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Konzert-Bericht
 
Stoner-Rock

Ryley Walker
Itasca

Berlin, Kantine am Berghain/ Köln, 672
02.12.2016/ 08.12.2016

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Ryley Walker
Es war alles ein wenig komplizierter auf der von Gaesteliste.de präsentierten Tour von Ryley Walker - denn nachdem zunächst nur einzelne Termine gebucht worden waren, entwickelte sich die Sache zu einer ausgewachsenen Europa-Tournee - inklusive Abstecher nach Tel Aviv - wobei Ryley & Band gleich im Anschluss in den USA weitermachen würden. Das Ganze wurde dann am Ende so unübersichtlich, dass Label-Kollegin Kayla Cohen (alias Itasca), die als Support-Act für die Tour eingeladen worden war, die Heimreise schon gebucht hatte, als noch Tourdates angesetzt wurden.
Sei es drum: In Berlin war Kayla noch dabei. Itasca ist ein See in Minnesota, der eine der Quellen des Mississippi ausmacht. Nach diesem See hat Kayla ihr Projekt benannt hat - um damit zu verdeutlichen, dass sie sich nicht einfach als Folksängerin sieht - was nahe gelegen hätte, wenn sie solo unter eigenem Namen mit einer akustischen Gitarre aufträte. Das ist deswegen interessant zu wissen, weil Kayla Cohen sich nämlich tatsächlich keineswegs als konventionelle Folksängerin präsentiert. Ihre mystisch spirituellen Lyrics, die sich gerne mit Metaphern aus der Natur schmücken, erscheinen nämlich im Kontext zu ihrem virtuos-grazilen Gitarrenspiel wie - zwar notwendiges - Beiwerk, das im Sinne eines kontinuierlichen Flows ihrer Performance als verbindendes Element zu den stark improvisierten Passagen ihres Materials gesehen werden kann. Letztlich ist die Performance Itascas als Einheit zu sehen - was zum Beispiel auch daran erkenntlich ist, dass Kayla es darauf anlegt, zwischen den Stücken keine allzu großen Pausen entstehen zu lassen, damit diese nicht durch Applaus auseinander gerissen werden. Da sie aber mit mehr als ungewöhnlichen Akkordfolgen und Harmonien arbeitet, die ein ständiges Umstimmen ihrer Gitarre erfordern, klappte das nicht so ganz - was aber andererseits auch gar nichts ausmachte, da das Publikum von Ryley Walker durchaus aufnahmefähig für diese Art von Ansatz ist (wie sich im folgenden dann auch deutlich zeigen sollte). Zuweilen schaffte es Kayla sogar, ihre Gitarre während des Spielens nachzustimmen. "Das gehörte aber nicht zu dem Song", entschuldigte sie sich nachher unnötigerweise, "das habe ich nur für heute Abend gemacht." Das Faszinierende an Kaylas Performance ist dabei, dass sie dergestalt investigativ, wagemutig, aber auch mit spielerischer Leichtigkeit zur Sache geht, dass die Songs niemals langweilig werden - obwohl sie zum Teil bewusst linear aufgebaut sind.

Auf ihrer aktuellen CD "Open To Chance" spielte Kayla erstmals mit einer Band zusammen. Das scheint aber gar nicht mal ihr Ding zu sein, da ihr Vortrag dergestalt komplex ist, dass eine Band hier eher vielleicht sogar störend wirkte. Wenn Itasca dann ein Mal zu Melodien findet - wie z.B. bei ihren Songs "Buddy" oder "Angel", dann drehen auch diese in Richtungen ab, die weit entfernt vom gängigen Folkpop-Klischee angesiedelt sind. Kurzum: Jedermann, der sich auch nur ansatzweise für die Laurel Canyon-Variante der akustischen, hippiesken Folkmusik interessiert, ist bei Kayla Cohen an der richtigen Stelle. Vermutlich wird es im nächsten Jahr noch eine Solo-Tour Kaylas geben, nach der Interessierte durchaus Ausschau halten sollten.

