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Heel veel plaisir

Take Root Festival

Assen, De Smelt
05.10.2002

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Dolly Varden
Das, was dem Weserbergländer sein Orange Blossom ist, ist dem Holländer sein Take Root Festival (das dieses Jahr zum fünften Mal statt fand). Nur dass man dort - selbst im Oktober - nicht Gefahr läuft, zu erfrieren. Denn im Gegensatz zum hochgeschätzten OBS ist das Take Root Festival eine Indoor-Veranstaltung. In dem gut zu erreichenden Freizeitpark De Smelt gibt es auf insgesamt drei Bühnen ein dichtgedrängtes Programm mit 15 Acts in ca. 8 Stunden. Da muss man sich als Zuschauer schon ranhalten, wenn man alles mitbekommen will (und sich obendrein vielleicht sogar noch kulinarisch und tonträgermäßig versorgen möchte). Wie fast alle niederländischen Festivals (und OBS natürlich) ist auch Take Root hervorragend organisiert, kundenfreundlich und wie für die Musik gemacht. Take Root ist - bei aller Hektik und emsigen Professionalität - auch ein Festival zum Anfassen: Alle Acts stehen nach der Show zum Händeschütteln und Autogrammgeben bereit. Und auch das Line-Up kann sich sehen lassen. Aufgrund der eher traditionell ausgerichteten Stoßrichtung (American Roots Music) ist das natürlich keine dieser Veranstaltungen, die für jeden etwas bieten wollen, aber dennoch gab es auch für die aus dem weiten Umfeld angereisten "Fachbesucher" einige Überraschungen und Premieren.
Doch der Reihe nach. In der Haupthalle gibt es zwei sich gegenüberliegende Bühnen (mit dazwischen gelegener Getränketheke), die umschichtig betrieben werden - wodurch jegliche Umbaupausen entfallen. Ein schöner Schachzug, das. Die akustische Bühne für Singer/Songwriter befand sich in einem separaten, kleineren Raum. Dort waren dann Sitzgruppen mit Tischen plaziert - was denn nicht so eine gute Idee war, denn diese waren natürlich nach zwei Minuten vollständig besetzt, wodurch sich alle anderen Interessierten ungelenk um diese herumgruppieren mussten. Was zur Folge hatte, dass es nach hinten hin keine Sicht mehr auf's Geschehen gab. Da sich die akustischen Acts und die in der Haupthalle agierenden "richtigen" Rock-Bands zum Teil überschnitten, musste man sich hier schon entscheiden, wem man den Vorzug geben wollte. Das diesjährige Line-Up war reich an Europa-Premieren: Cindy Bullens eröffnete z.B. pünktlich um 16 Uhr das Programm. Hierzulande ist es äußerst schwer, an ihre Scheiben heranzukommen, da sie in Europa keinen offizielle Vertrieb hat. Cindy hat eine sehr zerrissene Karriere hinter sich: Mitte der 70er begann sie als Background-Sängerin bei Elton John, brachte dann '79 ihre Debüt-CD heraus, trug einige Songs zum "Grease"-Soundtrack bei, nahm dann eine Auszeit zum Kinderkriegen und begann Anfang der 90er wieder Scheiben zu veröffentlichen. Ein Schicksalsschlag kam dann mit dem Tod ihrer Tochter im Jahr 1999. Es mag sich jetzt wie ein Klischee anhören - aber all das hört man ihren Songs auch an. Da Cindy eine Songwriterin ist, die aus dem eigenen Erleben schöpft, sind ihre Stücke ziemlich tiefgründig und somit logisch - allerdings auch ein wenig sentimental. Gerade die Tracks aus ihren letzten beiden Alben (nach dem Tod ihrer Tochter entstanden) spiegeln dies wieder. Obwohl die gute Cindy ziemlich nervös war, gefiel das den Anwesenden alles recht gut. Stewboss machten in der Main-Hall ihre Sache ebenfalls ordentlich. Das Trio um Greg Sarfaty spielte besonders "tight" und brachte die eher durchschnittlich originellen Songs mit großem Eifer und Begeisterung zum Vortrag. Auch wenn sich hier nichts Neues offenbarte: Es machte Spaß und Laune - was ja auch die Aufgabe eines Openers ist.

