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Verbrennt die Celli!

Tim Kasher

Köln, Weltempfänger
14.03.2017

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Tim Kasher
Tim Kasher ist der Prototyp des umtriebigen Indie-Auteurs. Immerhin gehört er zur Kernmannschaft des Saddle Creek-Clans, war immer mal wieder Ehrenmitglied von Bright Eyes, ist Gründer und Frontmann der Bandprojekte Cursive und The Good Life, seit 2010 auch als Solo-Künstler tätig und zudem immer parat, wenn ihn befreundete Acts wie Rilo Kiley oder Son Ambulance mal zum Mitmachen einladen. Eher erstaunlich, dass so jemand erstens den Überblick behält, sortiert und ausgeglichen daher kommt wie selten jemand in diesem hektischen Business und zweitens auch noch die Zeit findet, durch kleine und kleinste Clubs wie den Kölner Weltempfänger zu tingeln. Kein Wunder also, dass die Kneipe in Köln Ehrenfeld am Ende - und ohne erkennbare Promotion für die Show - immerhin so gut gefüllt war, dass die ansonsten vorhandenen Tische und Stühle beiseite geräumt wurden, damit mehr Platz vor der kleinen Bühne vorhanden war.
Kasher war mit der Cellistin Megan Siebe angetreten, insbesondere die Songs seines neuen, brillanten Solo-Albums "No Resolution" (das nominell zugleich der Soundtrack zu seinem ersten, gleichnamigen Spielfilm ist) vorzutragen - und so einiges mehr aus seiner mittlerweile über 20-jährigen Laufbahn. Die Kollegen von Pitchfork "lobten" Kasher dereinst als die "schlechteste der großartigen Indie-Stimmen" unserer Tage - und spielten damit auf die unpolierte Art an, mit der er - ohne Wert auf tongenauen Schönklang zu legen - auf seinen Veröffentlichungen die Lyrics mit sendungsbewusster Inbrunst zum Vortrag bringt. Seltsamerweise geht er im reduzierten, akustischen Setting im Vergleich weit gelassener zur Sache. Nicht, weil er sich etwa zurücknähme, was die Intensität betrifft, sondern weil er weit weniger angestrengt zu Werke geht - wohl mit der Gewissheit gesegnet, dass bereits auf den Tonträgern bewiesen hat, dass seine Songs funktionieren. Bei der Show im Weltempfänger erwies sich Kasher als bemerkenswert vielseitiger Gitarrist und Songwriter, der vom musikalischen Liebesbrief bis zur hyperaktiven Schrammel-Prog-Hymne so ziemlich alles drauf hat. "Das ist schon noch Punk, was du machst, oder?", rief ein Fan aus dem Publikum, als die Pferde mit Kasher und seiner Partnerin bei der Quasi-Rock-Nummer "Cold Love" sozusagen mit ihnen durchgingen. "Ja, auf jeden Fall", bestätigte Tim, "ich habe mich nur gerade gefragt, ob es noch Punk gewesen wäre, wenn ich das Stück angehalten hätte, um die verzerrte Gitarre neu einzustellen - oder ob es punkiger war, einfach weiterzuspielen. Obwohl das ist ja eigentlich schon zu professionell für Punk." Der Witz hatte einen ernsthaften Hintergrund: Tims Gitarre war auf der Tour verlorengegangen und das Ersatz-Instrument war beim Soundcheck nicht optimal eingestellt worden. "Verbrennt ihr denn am Ende der Show auch das Cello?", fragte der Punk-Freund nach. "Klar - wir haben einen Anhänger mit Celli dabei", meinte Kasher, "und werden ein Cello zur Halbzeit und eines am Ende der Show verbrennen."
Das wäre schade gewesen, denn die Beiträge von Megan Siebe machten den Unterschied zwischen "akzeptabler Akustik-Showcase" und "brillanter Solo-Show" aus. Nicht unbedingt, dass Megan hierbei mit ihren Parts die vielschichtigen Streicher-Arrangements etwa des aktuellen Albums zu emulieren suchte - aber sie empfahl sich als kongeniale Ergänzung in Sachen Songstruktur, die jederzeit in der Lage war, dem Material ihres Meisters auf empathische Weise zu folgen und dieses nicht nur zu akzentuieren, sondern wesentlich ergänzte. Thematisch streiften Tim und Megan durch das ganze Kasher Oeuvre. Neben den neuen Tracks wie "Runts", "No Secret" oder "Holding Out", gab es Rückgriffe auf Cursive-Material - z.B. der "unheimliche" Track "Into The Fold" und als spontaner Publikumswunsch "Sierra" von "Happy Organ", den Good Life Titel "Night & Day" (zu dem er Megan eine Melodica in die Hand gedrückt hatte, die diese angeblich noch nie vorher gespielt hatte) und die Solo-Alben - neben "Cold Love" gab es z.B. "No Fireworks" oder als Zugabe "Truly Freaking Out" von "Adult Film". "Das Album habe ich 2013 herausgebracht", erklärte Tim, "und als ich das Stück 2012 schrieb, war Präsident Obama an der Regierung. Wenn ich mir das heute so anhöre, dann frage ich mich, weswegen ich damals eigentlich ausgeflippt bin. Heute passt das Stück jedenfalls viel besser." Das war dann aber auch der einzige politische Vermerk, den sich Kasher an diesem Abend gönnte. Nicht übrigens, dass so etwas überhaupt nötig gewesen wäre, denn es zeigte sich, dass sein Material tatsächlich mit weniger auskommt, als seine zuweilen elaborierten Konserven-Arrangements vermuten lassen. Das Ergebnis war jedenfalls ein makelloser Akustik-Abend, bei dem sich tatsächlich nichts wiederholte, nichts vorhersehbar war und dennoch alles seinen Platz hatte und gefiel - und der deswegen gerne auch noch länger hätte weitergehen können. Und das kann man ja nun wirklich nicht von allen Solo-Akustik-Auftritten sagen.

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Surfempfehlung:
www.facebook.com/TimKasher
www.timkasher.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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