Nach dem Auftritt von Itasca war erst mal Schluss mit lustig. Denn als schließlich Ryley Walker mit seinen Musikern auf die Bühne stolperte, wurde sehr schnell klar, um was es im Folgenden gehen sollte. "Man, wir sind ganz schön stoned", begrüßte Ryley die Fans in der ausverkauften und bis auf den letzten Platz gefüllten Kantine am Berghain, "und wir haben jede Menge Bock mit euch zu jammen." Das war dann auch kein leeres Versprechen: Anstatt sich nämlich auch nur ansatzweise darum zu kümmern, die feinfühlige Reichhaltigkeit der Kompositionen insbesondere seines letzten Albums "Golden Sings That Have Been Sung" (das es ja immerhin zu präsentieren galt) auf der Bühne irgendwie in geeigneter Form zu emulieren, wurde - nun ja - eben drauflosgejammt. Und zwar mit Schmackes: Nur im Mittelteil der Show griff Walker zu seiner 12-saitigen akustischen Gitarre - ansonsten gab es die volle Rockdröhnung (von der er sich doch eigentlich mit seinem Album "Primrose Green" bereits verabschiedet hatte). Nun ist das ja so, dass Jam-Sessions von der Inspiration leben. Diese schien - zumindest bei dieser Show - aber doch ein wenig im Nebel verlustig gegangen zu sein. Im wesentlichen hörte sich das, was folgte, nämlich an wie eine Sammlung von viertelstündigen Intros, die - für gewöhnlich in Form sich tosend aufbäumender Rockdrones, die tatsächlich Walkers Verehrung für den Krautrock mehr als deutlich zum Ausdruck brachten - nur gelegentlich von Stücken mit Vokal-Partien wie z.B. "Sullen Mind" oder "The Great And Undecided" unterbrochen wurden.

Nun war das aber so, dass Walker & Co. nicht nur stoned waren, sondern obendrein auch mit einer halbvollen Flasche Makers Mark (einem besonders süffigen Bourbon-Whiskey) hantierten. "Das gehört zur Show", bemühte sich Walker zu attestieren, als er die Flasche herumgehen ließ. Das war aber schwer zu glauben, mag aber den taumelnden Autopiloten-Ansatz erklären, mit dem sich insbesondere Walker durch sein Material lavierte. Was allerdings einen wahren Meister seines Fachs auszeichnet, ist der Umstand, dass Walker selbst in diesem vernebelten Zustand noch virtuose Licks en Masse aus dem Ärmel schüttelte und durchaus auch die komplexe Struktur seines Materials blind im Griff hatte. Unterstützt von seiner brillanten Band (die offensichtlich einen immensen Spaß an ihrem Tun hatte), ging hier tatsächlich nichts wirklich schief. Nur musste jeder inspirierte Moment mit einer gefühlten Ewigkeit an zielloser Daddelei erkauft werden. So richtig psychedelisch wurde die Sache allerdings nie - da (wie gesagt) der Krautrockdrone-Faktor im Vordergrund stand. Sympathisch war dann allerdings der Umstand, dass Walker bei all dem sich selbst auf die Schippe nahm - und sogar seine Songs erklärte. "Wer war denn schon mal in Chicago?", fragte er ins Rund, "kennt ihr einen Club namens Rainbow? Da gibt es diese bemerkenswerte Toilette mit nur einem Sitz, auf der ich viel Zeit verbracht habe. Und dort hatte ich die Erleuchtung, die zu dem Song 'The Halfwit In Me' führte." An anderer Stelle stellte er seine Band vor - und als dann ein Witzbold aus dem Publikum fragte: "Und du bist...?" - antwortete er "Ähhhh... selbstbewusst?" Das war dann zwar auch wieder irgendwie selbstironisch gemeint - trifft aber in einem besonderen Aspekt auch zu, denn zwischenzeitlich hat Ryley Walker zu einem ganz eigenen, eben selbstbewussten Stil gefunden, der die dauernden Vergleiche mit den Buckleys und den John Martyns dieser Welt eigentlich überflüssig macht (zumindest, was die Studio-Versionen betrifft). Kayla Cohen hat eine ganz charmante Art, das zu beschreiben: "Die Musik scheint nicht immer zusammenzupassen - aber am Ende kommt etwas ganz Eigenes dabei heraus." Deswegen ist Walker auch wählerisch, wenn es um Inspirationsquellen geht. Als jemand im Publikum nach einem Cover einer Harvey Mandel-Nummer fragte (immerhin hat der legendäre Canned Heat-Gitarrist gerade Walkers Band für die Produktion seiner aktuellen LP "Snake Pit" ausgeborgt), entschuldigte sich Walker dafür, dass man diesbezüglich nichts einstudiert habe. Auch mit einer Coverversion von Leonard Cohens "Hallelujah" könne er nicht dienen (dabei hatte nur jemand "Hallelujah" gerufen, als Walker versehentlich einen Gospel-Effekt auf die Gitarre legte) - aber dafür wolle er ein Stück von Van Morrison spielen. Dabei legte er sich dann dergestalt ins Zeug, dass er Morrisons "Fair Play" dann nicht einfach nur spielte, sondern - inklusive gutturalen Morrison-Geraunzes - sogar irgendwie verkörperte. "Fair Play" gehörte dann auch zu den wenigen bluesigen Nummern der Show, bei denen Walker dann auch mal seinem Gitarristen Brian Sulpizio ein Solo überließ (der ansonsten eigentlich - wie Walker selbst auch - die Riffs und Glissandis eher lautmalerisch umspielte).

