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Eigensinn im Fokus

Big Thief
Clementine March

Münster, Pension Schmidt
26.03.2018

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Big Thief
Im Indie-Folk-Universum scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu geben: Nur wer sich dem Mainstream öffnet, kann wirklich erfolgreich sein. Alleinstellungsmerkmale sind nicht mehr wichtig, der kleine gemeinsame Nenner verspricht die meisten Klicks - und Klicks sind bekanntlich gut fürs Geschäft (oder zumindest für die Promomappe). Big Thief aber haben einen anderen Weg gewählt. Statt die Idiosynkrasien ihres Sounds und die Eigenheiten des Songwritings von Frontfrau Adrianne Lenker zu vertuschen, rücken die Amerikaner sie mit jedem neuen Song deutlicher in den Fokus. Ehrliche Authentizität ist der Band aus New York dabei spürbar wichtiger als glitzernde Perfektion. Das unterstreicht auch ihr einziges Deutschland-Konzert in diesem Frühjahr in der schon Wochen im Voraus ausverkauften Pension Schmidt in Münster.
Eröffnet wird der Abend von Clementine March. Persönlich vom Headliner eingeladen, steht die in London lebende Französin allein mit ihrer Gitarre auf der Bühne und verströmt mit ihren oft kantigen, frankophonen Indie-Folk-Songs zwischen Liebesleben und Sozialkritik eher spröden Charme. Ein bisschen hat man das Gefühl, dass dieser Auftritt für sie einfach ein bisschen zu früh kommt, denn am Ende deutet sie mit dem unlängst für den Record Store Day in den Abbey Road Studios aufgenommenen "Summer Clouds" an, wozu sie in Zukunft fähig sein könnte. Die größte Begeisterung löst der kurze Auftritt deshalb bei Big Thief selbst aus, die es sich nicht nehmen lassen, das Set ihrer Freundin aus der ersten Reihe mitzuverfolgen.

Auf den ersten Blick wirken die Amerikaner ähnlich unscheinbar wie ihr Support, musikalisch dagegen sind sie alles andere als das. Mit Stromgitarre, Bass und Schlagzeug auf das Nötigste beschränkt, stellen sie Simplizität und Aufrichtigkeit in den Mittelpunkt und verschwenden dabei keinen Ton. Bei so viel kunstvoller Zurückhaltung erzielen selbst kleinste Bassläufe von Max Oleartchik und die unscheinbarsten Drumfills von James Krivchenia maximale Wirkung. Der handgemachte, manchmal fast ausgelassen anmutende Sound, den die Rhythmusgruppe abseits jeglicher Gimmicks fabriziert, passt nicht nur ausgezeichnet zum ungezwungenen Auftreten der Band, er ist auch die perfekte Spielwiese für Adrianne, um sich als Sängerin und Gitarristin mit ihren gerne etwas unkonventionell, ja fast schon experimentell angelegten Songs richtig auszutoben. Nach dem Abschied von Gitarrist Buck Meek in Richtung Solokarriere ist ihre Stimme noch stärker in den Fokus gerückt, und es dauert nicht lange, bis sie von einem hingebungsvoll-verletzlichen Flüsterton bis zu einem wütenden Knurren die komplette emotionale Bandbreite abgedeckt hat.

Mit Mitte 20 hat sie schon viel erlebt, und in ihren unglaublich bewegenden, tief empfundenen Texten spürt man förmlich das Gewicht, das schon früh auf ihren Schultern lastete. Trotzdem ist das Tempo erstaunlich, mit dem sie arbeitet. "Masterpiece", das selbstbewusst betitelte Debüt von Big Thief, ist keine zwei Jahre alt, und eigentlich sind Big Thief an diesem Abend nach Münster gekommen, um ihre vor gerade einmal acht Monaten auf Conor Obersts Saddle Creek-Label erschienene Breakthrough-LP "Capacity" vorzustellen. Doch auch wenn Großtaten wie "Masterpiece", "Shark Smile" und ganz am Ende das herrlich wüst endende "Real Love" natürlich im Programm sind - den Löwenanteil des Sets machen die noch unveröffentlichten Songs der bereits in Bälde erscheinenden dritten LP aus. Mehr noch, das Publikum erlebt sogar eine spontane Weltpremiere. "Shadow Too" steht eigentlich gar nicht auf der Setlist, und trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - entpuppt sich die nur dahingehauchte Nummer neben "Not" als heimliches Highlight unter den gleich acht neuen Liedern, die allesamt betont puristisch klingen und noch weniger Konzessionen an Trends und Zeitgeist zu machen scheinen als die der ersten beiden Platten.

Die Zuschauer erleben so einen ganz besonderen Konzertabend, bei dem sich der heimelige Vintage-Charme der Pension Schmidt als idealer Ort erweist, um sich von der zurückhaltend-intimen Atmosphäre und der Dramatik der Songs von Big Thief vollends gefangen nehmen zu lassen.

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Surfempfehlung:
www.bigthief.net
facebook.com/bigthiefmusic
clementinemarchofficiall.bandcamp.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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