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Bitte nicht streicheln!

Jessica Lea Mayfield
Benedikt Schmitz

Köln, Studio 672
14.04.2018

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Jessica Lea Mayfield
Ihre US-Tournee musste Jessica Lea Mayfield unterbrechen, weil sie in einen Verkehrsunfall mit einem Autofahrer verwickelt wurde, der am Steuer eingeschlafen war und sie gerammt hatte. Irgendwie passt das zum recht abenteuerlich verkorksten Lebensweg und zum ganz speziellen, angeschrägten und hochkomplexen Humor der Dame aus Kent, Ohio (genau - das ist der Ort, an dem das von Neil Young besungene Kent-State-Massaker stattfand). Leider führte das aber wohl auch dazu, dass sie auf dem Europa-Abschnitt der Tour zu ihrem aktuellen Album "Sorry Is Gone" nur für einen einzigen Auftritt nach Deutschland ins Kölner Studio 672 fand. Und selbst das musste dann irgendwie untergegangen sein, denn es fand nur eine Handvoll Fans den Weg ins Studio - wohl auch deswegen, weil am gleichen Tag das lokale Stadtteilfest Ehrenfeld-Hopping zahlreiche alternativen für einen Konzertbesuch bot.
Als Support-Act war dennoch ein Ehrenfelder Ureinwohner eingesprungen: Benedikt Schmitz ist ansonsten als Mitglied der lokalen Folkpop-Band We Used To Be Tourists unterwegs und nutzte die Chance, während seine Bandmitglieder gerade an den Songs zur kommenden LP feilten, ein wenig Werbung für diese zu machen und einige Songs vorzutragen. Auch solo ist Ben als Folkpopper unterwegs - auch wenn man sich die Arrangements (wie z.B. mögliche, aber noch nicht abschließend bestätigte Streicher) der Studioproduktionen eben dazu denken muss. Als Songwriter hat Ben dabei eine recht spezielle Weltsicht, in der er aus Alltagserlebnissen (wie z.B. dem Party-Crashing im Song "Neighbors") seine Songs zusammenbastelt. Diese Art von musikalischer Realitätsbewältigung zeichnet auch die Songs von We Used To Be Tourists aus - ist dann allerdings abhängig, von den Erlebnissen des Auteurs; und da wünscht man sich dann halt doch, dass der Mann mal etwas Spannenderes erleben möchte. Immerhin: Probleme mit der Glaubwürdigkeit hat Ben natürlich so nicht - und außerdem muss einfach mal der tolle Sound seiner einsamen Akustikgitarre erwähnt werden, die er ohne jegliches Brimborium einfach optimal justiert hatte. Das mag sich banal anhören - aber es ist dann doch erstaunlich selten bei den Akustikbarden.
Banal ist Jessica Lea Mayfield dann natürlich überhaupt nicht. "Bitte nicht streicheln - ich arbeite" sagte zum Beispiel der Sticker auf ihrer rosafarbenen Russenmütze aus, die sie mit anderen Accessoires wie etwa einer Art Küchenschürze und quietschbunten Gummistiefeln und blau gefärbten Haaren zu einem modisch wagemutigen Ensemble zusammengestellt hatte. Musikalisch gibt es gar nicht mal so viel zu berichten von dem Konzert, das sie alleine mit ihrer Drummerin Chase absolvierte: Mittlerweile hat sich die Dame, die ihre Anfänge noch in einem folkigen Americana-Setting absolvierte (in das sie bis heute von der US-Presse einsortiert wird), musikalisch vollständig auf die Rockschiene begeben und spielt ihre Songs konsequent mit einem Effektmix aus Flanger und Phaser-Sounds und zuweilen mit in einem grungigen Overdrive. Der Verzicht auf jegliche Bass-Sounds und die Reduktion auf Gitarre, Drums und Vocals führte insbesondere bei den druckvollen Rocknummern (die den Großteil des Sets ausmachten) dazu, dass etwa die Vocals nur im hinteren Teil des Clubs vernommen werden konnten. Aber ehrlich gesagt ging es bei dieser Show dann auch gar nicht um audiophile Sophistereien. Inhaltlich beschäftigt sich Jessica auf "Sorry Is Gone" damit, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen, nachdem sie zu der Erkenntnis gelangt war, dass das niemand anderes für sie erledigen werde - und darum eine zerstörerische Beziehung zu verarbeiten. Das geht es dann also um ziemlich harten Tobak, der in den Texten durchgekaut wird - und der verlangt dann quasi von selbst nach einer abrasiven Darbietung. Selbst Tracks wie "Kiss Me Again" von dem von Dan Auerbach produzierten ersten Album "With Blasphemy So Heartfelt" wurden so noch leicht schmirgelig dargeboten.

Freilich blieb es nicht dabei, denn da war noch der wahnwitzige Humor, den Jessica und Chase auf der Bühne geradezu zelebrierten. Das fing dann damit an, dass sich Jessica und Chase abwechselnd als Tochter, Sohn, Boyfriend, Vater, Mutter, Schwester und Geliebte vorstellten und hörte noch lange nicht damit auf, dass das Publikum nach Gusto einbezogen wurde. Nicht etwa als Klatsch- oder Singvieh, sondern indem es nach Kräften verarscht wurde. "Ich spiele dann jetzt mal ein paar Songs alleine", erklärte Jessica etwa im Mittelteil der Shows, "bis später dann … nun gut - das ist ein Witz, ihr könnt schon zuhören." Auch die eigenen Songs wurden kräftig durch den Kakao gezogen - etwa indem die Inhalte mit viel Gekicher und Selbstironie erläutert - oder neu interpretiert wurden. "In 'Do I Have The Time' geht es darum, ob man genug Zeit hat, das Haus aufzuräumen und sich umzubringen, bevor die Leute, mit denen man zusammenlebt zurück kommen", erklärte sie etwa den gleichnamigen Song. In "Offa My Hands" ginge es angeblich um das Thema, die Hände zu waschen und WTF (eine gebräuchliche Abkürzung für What The Fuck) heißt hier eigentlich "White Trash Fighting".

Vor der Zugabe versteckte sich Jessica hinter den Bühnenvorhang, hinter dem sich lediglich eine Mauer befindet - behauptete aber, dass da eben noch ein Raum gewesen sei. Nach zwei Stücken entließ sie dann das Publikum, damit dieses die Hunde Gassi gehen führen könne. "Wie heißen denn eure Hunde?", fragte sie interessehalber ins Publikum. "Ralph" rief jemand aus dem Publikum zurück. "Scheiße", meinte Jessica begeistert, "das ist aber ein niedlicher Hundename - also Scheiße …" Rein musikalisch war dieses Konzert nun vielleicht nicht unbedingt eine Offenbarung - rein vom Unterhaltungswert war das Ganze dann allerdings ganz großes Weird-Kino mit Einblick in die wundersame Psyche der Kunstfigur Jessica Lea Mayfield. Nun ja - zumindest für diejenigen, die dem doch sehr eigenwilligen Ereignis folgen konnten.

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Surfempfehlung:
jessicaleamayfield.com
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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