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Konzert-Bericht
 
Die Band, die hängen bleibt

Howe Gelb
Marie Frank

Düsseldorf, Zakk
21.05.2003

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Howe Gelb
Wie eigentlich fast immer, so war Howe Gelb auch an diesem Abend wieder äußerst gut gelaunt - und demzufolge zu Späßchen aufgelegt. "Wollen wir nicht in den großen Saal rübergehen?", fragte er zum Beispiel, als er sah, dass doch recht viele Leute in den kleinen Club des Zakk geströmt waren, um ihn mit seinen neuen dänischen Freunden zu sehen. Das Problem ist, dass man nie sicher sein kann, wie ernst Howe so etwas meint. Zum Glück blieb es dann aber beim Gastspiel im eher intimen Ambiente. Auf seiner aktuellen CD, "The Listener" - "Der Zuhörer", denn nur für diese sind seine Scheiben gedacht -, ist Howe ungewöhnlich kohärent und schlüssig. Die ansonsten üblichen Frickeleien und ziellosen Fragmentierungen gibt es kaum - dafür Tracks, die man sich von vorne bis hinten anhören kann, und die zudem noch gut zueinander passen.
"Komisch nicht?", meint er selbst dazu, "ich weiß auch nicht, woran es liegt. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich ganz ohne Druck gearbeitet habe und das Album in ein paar Tagen, ja Stunden entstanden ist. Je mehr ich mich nämlich anstrenge, desto mehr verzettele ich mich scheinbar." Nun, verzetteln tat er sich im Zakk gerade nicht - wohl aber seinem Credo frönen, nämlich Musik zu machen, wie man sie ansonsten nicht kaufen kann. Auf der neuen Scheibe, die zur einen Hälfte in Arizona und zur anderen in Dänemark entstand (Howes Frau, Sofie, kommt aus Dänemark), spielten auch jene Musikanten mit, die ihn auf der aktuellen Tour begleiten. Allen voran war dies Marie Frank, die auch das Vorprogramm bestritt und die sich als so etwas wie Dänemarks blonde Antwort auf Maria Solheim entpuppte. Jedenfalls drehen sich ihre verspielten, leicht naiven - und vielleicht gerade deshalb besonders charmanten Songs - um ähnliche Themen wie bei Maria: So sang sie entrückt von ertrinkende Meerjungfrauen, falsch gepflückten Gänseblümchen oder Hunden, die unglücklich verliebt sind. Begleitet wurde sie dabei mit Mandoline und spaciger Lap-Steel Gitarre von Anders Pedersen, dem sich später, bei Howes Act dann noch Bassist Thoger Lund und Percussionist Peter Dombernowsky anschlossen. Dass diese beiden dabei so ähnlich zu Werke gehen, wie Joey Burns und John Convertino - also mit Standbass und reduziertem Schlagwerk (wobei Peter bei dieser Show gar lediglich auf einer Beatbox saß und diese mit den Händen bearbeitete), war kein Zufall. "Das war auch bei Giant Sand kein Zufall", erklärt Howe seine Soundphilosophie, "schon als ich begann, Platten zu machen, war mir das Schlagzeug immer zu laut. Ich musste da immer mit den Tontechnikern kämpfen, die immer nur an Radio-Kompatibilität denken. Daran war ich nicht interessiert. Die erste Band, bei der das Schlagzeug im Verhältnis zum Rest-Sound gut ausgepegelt war, war meines Erachtens Sonic Youth. Als ich dann John Convertino traf, hatte ich endlich einen Schlagzeugsound gefunden, der mir zusagte. Zwar nahm John diesen Sound mit nach Calexico - was ja cool ist, da es sein Sound ist - mich aber vor die Notwendigkeit stellte, einen adäquaten Ersatz zu finden. Was mir jetzt gelungen ist, denke ich. Und was den Bass betrifft: Joey ist ein wundervoller Bassist, aber er kann kein Stück straight durchspielen. Darauf hat mich John aufmerksam gemacht. Das klappt immer für zwei Drittel, und dann wird er zum Cello Spieler - wohl weil das sein erstes Instrument war. Thoger kann nun endlich einen unglaublichen Groove hinlegen - er wird auch nicht von der Melodie in Versuchung geführt. Das ist wie bei Paula Jean Brown, meiner ersten Frau - nur spielte diese ja elektrischen Bass."
Howe ist also scheinbar mit seinen neuen Musikanten glücklich. Jetzt müssen diese nur noch lernen, in gleicher Weise empathisch auf Howes skurrile Einfälle einzugehen. Thoger und Peter gelang das auch ganz gut - so gut, dass sogar Howe beeindruckt schien. Schwieriger war das schon für Marie, die ihre Probleme mit den unsteten Einsätzen, Howes eigenwilligem Timing und dem dann doch wieder zerrissenem Vortrag zurechtzukommen. Es war aber auch schwierig: Wie gewohnt wechselte Howe von der akustischen Gitarre zum Klavier und wieder zurück - immer unterbrochen von CD-Einspielungen "Ich bitte jetzt Miles Davis und Marie Frank auf die Bühne" hieß es da oder "Hat da jemand John Coltrane gedacht?" Dennoch: Immer wieder schälten sich echte Songs aus dem allgemeinen Tohuwabohu - "Wayfaring Stranger", "Nick Of Time" oder "Blue Marble Girl" z.B. (das Howe als "Blaue Murmel Frau" ankündigte) zählten zu den Höhepunkten der Show. Ausflüge ins französische oder italienische ("Napoli") rundeten dabei das Bild ab. Zum Angelpunkt der Performance gerieten jedoch "Saint Conformity" von "Confluence" sowie "Blood Orange" und "Lying There" vom neuen Album "The Listener" - alles wundervoll komplementiert von Maries Gesang, der live in seiner hingehauchten Weichheit übrigens eher an Melanie Safka als an Björk erinnert. "Howe, spiel uns was Jazz" rief jemand aus dem Publikum, der wohl die neue Scheibe bereits kannte. "Ah", meinte Howe genüsslich, "wir kommen also langsam ins mittlere Alter, was?" Dann ließ er sich aber doch dazu hinreißen, "Felonious" und "Jason's List" anzustimmen. Die Streicher kamen dabei von CD. "Das war eine lustige Sache", erinnert sich Howe, "die Strings haben wir am letzten Tag der Aufnahmen kurzfristig dazugenommen. Nick Luca [der Sound-Engineer vom Wavelab-Studio] kennt Leute, die in einem symphonischen Orchester spielen. Er kann auch Streicher-Partituren schreiben. Ich habe mir dann etwas ausgedacht, er hat es niedergeschrieben und innerhalb von ein paar Stunden war alles erledigt."

