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Gold

Orange Blossom IV Festival

Beverungen, Glitterhouse
09.06.2000
16 Horsepower
Bereits in die vierte Auflage ging das Hausfestival im firmeneigenen Garten des Glitterhouse Konzerns. Und wieder einmal unterstrich dieses Ereignis seinen Rang als herausragendes Kulturmoment. Wo sonst wohl bekommt man ein Woodstock Feeling im familiären Rahmen geboten? Vergleichsweise relaxed begann die Sache inoffiziell bereits am Freitag Abend mit der Quatsch-Combo "The Twang". Diese verwurschtelten allerlei Hits im Country-Barn-Stil a la Truck Stop. Das gefiel so gut, daß die Band am nächsten Tag nochmal spielen durfte. Dieser begann dann mit einer überzeugenden Leistung der Münsteraner Green Apple Sea, die einige neue Stücke im Gepäck hatten, die tatsächlich ein bißchen rockten. Der Höhepunkt des ersten Tages kam dann bereits um die Mittagszeit mit dem Auftritt von 16 Horsepower. Da diese noch am gleichen Tag bei Rock am Ring auftreten mußten, ging dies nicht anders. Das erwies sich als glückliche Fügung. Denn einerseits bekam man einen absolut raren 16 HP Tages-Gig zu sehen und zum Anderen war der Ansatz des "Ersatz"-Headliners, der Willard Grant Conspiracy - akustisch ohne Rhythmus Sektion - durchaus auch mal ein schöner Abschluß eines Festival-Tages.
Ramsey Midwood
Immer nur rumhotten kann man schließlich auch nicht. 16 HP überzeugten jedenfalls dadurch, daß sie von ihrer Musik überzeugt schienen. Endlich mal eine Band, die ihr Handwerk noch ernst nimmt - sehr sogar: Sänger David Eugene Edwards ließ es ich nicht nehmen, die Massen eigenhändig mehrmals zu segnen. Entsprechend inbrünstig fiel dann auch der Vortrag aus. 16 HP leben ihre Musik. Und sehen dabei noch verdammt cool aus. Dann ging es relaxed weiter mit den OBS-Veteranen Fink und Androhungen eines möglichen Woodstock-mäßigen Regengewitters. Dieses ließ sich aber noch auf den nächsten Tag umbuchen, sodaß dann der intellektuelle Teil des Nachmittages - Das Weeth Expierience, Buddy & The Hudddle und nochmal The Twang - im allgemeinen Schönwetterklang für Wohlgefallen sorgte. Gleichwohl die musikalische Kontradiktion hier doch um Toleranz warb! Dann legte sich Rockmeister Chris Burroughs ins Zeug. Im Gegensatz zur gerade abgeschlossenen Tour hatte er auf der weitläufigen Glitterhouse Bühne Platz um seine raumgreifenden, großgestigen Rock-Posen zu inszenieren. "Ich brauche das", meinte er nachher. Immerhin: Sowas gefällt dem Festivalgänger natürlich. Chris dürfte sich einige neue Freunde erspielt haben. Den krönend-besinnlich-ergreifenden Abschluß bildeten dann - wie erwähnt - die Willard Grant Conspiracy. Neue Tracks gab's nicht so viele - aber das Album kommt ja auch erst im September. Dafür durfte Stefan Prange von Green Apple Sea nochmal mit auf die Bühne und wenn Robert Fisher nicht so obercool wäre, wären ihm angesichts des sangesfreudigen Glitterhouse-Publikums bei "Home From Work" beinahe Tränen der Rührung über die Bäckchen gekullert. Dann gab's eine kurze Pause in Form einer ebensolchen Nacht.

