bisschen anders aus: Obwohl diese schon seit Jahren dabei ist und auch in diesem Jahr mit ihrer Band eine grandiose Rockshow hinlegte, kann man ihr immer noch Nase an Nase gegenüber stehen (wenn man klein genug ist), denn Christina hat den Kontakt zu ihren Fans stets gepflegt und tut dieses auch weiterhin. Neu im Canada House war hingegen die Pop-Songwriterin Ria Mae, die im Trio-Format eine höchst lebhafte Show hinlegte, bei der zwischen Rock und Pop so einiges möglich war. Seltsam nur, dass sie während ihres Auftrittes die ganze Zeit zu einem imaginären Punkt am Horizont blickte - so, als sei das Publikum gar nicht anwesend.

Die Indie-Legende James Johnston - seines Zeichens Frontmann von Gallon Drunk - hatte sich derweil für dieses Festival ein neues Alter-Ego als akustischer Songwriter mit Streicher-Ensemble zugelegt.

Nicht neu, aber ungewohnt war das akustische Setting hingegen für das kurzfristig für das Festival nachnominierte Kerntrio von The Slow Show - jener Band aus Manchester, deren Karriere vor zwei Jahren auf dem Reeperbahn Festival so richtig an Schwung aufnahm. Rob Goodwin, der Frontmann der Band, freute sich, die Songs des neuen Albums "Dream Baby" bei dem Auftritt am Reeperbus (und später in der Nacht im Imperial Theater) in ihrer pursten - akustischen - Form spielen zu können. Dass die Band es zu etwas gebracht hat, ließ sich daran erkennen, dass es bei ihrem Set am N-Joy Bus so voll war, dass die Kameraleute des Senders Schwierigkeiten hatten, noch an ihre Geräte zu gelangen.

Dafür hatte sich der Raclette-bedingte Ansturm beim Showcase der Schweizer Delegation in der Sommerliebe inzwischen gelegt. Hier spielte dann das ungewöhnliche Power-Trio Me And Marie auf. Zwei halbwahnsinnige elektrische Gitarristen und die singende Drummerin mit dem beeindruckenden Namen Maria de Val sorgten hier für eine recht originelle, halbschräge, aber immens unterhaltsame Rocknote.

Bei Michelle Records gab es dann noch eine außerplanmäßige Show der quirligen US-Songwriterin Hanna Leess, die außerhalb des eigentlichen Festival-Programmes anlässlich der Veröffentlichung ihrer Debüt-CD angesetzt worden war. Zuvor gab es noch eine Stippvisite ihres Labelkollegen Karl Blau, der mit seiner ganzen Band im Plattenladen einen Showcase als Teaser für seine Show am nächsten Tag im Imperial Theater spielte. Die westentaschengroße Hanna Leess überraschte mit einer Stimme, die so schmirgelig klingt, als habe sie den Bourbon schon mit der Muttermilch aufgesogen. Zusammen mit ihrer ausgezeichneten Band spielte sie ein beseeltes Set zwischen Blues, Rock und jazzigem Soul - aber mit einem dezidierten Swing-Touch. Das mag sich etwas übertrieben anhören, funktioniert aber aufgrund ihrer souveränen Art im Live-Kontext hervorragend.

Im Kukuun gab derweil Alejandra Ribera ein akustisches Gastspiel. Es gab ausgezeichnete, bluesige Folksongs, die von dem international besetzten Trio äußerst beseelt und emotional dargeboten wurden. Lediglich die etwas exaltierte Art Alejandras, die die Songs mit unnötig großen, dramatischen Gesten untermalte, irritierte ein wenig.

Die kleine Pooca Bar platzte aus allen Nähten, als The Courettes aus Dänemark versuchten, mit den Tücken der Technik klarzukommen - leider verweigerte zu Beginn des Konzerts einige Male das Mikrophon seine Dienste, aber selbst dieses kleine Problem konnte das Duo nicht stoppen. Gitarre, Schlagzeug und eine überzeugende Sängerin - so macht Garage, Rock und Punk Spaß.

Mitski hat momentan einen guten Lauf und so verwunderte es auch nicht, dass das Indra sehr gut besucht war, als sie mit ihren beiden Musikern (Schlagzeug und Gitarre mit einer beeindruckenden Anzahl an Effekt-Geräten) ihren melancholischen Indie-Rock-Pop präsentierte. Mitunter wirkte Mitski etwas unterkühlt bzw. man konnte die dargebotene Ernsthaftigkeit damit verwechseln - sie taute eher zwischen den Songs ein wenig auf, während des Vortrags wurde keine Miene verzogen. Alles in allem ein sehr solides Konzert.