Als dann einer der Zuschauer in der ersten Reihe anfing, eine Zigarette zu rauchen, wandte Howe sich angewidert ab. "Mann, das stinkt", meinte er, "das warten wir lieber ab." Dann setzte er sich an's Piano und begann ein improvisiertes Instrumental, bei dem er begann, eine Figur immer wieder zu wiederholen, und dabei in Richtung des seelenruhig weiterpaffenden Querkopfes zu blicken. "Habt ihr schon mal eine Band gehört, die hängen geblieben ist?", fragte er dabei schmunzelnd in Anspielung auf den Hänger einer zerkratzten Analog-Scheibe. Auch wenn man einige Abstriche machen durfte - die Beleuchtungsdramaturgie z.B. war etwas sparsam angelegt (was freilich nicht an Howe lag) und mit den dänischen Musikanten hätte man sicher noch mehr machen können - bewies Howe mit seinem ungebremsten Freestyle bei Zimmerlautstärke an diesem Abend wieder mal, dass den üblichen Chart-Mist doch nun wirklich niemand braucht. Was hat Howe denn den Leuten zu sagen, die etwa den alten, rockigen Giant Sand nachtrauern? "Nun Gitarren sollten bei mir früher immer wie eine große Soundfläche, eine Art Landschaft klingen. Heute interessieren mich andere Dinge. Dazu gehört, dass ich nicht mehr so laut spielen muss. Es soll alles sparsamer klingen." Wie beim Jazz? "Immer mehr jedenfalls", stimmt Howe zu, "ich bin ein großer Fan von klassischem Jazz und hoffe, auch ein wenig dazu beitragen zu können. Aber zunächst mal arbeite ich an einem weiteren Piano Album. Dann wird's Ende des Jahres in irgendeiner Form ein neues Giant Sand Album geben. Dann wird es eine neue Blacky Ranchette Scheibe geben - das war meine erste Band -, dann veröffentliche ich meine Live-Scheiben, meine 'Down Home'-Serie, es gibt ein Album mit Outtakes - alles in allem so ungefähr acht Scheiben..." Man sieht schon: Langweilig wird's mit Howe Gelb so schnell nicht.

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Surfempfehlung:
www.giantsand.com
www.mariefrank.dk
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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