Die Akustik-Abteilung platzte mittlerweile aus allen Nähten, weil mit Dan Bern bereits der erste Höhepunkt geboten wurde. Zunächst zurückhaltend spielte sich der wortgewaltige Meister des komischen Liedgutes zunächst durch seine Standards - so etwa von "Black Tornado" bis "Tiger Woods" - bis er dann zwei seiner nicht auf Scheibe erhältlichen Autotherapie-Songs vortrug. Die beiden Elaborate zum Thema 9-11 und Terrorismus-Panik per se trafen natürlich genau die momentane politische Stimmung und sorgten für Begeisterungsstürme - besonders als z.B. er klar machte, dass er nach der Bush Doktrin eigentlich dazu gezwungen sei, seine eigene Mutter zu denunzieren, und diese dann damit rechnen müsste, wegen unbezahlter Knöllchen als Verkehrs-Terroristin verurteilt zu werden. In der großen Halle hatten es sich dann die Baptist Generals gemütlich gemacht. Das eigenartigste Glitterhouse Duo war für die Live Auftritte zum Quartett aufgestockt worden - aber immer noch recht eigenartig. Der Conferencier kündigte die Jungs aus Denton, Texas als "Black Sheep Of American Roots Rock" an. Und das passte auch irgendwie. Mit der berühmten unstimmbaren Gitarre von Mastermind Chris Flemmons und merkwürdigen Instrumenten wie z.B. einem Gitarroon (das sind diese überproportionalen Gitarren, die die Mariachis als Bass hernehmen) schrammelten sich die Jungs durch allerlei schräges Liedgut. Was das war und wie das etwa von der Konserve abwich, können wir leider aufgrund eines bemusterungstechnischen Totalausfalls nicht sagen. Aber immerhin lief kaum jemand weg - vielleicht auch deshalb, weil LoFi- in HiFi-Qualität dargeboten (wie hier zu erleben) dann doch nicht so schräg rüberkommt. Auch im kleinen Saal waren alle noch da, als Willie P. Bennett, ein sympathischer älterer Herr, mit allerlei Effektgeräten seiner Mandoline spacige Töne entlockte und diese sogar als Mikrofon (!) missbrauchte. Als nächster Haupt-Act war Reto Burrell aus der Schweiz angesagt. Auch wenn Edgar von Blue Rose sich eigentlich geschworen hatte, es nicht mehr mit Nicht-Amerikanern zu versuchen: Dieser Reto scheint ein Glücksgriff gewesen zu sein. Kaum jemand bringt uns den Tom Petty-Stil heutzutage so nahe, wie der sympathische Brillenträger aus dem neutralen Käsestaat. Schade eigentlich, dass ausgerechnet jetzt Tom Petty selbst ein neues, gar nicht mal so schlechtes Album vorgelegt hat. Egal: Denn außer guten Popsongs schreiben kann der Reto auch recht ordentlich auf's Gaspedal treten - was auf einer großen Bühne und mit ordentlicher Technik natürlich besonders gut kommt.

In der Halle für Handgemachtes hatte sich inzwischen gespannte Erwartung breit gemacht, denn es wurde erstmalig in Europa Daniel Johnston erwartet. Dieser kam offensichtlich gleich vom Flughafen hergelaufen, denn er musste sich erst mal auf der Bühne einrichten, seine Gitarre auspacken, eine neue Saite aufziehen, Cola trinken und um Licht für seine handgekritzelten Lyrics bitten. Nachdem Daniel dann den ersten seiner seltsam schönen Songs aus dem Leben des beliebigen Außenseiters vorgetragen hatte, gab es aber jede Menge verwirrte Gesichter. Denn - das muss man wissen - Daniel Johnston kann weder singen, noch Gitarre spielen. Ein besonders erschütterter Holländer brachte es auf den Punkt: "He maat heel veel Konsternatie!" Doch davon ließ sich Johnston nicht beeindrucken (er ist ja so etwas wohl gewohnt). Ab und an zeigte er sich erfreut, dass - trotz hoher Abwanderungsquote - doch noch ein paar Leute aushielten und zog unbeirrbar sein Ding durch. Lispelnd und quäkend, mit wurstigen Fingern stets zwischen die ungestimmten Saiten rutschend und jegliches Versmaß ignorierend quälte und schrammelte er sich durch sein Ouevre. "Ich hatte diesen Traum, dass da dieser Mann zum Tode verurteilt wurde, weil er versucht hatte, Selbstmord zu begehen", sagte er zusammenhanglos zwischen zwei Songs. Daniel Johnston denkt halt anders. Trotz alledem war dies gewissermaßen ein beeindruckender Auftritt - eben weil Johnston so jenseits von Gut und Böse in einem ganz eigenen, kindlichen Kosmos agierte. Und bei alledem muss man attestieren, dass seine Songs große Klasse sind - es braucht halt nur andere Leute (wie z.B. die Eels), um sie konsumierbar vorzutragen. Daniel Johnston pur bleibt halt bei dem Level von "Caspar The Friendly Ghost" stecken. Direkt danach gab es dann - auch auf der kleinen Bühne - das totale Kontrastprogramm. Mit Dolly Varden aus Chicago betrat eine Band die Bühne, die durch komplexe, intelligente und vielschichtige Songs zu überzeugen weiß. Die Truppe um das Singer-Songwriter Ehepaar Christine Duncan und Stephen Dawson überzeugt auf CD mit entsprechend abwechslungs- und trickreich arrangierten Songkunstwerken. In Assen gab es eine leider nur abgespeckte Trio-Besetzung und die Stücke - fast ausschließlich die balladesken Tracks des aktuellen Albums "Forgiven" - glänzten durch die berückend schönen Harmoniegesänge von Christine und Steve - auch ohne fülligen Bandsound. "Jetzt wäre Zeit für den Piratenwitz", meinte Christine zwischen zwei Tracks, "aber das lassen wir lieber, weil man den nicht übersetzen kann." Aber Gaesteliste.de wäre nicht Gaesteliste.de, wenn wir uns von so etwas abspeisen ließen. Hier also exklusiv für unsere Leser der unübersetzbare Piratenwitz, den wir nach der Show der Band aus der Nase zogen. "A pirate comes into this bar and he has this steering-wheel in his crotch. Says the bartender: 'Excuse me Sir, but I couldn't help noticing that you have a steering wheel in your crotch' Says the pirate: 'Aye - and it's driving me nuts.'" Nun gut.