Kurzum: Wer Ryley Walker zuvor vielleicht schon mal auf einer seiner Solo-Tourneen als feinsinniger, akustischer Virtuose erlebt hat, der sei vorgewarnt: Die Ryley Walker Band-Tour ist ein ganz anderes Biest - und zwar ein ziemlich ruppiges, unerbittliches und lautes. Und auch ein dunkles Biest - denn ein erkennbares Beleuchtungskonzept schien es für den unkonventionellen Bühnenaufbau, bei dem sich Walker auf der rechten Seite der Bühne in den Schatten herumdrückte, nicht gegeben zu haben.

In Köln ging Ryleys Deutschlandtournee dann mit einem restlos ausverkauften Konzert im kleinen Club unter dem Stadtgarten zu Ende. Das Gastspiel in Berlin lag zwar noch nicht einmal eine Woche zurück, trotzdem gab es in der in seiner erklärten Lieblingsstadt ("Denkt doch nur an all die tollen Bands, die von hier stammen! Außerdem kann man hier gut Party machen!", rief er dem Publikum gut gelaunt zu) einen Auftritt unter gänzlich anderen Vorzeichen. Weil die Show in der Domstadt erst sehr spät bestätigt worden war, war leider Itasca an diesem Abend nicht mehr dabei (dankenswerterweise wurde sie nicht durch einen minderwertigen Act ersetzt - auf einen Support wurde komplett verzichtet), doch wesentlich schwerer wog, dass auch Ryleys Drummer wegen anderer Verpflichtungen in Köln fehlte.

Das Programm war zwar - ähnlich wie eine Woche zuvor - stark konzentriert auf die Songs aus "Golden Sings That Have Been Sung", aber von dem Stoner-Rock-Vibe, den Kollege Maurer in Berlin ausgemacht hatte, war nun nichts mehr zu spüren. Ein Hauch von Psychedelik umwehte die Lieder zwar auch in Köln, aber ansonsten erinnerte vieles an Mark Kozeleks Werke mit den Red House Painters und Sun Kil Moon. Mit zwei Stromgitarren, Keyboards und Kontrabass arbeiteten die vier Musiker an diesem Abend vor allem die Folk-Jazz-Anwandlungen der Songs deutlicher heraus - ganz besonders bei einem feinen Tim Hardin-Cover. "Es ist nur 'If I Were A Carpenter', kein 'Deep Cut'", erklärte Ryley fast entschuldigend. "'Black Sheep Boy' lernen wir fürs nächste Mal."

Statt ordentlich Wumms stand also das am Ende der Tournee natürlich perfekt abgestimmte Zusammenspiel der Musiker im Vordergrund. Dabei fiel - je nach Sichtweise positiv oder negativ - auf, wie sehr Ryley inzwischen im Bandgefüge aufgeht. Bisweilen stimmte er während der Songs in Seelenruhe seine Gitarre, während seine drei Mitstreiter die gleich mehrfach jenseits der Zehn-Minuten-Marke landenden Lieder nach vorn puschten, oder kniete minutenlang vor seinem Verstärker, während seine Band, hier und da ein bisschen zu gleichförmig, ellenlange Intros improvisierte: "Der Anfang war, glaube ich, ein Stück von Ash Ra Tempel", kommentierte Ryley lakonisch die zehnminütige Instrumental-Einleitung seiner Kollegen zu "Sullen Mind". Die Konzentration auf die Kollaboration sorgte für ein musikalisch oft beeindruckendes Konzert, allerdings hatte Ryleys atemberaubende Soloshow vor zwei Jahren im King Georg, nicht nur wegen der fehlenden Begleiter, seine Talente als Musiker deutlich stärker in den Mittelpunkt gerückt.

Damals wie heute gleich war dagegen, dass seine Ansagen herrlich überdreht waren. Ob er nun von den bahnbrechenden Bands aus Köln wie Can oder Cluster schwärmte, das lokale Brauereierzeugnis mit seinem Lieblingsbier verglich ("Gilden Kölsch ist nicht so gut wie Bitburger, da kommt halt nichts ran!"), von seinem Epiphanien berichtete ("Manchmal sehe ich beim Gitarrestimmen das Gesicht Gottes - nee Blödsinn, ich will nur Zeit totschlagen, bis ich fertig gestimmt habe!") oder ankündigte, dass der Abend mit dem Ende des Konzerts noch lange nicht vorbei sein werde ("Wir haben morgen frei und ich möchte beim Aufwachen so einen richtig fiesen Kater haben!") - der Schalk saß ihm jedes Mal im Nacken, wenn er sich an die Zuschauer wendete. Das Publikum erklatschte sich dann noch eine Zugabe ("Summer Dress") und durfte sich am Ende nicht nur über dieses feine Konzert freuen: Im Frühsommer 2017 kommt Ryley nämlich schon wieder zurück nach Deutschland, und eine neue LP ist dem Vernehmen nach auch bereits in Arbeit.

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Surfempfehlung:
ryleywalker.com
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Text: -Ullrich Maurer (B) / Carsten Wohlfeld (K)-
Foto: -Ullrich Maurer-

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