Eines der krönenden Highlights des diesjährigen Line-Ups war dann zweifelsohne der fast zweistündige Gig der Anchor-Jurorin Anna Ternheim, der erst um 23 Uhr in der großen Freiheit angesetzt worden war, damit Anna zuvor noch das Konzert von Konni Kass im Imperial Theater hatte anschauen können. Obwohl Anna erst vor kurzem mit ihrer aktuellen CD in unseren Breiten auf Tour gewesen war, hatte sie es schon wieder geschafft, die Präsentation ihres Materials rundzuüberholen (wie das zwar zuverlässig, aber eigentlich nur von Veröffentlichung zu Veröffentlichung der Fall ist). Statt eines zweiten Gitarristen gab es dieses Mal einen Keyboarder, der mit seinen Synthie-Sounds und Samples insbesondere bei den rhythmischeren Tracks neue Akzente setzte. Ansonsten gefiel sich die Band darin, die Songs auf dramatische Art aufzubohren und mit entsprechenden Intros und Zwischenspielen anzureichern, während derer Anna dann Erklärungen zu ihren Songs ab gab. Das war sehr schön - wurde jedoch von einem relativ hohen Plapperfaktor des Publikums im hinteren Teil der Halle gestört.

Broncho aus Oklahoma sorgten dann im Molotow für einen furiosen Wall of Sound-Indie-Rock-Mix, vor allem angetrieben von einem vollkommen aufgeladenen Sänger und Gitarristen Ryan Lindsey, der einfach nicht stillstehen konnte. Wollen wir mal hoffen, dass es die Musik war, die ihn in diesen Zustand versetzte und nicht irgendwelche Hilfsmittel. Davon abgesehen war es genau das, was man an diesem Freitagabend noch brauchte - man konnte sich in dieses groovende Gitarren-Monster verlieren und wurde mit schönen Melodien verwöhnt.

Der Samstag begann zur Mittagszeit mit diversen Showcases von Labels, Konzertagenturen und Länderdelegationen, weswegen das normale Laufpublikum sich etwas gedulden musste, bevor mit Beginn des Musikprogrammes dann die Türen der betreffenden Clubs allgemein geöffnet wurden. Im Molotow Backyard eröffnete Karl Blau anstelle der zu spät angereisten Dilly Dally den Reigen solo mit seinem dritten Auftritt bei dem Festival. Seine Labelkollgin in spe, Lilly Among Clouds, war zu diesem Zeitpunkt bereits beim vierten ihrer insgesamt fünf Festivalauftritte angelangt. Dieses Mal spielte sie mit ihrer Band und weitestgehend mit geöffneten Augen - wohl auch deswegen, weil sie sich von der gelösten Partystimmung im Hof des Molotow anstecken ließ.

Bei dem N-Joy Bus gastierten dann zwei Acts, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen: Lina Maly überzeugte auch auf der Bühne mit einer Souveränität und Ernsthaftigkeit, die bereits anlässlich ihrer zurecht hochgelobten Debüt-CD für Aufhorchen gesorgt hatte. Jedenfalls gibt es momentan kaum eine andere deutschsprachige Songwriterin, die dermaßen überzeugend den Beweis erbringt, dass es auch hierzulande möglich ist, gute Popmusik im Songgewand zu präsentieren. Die zierliche Österreicherin, die sich Avec nennt, hat sich hingegen englischssprachiges Songwriting auf Indie-Rock-Basis zum Metier erkoren. Obwohl hier alles akustisch inszeniert wurde, fiel der "folkferne" Kern des Materials gleich ins Ohr.

Im Molotow Backyard ging dann die Party mit einem Auftritt der Soul-Rock-Band Rhonda weiter. Deren erdige Songs zwischen den genannten Extremen waren wie gemacht für ein solches Setting - nicht zuletzt, weil das wunderbare Spätsommerwetter für ein prall gefülltes Haus gesorgt hatte.

