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Konzert-Bericht
 
Göttliche Fügung

Rich Hopkins And The Luminarios
Reverend Schulzz

Tübingen, Sudhaus/ Köln, Underground
23.01.2004/ 10.02.2004

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Rich Hopkins
"Es ist euch ja vielleicht aufgefallen, dass die Luminarios ein wenig 'revamped' aussehen", meinte Rich Hopkins anlässlich der Vorstellung seiner Musiker beim gut besuchten Konzert im Tübinger Sudhaus. Und in der Tat: Von den alten Recken war niemand mehr mit dabei. "Ich habe die Zeit mit Mike Davis ja sehr genossen", erklärte Rich, "aber das ist jetzt vorbei. Heute bin ich erstmals der Älteste in der Band." Auf Mike Davis, seinen langjährigen Freund und Wegbegleiter, ist Rich momentan nicht so gut zu sprechen - weil dieser ihn bei seiner aktuellen Scheibe sitzen ließ, so dass dieser genötigt war, eine komplett neue Band zusammenzustellen. Die neuen Musiker ließen Rich aber nicht unbedingt alt aussehen, sondern sorgten eher für frischen Wind. Mit Drummer Jim Howell spielt Rich schon ein paar Monate zusammen, während Gitarrist Adrian Espaza (mit Hawaii-Hemdchen und Sonnenbrille) und Bassistin und Sängerin Anna Rosales (verheiratet, aber trinkfreudig) tatsächlich erst kurz vor der Tour dazugestoßen waren. Richs ursprünglich auserkorene Musiker konnten keinen Reispass bekommen und Rich sprach gar von "göttlicher Fügung" in Bezug auf seine neuen Leute.
Dass die neue Truppe noch nicht perfekt aufeinander eingespielt schien, war in dem Fall aber überhaupt kein Nachteil, sondern sorgte für spannende Momente - besonders bei Richs epischen Werken vom Schlage "Paraguay" oder "Wildhare Lordsburg Blues", die z.B. mit viel Interaktion, Jam-Session-Charakter und in den üblichen 10-Minuten-Versionen dargeboten wurden. Da Rich auch eine drohende Erkältung hatte abwenden können, stand natürlich einem knackigen Gitarrenrock Abend mit südländischem Temperament sowieso nichts im Wege. Ein Rich Hopkins Konzert ist ja immer von der aktuellen Tagesform abhängig, und diese war ziemlich gut - obwohl die Musikanten von den vielen Kameras genervt schienen, die aufgrund einer Aufzeichnung des Konzertes im Auditorium versammelt waren. Da muss man aber als Rockstar durch!

Unterstützen ließ sich Rich von seinem alten Freund, dem Reverend Schulzz aus Hanau. Der schmächtige Mann mit dem großen Herzen überzeugte zunächst mit den selbstgemachten, sentimentalen Folk-Songs von seiner Solo CD "Mayfly" und später, im Hauptprogramm, als Mundharmonika-Virtuose. "Hört euch den Reverend an", riet Rich den Leuten, "ich habe ihn wirklich verstanden, nachdem ich mir seine CD ein paar Mal angehört hatte." Was Rich meinte, war, dass man dem Reverend seine Songs wohl gerade deswegen abnimmt, weil er singt, wovon er weiß: Von seiner ehemaligen Punk-Band The Crow z.B. oder von seinem Job als Barkeeper. Da braucht es dann weiter keinen großen Firlefanz: Der Reverend ist ein ganz unterschwelliger, aber eben selbstverständlicher Songwriter, der stimmungsmäßig durchaus mit seinen Vorbildern (sagen wir mal Townes van Zandt o.ä.) mithalten kann.

