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Mit Wein klingt es besser

Amanda Palmer

Köln, Die Kantine
03.11.2016

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Amanda Palmer
"Ein Abend mit Amanda Palmer" hatte es unverbindlich zur Ankündigung geheißen. Das bedeutete also, dass die Zuschauer in der ausverkauften Kantine gar nicht so genau wussten, worauf sie sich schließlich einließen, als Amanda Palmer zum ersten Mal nach der Babypause - und letztlich ohne aktuelle Scheibe mit eigenem Material - auf Tour ging. Denn dass sie mit ihrem Vater Jack auf Reisen gehen würde (mit dem zusammen sie zuletzt das Cover-Album "You Got Me Singing" aufgelegt hatte), war ja von vorneherein unwahrscheinlich. Des Rätsels Lösung war dann ganz einfach - denn erstmals gab es Amanda Palmer pur.
Nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Künstlerin, die nach dem vorläufigen Ende der Dresden Dolls zwar solo, aber eben nicht alleine unterwegs gewesen war, war dieses dann eine neue Erfahrung. Diese nutzte Amanda dann aber auch redlich, um in einer furiosen, deutlich über dreistündigen One-Woman-Show jeden Aspekt ihres Tuns und ihrer Person von allen Seiten zu beleuchten. Dabei gelang es ihr, persönliches und politisches miteinander zu vermengen, musikalische Höhepunkte en masse einzustreuen, das Publikum einerseits zu Tränen zu rühren und andererseits Lachsalven auszulösen und auch mit Gerüchten aufzuräumen und neue Projekte anzukündigen (ja, die Dresden Dolls haben soeben in den USA zwei Shows gespielt und werden vermutlich auch wieder zusammen auf Tour gehen und vielleicht auch eine neue Scheibe einspielen und Amanda trägt sich nach wie vor mit dem Gedanken ein Album auf Deutsch aufzunehmen).
Natürlich half es dabei, dass Amanda in ihrer alten temporären Wahlheimat Köln natürlich ein leichtes Spiel mit den Fans hat - aber auch performance-technisch hatte sie sich einiges einfallen lassen, so dass die Show - obwohl ja eigentlich gar nicht viel passierte - immens intensiv und kurzweilig geriet. Zunächst ein Mal foppte Amanda das Publikum, indem sie - nachdem die Bühne abgedunkelt worden war - auf der Bar im hinteren Teil der Halle auftauchte und den Heintje-Song "Ich bau dir ein Schloss" unplugged auf der Ukulele vortrug, wobei es ihr anschließend gleich gelang, das Publikum mitzureißen, das Radioheads "Creep" dann gleich als gewaltigen Chor intonierte. Danach begab sie sich zur Bühne, entschuldigte sich dafür, dass sie auf dem vorletzten Gig ihrer Tour keine Lust gehabt habe, sich ordentlich anzuziehen, erklärte, dass sie einen Apfel und zwei Gläser Wein als Wegzehrung dabei habe (weil mit Wein subjektiv alles besser klänge), zitierte ein wenig Satie und begab sich dann mit einer betont expressiven, überkandidelten Vaudeville-Version von "Missed Me" in die wunderliche Welt der Amanda Palmer. Dabei stellte sie dann fest, dass sie ihre Setlist vergessen habe. Während sie ihre Assistentin Whitney (die sie im Folgenden auch bei zwei Tracks sängerisch unterstützte) losschickte, diese zu holen, machte sie mit dem Publikum erst mal eine Wunschliste zur Überbrückung. "Meldet euch aber nur, wenn ihr sterben müsst, wenn ihr einen bestimmten Song nicht hören solltet", ermahnte sie das Publikum. Der Grund, warum das Ganze dann im Folgenden überhaupt geradezu epische Ausmaße annahm, war dann der, dass sich Amanda hier so ziemlich alles gönnte, was ihr in den Sinn kam - sich vor allen Dingen aber Zeit nahm, ausführlich und auf höchst persönliche und emotionale Art mit dem Publikum zu reden und dabei auch manche intime Details preisgab. So erzählte sie zum Beispiel von der berührenden Geschichte ihres besten Freundes Anthony, der an Krebs verstarb, kurz bevor ihr Sohn Ash geboren wurde. Anthony war ein Waffennarr, der nur den einen Satz "Ich glaube, wir haben ein paar Handschuhe, die ihnen gefallen könnten" auf Deutsch sprechen konnte und diesen als Partywitz verwendete. Ihm widmete sie nicht nur ihre Website, sondern posthum dann auch den Song "Machete". Es folgte Amandas Hass-Ode an den australischen Brotaufstrich "Vegemite" als Ersatz für ein mögliches Liebeslied für ihren Mann Neil Gaiman und schließlich "A Mothers Confession", ein ca. zehnminütiger Song (mit Fußnoten - nicht nur für die deutschen Fans), den Amanda - wie auch "Machete" - über Crowdfunding finanziert und über ihre Website zur Verfügung gestellt hat. Gleich mehrfach erklärte sich Amanda dann bezüglich ihrer Position als label-lose Indie-Künstlerin und erklärte auch die Möglichkeiten, die sich durch eine solche Position ergeben: Dass man nämlich als Künstlerin machen könne, was man wolle - zum Beispiel zehnminütige Songs aufnehmen oder eine ganze Scheibe - in dem Fall "Theatre Is Evil" - als Tour-Bonus-CD noch ein Mal als Piano-Solo-Version einzuspielen.

