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Geisteskrank

Aimee Mann
Jonathan Coulton

Köln, Gloria
24.10.2017

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Aimee Mann
Um es gleich zu sagen: Geisteskrank war hier natürlich niemand - aber immerhin heißt das aktuelle Album von Aimee Mann schließlich "Mental Illness". Das gehört aber zweifelsohne zur lyrischen Spitzfindigkeit, die sich die Grande Dame des emotionalen Melancholie-Songwriter-Pop auch auf diesem Werk wieder bewahrt hat. Es ist wohl auch ein Teil des selbstironischen Humors, den Aimee Mann heutzutage auch auf der Bühne präsentiert.
Zum Beispiel als sie sich mit ihrem Support-Kollegen Jonathan Coulton (mit dem zusammen sie auch drei Stücke des neuen Albums komponierte) auf erstaunlich passablem Deutsch darüber unterhielt, wie die beiden zu der neuen Sprachgewandtheit gefunden haben - mit einer App nämlich, die - so Aimee - freilich immer Sätze wie "Der Bär ist grün" oder "der Bär ist unsichtbar" bzw. "Die Ente ist langweilig" angeboten habe, worüber man sich dann doch sehr gewundert habe. Coulton, der auch als Protegé auf Aimees SuperEgo seine Songs veröffentlicht, hatte sich zwar seine Stichworte auf dem Handy notiert, erweckte aber dennoch den Eindruck eines sprachgewandten "Alleskönners". Das war jedenfalls der Begriff, mit dem Aimee, die bereits zur Show ihres Kollegen auf die Bühne kam, um ein paar Songs mit ihm zu singen und ein wenig Gitarre und Bass beizusteuern, Coulton bezeichnete. Coulton bedankte sich dann, indem er erklärte, dass Aimee eigentlich ja auch eine ganz passable Songwriterin wäre.

Was den Befehl betrifft, schwimmen Jonathan und Coulton also schon mal auf der gleichen Wellenlänge. Auch als Songwriter ist Coulton, der sich - im Anzug, mit Brille und Wuschelkopf - als eine Art zerstreuter Professor auf der Bühne präsentierte, ein gewiefter Routinier. Jedenfalls weiß er, wie man Harmonien staffelt, Halbtöne verschiebt, Akkorde wechselt und Melodien stückelt. Allerdings kennt er - anders als etwa Aimee Mann - hier kein Maß, sondern packt so viele Elemente in seine Songs hinein, dass diese am Ende eher anstrengend als kompositorisch wirklich beeindruckend daher kommen. Es ist dann auch kein rechtes Wunder, dass er einen (auf Französisch vorgetragenen) Song namens "Je suis Rick Springfield" im Angebot hat - denn der hat ein solches Prinzip mit Songs wie "Jesse's Girl" ja schließlich dereinst geradezu perfektioniert. Ein weiterer Punkt, der Jonathan Coultons Oeuvre von dem Aimees absetzt ist der, dass er seinen Humor hemmungslos auch in seinen Lyrics auslebt - wodurch der Tiefgang, den man Aimee Mann stets zu recht attestiert, bei ihm etwas abgeht. In Songs wie "Pictures Of Cats" geht es dann tatsächlich auch nur um Bilder von Katzen.

Etwas anders ist das bei Aimee Mann, die sich den wahren Humor für die Ansprachen zwischen den Songs vorbehält. Nachdem Sie ihre Deutsch-Exkursionen auch beim eigenen Set bemerkenswert lange durchgehalten und erklärt hatte, dass es ja schließlich hauptsächlich um "langsame, traurige, deprimierende" Songs gehe, kam sie schließlich dazu, die Herkunft einiger ihrer Songs zu erklären. So ist "You Never Loved Me" zum Beispiel ein Song, in dem es um eine Freundin geht, die von ihrem künftigen Ehemann versetzt worden war, nachdem sie bereits Hab und Gut verkauft und über den ganzen Kontinent zu ihm gereist war. "Da muss man ja fast den Hut ziehen vor so einem Arschloch", kommentierte Aimee das. Und dann gibt es da ja noch "Snow Goose Cone", den ersten Song von "Mental Illness". Was zum Teufel das ist erklärte Aimee so: Als sie den Song an einem kalten Tag in Irland geschrieben habe, habe sie das Bild eines Kätzchens namens Snow Goose im Web gesehen, das sie an ein Eishörnchen erinnert habe. Da muss man ja auch erst mal drauf kommen. Und weiter ging es in diesem Stil: Zu ihrem neuen Song "Good For Me" setzte sie sich ans Piano und erklärte dann, dass sie in Rezensionen oft gelesen habe, dass dieser Song einer sei, der die Essenz der Aimee Mann - haputsächlich in der ersten Textzeile - wohl mit am besten zum Ausdruck bringe. Und dabei habe den Text dazu doch Jonathan Coulton - der zwischenzeitlich wieder hinzu gekommen war - geschrieben. Hier erklärte Aimee auch, warum sie sich für eine Zusammenarbeit mit dem "Alleskönner" entschieden habe: Weil dieser nämlich nicht nur schönes Fingerpicking spielen könne, sondern vor allen Dingen eine Seite habe, die "sanftmütiger als John Denver" sei. "Ja, John Denver ist zu laut", bestätigte Coulton als sie den gemeinsam geschriebenen Song "Roundabout" anstimmten.

Da die Veröffentlichung des Albums schon ein halbes Jahr zurück liegt, konnte Aimee Mann es sich auch leisten, dieses nicht vollständig zum Gegenstand ihrer Show zu machen. Stattdessen bestand das Set aus einer schön strukturierten Mischung älterer, eher selten gespielter Songs wie "Little Bombs", "Humpty Dumpty" oder "Moth" im ersten Teil, dann dem neuen Material und schließlich ein paar ihrer Hits wie "Save Me", "Going Through The Motions" oder "Borrowing Time". Gerade im letzten Viertel der Show verabschiedete sich die Band auch von der zuvor demonstrierten balladesken Zurückhaltung und swingte recht ordentlich. Dabei ist es ja angesichts der komplexen Struktur von Aimees Songs gar nicht so einfach, so etwas wie veritable Live-Versionen herauszukitzeln - zumal Aimee erneut auf eine elektrischen Gitarre verzichtete (Paul Bryan spielte konsequent Bass) und zudem dieses Mal nur einen Keyboarder - Jamie Edwards - im Gepäck hatte. Dem fiel dann auch die Aufgabe zu, die Soli beizusteuern - entweder per Piano oder mit Keyboards mit denen er sowohl Akkordeon wie auch Klarinetten- oder Steel-Gitarren-Sounds glaubhaft emulieren konnte.

Aimee Mann belegte an diesem Abend glaubhaft, dass sie auch in dem eigentlich recht eng abgesteckten Rahmen, in dem sie sich als Songwriterin bewegt, immer noch Entwicklungspotential sieht und vor allem, dass sie sich wohl dabei fühlt. Es wird ja oft gesagt, dass Aimee Mann zu jener Spezies Musikerinnen gehört, die sich gerne selbst referenzieren. Das stimmt zwar - aber ehrlich gesagt, ist das auch gut so, denn von Shows wie solchen kann der Fan sowieso nie genug bekommen.

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Surfempfehlung:
aimeemann.com
www.facebook.com/AimeeMann
www.jonathancoulton.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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