Es muß an dieser Stelle übrigens mal erwähnt werden, daß die Musikanten - entgegen anderer Veranstaltungen dieser Art - die ganze Zeit vor Ort waren und sich mehr oder minder ungezwungen als Fans outeten. Sicher, nicht jeder ging so weit, sich wie Robert Fisher als Plattenverkäufer zu betätigen, aber näher kann man seinen Idolen eigentlich selten kommen, als bei diesem Festival. Das hat dann auch seine Schattenseiten: Beim Frühstück in einem der wenigen Hotels im malerischen Beverungen, hatte Neal Casal keine ruhige Minute, weil ihn ständig irgendwelche Fans anquasselten. Aber man macht das ja nicht zum Spaß. Der zweite (dritte) Tag begann mit einem befremdlichen Ereignis: Franz Dobler las vor. Befremdlich deshalb, weil man ja nicht ernsthaft damit rechnen kann, daß sowas tatsächlich gemacht wird. Immerhin: Es kam an. Danach durfte Ober-Sonderling Ramsey Midwood seinen urig-originären Swamp-Blues zum Besten geben. Und das paßte zu dieser Tageszeit (Mittag) erstaunlich hervorragend. Das machte echt Spaß. Auch Ramsey. (Die besten Ramsey-Stories gab's dann später von Neal Casal). Hierauf folgten H.G.H.. Das ist ein neues norgwegisches Super-Trio. (Das meint: Alle spielen auch in anderen norwegischen Bands - z.B. Motorpsycho). Es gab Low-Fi-Hillybill-Cajun-Underdog-Folk vom Feinsten. Die Jungs können spielen, haben Witz und der Sänger sieht aus wie ein lustiger Gary Oldman. Was will man mehr? Anschließend bestiegen Western Electric die Bühne. WE ist ein neues Projekt von Sid Griffin, klingt aber ganz anders. Nicht unbedingt leichtfüßig, aber interessant. Dann wurde es ernst: Regen war angesagt. Insofern fiel der nächste Act - Madrugada (wieder aus Norwegen) ein bißchen traurig aus. Das paßte aber. Denn die Mannen mögen die große Tristesse und die ebensolche Pose. Insofern kam's auch gut an. Darauf folgte Edgar's neues Lieblingskind: Eine schwitzende, stampfende, schnaufende Rocklokomotive namens "Slobberbone". Da blieb kein Auge trocken. Der Bierkonsum stieg um ca, 18,75 % und vor der Bühne wurde sogar herumgetanzt. Die Überraschung - trotz einiger technischer Probleme (Bier im Schuco-Stecker) waren sicherlich Midnight Coir (schon wieder Norweger). Diese von Chris Eckman produzierte Band etablierte sich mit grandiosen, weit ausholenden, melodischen Rock-Dramen in gesetztem Tempo als sowas wie AHA für Erwachsene. Das war wirklich schön. Dann gab's endlose Probleme mit der Technik bis schließlich Neal Casal ("so richtig schön geladen" wie der Rembert meinte) eine gepfefferte Rockshow allererster Güteklasse hinlegte. Das ist der Neal, den man bei solchen Angelegenheiten mag und schätzt. Das wars dann.

Slobberbone
Einige Worte der Kritik sollen aber dennoch erlaubt sein: Aufgrund des erheblich gestiegen Streßfaktors hatten die beiden Ober-Glitterhäusler Reinhardt und Rembert diesmal so gar keine Muße, launige Ansagen zu machen. Das traf dann doch sehr ins Herz. Und noch eines darf nicht unerwähnt bleiben: Die Bühne war ganz und gar in Gold gekleidet, welches laut Reinhardt "original von Atzteken in tagelanger Arbeit gedengelt" worden sei. Sowas sollte man nicht leichtfertig hinnehmen! Bein Stande unserer Arbeitslosigkeit hätte man vielmehr dem ortsansässigen Goldschmiedehandwerk diese Aufgabe übertragen sollen. So ist es ja kein Wunder, daß in Beverungen an jeder Straßenecke arbeitslose Goldschmiede sinnlose "Fashion-Outlets" betreiben und somit die eleganten Kombinationen aus Optiker-Laden und Pizzeria verdrängen, die zu früheren Zeiten darbenden Wanderern Kost und Labsal versprachen!
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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