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Konzert-Bericht
 
Intensitätsfaktor 11

Rock im Saal

Rees-Haldern, Gasthof Tepferdt
13.01.2018

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Idles
In Haldern wissen sie, was eine gepflegte Festival-Sause ist: Seit Mitte der 80er findet jeden Sommer das Haldern Pop-Open-Air statt, aber auch die Variante "mit Dach drauf" hat inzwischen lange Tradition. Bereits zum 24. Mal stieg in diesem Jahr, wie immer direkt zum Jahresbeginn, das Rock im Saal, das dieses Mal - präsentiert von Gaesteliste.de - mit einem echten Knallerprogramm aufwarten konnte, das im Saal des Gasthofs Tepferdt schon früh am Abend für drangvolle Enge sorgte, auch wenn hier viele auf die Headliner Idles warteten, die seit ihrem umwerfenden Gastspiel beim letztjährigen Haldern Pop praktisch zu Local Heros aufgestiegenen sind.
Den Anfang machten die gar nicht auf dem Poster angekündigten, kurzfristig noch ins Programm gerutschten Holländer Sonndr, die mit sperrigem Post-Punk und einer passend theatralischen Bühnenshow den Geist der 70er-Jahre heraufbeschworen und sich dort in der Musikhistorie einsortierten, wo zwischen The Fall und dem Frühwerk von Nick Cave noch ein kleines Plätzchen frei ist.

Hope dagegen sind Vertreter der neuen Generation von deutschen Bands, denen man ihre Herkunft nicht anhört. Eigentlich ist das Quartett in Berlin zu Hause, dennoch hatte die Band in Haldern aber praktisch ein Heimspiel - ihr im abgelaufenen Jahr veröffentlichtes selbstbetiteltes Debütalbum erschien nämlich bei Haldern Pop Recordings. Wie schon bei ihren Auftritten im Vorprogramm von Könnern wie Algiers oder eben auch Idles überzeugten Hope auch dieses Mal mit dunkel funkelndem Art-Rock und Post-Punk-Vibe im Joy-Division-Dunstkreis, während Sängerin Christine Börsch-Supan mit ihrer betörenden Performance zwischen Ballerina, Ausdruckstänzerin und Schattenboxerin alle Blicke auf sich zog, ihre drei Mitstreiter jedoch leider im wahrsten Sinne des Wortes in der diffusen Mischung aus Backlighting und Bühnennebel verloren gingen. Lustig am Rande: Wer hätte gedacht, dass sich die Band auf ihre Auftritte vorbereitet, indem ihre zierliche Frontfrau Gitarrist Phillip Staffa huckepack durch das Backstage trägt?

Dass die in Leipzig heimischen White Wine eine etwas andere Band sind, wurde schon beim Aufbau klar. Denn wer braucht schon für das Schlagzeug einen zwei Meter hohen Ständer, von dem der das Becken spiralförmig zerschnitten herunterhängt? Welche Band hat für ihre sperrigen, elektronisch-aggressiven Klangwelten neben Keyboard, Synth und Drumpads auch noch eine punkrocktaugliche Krachgitarre und ein Fagott (!) mit auf der Bühne? Genau. Vermutlich keine - außer White Wine. Dabei spielte sich das Geschehen oft gar nicht auf der Bühne ab, sondern davor. Gleich für die erste Nummer hechtete Frontmann Joe Haege (zuvor bei 31 Knots und Tu Fawning aktiv) über den Wellenbrecher ins Publikum und sang und tanzte umringt vom Publikum, wirkungsvoll illuminiert von einer Taschenlampe, die vom Soundboard aus auf ihn gerichtet wurde. Es war längst nicht sein letzter Ausflug in die Menge. Auch sonst schien es dem gebürtigen Amerikaner und seinen beiden Mitstreitern bisweilen wichtiger zu sein, politisch motivierte Kunst zu machen, als Musik, etwa wenn sie zur Mitte des Konzerts ein Roll-up mit Guckloch aufstellten, hinter dem versteckt Haege sang, oder er gleich mehrfach sein Outfit wechselte, bis er am Ende im Minirock auf der Bühne stand. Viele Zuschauer ließ der musikalisch schwer in Worte zu fassende Auftritt amüsiert und auch ein bisschen verwirrt zurück. Vielleicht funktioniert das Ganze in Berlin, London oder L.A. auch einfach besser als auf dem Dorf?

Bei Idles gab es dann kein Halten mehr. Plötzlich ergab auch der zuvor noch etwas deplatziert wirkende Wellenbrecher Sinn, wenngleich auch er nicht alle Stagediver abhalten konnte und die Security im Graben plötzlich alle Hände voll zu tun hatte. Kein Zweifel, wo Idles auflaufen, herrscht Intensitätsfaktor 11, da brennt die Luft. Mit ungeheurer Wucht unterstrichen sie auch an diesem Abend, dass ihr Erstling nicht ganz zufällig "Brutalism" heißt. Idles verbinden mit ihren herrlich dahingerotzten Liedern die Durchschlagkraft des Punk und die Eingängigkeit des Rock mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen - und besitzen anders als viele ähnlich gestrickte Acts dazu auch noch ordentlich schrägen Humor. Warum nicht einfach zum Einstieg in den Auftritt mal Mariah Careys "All I Want For Christmas Is You" singen? Sind ja schließlich nur noch elfeinhalb Monate bis Weihnachten! Will meinen? Rock im Saal 2018 - das war ein frohes Fest!

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Surfempfehlung:
rock-im-saal.de
www.facebook.com/rockimsaalhaldern
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-


 
 

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