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Konzert-Bericht
 
Sozialer Druck

Orange Blossom Special 8 - 2. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
30.05.2004

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Orange Blossom Special 8
Am Sonntag Mittag ging's dann erst mal mit sozialem Druck weiter: Wie immer hatten sich einige gymnastisch wagemutige Besucher auf den Container hinter dem imperialistischen Schutzwall, der das Festivalgelände umgibt, gesetzt. Rembert erklärte nun, dass - wenn dort jemand reinfiele und beispielsweise bautechnisch verwertet würde, er als Veranstalter dafür verantwortlich sei, das nächste OBS in Frage stünde und man doch bitte sozialen Druck auf die entsprechenden Personen ausüben möchte. Woraufhin ein spontaner, nicht ganz ernst gemeinter und auch erfolgloser Beschwerderegen auf die betreffenden Personen niederprasselte.
Pat MacDonald hingegen hatte ganz andere Probleme: Für ihn, als Vollblutmusiker von Welt, ist natürlich Sonntag Mittag eher Samstag Nacht. Und so kokettierte er dann mit seiner Grummeligkeit: "Good Morning", knarzte er drohend, als er sich übertrieben ächzend auf seinem Hocker niederließ, "ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele Kameras gesehen." Damit spielte er auf die Aktiven von Deutschlands am besten dokumentierten Festival an, die die Bühne umringt hatten. "Seid ihr denn gut drauf?", fragte er dann, "ich bin Morgens nämlich immer ein Arschloch." Dann machte er noch eine Anspielung auf Savoy Grand, deren Auftritt er am Abend vorher verfolgt hatte: "Ihr seid also gestern bei der letzten Band dabei gewesen und immer noch hier? Hm. Welche Drogen ihr auch immer nehmt: Teilt sie mit den anderen!" Das war aber weniger ernst gemeint, als es hätte sein können: Pat MacDonald ist halt nun mal jemand, der gerne mit seinem Publikum redet. Er hatte sich auf der Bühne ein Kickboard aufbauen lassen und machte hiervon ausgiebig Gebrauch (anders als Jackie Leven am Tag zuvor, der meinte, dass so was besser uninteressant klingen solle, da ansonsten das Publikum auszurasten drohe). Dazu spielte er eine schnarrende, elektrisch verstärkte akustische Gitarre, was der Sache eine ganz schön rauhe Schale verpasste. Später auf diese Situation angesprochen, meinte er, dass ihm das schon ganz schön surreal vorgekommen sei, am hellichten Tage bei strahlendem Sonnenschein zu spielen. Da sei eine Prise Rock'n'Roll für alle wohl die beste Lösung gewesen. Zunächst gab's einige MacDonald-Klassiker vom Typus "To Track You Down" bis er sich schließlich daran erinnerte, dass er ja gerade eine CD mit Cover-Versionen von Depeche Mode eingespielt habe, und das es sicher besser wäre, davon auch etwas zu spielen - z.B. "Stripped", was das ganze Projekt erst mit losgetreten hatte. Wer dabei in Pats Gesicht blickte, der erkannte jene Furchen, die Songs wie die seinen überhaupt erst möglich machen. Der Mann hat nun wirklich so ziemlich alles erlebt, was ein rock'n'rollender Troubadour überhaupt nur erleben kann. Unter anderem auch das Zerbrechen seiner ersten Ehe und damit des Timbuk 3 Projektes. Schließlich bat er seine neue Frau, Katherine, auf die Bühne, die er über alles liebe, wie er noch mal festhielt (und später dadurch demonstrierte, dass er sich keine Sekunde von ihr trennte) und bat diese, ein paar Background-Vocals beizusteuern. Katherine war bereits allgemein durch ihre defizitäre Körperfülle aufgefallen: "Dünner geht's ja wohl nicht", meinte Reinhard trocken zu dem Thema. Doch Rock'n'Roll hat ja zum Glück nichts mit dick sein zu tun und letztlich war Pats Act dann auch genau das richtige, um einen weiteren erfolgreichen Tag einzuläuten. Nachdem sein Set fertig war, spielte ein verschmitzter Tontechniker "Personal Jesus" in der Version von Depeche Mode und auch die von Johnny Cash. "Ich bin froh, dass ich das Stück nicht selber gespielt habe", meinte Pat dazu, "aber wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich noch meine Version von 'Ring Of Fire' zum Schluss gespielt."

