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Geht's langsam?

The Slow Show
I Have A Tribe

Köln, Kulturkirche
16.11.2016

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The Slow Show
Natürlich hätte sowieso niemand erwartet, dass die Band mit den vielen zweiten Heimaten (von denen eine die Kölner Kulturkirche ist) mit einer Heavy Metal-Band als Support auf Tour gehen würde. Dass es aber dann stattdessen der Ire Patrick O'Laoghire - besser bekannt unter seinem nom de plume I Have A Tribe - sein sollte, war ein geschickter Schachzug, denn der Mann hat sich der unerträglichen Langsamkeit des Seins noch mehr verschrieben, als The Slow Show selbst, so dass deren Programm im Vergleich regelrecht flott in Erinnerung bleiben sollte.
Patrick - der von sich selbst sagt, er sei ein "unfertiger Mann" und damit seine songwriterische Neugierde legitimiert - machte zunächst mal klar, dass er kein Deutsch spreche und zehrte von diesem Umstand im folgenden für seine knapp gehaltenen Ansagen, in denen er zum Beispiel erläuterte, dass er als Ire sich bei unserem (zur Zeit regnerischen) Spätherbst-Wetter gleich zu Hause fühlen könne. Schon auf seiner Scheibe "Beneath A Yellow Moon" überraschte Patrick mit einem besonders entspannten Verhältnis zur musikalischen Zeitdehnung und machte deswegen seine Songs, die sich auf zum Teil rührend poetische Art mit Naturerscheinungen wie dem Mondschein oder dem Regen ("Monsoon") beschäftigen, zumindest mal zu episch wirkenden Angelegenheiten. Das verdeutlichte er bei seinem Solo-Auftritt in der Kulturkirche nochmals, als er alleine mit dem Piano, zwei Klangsettings (klassisch und Wurlitzer) und seiner eindringlichen, vibratolastigen Schmirgel-Stimme durch sein Material arbeitete, das sich in diesem Umfeld (ohne Folk-Elemente) als eine Art irischer Blues darstellte. Die schon auf dem Album seltenen Energieausbrüche ("Battle Hardened Pacifist") gingen hier fast unbemerkt im allgemeinen Flow unter. Das war nicht wirklich uninteressant, hätte aber auch in einer schmaleren Dosis als Grundlage und Einstimmung auf das Folgende genügt.
The Slow Show sind bei jeder sich bietenden Gelegenheit in der Domstadt zu Gast und natürlich zählt diese in diesem Zusammenhang auch zu einer zweiten Heimat für die Jungs um Rob Goodwin. Dass sich die Band sowieso eher als europäisches Konstrukt sieht, denn als typisch englisches, machte Goodwin auch noch mal deutlich, indem er sich auf die internationalen Bestandteile des Bandumfeldes bezog, als er den einzigen politischen Slow Show-Song namens "Lullaby" ankündigte, in dem Goodwin sein Bedauern zum Brexit kundtat. Ansonsten geht es bei The Slow Show - man weiß es mittlerweile - um die persönlichen Dämonen, die entweder Rob Goodwin oder jemanden aus seinem Umfeld plagen. So gab es z.B. das Instrumental "Brick", das das aktuelle Album "Dream Darling" beschließt - welches Keyboarder Fred Kindt für die Beerdigungsfeier seines Vaters schrieb, der der Band sehr nahe stand - als Intro zur Show; so erzählte Goodwin die Story hinter dem Song "Last Man Standing", in dem es darum geht, dass ein Mann bei der geplanten Heirat von der Braut versetzt wird und so wurde "Hurts", der Song, in dem die Geschichte eines Mannes gargelegt wird, der versucht, eine Prostituierte zu retten, der aber auch aus der Sicht der Prostituierten erzählt wird, zu einem emotionalen Höhepunkt des Sets.

Natürlich gab es auch die alten Gassenhauer wie den Single-Titel "Hopeless Town" oder "Dresden" - das laut Goodwin ja besonders gut zu einem Kirchen-Setting passte und zu dem Fred Kindt mit einer Art Heiligenschein illuminiert wurde, hauptsächlich aber wurden die Tracks des neuen Werkes gefeatured - wie z.B. "Dry My Bones", einem Song über das Gin-Trinken, wie Goodwin erläuterte. Überhaupt gab sich insbesondere Rob Goodwin alle Mühe, die Inhalte des Materials auf möglichst anschauliche Art zu vermitteln. Wie üblich, lief er dabei barfüßig umher, die obligate Kopfbedeckung tief ins Gesicht gezogen und die Augen meist konzentriert geschlossen - nur um hin und wieder dann doch bestimmte Personen im Publikum aufmerksam zu fixieren. Der heimliche Wunsch der Band - mit deutlich mehr Musikern auf Tour zu gehen, um dem orchestralen Charakter der Studioversionen besser gerecht werden zu können - konnte aus naheliegenden Budget-Gründen auch dieses Mal nicht verwirklicht werden. Immerhin rundete ein Trompeter das Klangbild ab. Alles andere - also Orchester, Chor und Streichinstrumente - emulierte Fred Kindt geschmackvoll mit seinem Keyboard (wobei er neben Piano- und Orgel-Klängen auch eine Art Mellotronsound und ein Cello-Sample verwendete). Rob Goodwin selbst griff dieses Mal weniger zur Gitarre als sonst - aber das spielt bei The Slow Show ja sowieso keine besonders große Rolle, da die Band über den Band-Sound sowieso am besten funktioniert.

Da sich Slow Show-Shows logischerweise nur graduell unterscheiden, darf vielleicht noch darauf hingewiesen werden, dass diese nun besonders unterhaltsam geraten war - weil es nämlich der Band gelang, die Songs in einem gefälligen Rahmen zu halten und nicht etwa - was bei dieser Art von Musik ja eigentlich auf der Hand liegen würde - ins lamentöse Gedaddel zu verfallen. Dabei gelang es ihnen aber dennoch, die Gunst der Stunde zu nutzen wussten und spielten z.B. den offiziellen Abschluss-Song "Ordinary Lives" doppelt so schnell wie auf der Scheibe und sich gar dazu hinreißen ließen - durch das begeisterte Publikum motiviert - nochmals für ein furioses Finale in den Song einzusteigen, als der eigentlich schon fertig war. Es folgte dann noch ein Zugabenblock mit dem Best-Of des "White Water"-Albums. Kurzum: Das war dann - wieder mal - eine ziemlich perfekte Slow Show-Show. Schon alleine der Umstand, dass man sich als Zuschauer wieder und wieder in das Wirken der Band hineindenken kann - obwohl sich alles in einem eng abgesteckten ästhetischen Bereich abspielt - zeigt von der Empathie und der Intensität, den die Jungs aus Manchester zu vermitteln wissen.

Nutzloses Wissen für Fans: Die Tour-Ausweise der Musiker trugen - wie die T-Shirts, die beim Merch feil geboten wurden - die Aufschrift "I'm A Mess, I'm A Mess".

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Surfempfehlung:
www.theslowshow.co.uk
www.facebook.com/theslowshow
www.facebook.com/IHaveATribe
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über The Slow Show:
Interview
Tonträger

Mehr über I Have A Tribe:
Tonträger

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