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Konzert-Bericht
 
Engelsgeduld

Angel Olsen
Tim Darcy

Berlin, Heimathafen
26.05.2017

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Angel Olsen
Im Herbst letzten Jahres war Angel Olsen ja schon ein Mal mit ihrem nach wie vor aktuellen Album "My Woman" in unseren Breiten auf Tour gewesen. Anstelle einer vielleicht zu erwartenden Festival-Reise gab es nun aber eher überraschend einen Nachschlag in Form einer Europa-Tour - auch mit Club-Dates -, die Angel auch noch ein Mal nach Deutschland führte, bevor es dann im Juli nahtlos in den USA weiter geht. Der Termin im Berliner Heimathafen war als einer der wenigen, die von deutschen Fans zu erreichen gewesen wären, dann auch schnell ausverkauft. Der als Theater ausgelegte Saalbau war demzufolge bis auf den letzten Platz gefüllt, als gegen 21 Uhr zunächst ein Mal der Kanadier Tim Darcy die Bühne betrat.
Als Frontmann der kanadisch-amerikanischen Indie-Band Ought ist Darcy es ja eigentlich gewohnt, mit Band aufzutreten, machte aber auch ganz alleine, nur mit einer Gitarre und einem Effektpedal bewaffnet, keine schlechte Figur. "Das ist aber schon das erste Mal in meinem Erwachsenen-Leben, dass ich ganz alleine vor so vielen Menschen auftrete", entschuldigte er sich fast bei dem Publikum. Dabei war das gar nicht angebracht, denn Darcy schaffte es mühelos, insbesondere die Songs seines Solo-Albums "Saturday Night" in einem geradezu raumfüllenden Solo-Rock-Modus zu präsentieren. Auf seiner Gitarre lag dabei stets ein sphärischer Chorus-Effekt, wodurch das Ganze einen voluminösen Charakter annahm, der dann so gar nichts Liedermacherhaftes an sich hatte. (Nun ja: Darcy spielte ja auch eine E-Gitarre.) Das Publikum klatsche zwar artig, war aber wohl nicht wirklich darauf aus, sich von Darcys eher unglamourösen, aber keineswegs depressiven und eher stoischen Betrachtungen über halbvolle oder - je nach Sichtweise - halbleere Wassergläser anheizen zu lassen. Immerhin waren Darcys, mit leicht schläfriger Stimme, aber erkennbar trockenem Humor vorgetragenen Power-Pop-Elaborate dennoch kräftig genug, den Plapperfaktor des Publikums für die Interessierten erträglich zu machen.
Gegen 22:00 Uhr betraten dann endlich die in klassische Anzüge mit Bügelfalte und Bolo-Tie gewandeten Musiker der Angel Olsen Band die Bühne - kurz darauf gefolgt von ihrer Queen-Bee, die es offensichtlich genoss, im weißen Abendkleid die Aufmerksam des Publikums von der ersten Sekunde an auf sich zu ziehen. Angel Olsen ist ja vielleicht die Musikerin, der es am besten gelungen ist, aus der Verwurzelung in typisch amerikanischen Musikformen wie Country, Folk, Rock und seit Neuem auch Torch-Song-Pop und Soul aber interessanterweise keinem Blues eine erkennbar eigene Melange herauskristallisiert zu haben - ohne dabei in die typische Retro-Melancholie verfallen zu sein. Bei dem Konzert im Heimathafen machte sich das zum Beispiel daran fest, dass Angel und ihre Band so ziemlich alle Tracks mit Engelsgeduld in epischer Grandezza ausbreiteten und dabei zuweilen regelrechte Americana-Opern produzierten - zumindest, was Drama, Dramaturgie und die Intensität des Vortrages betrafen. Das ging gleich gut los mit einer ca. zehnminütigen, verschleppten Version von "Heart Shaped Face" und wurde dann auch mit potentiellen Rausschmeißern wie "High & Wild" oder "Hi-Five" nicht anders, denn auch diese wurden bis zum äußersten aufgebohrt (wenngleich natürlich auf eine ganz andere Art). Das erste Highlight war dann eine mitreißende Version von "Not Gonna Kill You", am Ende derer die Band performancetechnisch schier aus ihrer Haut zu fahren schien. Interessant dabei das Sound-Design, denn im ersten Teil der Show arbeitete die Band konsequent mit drei Gitarren: Angel spielte in der Mitte und hatte die Gitarristen Paul Sukeena und Luke Norton rechts bzw. links außen positioniert. Insbesondere dann, wenn diese dann unisono akzentuierte Gitarrenlinien zelebrierten, klang das Ganze wie eine Stereo-Gitarrenwand. (Ansonsten gerne auch nach Velvet Underground mit Twang-Effekt.) Sinn machte das allemal, denn von ihren Folkie- und Country-Roots hat sich Angel Olsen ja schon seit längerer Zeit emanzipiert.

So richtig ins Gespräch mit dem Publikum kam Angel dann zwar nicht - obwohl sie das eigentlich vorgehabt hatte -, dafür gab es aber jede Menge Attitüde und Glamour. Tatsächlich präsentierte sich Angel bei dieser Show als elegante Stilikone, die ihre Gitarre wie ein modisches Accessoire zu tragen wusste und selbst bei den stürmischsten Rock-Nummern nie so richtig die Contenance verlor. Das höchste der Gefühle war dann mal ein spontanes Gesangsduett mit ihrer Vokalistin Heather McEntire oder aber der Moment, wo sie sich ein Mal hinkniete oder -setzte, um noch ein wenig mehr Dramatik ins Geschehen zu bringen. Steril oder distanziert wirkte das trotzdem nicht - vor allen Dingen deswegen nicht, weil die Musiker erkennbar viel Spaß an ihrem Tun hatten. Im letzten Drittel der Show kamen dann auch die beiden Keyboards zum Einsatz und hier machte Angel dann auch deutlich, worum es ihr bei dieser Show ging: Der Titeltrack "Woman" wurde im Vergleich zu der eh schon überbordend langen Studioversion dann nochmals ausgewalzt und mit einem soundtechnischen Orkan und inbrünstigen Vocals gekrönt. Bevor es dann in den Zugaben noch ein Mal einen ordentlichen Nachschlag gab, spielte Angel die Coverversion "Total Control" von der New Wave Pop Band The Motels um die charismatische Frontfrau Martha Davis - wobei das Stück in den ersten drei Sekunden unverwechselbar zu erkennen war, es Angel aber dennoch gelang, der Sache eine eigene Perspektive abzugewinnen. Dabei präsentierte sich Angel, die zu diesem Zeitpunkt schon ihre High Heels beiseite gekickt hatte, alleine mit dem Mikro in der Hand als Torch-Song-Queen und leistete sich zum Schluss gar ein das Publikum gerichtetes Lächeln - womit sie ansonsten eher sparsam umging. Insgesamt überzeugten Angel Olsen und Band bei dieser Show durch eine gut sortierte Songauswahl aus alt und neu, eine bemerkenswert stringente, obercoole Dramaturgie, ein vielleicht etwas glamouröseres Setting als gewohnt und durch einen brillanten Live-Sound, den man in dieser Qualität auch nicht immer geboten bekommt.

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Surfempfehlung:
angelolsen.com
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timdarcy.com
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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