Rich legte dann im Anschluss nicht unerwartet das Hauptgewicht auf die Message der neuen Songs des aktuellen Albums. Nach einer esoterisch verbrämten Einleitung in Form eines indianischen Beschwörungsgesanges spielte er dann vor allen Dingen die Stücke, die ihm thematisch besonders am Herzen lagen: Der Titeltrack der neuen Scheibe, "Ka-Ju-Tah", gab den Tenor vor: Rich als geläuterter Mensch, der eine neue Perspektive in seinem Leben und seiner Musik gefunden hat. Dazu gehören auch Songs mit einer politischen Botschaft - wie z.B. "Cardboard Box" -, die es in Richs vergangenen Leben so eigentlich nicht gegeben hatte. "Nur damit das klar ist", kündigte er seinen Song "Red White & Blue" an, dessen Titel man - wie Springsteens "Born In The USA" leicht fälschlich als Hurrah-Patriotismus missdeuten könnte - "ich bin gegen George Bush!" Neben den Eckpfeilern Hokpins'schen Selbstverständnisses - knackige Riffs, ausufernde Soli und immer öfter auch gesangliche Glanzleistungen - gab es noch ein paar Überraschungen. Die erste war dabei eher eine Panne: Gleich zu Beginn des Sets haute der lebhafte Jim Howell das Fell seiner Snare-Drum durch. Während diese dann Backstage repariert werden musste, zogen die Luminarios kurzerhand den sowieso geplanten akustischen Teil des Abends vor. Zu den Höhepunkten des Sets gehörte dann noch Anna Rosales Einlage als Lead-Sängerin. Hierfür hatte man sich den Titel "Credits Roll" ausgesucht, den Rich zusammen mit seinem Freund Steve Wynn geschrieben hatte und den dieser auf der CD auch singt. Diese Kombination kam deswegen sehr gut, weil Annas kräftiges, rauchiges Organ wie gemacht schien für diese eher ruppige Rock-Nummer. Und Rich spielte mit sichtlicher Begeisterung Rhythmus-Gitarre dazu. Überhaupt fiel auf, dass sich Rich auf der Bühne nicht mehr ungedingt als zentraler Mittelpunkt betrachtet. Ganz im Gegenteil: Er plazierte sich auf der rechten Seite, überließ Anna die zentrale Position und vor allen Dingen Adrian Espaza auch eine ordentliche Portion Soli. Was auch Sinn machte, denn Espaza ist schon ein cooler Rock'n'Roll Poser, dem das Performen sichtlich Freude bereitet.

Abgerundet wurde das Set durch einige Rich-Klassiker wie "Walk Away" oder sogar das antike "Dirt Town", so dass letztlich kaum ein Wunsch offenblieb, den man bezüglich eines Rich Hopkins Konzertes überhaupt haben kann. (Nun ja: Da er schon eine singende Bassistin dabei hatte, hätte er ja wenigstens noch "Shine" spielen können!). Da Tübingen quasi so etwas wie eine Homebase für Rich ist, überraschte es dann natürlich auch nicht, dass die ganze Band nach dem Konzert noch etwa eine Stunde lang Autogramme schreiben musste. Aber auch da muss man als Rockstar eben durch...

...ein paar Monde später in Köln...

JEDE Band, die vorwiegend aus Frauen besteht und die es wagt, sich vor ein Rich Hopkins-Publikum zu stellen und selbst fabrizierte Songs mit mehrstimmigem Harmoniegesang vorzutragen, die NICHT zu 100% ins Gitarrenrock-Schema passen, hat jedermannes Hochachtung verdient. Zwar wollten die kundigen Genrekenner vor Ort (wohl mangels Vergleichsmöglichkeiten) hier den Versuch einer Hazeldine Emulation herausgehört haben - jedoch weit gefehlt. Das, was Amnesia aus dem Ruhrgebiet hier machten, war ein öffentlicher Beitrag zur musikalischen Selbstfindung. Zwar wackelte das Ganze ein wenig (was auch kein Wunder war: Der Drummer musste kurzfristig für den erkrankten Kollegen einspringen) und von Perfektion oder schnöder Routine gab es keine Spur: Die Musik von Amnesia aber hat durchaus ein gewisses Eigenleben, Potential und die Songs sind auch nicht von schlechten Eltern. Rich Hopkins gefiel es jedenfalls: Er umarmte jede der Damen persönlich, um sich für den gelungenen Support-Act zu bedanken. (Nun, das hätte er vermutlich auch getan, wenn sie gar nicht gespielt hätten...)

