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Urlaub mit Musik

Heimspiel Knyphausen

Eltville-Erbach, Draiser Hof
21.07.2017/ 22.07.2017/ 23.07.2017

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Gisbert zu Knyphausen
Ein weiser Kölner Philosoph hatte versucht, Björn Sonnenberg von Locas In Love das Festival im Garten des Anwesens des Barons zu Knyphausen mit den Worten, das sei wie "Urlaub mit Musik" schmackhaft zu machen. Nachdem die Band aus Köln dann ein paar Stücke gespielt hatte, konnte sie auch nur vollumfänglich zustimmen. Tatsächlich bietet das ursprünglich vom Kreativ-Spross des Baronats, Gisbert zu Knyphausen, als intime Vortragsveranstaltung ins Leben gerufene Festival eine Atmosphäre wie kaum ein anderes. Das liegt vor allen Dingen daran, dass das mit 2.000 Besuchern überschaubar dimensionierte Event auf dem weitläufigen Gelände des Gutshofes Knyphausen im "schönsten Garten der Welt" (so Sven Regener von Element Of Crime) im malerischen Eltville-Erbach stattfindet, so dass das unselige Gedränge, wie man es von vergleichbaren Veranstaltungen her kennt, hier nahezu unbekannt ist. Das führt dann dazu, dass die Fans sich in Picknick-Anordung vor der Bühne ausbreiten, anstatt sich schon Stunden vor Beginn des Programmes vor der Bühne zu stapeln.
Die diesjährige Ausgabe des Heimspiels konnte von verschiedenen Aspekten aus betrachtet werden: Wer etwa die subjektive Creme deutscher Acts an einem Ort versammelt sehen wollte, der dürfte im siebten Himmel geschwoben haben, wer indes auf interessante Neuentdeckungen wie in den letzten Jahren oder nach internationalen Acts gesucht haben mochte, der dürfte eher enttäuscht gewesen sein. Auch die merkwürdige Aufteilung des Programmes auf drei Tage - mit dem neu hinzugekommenen Abschlusssonntag, der als musikalischer Brunch ausgelegt war - dürfte nicht jedem gefallen haben. Leicht hätten sich nämlich die die beiden Acts, die am Sonntag auftraten, auf den Samstag transferieren lassen, der so halbtägig ungenutzt bleiben musste, da das Musikprogramm erst am späten Nachmittag los ging. Andererseits ging es ja aber auch um Urlaub mit Musik. Wie gesagt: Das Ganze konnte aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Das musikalische Programm freilich war dann doch eher über die Kritik erhaben. Es mochte ja sein, dass wirkliche Neuentdeckungen in diesem Jahr eben nicht stattfanden - denn die jeweils ersten Slots waren dieses Mal bereits etablierten Acts vorbehalten - dafür überraschte aber das breite Spektrum an Stilen und Stimmungen, das dem Publikum geboten wurde.

Den Anfang machte der Berliner Barde Dino Joubert, der mit seinem "Dracula-Folk-Pop" (wie er das auf seiner Facebook-Seite nennt) schon seit Jahren mit seiner Akustik-Gitarre durch die Lande zieht, in diesem Fall aber mit seiner illuster besetzten Band aufspielte, bei der überraschenderweise Sönke Torpus als Gitarrist mit machte. Die Connection zum Heimspiel kam - wie so oft - über den persönlichen Bezug mit Gisbert zustande, der dereinst mit Dino Joubert zusammen in der legendären aber inzwischen geschlossenen Hamburger Hasenschaukel gearbeitet hatte. Dino Joubert ist vom Typ her eher ein Songwriter als ein geborener Performer - was sich bei seinen Solo-Slots durch einen eher zurückhaltenden Vortragsstil äußert. Deswegen erfreute der druckvolle Sound der Band in Kombination mit den abwechslungsreichen Arrangements dann besonders. Auch wenn Dino dadurch nicht unbedingt zur Rampensau wurde, überzeugte das Ganze dann am Ende dann doch durch die dargebotene klangliche Vielfalt (sowohl Dino wie auch Sönke wechselten z.B. des Öfteren von der Gitarre ans Piano). Musikalisch muss man sich das Ganze wie eine intensive Hommage an den leider verstorbenen Elliott Smith vorstellen, dessen Art die gewöhnlichen Harmoniefolgen und Tunings auf abenteuerliche Weise zu konterkarieren, zu stapeln oder zu verdrehen Dino Joubert durchaus mit Gewinn studiert hat.

