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Konzert-Bericht
 
God Is In The House

Brian Wilson

New York, Lucille's, 42nd St.
20.08.2002
Brian Wilson
Lucille's ist der Musikclub von B.B. King, den dieser nach seiner legendären Gitarre benannte. Gelegen auf der legendären 42nd Street mitten im Herzen von New York - etwa dort, wo sich früher die legendären Jazz Clubs befunden haben, war dies also sicherlich eine würdige Location für ein Konzert des Altmeisters Brian Wilson, der auf dem Höhepunkt seines Comebacks die Gunst der Stunde nutzte, hier vor ausverkauftem Haus zu brillieren. Der Club ist auch als Grill & Bar ausgelegt - was bedeutet, dass man nicht einfach hemmungslos hereinströmen kann, sondern in der Reihenfolge des Eintreffens an Tischen plaziert wird. "Oh my God", war dann im Laufe dieser Prozedur zu vernehmen, "that's him." Und in der Tat: Da bahnte sich Gott hemdsärmelig, in Turnschuhen, die aussahen als trüge er diese seit den 60s und ein wenig unbeholfen wirkend seinen Weg durch die Menge. Es war die erste von insgesamt vier Shows, die Wilson im Lucille's geben würde (jeweils zwei an einem Abend, davon ein Mal "Songs To Make You Smile" und ein Mal "Pet Sounds" live). Das bedeutete: Die Medikation des Meisters hatte noch nicht ihre volle Wirkung entfaltet.
Lucille's
Offensichtlich gutgelaunt, wenngleich auch ein wenig zombiemäßig irrte Wilson scheinbar ziellos durch den Raum - meist liebevoll beschützt und beschirmt von seinem beeindruckend raumgreifenden Gitarristen und Arrangeur Jeffrey Foskett. Dennoch schüttelte Brian jede Hand, die sich ihm entgegenreckte, unterschrieb alles, was ihm dargeboten wurde und hielt für jedes "Me & Brian"-Foto inne, welches ihm von glückseligen Mittvierzigern und Frühfünfzigern in Hawaii-Hemdchen abgenötigt wurde. Auch wenn der Mann - wie gewohnt - dabei kaum eine Miene verzog: Irgendwie merkte man, dass sich Brian an diesem Tag besonders wohl fühlte. Glücklicherweise wirkte sich die allgemeine Gemengelage auch auf die Show aus. Wie nämlich von Ohrenzeugen zu vernehmen war, zeigten sich etwa bei der letzten "Pet Sounds"-Show doch ernsthafte Aussetzer. Nicht so bei diesem Set. Nach einem langgezogenen A-Capella-"Welcome-Song" aller 11 Musikanten (übrigens exakt demselben Line-Up wie auf seinen Live-Scheiben) brauchte Wilson nur etwa zwei Minuten, um sich in den Groove hineinzufinden - und dann gab es kein Halten mehr. Mit einem besonders straighten, ja modern polternden "California Girls" hatte die Band natürlich sofort alle Zuhörer fest im Griff. Wer nun aber gedacht hatte, Wilson werde einen bunten, bloßen Greatest-Hits-Abend präsentieren, sah sich angenehm enttäuscht. Zwar gab es auch einige respektable Beach Boys Hits zu hören - "Good Vibrations" mit dem neuen Querflöten-Part, ein besonders knackiges "Do It Again" oder das spontan angestimmte "Fun, Fun, Fun", das Brian als Rausschmeißer anstimmte. Die Kernstücke des Sets stammten jedoch - wie das Thema des Abends bereits andeutete - hauptsächlich aus der Phase nach "Pet Sounds". Mit beeindruckenden Versionen etwa von "Heroes & Villains" (ursprünglich ein Original-"Smile"-Stück, bevor es dann auf "Smiley Smile" auftauchte) oder dem komplexen "Surf's Up" stellte Wilson Anforderungen nicht nur an das Publikum, sondern auch an sich selbst: Das waren dann auch die einzigen Stücke, bei denen er den Teleprompter wirklich bemühen musste - und