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Karawane der Liebe

Wir sind Helden
Astra Kid

Köln, E-Werk
22.09.2003

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Wir sind Helden
Also irgendwie musste man beim Betreten des ausverkauften E-Werks an die New York Dolls denken. Jedenfalls drängte sich gleichfragend der Slogan "Too Much Too Soon?" in den Vordergrund. Denn bis zu 2214 Leute (wie Judith Holofernes mehrmals verlauten ließ) drängten sich überall dort, wo keine bulligen Security Guards das untersagten. "Mein Gott seid ihr viele", begrüsste sie - ehrlich gerührt - die wogenden Masse, die eben noch das komplette Intro "Caravan Of Love" von den Housemartins mitgesungen hatte. "Das letzte Mal, als wir in Köln aufgetreten sind, haben wir noch im MTC gespielt." Dieses Konzert war ursprünglich für den Prime-Club geplant, doch wohl niemand hatte wohl vorausberechnen können, wie die Helden abgehen würden - jedenfalls war das E-Werk fast auch schon wieder zu klein. Irgendwie gab das, was der geneigte Hörer dann geboten bekam, dem ganzen Rummel aber auch mehr als recht. Es gibt viele Gründe, warum die Helden momentan schlicht und ergreifend die beste deutsche Band sind - und fast alle wurden bei dieser Show auch anschaulich illustriert.
Da, wo die Helden schon sind, wollen Astra Kid aus Datteln wohl immer noch hin - jedenfalls gaben sie sich alle Mühe, diesen Anspruch anzumelden. Mit erstaunlich viel Verve und einer stilistischen Vielseitigkeit, die den Jungs bestimmt viel "Spaß" bei der Plattenfirma beschert haben wird, stürzten sich Stefan und seine Mannen ins Geschehen. Dafür allerdings, dass dabei das Licht ausgeschaltet wurde bzw. die Band nur von hinten mit blendenden Scheinwerfern beleuchtet wurde, gab es eigentlich keinen rechten Grund - außer vielleicht dem, dass man keine ordentlichen Fotos machen konnte, weil die Herren ja "Müde, ratlos und ungekämmt" sind, wie der Name der neuen CD verkündet. Einer der Gründe, warum Astra Kid wohl nicht so groß wie die Helden sind, könnte der sein, dass sich die Band weniger subtil um die deutsche Sprache bemüht. Hier gibt es simple, plakativ vertonte pubertäre Jungendträume. Die Thematik reicht dabei von Parkplätzen in Münster über Besuche in der Indie-Disko bis hin zum Schwarzfahren. Da fehlen jedwede ironische Distanz oder gar irgendwelche philosophische Zwischentöne: What you hear is what you get. Und besonders witzig ist das gerade nicht. Anders als die Musik der Jungs. Hier gehen Musikbesessene zur Sache, die sich zwar einen eigenen Sound erarbeitet haben, dabei aber weder die ursprüngliche Begeisterung für's Musizieren abgewöhnt haben, noch das Fan-Sein: Immer wieder gibt es geschmackvolle Referenzen auf die Großen des Genres - die freilich überall herkommen, bloß nicht aus Datteln, was die Jungs ehrt. Auch wenn man kaum sehen konnte, was sie spielten: Das Astra-Set war unterhaltsam, abwechslungsreich und wesentlich erträglicher, als es der eher gebremste Zuspruch des Publikums vermuten ließ. Und natürlich wurde das neue Album heavily gefeatured, wobei besonders die oben angedeuteten Tracks und "Über Dich" überzeugten. (Wie gesagt: Zumindest musikalisch!).