Ein Act, wie man ihn auf einer Festivalbühne nicht unbedingt suchen würde, präsentierte Volker Bertelmann alias Hauschka. Der sympathische (und zuletzt für den Soundtrack "Lion" für einen Oscar nominierte) Komponist präsentierte seine Musik nämlich rein instrumental mit seinem präparierten Klavier. Das ist eigentlich ein normaler Flügel, den Volker allerdings mit einer Sammlung von Kinderspielzeug, Haushaltsgeräten, Percussion-Instrumenten und besonders Klebeband dergestalt modulierte, dass der standardisierte Piano-Klang so ziemlich das letzte gewesen wäre, was er seinem Instrument klanglich entlockte. Stattdessen gab es eine Art perkussiven Flow, den Volker mit unerbittlichen Stakkati und Martellati sowie diversen Effekten und einem Sampler auf die Spitze trieb. Musikalische Liebesbriefe und andere atmosphärische Breaks gab es da weniger - das Ganze stand ganz im Zeichen der organischen Trance. Merkwürdigerweise und obwohl optisch kaum etwas passierte, wurde das jedoch niemals langweilig - und am Ende musste Hauschka sogar noch eine Zugabe geben. Da kann man nur sagen: Gewagt und gewonnen!

So richtig viel wagten Element Of Crime danach natürlich nicht; das war ja aber sicher auch nicht der Sinn der Sache. Hier ging es darum, einfach ein schönes Konzert in einer ebenso schönen Umgebung - dem bereits erwähnten Garten - zu spielen und dabei richtige Taschentücher zu benutzen (wie Sven Regener selbstironisch meinte). Mit der Einladung dieser Band hatte sich Gisbert selbst einen Wunsch erfüllt, denn dass es mal so weit kommen würde, habe er nicht zu träumen gewagt, als er weiland versucht habe, "Weißes Papier" zu erlernen, als er seine eigene musikalische Laufbahn in Angriff nahm. "Das war ja schon mal ganz gut", meinte Sven Regener, als die Band mit dem alten Gassenhauer "Damals hinterm Mond" gestartet war. "Wir spielen jetzt noch ein Lied." Das war dann auch das Thema des Abends: Lieder spielen, ohne die Welt neu aufbauen zu wollen oder zu müssen. "Wo sind denn die neuen Songs?", fragte Regener da zur Mitte des Konzertes selber "erstaunt", um dann die neue Moritat "Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin" anzustimmen. Nun ja: Die Band arbeitet gerade an neuen Songs - das wird schon noch. Und außerdem gab es ja auch genug alte Songs, die das Publikum dermaßen begeisterte, dass es mit "Straßenbahn des Todes" noch eine ungeplante dritte Zugabe geben musste.

Vergleichsweise - aber dann auch nicht richtig - entspannt ging es am zweiten Tag weiter mit einem Auftritt der Hamburger Songwriterin Lùisa (die aber ursprünglich aus Hessen stammte, wie sie mitteilte). Aufgrund dessen, dass sich Lùisas Band gerade in Auflösung bzw. Fluktuation befindet, trat die junge Dame dieses Mal wieder solo auf (wie zu Beginn ihrer Laufbahn üblich). Gegenüber der früheren Solo-Auftritte hat sich Lùisa inzwischen aber deutlich weiter entwickelt. Zum einen stimmlich - denn mittlerweile präsentiert sich Lùisa als versierte Croonerin - und zum anderen, was die Handhabung ihrer Effektgeräte - allen voran des Samplers - betrifft. Hier hat Lùisa inzwischen den Dreh raus, ihren eher linearen Kompositionen durch die rechte Staffelung und Schichtung die notwendige Dynamik zu verleihen, so dass das Programm extrem kurzweilig ausfiel. Auch, weil Lùisa mehrmals ins Frankophile verfiel und zuweilen gar ganz auf eine Gitarrenbegleitung verzichtete und sich als Semi-Hip-Hopperin betätigte.

Nach dem Motto "Ein bisschen Bass muss sein" ging es dann mit dem nach einer Kölner Straßenbahn-Haltestelle benannten Krautrock-Instrumental "Christophstraße / Mediapark" weiter, das die momentan als Trio agierenden Locas In Love aus Köln mit zwei Bässen aber ohne Gesang als Einstieg in ihre Rockshow präsentierten. Weiter ging es dann mit dem gewohnten aber unberechenbaren Indie-Power-Pop-Gerangel, das sich die Locas seit jeher auf die Fahnen geschrieben haben. Angereichert wurde das Programm durch die amüsanten Ansagen, Gebrauchsanleitungen und Erläuterungen Björn Sonnenbergs (inklusive der zugetragenen Festival-Definition "Urlaub mit Musik"), die indes heutzutage - vielleicht aufgrund eines gewissen Realitätsgewinnes - nicht mehr ganz so unbeschwert und haarsträubend fröhlich daherkommen wie früher. Musikalisch bleiben sich die Locas jedoch treu - was bedeutet, dass es da keine Konzessionen an Moden, Trends oder Massengeschmack gibt. Kudos.

