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Hope & Anchor

Orange Blossom Special 22 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
18.05.2018

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Orange Blossom Special 22
Es gab mal Zeiten, da konnte man sich als Festivalbesucher darauf verlassen, zu Pfingsten vom Wetter zuverlässig eingewintert zu werden. Insbesondere das Beverunger Orange Blossom Special Festival stand dabei im Ruf mit Querregen, Hagelsturm und arktischen Kälteeinbrüchen für Unterhaltung jenseits des Bühnenrandes zur Verfügung zu stehen. Diese Erwartung wurde in diesem Jahr zum Glück bitter enttäuscht, denn als gegen 16:30 Uhr Tim Vantol mit seiner Band die Instrumente herauskramten, verzogen sich die bis dahin dominierenden Grauwolken an diesem Tage zum ersten Mal und die Temperaturen stiegen endlich in den zweistelligen Bereich.
Das eigentliche Motto des diesjährigen Festivals lautet "Hope & Anchor". Tim Vantol fügte indes gleich noch ein neues hinzu: "Nichts ist, wie es scheint." So zumindest einer der auf Deutsch übersetzten Songtitel des Amsterdamers - der aber dann ganz gut eben auch als Motto passte. Wie gesagt kommt Vantol aus den Niederlanden, kann sich aber durchaus selbstironisch auch auf Deutsch verständigen - etwa wenn er das Publikum animiert, bei seinen bodenständigen Pubrock-Songs mitzumachen, die er im Stile irischer Kneipenbands im Powerpop-Stil präsentiert, obwohl er doch eigentlich als Folkpop-Künstler angekündigt wurde und sich den Ruch eines konventionellen Songwriters gibt - und bei all dem die unverhohlen die schottischen Proclaimers textlich zitiert. Wie gesagt: Nichts ist, wie es scheint. Kurzum: Als klassischer Anheizer erfüllten Vantol und seine gutgelaunten Mannen (die nach eigener Aussage alles - sogar geposte Rockstar-Snapshots - teilen) die Rolle als Festival-Openers durchaus souverän; denn dass das Publikum sich gleich beim allerersten Act schwofend vor der Bühne stapelte, ist selbst beim OBS eher ungewohnt.

Weiter ging es mit den Dawn Brothers, die ebenfalls aus den Niederlanden angereist waren. Dass es dortselbst eine lange Tradition in Sachen klassischer Americana gibt (wobei dieser Musikstil unseren Nachbarn mentalitätsmäßig auf den Leib geschneidert zu sein scheint), ist ja bekannt. Es überraschte dann also nicht wirklich, dass die Jungs hier jene Art von klassischem US-Wesctoast-Sound präsentierten, dem insbesondere die überlebenden OBS-Fans der ersten Stunde bis heute als prägendem Element des inzwischen betont ekletischen Festivalprogrammes nachseufzen. Was aber dann überraschte, war wie großartig und technisch versiert die Jungs das hinbekamen. Mit exzellentem mehrstimmigen Satzgesang, originärem Vintage-Instrumentarium, einem tighten Bandsound, großartigem eigenen Songmaterial, beeindruckender handwerklicher Fähigkeiten und nicht zuletzt einer inspirierten, kraftvollen Performance überzeugten die Jungs aus Rotterdam restlos - und zwar nicht nur die weisen Altvorderen, sondern auch interessierte Nachgeborene. Beim ersten Meet & Greet beim Road Tracks-Stand baten sogar einige junge Damen zum Fototermin. Levi Vis, der Bassist der Band (einen richtigen Frontmann brauchen die Jungs nicht), verriet auch das Erfolgsgeheimnis des Dawn Brother-Sounds: Man müsse nämlich klassische historische Instrumente (wie z.B. seinen 63er Rickenbacker Bass) einfach mit modernen Verstärkern kombinieren. Das sollte sich manche Retro-Band vielleicht mal zu eigen machen - denn es funktioniert definitiv.

Als erste Pausenband auf der kleinen Festivalbühne agierte in diesem Jahr das New Wave Pop Trio Fortuna Ehrenfeld aus Köln. "Elektrobumm" nennen Martin Bechler, Jenny Thiele und Paul Weißert das, was sie da auf der Bühne mit viel Selbstironie präsentierten. Selbstironie ist auch das Stichwort, nach dem das Fortuna Ehrenfeld-Projekt ausgerichtet ist: "Fortuna Köln" ist ein Kölner Folgeliga-Club, der noch erfolgloser agiert als der 1. FC Köln und "Ehrenfeld" ist der durch das Jan Böhmermanns Tanzorchester aus Neo Magazin Royale zu internationaler Berüchtigkeit gelangter Ortsteil der Domstadt - und außerdem trat Martin Bechler bei beiden Konzerten des Tages im Schlafanzug mit krallenbewehrten Monsterpuschen auf. Die Musik des Trios ist indes für diese Verhältnisse recht konkret ausformuliert und weniger komödiantisch ausgelegt als erwartet.

