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Schlangen, Streiks und Fallwinde

Sarah Jane Scouten

Köln, Die Lichtung
16.06.2018

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Sarah Jane Scouten
"Für alle, die etwas später gekommen sind", adressierte die Kanadierin Sarah Jane Scouten die im Verlauf ihrer erneuten Show in der Kölner Lichtung einsickerten, "ich bin Sarah Jane Scouten aus Kanada und habe gerade einen Song gesungen, den ich nicht kenne. Ich habe vor drei Tagen in Belgien geheiratet und meine Fingernägel für diesen Anlass wachsen lassen, was für eine Gitarristin gewissermaßen ein Problem darstellt. Und vielleicht ziehe ich demnächst erst mal nach Luxemburg." Im Wesentlichen fasste Sarah Jane damit ihrem momentanen Status zusammen. Nachdem sie nämlich im September - zusammen mit ihrer Band The Honky Tonk Wingmen an gleicher Stelle Werbung für ihr aktuelles Album "When The Bloom Falls From The Rose" gemacht hatte, ging es nun darum, einfach ihre momentane Lebensphase musikalisch zu untermalen.
Sichtlich gelöst, bestens aufgelegt und irgendwie auch davon beflügelt, dass ihre Mutter und ihr neuer Ehemann im Publikum saßen, stolperte sie munter von Song zu Song und von Geschichte zu Geschichte. Nicht, dass das eine immer zum anderen führte, aber unterhaltsam war das Ganze schon. Sarah Jane ist dabei musikalisch ganz verwurzelt in den Traditionen ihrer kanadischen Heimat. Wie auch auf den Tonträgern kommt die Mixtur dabei anteilig mit ca. 70% Country und 30% Folk daher. Dabei beschränkt sich Sarah Jane keineswegs darauf, die Tugenden der südlichen Nachbarn in Form von Americana-Klischees wiederzukäuen, sondern legt stets sehr viel Wert darauf, kanadische Spezifika in ihren Vortrag einzubauen. Seien es kleine Geschichten über kanadische Fallwinde wie den Chinook, kanadische Klapperschlangen (von denen sie selbst nicht wusste, dass es sie gibt - woraufhin sie aber einen Song aus der Sicht einer Schlange schrieb), oder die tragische Geschichte vom kleinen Showpony, die Sarah Jane als Hommage an ihre pferdereiche Kinderzeit auf einer kleinen Insel in der Nähe von Vancouver schrieb.
Familiengeschichten wie etwa jene, die davon handelte, dass sie im Alter von drei Jahren auf der Hochzeitsfeier ihrer Eltern erstmalig selbst heiratete (wenngleich auch eher zum Spaß), gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie eine humorige musikalische Ohrfeige für einen Verflossenen namens Paul (den sie auf einem Flug in die kanadische Wildnis komponiert hatte) oder die bittersüße Hometown-Love-Story namens "Poland", die natürlich überhaupt nicht in Polen spielt. "Ich weiß gar nicht, ob ich den Song noch kann", meinte sie, als dieser Track per Publikumswunsch eingefordert wurde. Doch so etwas hält Sarah Jane Scouten nicht davon ab, einen Song zu präsentieren. Wenn etwas nicht klappte, wurde zum Beispiel improvisiert. Als etwa gegen Ende des Sets die Gitarre dergestalt verstimmt war, dass das in der Kürze der Zeit einfach nicht mehr hinzubekommen war, stellte sie diese beiseite und präsentierte dann die Folk-Moritat "Britannia Mine" (einen Song über einen Streik in einer Mine an der kanadischen Westküste, wo Sarah her kommt) einfach als A-Cappella-Ballade. Dieser Song stammt übrigens von dem gebürtigen Iren Paddy Graber, der in der besagten Mine arbeitete und den Text auf einem irischen Folksong aufpfropfte - ein Verfahren, wie Sarah Jane erklärte, früher nicht unüblich gewesen sei, als neue Songtexte mit Referenzen auf bestehende Volkslieder in landwirtschaftlichen Almanachen veröffentlicht wurden. "Damals war das Copyright ja noch nicht erfunden", erklärte Sarah Jane hierzu. Das Interesse an möglichst obskurem Liedgut führte dann auch dazu, dass sie einen Song der von ihr geschätzten Anarcho-Kollegin Winona Wilde - den sie nach eigener Aussage (s.o.) gar nicht kannte - aufführte. Und auch wenn es darum geht, eher archaischere Musikformen wie z.B. den Ragtime oder Honky Tonk zu bemühen, ist Sarah Jane Scouten aufgrund ihres Interesses für traditionelles Liedgut des kanadischen Nordwestens nicht gerade zimperlich. Tatsächlich stellte sich diese Show am Ende als eine Art Lehrstunde über die traditionelle kanadische Musikhistorie dar. "Ist doch cool, wenn man neue Sachen lernt", meinte Sarah Jane Scouten, nachdem sie gerade erklärt hatte, wie ein Chinook in seiner Eigenschaft als Föhnwind das Leben der Menschen in der Provinz Alberta im Winter erträglich machen kann. Keine Frage: So lässt man sich musikalisch auf unterhaltsame Weise illustrierte Etymologie und Landesgeschichte dann auch gerne gefallen.

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Surfempfehlung:
www.sarahjanescouten.com
www.facebook.com/sarahjanescoutenmusic
www.youtube.com/watch?v=SZRZRPGQVnU
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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