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Konzert-Bericht
 
Sterne sind langweilig

Jonathan Richman

Köln, Gebäude 9
24.03.2003
Jonathan Richman
Wenn es zu dieser Show eine Setlist gegeben hätte (und selbstverständlich hat es KEINE gegeben), dann hätte diese wohl aus einem einzigen langen Satz mit vielen Wörtern aus diversen Sprachen bestanden. Jonathan Richman - in der gewohnten Big Band-Besetzung mit Drummer Tommy Larkins angetreten - ist zweifelsohne ein Meister darin, seine Songs in einer fließenden, überlappenden und teilweise assoziativen Manier darzubieten, die den Zuhörer von der ersten bis zur letzten Sekunde in den Bann zieht. Dieses Set jedenfalls präsentierte der Meister als musikalisches Labyrinth, in dem er scheinbar wahllos (aber nicht ziellos) herumirrte, dicht gefolgt von seinem Rhythmus-Geber und mit etwas Abstand auch vom Publikum (zu dem - weit abgeschlagen - auch ein desorientierter Evan Dando gehörte, der sich mit ein paar Bier zuviel im Kopf vorgenommen hatte, seinen überraschenden Besuch des Konzertes für sich auf seine Art zu zelebrieren).
Richman, dem in der Vergangenheit ja des Öfteren angekreidet wurde, dass seine Scheiben zuweilen "lustlos" daherkämen, zeigte sich im ordentlich gefüllten Gebäude 9 alles andere als lustlos. Ganz im Gegenteil: Bestens gelaunt und zu jedem Spaß aufgelegt, stürzte er sich gleich ins Geschehen. Die Technik war dabei in bester Straßenmusikanten-Manier ganz auf seine Bedürfnisse ausgelegt. Was meint: Die Gitarre wurde unverstärkt über ein Mikro gespielt, was es Jonathan ermöglichte, jederzeit mit Tanzeinlagen aufzuwarten - oder aber ohne Mikro zu singen (was für die rückwärtigen Partien vielleicht von eher zweifelhaftem Vergnügen war). Tommy Larkins versah das Prozedere mit einem stoischen, aber variantenreichen Beat, wobei es aber selbst diesem gewieften Mann nicht ganz leicht fiel, den impulsiven Eingebungen seines Herrn zu folgen. Jedenfalls beobachtete er Jonathan argwöhnisch und angespannt, um nur ja keinen Stimmungs- oder Akkordwechsel zu verpassen. Dass dies dann mit Bravour gelang, spricht für sich. Jonathan spielte dann praktisch ein ca. 70-minütiges Medley, in dem immer wieder bekannte Passagen auftauchten - von "Pablo Picasso" über "Springtime In New York" vom aktuellen Album "Her Mystery Not Of High Heels And Eye Shadow" bis hin zu gelegentlich eingestreuten Riffs des nach wie vor einzigen richtigen JR-Hits "Egyptian Reggae". Daneben gab's jede Menge Fragmente, Improvisationen und Performances (Jonathan spielte dem verdutzten Publikum z.B. Farben auf der Gitarre vor) - fast schien es, als komponiere der Mann da auf der Bühne. Bei der Zugabe war das vielleicht auch so, als Jonathan nämlich eine kurze Elegie namens "Not In My Name, This Time!" zur aktuellen Situation improvisierte. Von dieser ernst gemeinte Passage einmal abgesehen war aber vorwiegend Amüsement angesagt. Dass Jonathan perfekt Spanisch spricht, wissen wir ja spätestens seit seiner CD "Te Vas a Emocionar" - dass er aber auch Französisch, Italienisch und Hebräisch beherrscht, demonstrierte er eindrucksvoll, indem er eine kleine Boy-Girl-Szene seines Songs "Give Paris One More Chance" anschaulich in den jeweiligen Sprachen vorspielte (inhaltlich der Natur, dass die Dramen der Liebe überall gleich sind). Thematisch ähnlich gelagert war der Titel "Couples Must Fight", den er zudem mit einigen deutschen Begriffen illustrierte. Hier jedoch stutzte der Meister. "Sagt mal, wenn ich ein paar Sachen auf deutsch zwischendurch sage, versteht ihr mich dann nicht, oder warum lacht ihr nicht?" (Das Publikum lacht und spendet Beifall). "Na also, ich dachte mir doch schon, dass ich sehr unterhaltsam bin." "Alles klar", ruft Evan Dando dazwischen. Letzterer machte im folgenden noch durch betont unrhythmisches Herum-Hüpfen, unmelodisches Pfeifen und lautes Klatschen auf sich aufmerksam.
Jonathan Richman & Tommy Larkins
Das Problem - wenn es denn überhaupt eines gab - lag aber wo anders: Jonathan Richman ist nämlich nicht im RTL-Sinne lustig, sondern auf intelligente Art amüsant. Selten gibt es bei seinen Songs die Gelegenheit, brüllend loszuprusten - dafür enthalten sie immer auch zu viel ernüchternden Realismus - sondern vielmehr wissend zu schmunzeln. "Wißt ihr eigentlich, warum sich die Sterne nachts immer verlieben?" fragte Jonathan z.B. mit dem Blick eines traurigen Kleiderständers, der auf einen lustigen Hut wartet, "weil sie ansonsten nichts anderes zu tun hätten als hunderttausende von Jahren am Himmel zu strahlen. Und das ist ja wohl wirklich langweilig." Jegliche Zurückhaltung aufgegeben wurde natürlich bei den Tanzeinlagen: Mal mit und mal ohne Gitarre als Damenersatz führte Jonathan hierbei die ulkigsten Verrenkungen vor, die jeder Video-Choreografie spotteten. Besonders schön geriet dies bei "I Was Dancing In A Lesbian Bar", wobei Tommy Larkins hierzu noch einen beeindruckenden Disco-Beat hinlegte (nicht schlecht angesichts seiner eher rudimentären Ausrüstung). Abgerundet wurde die Show schließlich mit einigen spanischen Songs wie z.B. "Yo Tengo Una Novia" und ein paar Rausschmeißern à la "Vampire Girls", die nicht nur Evan Dando zu Begeisterungsstürmen hinrissen. Dieses war dies sicherlich eine gute Jonathan Richman Show - auch wenn er vielleicht zu wenig Augenmerk auf die musikalische Stringenz legte. Andererseits kann man ja auch argumentieren, dass ein Live-Event auch gerade der Platz ist, um mit dem Format zu spielen. Mit Sicherheit war dieses jedenfalls eines der unterhaltsamsten Konzerte der jüngeren Musikgeschichte.
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Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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