Nachdem Gisbert zu Knyphausen im letzten Jahr verletzungsbedingt aussetzen musste, ließ er es sich nicht nehmen, in diesem Jahr wieder selbst auf seinem Heimspiel aufzutreten. Der Anlass war auch angemessen, denn einen Tag vor dem Festival wurde Gisberts lang erwartetes neues Album "Das Licht dieser Welt" angekündigt, das auf dem Festival schon mal mit einer eigenen Gisbert-Weinsorte gefeiert wurde. Den Titeltrack, der ursprünglich für den Film "Timm Thaler und das verkaufte Lachen" geschrieben wurde, und einige andere neue Tracks präsentierte Gisbert dann auch in seinem Solo-Set, das allerdings vorwiegend für die soliden Gisbert-Klassiker wie "Seltsam durch die Nacht" gefeiert wurde. Einen besonderen Akzent bekam die Show durch die Beiträge des Notwist-Vibraphonisten Karl Ivar Refseth, der ca. der Hälfte der Tracks eine geradezu klassische Note verlieh (obwohl der Mann ursprünglich aus dem Jazz kommt). Es ist ja nicht ganz einfach, Akustik-Solo-Konzerten eine eigene Note abzugewinnen - Gisbert hatte hier zweifelsohne ein besonders elegantes Mittel gefunden, denn solche Sounds bekommt man nicht so oft zu hören.

Ähnliches galt für den Auftritt von The Notwist (also in Bezug auf die Sounds, die man ansonsten nicht so oft zu hören bekommt). Aber: Obwohl da ein unglaubliches Kabelwirrwarr auf der Bühne herum lag und verdächtig viele Keyboards platziert waren, haben es The Notwist geschafft, von dem sterilen, elektronischen Irrweg, den sie dereinst eingeschlagen haben, wieder zu einem organischen Ansatz zurückzufinden, bei dem die elektronischen Elemente wieder zweckdienlich in die Songs integriert wurden, anstatt eben den Selbstzweck darzustellen. Sogar Gitarren gibt es wieder verstärkt zu hören. Und dann sind da ja auch noch die Beiträge von Karl Ivar Refseth der neben dem Vibraphon auch noch andere Percussion-Instrumente bedient und auch gesanglich aktiv wird. Obwohl die stilisierte Light-Show (die eher eine Schatten-Show war) eher für einen Club-Gig geeignet war, gelang auf diese Weise dann doch ein verträglicher - organischer - Tagesabschluss, der auch zeitig vor dem danach einsetzenden Unwetter beendet werden konnte.

Für den letzten Festivaltag waren - außer des Brunches - noch zwei musikalische Acts angesetzt. Zuvor gab es jedoch noch eine musikfreie Yoga-Session für gestresste Musikfans vor der Bühne, mittels derer die Teilnahme wieder "eins mit allem" werden konnten (wie auch bei der Hamburger Bude, bei der es einen Frühstücks-Hamburger zu erstehen gab). Torpus & The Art Directors gehören zu jener Sorte unscheinbarer Combos, die sich über die Jahre zu recht den Status der idealen Festival-Band erarbeitet haben. Das Erfolgsrezept von Sönke Torpus und seinen Musikern ist dabei eigentlich ganz einfach: Es gibt eine Art angeschrägten Weird-Folk, der allerdings ordentlich mit einer Prise Crash & Burn Rock-Elementen aufgepeppt wird. Dazu singt Sönke Torpus mit rauer, nordischer Seemansstimme, so dass die Sache auf gewisse Weise eine Art Shanty-Vibe bekommt. Aber um es deutlich zu sagen: Torpus & Co. bieten mehr Rock als Müsli-Folk. Das geht schon ganz gut ab - und ist auch deswegen geeignet, einen Festivaltag musikalisch einzuläuten - wenn auch mit Verspätung, denn die Nachbarn und die Technik machten sich zunächst mal unangenehm bemerkbar.

Als krönender Abschluss des Festivals war eigentlich ein Auftritt von Julia Holofernes mit ihrem neuen Material vorgesehen gewesen. Diese war indes kurzfristig krankheitsbedingt ausgefallen, so dass schnell ein Ersatz besorgt werden musste. Es spricht natürlich für das Standing des Festivals, dass - nach ein wenig Herumtelefonieren - Annenmaykantereit als "Ersatz" angelockt werden konnten. Nötig hätten die Herren sowas ja nicht mehr - es spricht aber dann doch für die Jungs, dass sie so etwas mit machen. Natürlich war das für diejenigen, die extra wegen Judith angereist waren, eher ernüchternd - andererseits haben Annenmaykantereit ja auch ein gewisses Mobilisierungspotential zu bieten, was sich durch den Andrang vor der Bühne dann auch manifestierte. Die Band hat sich im Laufe der letzten Jahre von der Schrullen-Kapelle zu einer veritablen Rock-Band gewandelt und ist heutzutage durchaus eben auch Festival-tauglich. Freilich sollten sich die Jungs langsam mal um neues Songmaterial kümmern - denn egal wie sie das Stück dann interpretieren - immer nur "Sunny Day" möchte man dann doch nicht bis ans Ende aller Tage geboten bekommen. Am Ende aber stand fest, dass die Festivalleitung auch mit diesem Line-Up ein geschicktes Händchen gehabt hatte. Wenn es denn nächstes Jahr auch wieder mit den Newcomern klappt und vielleicht die ungelenke Tagesaufteilung gestrafft werden könnte, dann gehört das Heimspiel eindeutig endgültig in die vorderste Reihe der überschaubaren, familiären Kleinfestivals.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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