diese Tracks sind ja auch vertrackt und wortreich. "That's poetry in motion", kommentierte Brian einen der Tracks - und irgendwie war es das dann auch. Jedenfalls für die glückselige, aber überschaubare Zuschauermenge, die sich übrigens zum großen Teil aus kompletten Familien zusammensetzte, die hier in der Tat Zeugen eines eher außergewöhnlichen Abends wurde. "It's so hot in here", witzelte Brian dann, "why don't we melt away together?" Es folgte dann der besagte Track aus seinem unterschätzten Solo-Debüt. Ebenso wie "Your Imagination" vom zweiten Solo-Album "My Imagination". Auch die A-Capella-Passage aus "One For The Boys" (ebenfalls von "Brian Wilson") fand ihren Weg in's Set. Das machte auch Sinn, denn wenn man solch ein begnadetes Ensemble zusammen hat, muss man es auch einsetzen. Überhaupt hatte es die Band - allen voran die Wondermints - in sich. Nichts gegen die Beach Boys: Aber so tight und auf den Punkt haben diese nie musiziert. Obschon Brian den einen oder anderen Song (z.B. "Surfin' USA") als kleine Rocknummer aus den Mid-60s ankündigte: Eine Rock-Show im herkömmlichen Sinne war dies allenfalls von der Lautstärke her. Ansonsten erinnerte die Band, die die reichhaltig und vielseitig arrangierten Klassiker nahezu ohne Fehl und Tadel vortrug, eher an ein kleines Orchester. Das sah wohl auch Wilson so: Ohne auch nur einmal sein Keyboard zu bemühen, missbrauchte er dieses als Dirigentenpult und untermalte seine Songs mit entsprechend raumgreifenden und z.T. skurrilen Gesten. "Yeaahhh", brüllte er nach einem besonders gelungenen Stück, "I love New York". Das sagte zwar weiter nichts aus, verursachte aber Begeisterungstaumel. Es folgte noch die Cover Version von "Be My Baby" - ebenfalls bereits auf der Live Scheibe "At The Roxy" zu vernehmen. Dieses Mal hatte Wilson aber auch einen besonderen Grund, diesen Song zu bringen. Die Co-Autorin, Elli Greenwich, saß nämlich in der ersten Reihe und warf Brian Kusshändchen zu.
Ticket
Bei aller Routine und spieltechnischer Finesse war die Show jedoch keineswegs ein perfektes Konzert. Bei "Sail On" nervte ein minutenlanges Feedback, an anderer Stelle fiel mitten im Solo eine Gitarre aus und Missverständnisse in der Kommunikation sorgten gar dafür, dass Brian "Marcella" mitten in der Bridge ins Fade Out dirigierte. Trotzdem - oder vielleicht sogar gerade deswegen - konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, Zeuge eines legendären Ereignisses gewesen zu sein. Am besten fasste dies ein bereits angegrauter, aber umso enthusiastischer Plattenproduzent zusammen, der vor lauter Begeisterung der Bedienung bündelweise Trinkgeld zusteckte. "Ich habe Wilson schon mal hier gesehen", meinte er, "und da war es praktisch leer hier und ich dachte, es sei das letzte Mal gewesen. So etwas wie heute hätte ich niemals für möglich gehalten." Wobei das Besondere an diesem Abend nicht so sehr die Tatsache war, dass Wilson mit einem Überblick über sein gesamtes Oeuvre überzeugte, sondern dass er dieses in Bestform in überschaubarem Rahmen tat und man eben NICHT dem Eindruck erlegen war, dass man dem Mann beim Blick in den Abgrund über die Schulter schaute.
Surfempfehlung:
www.brianwilson.com
www.cabinessence.com/agladwin/wilsonring.html
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Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-


 
 

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