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New York City Blues-Shmues

Popa Chubby

Köln, Kantine
23.01.2002
Popa Chubby
"Mein Bottleneck ist weg", grummelt Popa Chubby und schaut übel blinzelnd ins Auditorium, "eben beim Soundcheck war es noch da. Wer es weggenommen hat, soll es sofort wieder hergeben." So ein Quatsch! Wer würde es denn wagen, jemandem wie Popa Chubby das Bottleneck wegzunehmen? Mit ca. drei Tonnen Lebendgewicht könnte Popa doch jedermann in die Tasche stecken. Und das Bad-Boy Image kultiviert er ja auch nach Kräften. Auf der Bühne stehen zwei riesige Marshalltürme, über die er gleichzeitig spielt. Das haut ganz schön rein. Warum muß das denn so laut sein? "Weil ich ein sehr zorniger Mensch bin", meint Popa hierzu und grinst nicht mal ansatzweise, "ich will, daß die Trommelfelle der Zuhörer platzen. Ich wäre gegebenenfalls sogar in der Lage, Dich hier und jetzt zu töten, weißt Du?"
Popa Chubby
Nun ja: Es ist dann doch alles halb so schlimm. Popa bringt an diesem Abend niemanden um und findet auch das Bottleneck nicht wieder. Stattdessen greift er sich ein Kölschglas und spielt mit diesem eine grandiose Version des neuen Songs "Someone Let The Devil Out". Und im Gespräch outet sich der Mann, der jeden All-Star-Wrestler schmächtig wirken läßt, zunächst mal als Musikfan. Das kann man bereits auch aus Popa's Songauswahl auf dem letzten Album "Flashback" erkennen, auf dem er - wie auch bei seinen Konzerten - Songs aus den 60s und 70s coverte. "Das war kein ernsthaftes Album", tut er diese Geschichte ab, "wir haben hier einfach unsere Lieblingsstücke aufgenommen. Und was ist denn schon dabei, wenn wir 'Hey Joe' spielen und alle Leute mitsingen und sich gut fühlen. Das ist es doch, worauf es ankommt." Das stimmt: Gerade besagter Track reißt die Leute mächtig mit. Auch - oder vielleicht sogar wegen - einer Spiellänge von gut ¼ Stunde. Und warum müssen es ausgerechnet Songs aus den 60s und 70s sein? "Das war eine Zeit, in der der Rock'n'Roll noch jung und unverbraucht war", meint Popa hierzu. Heißt das, daß Popa die heutige Musik nicht mehr mag? "Nun, ich höre eigentlich nur Gangsta-Rap und Country. Alles, was Dr. Dre macht oder Merle Haggard. Sowas finde ich gut. Das sind klasse Sachen."

Popa Chubby selbst wird ja immer unter Blues abgeheftet. Sein neues Album heißt "I Can't See The Light Of Day" - ein Blues-Thema? "Blues-Shmues", grinst Popa, "ich werde nur deshalb immer unter Blues sortiert, weil die Leute nicht wissen, wo sie mich sonst hinstecken sollen. Auf meinem neuen Album geht es zunächst um mich. Es sind die besten Stücke drauf, die ich je geschrieben habe, und es klingt nach mir, wie kein anderes Album." Und der Titel? "Nun, die Sachen sind nach dem 11.09. entstanden", erinnert er sich, "wir wollten ja eigentlich auf Tour kommen. Da weckte mich meine Frau und meinte, die Welt ginge unter. Wir haben unsere Kinder aus der Schule geholt und ungläubig hingestarrt. Seither ist es ja eher noch weiter nach unten gegangen. Der Song 'Someone Let The Devil Out' ist über diesen Tag. Dann hatte ich um diese Zeit persönliche Probleme. Meine Frau hat mich damals behandelt wie einen Hund. Eher noch schlechter. Es ging mir so mies, daß ich wirklich kein Licht mehr sehen konnte. Und somit habe ich dann diese Songs geschrieben." Geht's denn jetzt wieder? "Ja klar, ich esse jetzt dieses Sandwich und spiele dann drei Stunden Gitarre - was kann es besseres geben?" In der Tat: Wer Popa Chubby mal live auf der Bühne gesehen hat, der weiß, daß er dort in seinem Element ist. Mit einer unglaublichen Ausdauer und Hingabe knödelt Popa seine 10-minütigen Soli ins Publikum, daß es eine reine Freude ist. Popas Publikum - eine gute Mischung aus den traditionellen Blues-Fans mittleren Alters und auch jüngeren Leuten, dankt es ihm. Und für dieses Publikum arbeitet Popa: "Die einzigen Leute, die ich respektiere, sind diejenigen, die Geld dafür bezahlen, um in meine Konzerte zu kommen, und meine Platten zu kaufen." Meint er hierzu. Daß Popa das mit dem akademischen Blues nicht so eng sieht, wie das unter Blues-Musikanten eigentlich üblich ist, wird auch auf den "New York City Blues"-Kompilationen deutlich. Diese hat Popa mit Blues Musikern aus New York eingespielt. "Ja, das sind alles meine Freunde", erklärt er, "das sind die echten Musiker. Die sind nicht Bestandteil irgendeines Marketing-Konzeptes, sondern der wahre McCoy. Leider - wie das oft ist, wenn man sowas dokumentieren will - existiert die dazugehörige Szene schon nicht mehr. Es ist vorbei. Aber das Dokument bleibt uns ja." Auf besagten CDs tummeln sich recht unterschiedliche Musikanten, die alle ihren eigenen Stil haben. Neben dem Blues gibt es Soul, Rock, Folk und sogar Songs im Stil etwa von Leonard Cohen. Wie gesagt: Blues-Shmues.

Popa Chubby
Es geht Popa immer nur um den Song, nie um den Stil. "Ich habe alle möglichen Gitarren und ich verwende sie auch alle", erklärt er seine Vorgehensweise, "aber nur aus Soundgründen. Es ist nie so, daß ich einen Song für eine bestimmte Gitarre schreibe. Der Song kommt immer zuerst, und dann tue ich, was nötig ist." Zuletzt arbeitet Popa immer alleine, denn: "Ich habe hart gearbeitet, um ein guter Songwriter zu werden. Das möchte ich dann auch kontrollieren. Ich habe eh die Erfahrung gemacht, daß, wenn ich mit anderen arbeite, immer ich die ganze Arbeit machen mußte. Dazu habe ich keine Lust mehr." Also langer Rede kurzer Sinn: Popa Chubby ist ein Songwriter, der eben auch gerne und gut Gitarre spielt, seine Einflüsse aus dem Blues bezieht, aber auch den Rock'n'Roll nicht verschmäht. Das kann man auch an diesem Abend spüren. Die Band - darunter ein Keyboarder mit echter Hammond-Orgel - bemüht immer wieder auch den Soul und den Rock, und dadurch, daß Popa selbst verschiedene Stile spielt, kommt auch kaum die sonst bei dieser Art von Ereignissen entstehende Langeweile wegen Gleichförmigkeit auf. Und trotz der schroffen Bad Boy Attitüde, die Popa immer so gerne in den Vordergrund stellt, ist er im Grunde genommen, doch ein ganz patenter Kerl.
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

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