Wie ja jedermann weiß, ist der Soul eine der Spielarten des klassischen Motor-City-Sounds von Detroit in Dänemark. Eine besonders funky ausgelegte Version dieser Musikrichtung präsentierte nun das um eine Bläsertruppe ergänzte Kleinorchester D/Troit aus Kopenhagen. Den urdänischen Sound interpretierten Frontmann Tove Bo und seine - teilweise wie Beamte gekleidete - Kollegen mit einer Mischung aus cooler Zurückhaltung, extrovertierter Dramatik und coolen Posen, die durch zuweilen überraschende Hüftschwünge oder Körpergrimassen angereichert schienen. Aber Moment Mal - Detroit / D/Troit / Dänemark… dass es sich bei den Jungs um anämisch weiße Nordeuropäer und nicht um schweißtriefende, inspirierte Afroamerikaner aus dem Herzen der USA handelte, war so tatsächlich gar nicht rauszuhören. Reinhard Holstein, der ursprüngliche Bühnenpartner von Rembert Stiewe (der sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Festivalbetrieb zurückziehen musste, der aber gerade diese Musikrichtung stets so geliebt hatte - und der an dieser Stelle auch recht artig gegrüßt sei) wären sicherlich die Freudentränen in die Ohren gestiegen, wenn er dabei gewesen wäre.

Skandinavische Bands haben auf dem OBS ja seit jeher einen festen Platz im Festival-Konzept. Die Göteborger Postrock-Combo EF, die schon 2003 - damals noch als Hardcore-Band - gegründet wurde, war Festival-Leiter Rembert Stiewe schon mehrfach für das OBS in den Sinn gekommen. Erst in diesem Jahr sollte es dann mit einem Auftritt klappen. Die Herren traten mit einem klaren Konzept an: Gekleidet in schwarze Hemden gebärdeten sich die fünf Herren mit drei konzertiert agierenden Gitarristen und wogenden Körperbewegungen als Gitarrenarmee, die ihre Inspiration scheinbar im maritimen Tidenhub zu sehen schien, denn die überlangen, epischen Tracks des Quintetts bauten sich jeweils von eher sachtem Geplätscher zu tosenden musikalischen Orkanen auf, die stets in einer Art perfektem Sturm gipfelten, bis die dann zum Ende hin wieder abebbten. Natürlich hatten die Jungs von den zahlreichen skandinavischen Kollegen, die zuvor schon hier aufgetreten waren, vom OBS schon gehört - und brachten dieses durch ihre eigene Begeisterung und ein Gruppenfoto von der Bühne herunter zum Ausdruck.

Was dann folgte, hatte das OBS so auch noch nicht gesehen. Bereits am späten Nachmittag war zu beobachten gewesen, dass sich zunehmend insbesondere resolute junge Damen anschickten, die Liegestühle der Senioren, die sich traditionellerweise am vordersten Bühnenrand ihre Stammplätze sichern, beiseite zu räumen und sich dortselbst heimisch einzurichten. Den ganzen Tag über hing auch so eine unbestimmte Rockstar-Energie in der Luft - etwa in Form des lautesten Soundchecks, den das Festival bislang gehört hatte, Absperrungen an Stellen, an denen niemand danach suchte, verhüllte Instrumentensammlungen, die den ganzen Tag auf der Bühne harrten, crewfremdes Sicherheitspersonal und kapuzenverhüllte Gestalten, die dem Vernehmen nach verstohlen durch den Backstagebereich mäanderten. Des Rätsels Lösung: Während andere Festivalbetreiber über die zunehmend härteren Bedingungen im Business lamentieren, hatte Rembert Stiewe einen der angesagtesten Deutschpop-Künstler, den Kaspar Casper, eingeladen, am ersten Festivaltag den Headliner zu tanzen und somit auch konstruktive Jugendarbeit zu leisten. Wohl auch, weil der langjährige Glitterhouse-Mitarbeiter Jan Korbach als Gitarrero in der Casper-Band auf der Bühne stand, geriet dieser Auftritt dann zu einem tatsächlich legendären Ereignis. Musikalisch hat sich Casper dem leicht verständlichen, extrem organisch präsentierten Kinder-Pop-Rap verschrieben. Kaum jemals hatte es in der langen OBS-Geschichte wohl einen Act gegeben, der das Publikum - zwischen frenetischen Begeisterung auf der einen Seite und blankem Entsetzen auf der anderen - dermaßen extrem zu spalten wusste. Dabei gab es an des Mannes Eignung als begeisterungsfähiger Alleinunterhalter eigentlich keine Zweifel. Stets außerhalb der Lichtkegel tanzte der Mann mit einer unbändigen Energie und Ausdauer als hyperaktiver musikalischer Hampelmann Ausdruck, titschte wie ein Flummi von einer Seite der Bühne zur anderen und sang - unterstützt von der begeisterten Hälfte des Publikums - im Dunkeln davon, dass alles erleuchtet sei. Dabei ließ er seiner Band dabei alle Freiheiten, den Fans ihr musikalisches Talent auf bemerkenswert organische Art und brutaler Lautstärke um die Ohren zu pusten - immer in Form knackig/druckvoller Powerpop-Arrangements. Das war dann ein ebenso ungewohnter wie auch irgendwie interessanter Abschluss des ersten Festivaltages - und eine Meisterleistung in Sachen konzeptioneller programmatischer Dialektik seitens der Festivalleitung. Und ob dann wohl der Überraschungsact des diesjährigen Festivals Cro heißt?

Weiter zum 2. Teil...

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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