Nachdem die aktuelle Tour, über deren Auftakt wir ja bereits berichteten, nun zu zwei Dritteln vorbei ist, waren die neuen Luminarios auch besser aufeinander eingespielt. Die nervöse Spannung der Anfangphase war einer routinierten Begeisterung gewichen, und so machte es durchaus Sinn, dass Rich die Show mit einem akustischen Set begann. Nach der immer noch gewöhnungsbedürftigen Einleitung des indianischen Beschwörungsgesanges zu Sitarmusik (?) ging es dann mit Songs von neuen Album los: "Red White & Blue" oder "Lights Of Asuncion" kamen so relaxt und treffend rüber ohne jemanden großartig zu fordern. "My Little Girl" geriet unerklärlich zu einer akustischen Jam Session und der eigentliche Hard-Rock-Titel "Touch You Girl" - ein "unanständiges Lied", wie Rich es nannte, passte eigentlich am Besten in das enstpannte Ambiente. Natürlich wäre aber Rich kein Rich, wenn er es dabei belassen hätte. Und so griff er sich seine elektrische Gitarre und legte los, so gut das die an diesem Tag pausenlos rutschenden Gurte eben zuließen. Obwohl eigentlich immer noch alle viel Spaß hatten, wirkte Rich bei dieser Show doch ziemlich ernsthaft und legte Wert darauf, seine sozialkritischen Tracks wie "Cardboard-Box" (heuer mindestens 10 Minuten zu lang) oder "San Felipe Blues" in den Vordergrund zu stellen. Dafür verzichtete er bezeichnenderweise auf seinen Erleuchtungs-Song "Ka-Ju-Tah". Gitarrist Aaron Esparza hatte sich im Laufe der Tour offensichtlich eingepost und verzichtete auf Gimmicks jedweder Art. Bassistin Anna Rosales war besonders gut bei Stimme und grölte nicht nur "Credit's Roll" erfolgreich in die Gegend, sondern so manchen anderen Track auch noch. Die besonderen Überraschungen hatte sich Rich für den Schluss aufgehoben. Zunächst gab's den Titel "Keep On" der obskuren deutschen Beat-Gruppe The Petards (diesen Track hatten Rich und die Band in Tübingen noch zögerlich beim Soundcheck ausprobiert) und schließlich bat Rich anlässlich der Zugaben seinen alten Freund, den Ausnahmegitarristen Roger Schaffrath auf die Bühne. Der Mann, der in Köln so etwas wie eine Gitarren-Legende sein könnte, wenn er nicht seinen Lebensunterhalt mit anonymen Auftragsarbeiten verdiente, war eigens im orangeroten VW Bus aus Deutz angereist, packte seine handliche Slide-Gitarre aus und dann jammten die insgesamt drei Gitarristen zum "Wildhare Lordsburg Blues" und "Dirt Town" was das Zeug hielt. Wir haben es ja schon öfter angemerkt: Wenn Rich sich einen Slide-Gitarristen leistet - besonders einen solchen wie Roger Schaffrath -, dann funktioniert das gitarrige Miteinander eigentlich mit am Besten. Das fanden auch die anderen Musikanten und so verstand man sich dann gar prächtig und lange. Dennoch waren nachher aus dem Auditorium wieder Bemerkungen zu hören, das sei aber alles zu kurz gewesen. Leute: Auch Blue Rose Künstler müssen mal schlafen! Außerdem war Rich zufrieden: Er war glücklich mit der Show, seiner Musik und seiner Band und meinte, dass ihm dieses Konzert sogar besser gefallen habe als das voluminösere in Tübingen. Und die meisten im Publikum werden ihm wohl auch zugestimmt haben.

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Surfempfehlung:
www.richhopkins.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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