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Konzert-Bericht
 
Lustige Melancholie

Fenne Lily
Tamu Massif

Köln, Blue Shell
23.04.2018

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Fenne Lily
Eigentlich mag Fenne Lily keine Support-Acts - zumindest dann nicht, wenn sie einfach so hinzugebucht werden. Dass sie freilich den jungen Mann, der sich da Tamu Massif (nach einem gigantischen, inaktiven, submarinen Vulkan im Pazifik) nennt, erlaubte, sie auf ihrer ersten Headlinertour mit Band als Support zu begleiten, hatte einen ganz besonderen Grund: Tamu Massif war nämlich ihr erster Kontakt, als sie weiland nach Bristol zog, wo sie ihre musikalische Laufbahn im Folgenden konkretisierte. Er war es denn auch, der ihre Solo-LP "Hold On" produzierte - ja mehr noch: Sie darin bestärkte, überhaupt erst ihre Songs auf einer LP zusammenzufassen - was ein ganz schön langer Prozess wurde.
Sei es drum: Tamu Massif (der im richtigen Leben auf den banalen Namen Dave Dixon hört) nutzte die Gelegenheit, Songs seiner EPs "Alba" und "Bala" sowie erstmals auch Material, an dem er noch für seine erste LP arbeitet, vorzutragen. Das heißt: Die Bezeichnung "Songs" greift für die auralen Kleinkunstwerke, die Tamu da mit seiner Gitarre und einem komplexen Geflecht miteinander verwobener Loop-Stations, E-Pads und Computer-Samples konstruierte, fast zu kurz. Tatsache ist, dass Tamu Massif jeweils mit einem relativ simplen Grundgerüst (meist ein einfaches Gitarrenmotiv und die Lyrics) arbeitet - aus dem er mit seiner Gadget-Sammlung relativ improvisatorisch die jeweiligen Songs herausschält. Und was er da herausschält, hat es in sich. Die so entstehende Sound-Collage (in der rhythmische Bestandteile erstaunlich unterrepräsentiert sind) hört sich nämlich an wie der verstolperte Soundtrack eines mittelprächtig durchgedrehten Looney-Tunes-Cartoons - mit vielen Beeps & Clonx und eher auf Geräuschen und getweakten Samples basierend denn auf echten musikalischen Elementen. Mit Händen und Füßen traktiert Tamu Massif dabei seine Gerätschaften und schafft es nebenbei dann auch noch zu singen und Gitarre zu spielen. Das ist ganz schön beeindruckend - aber auf der anderen Seite dann auch ganz schön anstrengend. Immerhin kommt Massif als Performer ungemein sympathisch und locker rüber - auch wenn er jetzt keine besonders zündenden Sprüche auf Lager hat.
Diese - also zündende Sprüche - kommen dann überraschenderweise von Fenne Lily. Als diese im letzten Jahr erstmals solo auf unseren Bühnen stand (etwa beim Reeperbahn Festival oder im Rahmen einer Showcase Tour sogar auch in Köln), kam sie noch als der Prototyp des schüchternen kleinen Mädchens rüber, das sich auf der Bühne nicht so recht wohl zu fühlen schien. Inzwischen hat sie ihren Status als traurigste Songwriterin von Bristol wohl in dem Maße verinnerlicht, dass sie es sich leisten kann, sich und ihre Themen selbst auf die Schippe zu nehmen. "Dieses Stück habe ich geschrieben, nachdem ich mit diesem Typen ausgegangen bin, von dem ich dachte, daß er meine wahre Liebe sein könnte", erklärte sie etwa ihren Opener "Car Park", "ich hatte gedacht, er führt mich schick aus - doch dann hat er mich einfach auf einen Parkplatz eingeladen." Das ging dann im Folgenden so weiter: "Der Titel meines nächsten Songs 'Three O Nine' steht für das Datum, an dem mich mein letzter Freund verlassen hat", erklärte sie etwa, "ich überlege mir, den Song vielleicht umzubenennen, wenn er mal stirbt." Irgendwann brachte sie dann die Sache auf den Punkt: "Ich weiß nicht, ob man das heraushört, aber ich habe Schwierigkeiten, die richtigen Freunde zu finden", hielt sie inne, bevor sie den Song "Brother" intonierte, den sie dem einzigen männlichen Menschen widmete, der sie fast noch nie enttäuscht habe, "das ist aber immerhin der Grund dafür, warum ich jetzt eine Scheibe fertig habe. Ich bin aber trotzdem noch ziemlich einsam. Deswegen wäre es schön, wenn ihr nachher zum Merch-Stand kommen könntet und eine Scheibe oder ein T-Shirt kauft - dann bin ich nicht mehr einsam und ihr habt auch eine Scheibe." Auch über die Erfahrungen in Deutschland hatte Fenne Lily schon Anekdoten im Gepäck: So wisse sie jetzt, dass "Ich bin heiß" nicht bedeute, dass es einem warm sei und erklärte, dass ihr Titel "The Hand You Deal" nichts mit Handy-Verträgen zu tun habe - was deutsche Fans immer dächten, weil es sich so anhöre. Dabei wies sie noch darauf hin, dass sie es nicht empfehlen könne, einen Handy-Vertrag bei Virgin abzuschließen - wie sie selbst - da man dann in Deutschland kein Signal habe.

Im Gegensatz zur Frohnatur ihrer spontanen Zwischenansagen, wurden die eher schwermütigen Songs ihres Debütalbums "On Hold" dann allerdings mehr oder minder geschäftsmäßig abgearbeitet. Immerhin ging die Sache dann vergleichsweise druckvoll über die Bühne, aber so richtig ekstatisch wurde es einzig bei dem furiosen Finale, einer recht ausufernden Version von "For A While". Gelegentlich wechselte Fenne Lily dabei von der elektrischen zur akustischen Gitarre - vermied aber auch dabei den möglichen Eindruck einer Folksängerin - was sie ja auf keinen Fall sein möchte. Letztlich gab es dann mit "Top To Toe" auch nur eine Solo-Akustik-Nummer. "Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid", bedankte sich Fenne Lily gegen Ende der Show beim Publikum, "ich weiß das sehr zu schätzen, weil ihr es mir so ermöglicht, Musikerin sein zu dürfen und nicht etwa Sachen machen zu müssen, die mir auf die Seele scheißen. Gibt es diesen Ausdruck hier bei euch auch? Wenn nicht, könnt ihr ihn haben, denn ich habe ihn gerade erfunden."

Als Bonbon bot Fenne Lily dann selbst an, noch zwei Zugaben geben zu wollen. Und zwar ein sehr gelungenes, rockendes Cover von Angel Olsens "Unfuck The World" und einen neuen Track namens "Like This Man", den Fenne Lily für einen weiteren möglichen Boyfriend-Kandidaten geschrieben hat, der indes in weiter Ferne residiert. "Ich hoffe der Song gefällt euch", kündigte sie diesen an, "aber ich warne euch: Wenn ihr den mitfilmt, dann finde ich euch, bringe euch um, nehme euch das Handy ab und melde euch bei Virgin an - weil ihr dann hier auch kein Signal mehr bekommt." Sehr viel hinzuzufügen gibt es dem nicht - außer vielleicht, dass Fenne Lily mit dieser Show eine hübsche Überraschung als Performerin gelungen war.

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Surfempfehlung:
www.fennelily.com
www.facebook.com/fennelily
www.facebook.com/tamumassif
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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