Beim Showcase der Finnen kam es dann zu einem denkwürdigen Auftritt von Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic Video VHS?. Wie zwischenzeitlich bekannt sein dürfte, ist das kein Songtitel, sondern der Name der Band um die quirlige Frontfrau Pippi Langstrumpf (jedenfalls sieht sie so aus). Die Band macht trashig/psychedelischen Garagenrock - bei dem die eigentlich übliche Gitarre durch eine effektbelastete Orgel ersetzt wird. Nicht, dass das der Live Show Drive, Verve oder Wahnsinn nähme…

Im Gegensatz dazu regelrecht stilvoll und glamourös ging es danach beim Debüt der jungen Londonerin Jones im Docks zu. Mit ausdrucksvollen Gesten und gehüllt in ein glitzerndes Lamé Kleid verbreitete Jones ein gewissermaßes edles Flair. Ihre Songs zwischen Soul, Pop und ein wenig Jazz passten aber auch dazu wie für ein solches Setting geschaffen. Lediglich die Idee, die etwas blasse Backing-Band ohne eigenen Bassisten auftreten zu lassen, stellte sich als unglücklich heraus. (Wie wichtig eine gut aufgestellte Band hingegen sein kann, zeigt sich hingegen im direkten Vergleich bei Izzi Bizu.)

Ein weiteres Debüt einer potentiellen Live-Ikone gab es anschließend im Nochtspeicher zu begutachten. Die in London lebende und arbeitende Amerikanerin Norma Jean Martine gefiel mit einem unerwartet rockig ausgerichteten Set, bei dem auch bluesige und soulige Töne nicht fehlen durften, das aber dank einer tighten Band eben auch viel Power rüberbrachte - sogar bei den Piano-Balladen. Zudem empfahl sich Norma als betont coole und souveräne Performerin. Insgesamt machte das mehr als neugierig auf das bei uns für Anfang nächsten Jahres avisierte Debütalbum "Only In My Mind".

Robin Proper-Sheppard aka Sophia durfte dann ganz alleine die St. Michaelis Kirche beschallen. Da er nur nur mit Akustik-Gitarre bewaffnet war, kamen die Zuhörer in den Genuss vieler alten Songs, die in diesem Rahmen natürlich noch einiges an Intensität gewannen - man denke nur an "If Only". Robin war sehr gut gelaunt und sehr redselig, was natürlich die Stimmung etwas auflockerte - so erfuhren wir mal wieder einige Dinge über seine vielen gescheiterten Verhältnisse, sowie über die nicht immer optimale Beziehung zu seiner Tochter (Themen, die sich natürlich dann in verschiedenen Songs textlich niederschlagen) oder auch über seine Zeit auf dem Reeperbahn Festival.

Die neue Südstaaten-Queen Alexandra Savoir, die einzig für ihren vielbejubelten Auftritt im Imperial Theater zu dem Festival angereist war, hat noch keine Scheibe in Aussicht. Wohl aber ein beeindruckend tragfähiges Sortiment von düster polternden Americana-Rocksongs mit einer Prise "Southern Noir", die sie ausgerechnet mit dem Arctic Monkey Alex Turner zusammengebastelt hat. Jede Faser des sorgsam durchstilisierten Auftrittes verströmte hier das Flair eines kommenden Stars. Durchaus möglich, dass Alexandra aufgrund ihres poppigen Appeals sogar den Durchbruch in den Mainstream gelingen könnte.

Danach gab es dann noch eine Show von Karl Blau und seiner Truppe, die das Publikum im Imperial Theater mit ihrem entspannten und leicht ironisch inszenierten Memphis-Soul unterhielten. Auch wenn dem geneigten Festivalbesucher dann doch langsam die Beine aus dem Hals zu kommen drohten, war dieses dann ein betont entspannter Abschluss des Festival-Programmes. (Jedenfalls für die Klientele, die sich nicht danach noch die Zeit bei den Club-Acts vertreiben wollte.)

Mit einer Besucherzahl von 38.000 Besuchern (und 4.000 Fachbesuchern) stellte das Festival wieder mal einen Besucherrekord auf. Mit Sicherheit wird das also im nächsten Jahr in dieser Art weiter gehen. Wer sich einen kleinen Überblick über die diesjährigen Highlights verschaffen möchte, der kann dies auf der Video-Seite des Festivals tun, auf der einige Live-Auftritte zusammengefasst sind.

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Surfempfehlung:
www.reeperbahnfestival.com
www.facebook.com/reeperbahnfestival
www.reeperbahnfestival.com/de/mediathek/video
Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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