Dann wurde es dunkel und das bereits erwähnte "Caravan Of Love" deutete an, worum es im Folgenden ging: Um extreme Liebesausschüttungen im Doppelpack. Gleich zu Anfang wurde deutlich, warum die Helden nicht nur eine gute, sondern auch eine relevante Band sind. Wo geringere vielleicht Ideal oder Herbert Grönemeyer gecovert hätten - weil sie diese etwa für maßgebliche deutsche Acts gehalten hätten - nahmen die Helden statt sich stattdessen Ton, Steine, Scherben vor und boten - gleich nach den ersten drei Hits von der "Reklamation" - eine zu Herzen gehende, balladeske Version von "Halt Dich an Deiner liebe fest". Aber auch mit ihrem eigenen Material wussten die Helden zu arbeiten. Das wurde nicht einfach schematisch runtergeleiert, sondern immer wieder gerne auch mal ausgedehnt, verbogen und verwurstelt. Das sah dann so aus, dass man beispielsweise einfach mal eine Strophe ohne Gesang dahinschrammelte - übrigens ohne überhaupt zu versuchen, irgendwelche Soli zu spielen. Klasse! Das ist der Geist des Rock'n'Roll! Und wenn es dann mal ein Solo gab - wie z.B. jenes von Keyboarder Jean-Michel beim "Alphamännchen" - dann musste das natürlich vollkommen Over the Top sein. (Übrigens: Wenn Jean-Michel tatsächlich mal krank ist, wäre dies durchaus ein Grund, eine Show abzusagen, liebe Oberhausener). Ansonsten gefiel noch, dass die Band durchaus auch rocken kann, wenn sie will; und das, ohne den Pop dabei doof aussehen zu lassen. Was die Hits der CD betraf: Da konnten die Helden natürlich nicht wirklich etwas falsch machen (auch dann nicht, als Judith z.B. die erste Strophe von "Müssen nur wollen" vermasselte): Die Kids sangen jeden Text mit bis die Stimmbänder aufgebraucht waren. Bei "Guten Tag" und "Rüssel an Schwanz" gab es dann kein Halten mehr - auch wenn es im E-Werk nicht wirklich irgendwelche Trampelpfade gab, denen man hätte folgen können... "Natürlich sollt ihr ausflippen und herumspringen bis ihr nicht mehr könnt", meinte Judith besorgt, als sie die ersten grünen Gesichter in der ersten Reihe erblickte, "aber vielleicht könnt ihr ja einfach vertikal hüpfen, das würde die Sache erleichtern." Schließlich erfuhr man noch, dass "Amelie" eigentlich ein Swing-Stück ist (Judith versuchte dem Publikum zu erklären, wie man zu 2014 swingen kann) und dass die Helden außer den Stücken ihrer aktuellen CD durchaus auch noch andere kennen. Neben Nicht-CD-Tracks wie etwa "Replikanten" war dies z.B. "Whole Lotta Love" von Led Zeppelin - das spaßeshalber angespielt wurde, als es darum ging, beim Publikum Liebesreserven zur Ausschüttung an die Road-Crew freizusetzen. Und ganz zum Schluss gab es als Zugabe dann noch eine ziemlich überraschende, mitreißende und scheppernde Version von "51st State" von New Model Army - ohne dass das Stück allerdings richtig angekündigt wurde (wieso gehen eigentlich immer alle davon aus, dass jeder alle Tracks von NMA kennt?). Als letzte Zugabe ("Wollen wir mal sehen, ob wir euch müde bekommen") klang dann der Abend mit "Die Nacht" ebenso liebevoll aus, wie er begonnen hatte. Fazit: Was unaffektierte Bühnenpräsenz, Spielfreude, Mut zur Lücke und allgemeinen Sympathiefaktor betrifft, sind Wir sind Helden momentan zurecht auf dem Olymp der alternativen Glückseligkeit angekommen. Ganz so, dass man die Anfangs angedachte Frage ("Too Much Too Soon?") ganz klar mit "Nein" beantworten kann.

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Surfempfehlung:
www.wirsindhelden.com
www.heldenverehrung.com
helden.hyperboy.de
www.astrakid.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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