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Warten auf die Aliens

Emmy The Great
Chloe Charles

Köln, Die Wohngemeinschaft
24.03.2017

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Emmy The Great
"Das ist das erste Mal seit fünf Jahren, dass ich solo spiele", meinte Chloe Charles fast entschuldigend bei ihrem Auftritt in der Kölner Wohngemeinschaft (wo sie langsam zur Gewohnheitstäterin wird). Dabei gab es rein gar nichts zu entschuldigen. Wo weniger elegante Kolleg(inn)en akustische Solo-Auftritte als preiswerte Variante der Verkaufsunterstützung ansehen und lediglich mit entkernten Versionen der Studio-Aufnahmen aufwarten, nutzte Chloe Charles die Gelegenheit, ihr Songmaterial mit einer vollkommen anderen Dynamik als von den letzten Live-Auftritten gewohnt zu präsentieren und dieses - mehr noch - auch entsprechend strukturell aufzubohren und umzuarrangieren.
Dabei lehnte sie sich vergleichsweise weit aus dem Fenster und veränderte die musikalische Perspektive erheblich. So verbog sie z.B. ihre ansonsten romantische musikalische Liebeserklärung "Soon On A Snowflake" in eher jazziger Richtung, trug ihren Trennungs-Ode "Run Your Course" mit einer bislang nie dagewesenen Intensität vor oder nahm der Identitätskrisen-Analyse "Business" die zuvor des öfter aufgezwungen wirkende Fröhlichkeit, indem sie darauf verzichtete, das Publikum zum Mitlachen aufzufordern. Es gab auch einen neuen Song namens "Beautifully Cruel" mit einer Art Blues-Thematik, den sie hier erstmals aufführte. Dass sich Chloe Charles in diesem Setting offensichtlich pudelwohl fühlte, bestätigte sie nach der Show, indem sie einräumte, dass die Solo-Shows für sie tatsächlich zuweilen emotionaler seien, als die Auftritte mit Band oder anderen Musikern. So etwas überträgt sich natürlich auch auf das Publikum - auch wenn Chloe vielleicht eine Spur ernsthafter und konzentrierter (aber eben auch intensiver) zu Werke ging, als man das vielleicht ansonsten von ihr gewohnt ist. Was will man von einem Solo-Auftritt dann eigentlich noch mehr erwarten?
Mit allzu großer Ernsthaftigkeit belastete Emma-Lee Moss, die sich wohl nicht ohne Grund selbstironisch Emmy The Great nennt, das Publikum im Folgenden allenfalls noch auf musikalischer Basis. "Ich habe neulich festgestellt, dass ich asiatisch bin", erklärte die in Hongkong geborene Tochter eines englischen Vaters und einer chinesischen Mutter, "als Kind habe ich das immer verleugnet, weil ich an der Schule neue Freunde gewinnen wollte. Dann ist mir allerdings etwas schreckliches passiert: Ich wurde nämlich 30 und da wurde mir dann bewusst, dass ich meine asiatische Herkunft bislang mir gegenüber irgendwie verdrängt habe. Irgendwann habe ich aber festgestellt, dass meine Texte auf chinesisch genauso gut funktionieren wie auf englisch, so dass ich jetzt beide Sprachen benutze." So die - nicht ganz ernst gemeinte - Selbstdarstellung Emmys, die in letzter Konsequenz dazu führte, dass sie nicht nur kantonesische Zeilen in ihre eigenen Lyrics einstreute, sondern auch dazu, dass sie eingangs "Dreams" von den Cranberries ebenfalls auf kantonesisch intonierte.

Als Performerin überraschte Emmy mit einen ziemlich geradlinigen Ansatz, indem sie nämlich die meisten der Tracks auf einer elektrischen Gitarre vortrug - anders als z.B. auf ihrer letzten LP "Second Love", auf der poppige Elektronik das Klangbild dominiert. Warum sie allerdings auf eine E-Gitarre zurückgriff, wurde nicht ganz klar, denn hätte sie auf einer akustischen gespielt, hätte es erstens weniger gerauscht und zweitens wäre der Antifolk-Charakter ihrer immens wortreichen, aber vor allen Dingen wunderschön und amüsant formulierten Lyrics noch deutlicher zum Vorschein gekommen. Zwischen den Songs radebrach Emmy ohne Punkt und Komma durch ein Wirrwarr deutscher Wortfetzen, englischer Wortschwälle und eben kantonesischer Bruchstücke und fabulierte über nicht aufzufindende Setlisten, Gummibärchen, Hongkonger Spezifika, die Gefahren und Segnungen des Internet, Spotify-Playlisten und gekaperte Browser-Verläufe. "Euch ist schon klar, dass jeder eure YouTube-Playlisten sehen kann und dass alle möglichen Regierungen es ermöglichen wollen, dass man eure Browser-Verläufe kaufen kann, oder?", fragte sie zu einem geeigneten Zeitpunkt das erstaunte Publikum, "ich hoffe, dass die Aliens uns bald abholen kommen." Unter Umständen erklärte sie dann auch die Geschichten hinter ihren Songs. "Was heißt eigentlich 'Algorithm' auf Deutsch?", fragte sie etwa - und als dann die Antwort kam, ergänzte sie noch: "Ihr seid richtig gut. Meine Mutter hat sechs Monate gebraucht, um herauszufinden, was das auf chinesisch heißt." Und dann war da ja noch Werner Herzog: "Kennt ihr eigentlich die Geschichte von Werner Herzog, der eines Tages auf dem Mullholland Drive unterwegs war und dann einen Unfall beobachtete und half, Joaquin Phoenix aus einem brennenden Fahrzeug zu retten?", fragte die das - jetzt doch langsam beunruhigte - Publikum. Dabei war das gar nicht böse gemeint - es war nur die Geschichte, die auf ihren Song "Phoenixes" einstimmen sollte, in dem sie ein Portrait der schauspielernden Phoenix-Geschwister darbot.

Da sie ihre Setlist ja sowieso nicht finden konnte, bat sie schließlich das Publikum um Song-Wünsche. Das zunächst gewünschte "Trellick Tower" wurde in den Zugabenblock verschoben (weil sie das ja nicht sicher spielen könne - was sich aber im Folgenden als Quatsch herausstellte) und zu "M.I.A." gab es dann eine abenteuerliche Geschichte über eine Geburtstagsparty, zu der Emmy die Sängerin MIA eingeladen habe, die aber natürlich nicht gekommen sei, was aber nichts mache, da die Vorfreude so groß gewesen sei, dass es sich angefühlt habe, als sei sie erschienen. Das alles bedeutete - wie angedeutet - keinesfalls, dass das Ganze auch musikalisch ins Komische gezogen wurde. Ganz im Gegenteil - das konzentrierte Solo-Setting führte unweigerlich dazu, das sich des Zuhörers Ohrenmerk stärker auf die Lyrics Emmys richtete. Songs wie "Paper Forest" oder "Social Halo" gewannen so durchaus an Charme, Nachdruck und Tiefe - auch trotz oder vielleicht sogar wegen des fehlenden arrangementstechnischen Brimboriums. Es ist nur halt so, dass Emmy The Great als Performerin eine unwiderstehliche und mitreißende Dynamik entwickelt, die sich zuweilen ein wenig verselbständigt, die aber andererseits vollkommen glaubwürdig und natürlich als Teil der Bühnenpersona rüberkommt. Letztlich sorgte das alles dann - auch und vor allem in Kombination mit Chloe Charles - für einen rundum gelungenen Konzertabend.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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