Weitere Highlights ergaben sich dann aus den Umständen. So hatte ein befreundeter Fotograf seine Ukulelen-Sammlung mitgebracht, die unter anderem eine elektrische Gibson-Ukulele enthielt. Hierauf spielte Amanda dann eine mitreißende Rock-Version von "Should I Stay Or Should I Go" von den Clash. Dazu holte sie sich eine aufdringliche Zuschauerin auf die Bühne, die vorgab, die im Original auf Spanisch vorgetragenen Textzeilen des Stückes vom Englischen ins Deutsche übersetzen zu können. Als ihr dieses nicht gelang, wurde sie von Amanda zur Strafe gezwungen, einen Crowdsurfing-Ausflug zu unternehmen. Auch schön war eine Coverversion von "Paperback Writer", die Amanda und Whitney zum Anlass eines Konzertes in der Bibliothek von Liverpool einstudiert hatten. Es gab dann später noch eine Coverversion (Brecht/Weill auf deutsch) - aber leider keine von David Bowie. Hier verwies Amanda dann auf ihre Website, auf der die EP "Strung Out In Heaven", die sie mit ihrem Partner in Crime, dem Streicher-Arrangeur Jherek Bischoff eingespielt hatte, als Download erhältlich ist. Zum Thema Brecht/Weill hatte Amanda noch einzuräumen, dass sie sich von diesem Gespann nach wie vor maßgeblich beeinflusst sähe. Als Beleg hierfür führte sie ihren Song "Berlin" an - der indes nicht von der Hauptstadt handelt, sondern von dem Bühnennamen, den sie sich in ihrer Zeit als Stripperin in Boston zugelegt hatte. Mehr noch: Brecht/Weills Weimar-Phase nahm sie als Metapher für die gegenwärtige politische Situation in den USA und versprach dem Publikum, dass - falls Trump gewählt werde - man sich zumindest damit trösten könne, dass es dann großartige Musik geben werde. Müßig zu erwähnen, dass Amanda das ganze Programm - bis zum abschließenden Dresden Dolls-Finale mit dem - unter eifriger Publikumsbeteiligung - ebenfalls episch ausgewalzten "Coin Operated Boy" und den anschließenden Ukulelen-Zugaben - durchgehend mit der gleichen, unglaublichen Intensität, theatralischen Power und komödiantischem Geschick präsentierte. Kurzum: Die Fans, die die weise Voraussicht gehabt hatten, sich rechtzeitig um ein Ticket zu bemühen, erlebten hier eine Vollbedienung durch ihr Idol - und zwar auf eine ungemein sympathische, nahbare, herzliche und persönliche Art und Weise, die man so offenherzig und selbstironisch selbst von vielen Indie-Kolleg(inn)en Amandas nicht ohne weiteres erwarten könnte.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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