In der großen Halle hatte mittlerweile der Mann Platz genommen, dessentwegen die meisten der Fans gekommen sein dürften. Tony Joe White saß - alleine mit einem Drummer - auf der großen Hauptbühne uns spielte vor proppevollem Haus Songs, die alle klangen wie "Steamy Windows" (das er auch als Zugabe spielte). Aber eigentlich hatte auch niemand etwas anderes erwartet und jeder wollte auch genau das hören. Mit Standard-Blues-Rock fährt man halt am Besten (vorausgesetzt, man schafft es irgendwie, damit berühmt zu werden). Jedenfalls musste der Gute nachher mindestens eine Stunde lang Autogramme schreiben. Auf der Akustik-Bühne stand mittlerweile ein unglaublich großer, unglaublich häßlicher Songwriter in blauem Overall namens Lonesome Bob auf der Bühne und sang darüber, wie einsam das Leben doch sei, seit sein Papa verstorben sei. Das war ja wohl eher ein Witz, oder? Das musste ein Witz sein - wenn auch kein witziger. Schnell eine Runde durchs Gelände gedreht: Im Vorraum zu den Musikalien-Spektakeln gab es weitere Theken mit Atzung, Tische, an denen die Bands und Labels ihr Merchandising betreiben konnten, professionelle Tonträger-Händler aus Deutschland und Holland sowie mehrere autark arbeitende Kneipen. In der Haupthalle hatte mittlerweile die Truppe um den Kanadier Fred Eaglesmith Mühe, sich auf der Bühne zu arrangieren, wodurch es tatsächlich zur ersten und einzigen wirklichen Umbaupause kam. Immerhin hatten die Jungs aber auch jede Menge Gitarren, Mandolinen und sonstiges anzuschließen. Dieser exemplarischen Vorbereitung wurde dann ein wenig der Wind aus den Segeln genommen, als der ehemalige Blue Rose Artist dann selbst in's Licht der Scheinwerfer trat. Wenn man als Bandleader auf der Bühne am zweitbeschissensten aussieht, sollte man mal sein Konzept überdenken. Viele der Zuschauer wirkten jedenfalls glamouröser als der unscheinbare, blasse Mann, der da seinen Standard Amerikana-Rock herunternudelte und das Konzert dem kürzlich verstorbenen Mickey Newbury widmete. Doch auch das wollten die Leute hören und es wurden auch durchaus energisch Zugaben gefordert. Da mittlerweile die Zeit schon recht ordentlich vorangeschritten war (Hardpan spielten gerade auf der akustischen Bühne - hier jedoch verweisen wir auf unser ausführliches Review des Auftrittes in Bonn), war es sicherlich gut, dass man sich ein besonderes Knallbonbon bis zum Schluss aufgehoben hatte: Brent Best und seine Jungs von Slobberbone (die übrigens wie die Baptist Generals auch aus Denton, Tx kommen) rüttelten mit den Songs ihres neuen Albums "Slippage" jedenfalls die Massen wieder wach. Gleich mit dem Opener "Springfield, Il", der auf Scheibe ja ein bisserl schwerfällig rüberkommt, live aber als brausender Rock-Wirbelwind gelang, machten sie klar, wohin es gehen sollte: Mit Volldampf in die Nachtschicht. "Momentan macht es uns einfach am meisten Spaß, auf die Bühne zu gehen, und die Gitarren voll aufzudrehen", murmelte Brent noch vor dem Konzert. Mögen Slobberbone auf der neuen CD auch ein paar Gänge zurückgeschaltet haben: Live sind sie eine der momentan überzeugendsten Rock-For-Fun Kapellen überhaupt. Schweißtreibend, laut, sympathisch und ohne falsche Ehrfurcht vor irgendwelchen großen Vorbildern. Diesen wurde dann musikalisch die Referenz erwiesen, wie z.B. mit Neil Young's "Powderfinger". Und dann war es auch schon vorbei und man schaute verdutzt auf die Uhr: Acht Stunden Musik und keine Sekunde Langeweile. Das will schon was heißen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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