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Elektrisierend!

Ryley Walker

Venlo, Sounds
22.04.2017

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Ryley Walker
Auch wenn Ryley Walker nicht gleich zweimal hintereinander in den Mitarbeiter-Jahrescharts des Sounds-Plattenladens in Venlo ganz vorne gelandet wäre - ein passenderer Live-Act für den Record Store Day wäre dennoch schwer vorstellbar. Schließlich ist der Chicagoer Troubadour nicht nur ein begnadeter Musiker, der alte Folk- und Psychedelic-Traditionen auf ganz eigene Art und Weise virtuos in der Jetztzeit am Leben erhält, er ist auch ein im positiven Sinne Musikverrückter, der vermutlich in einem riesigen Laden wie dem Sounds Tage verbringen könnte und am Ende seine ganze Tourgage ausgeben würde. Kein Wunder also, dass sein für den Anlass ungewöhnlich langer und umfassender Auftritt ein echtes Highlight ist.
Fast unbemerkt betritt der 27-Jährige eine Stunde vor seinem Auftritt den Laden in der Venloer Fußgängerzone und macht sich schnurstracks auf in die erste Etage, wo die Second-Hand-Schätze warten. Keine 20 Minuten später taucht er strahlend wieder auf - mit gleich einem halben Dutzend alter LPs in den Händen. Ganz offenbar inspirierte ihn das Wühlen in den unzähligen Kisten mit Vinyl, denn sein Auftritt auf der kleinen Bühne mitten im Laden ist bemerkenswert. Zuletzt hatten wir Walker filigran solo akustisch und unerwartet grungy mit kompletter Band erlebt, in Venlo schlägt er eine Brücke zwischen den Extremen und spielt seine feingliedrigen Fingerpicking-Songs solo elektrisch. Dabei verdichtet er die in den Bandarrangements oft ausufernd langen Stücke wieder auf Albumlänge, spart aber auch hier die oft aufbrausenden Instrumentalparts nicht aus, etwa gleich zu Beginn bei "The Roundabout", während "Sullen Mind" zwar deutlich kürzer ist als in den bis zu 40 Minuten langen Quartettversionen, im Schlussteil aber mit der gleichen elektrisierenden emotionalen Wucht begeistert. Überhaupt geht Walker den In-Store-Auftritt nicht wie eine lästige Pflichtaufgabe an, bei der man mit drei, vier Songs die neue Platte bewirbt und die dann anschließend aus dem Gitarrenkoffer heraus verkauft, sondern wie ein (leicht komprimiertes) reguläres Konzert. Deshalb gibt es nicht nur die Highlights aus seiner aktuellen Großtat "Golden Sings That Have Been Sung" zu hören, sondern auch ältere Lieder und Coverversionen. So spielt er Tim Hardins "If I Was A Carpenter" und mit "Primrose Green" und ganz am Ende "On Banks Of The Old Kishwaukee" auch gleich noch zwei Kabinettstückchen aus der Platte, die 2015 von seinen Gastgebern zum Album des Jahres gekürt wurde. Sie alle eint die gleiche Inbrunst der Performance, bei der man in Walkers Gesichtszügen ablesen kann, dass er die Lieder mit zumeist geschlossenen Augen nicht einfach nur singt, sondern praktisch selbst wieder neu erlebt. Manchmal neigt er seinen ganzen Körper nach hinten, einige Male geht er kurz auf die Zehenspitzen, fast so, als würde er wie ein Hochspringer vor dem Anlauf die nächsten Parts des Songs in Gedanken noch einmal durchgehen.
So ernsthaft seine Darbietung ist, so lustig, nein, albern sind seine langen Ansagen zwischen den Liedern. Da begrüßt er die an der Brüstung in der ersten Etage gebannt Zuhörenden mit einem augenzwinkernden "Wie geht's da oben in der Taper-Sektion?", lobt überschwänglich das einheimische Bier ("Ich bekomme einen Haufen Geld dafür, dass ich das tue, nee, Quatsch, aber wenn jemand von der Firma hier ist - ich bin pleite!"), erzählt von seinen Tourerlebnissen in Holland ("Wie heißt gleich noch die Straße in Eindhoven, wo die jungen Leute zum Saufen und zum Kotzen hingehen?"), lädt zum Verdruss seines Tourmanagers das Publikum ein, ihn zu seinem Konzert beim Naked Song Festival in Eindhoven später am Abend zu begleiten ("Wer will mit uns feiern? Wir haben noch Platz im Wagen!") und gibt den dicht um die kleine Bühne Stehenden - natürlich! - auch noch Einkaufstipps, indem er Kaufempfehlungen für Coleman Hawkins, Alice Coltrane und "Joggers And Smoggers" von The Ex abgibt. Als er nach einer Dreiviertelstunde die Gitarre in die Ecke stellt, um noch ausführlich mit alten und neuen Freunden zu plaudern und Autogramme zu schreiben, ist klar: Bessere Werbung für seine im Mai und Juni anstehende nächste Europatournee - dann auch wieder mit vielen Auftritten in Deutschland - hätte Ryley Walker an diesem Samstagnachmittag nicht machen können.

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Surfempfehlung:
ryleywalker.com
facebook.com/ryleywalkerjams
ryleywalker.bandcamp.com
deadoceans.com/artist.php?name=walkerryley
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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