Weiter ging es mit der nächsten Lektion von Remberts andauernden musikalischen Erziehungsprogramm. Anstatt einfach einen Neil Young nach dem anderen auftreten zu lassen, legt der Mann ja Wert darauf, dem OBS-Publikum generationenübergreifend auch immer die Musik junger Leute nahezubringen. Lampshade aus Dänemark erwiesen sich dabei als die Entdeckung des diesjährigen Festivals und verwirrten die trotzdem begeisterten Fans mit einem musikalischen Getöse etwa zwischen Björk, Sonic Youth und Muse - mit einer Prise Grunge, aber auch mit Trompete und Glockenspiel. Dreh- und Angelpunkt war hierbei sicherlich die liebliche Rebekkamaria, die mit ihren engelsgleich hingehauchten Elfen-Vocals sogar den hartgesottenen John Parker schmunzelnd dahinschmelzen ließ. Dazu tobten der Bassist und musikalische Direktor Johannes Andersson und seine Mannen auf der Bühne herum, als gelte es, ein mitteleuropäisches Land zu erobern. Dazu streckte er dem Publikum die Zunge heraus. Ja, Lampshade sind schon etwas anders als andere - das stellte auch Rembert fest, als er nachher Backstage mit der Band über eine mögliche Glitterhouse Zugehörigkeit verhandelte: Nicht nur, dass die Band von der Insel Odense stammt, dem Geburtsort von Hans Christian Anders, und sich eine befestigte Bühne für die o.a. sportlichen Betätigungen im technischen Rider erbeten hatten - nein, die jungen Musiker machen ihr Artwork und ihre Infos-Sheets selber, arbeiten in Kunstbuchhandlungen oder als Booker, studieren Rechtswissenschaften und Krebsheilkunde und werden von einem dänischen Modehaus gesponsert. Wenn man mal eine Prognose wagen möchte: Das muss einfach das nächste dicke Ding werden. Rebekkamaria und ihre Jungs mussten ergo nachher auch ca. 1/2 Stunde lang ihre CD "Because Trees Can Fly" verkaufen und signieren. Wollen wir mal hoffen, dass man sich auch einig wird.

Danach kam es, wie es kommen musste: Auf seine unnachahmliche Art legte Neal Casal wieder einmal einen seiner perfekten Solo-Auftritte hin. Da braucht man nicht mehr viel zu erzählen: So nonchalant, sympathisch und souverän wie er kann schließlich kaum jemand das Publikum um den kleinen Finger wickeln. Ganz egal, ob er dabei Klassiker, brandneue Stücke ("Death Of A Dream") oder Coverversionen spielte (Tat er das eigentlich?). Schade eigentlich, dass seine neue, akustische CD (mit Cover-Versionen), "Return In Kind", dagegen fast ein wenig langweilig und vorhersehbar klingt. Egal: Im Glitterhouse-Garten und in Damenherzen ist Neal Casal jedenfalls stets der King!

Danach spielte dann endlich Neil Young. Es war zwar ein wenig seltsam, dass der Mann so stark ergraut war, offensichtlich mit holländischem Akzent redete, sich Ad Vanderveen nannte und scheinbar nur unbekannte Stücke spielte - das machte aber nichts. Aber mal Spaß beiseite: Ad Vanderveen ist sicherlich ein begnadeter Gitarrist und Songwriter und kann ja gewiss nichts dafür, dass seine Stimme zuweilen nach dem großen Kanadier klingt - aber dass er beim spielen sogar dieselben Gesten drauf hat, wie das angestrebte Vorbild, ist dann doch schon auffällig. "Was soll er denn machen?", fragte Edgar, "er ist nun halt mal so." Da hat er natürlich auch wieder recht und dem Publikum war es sowieso lieb, denn es feierte den Mann als gäbe es die Resentments, die später auftreten sollten, gar nicht. Zugaben gab's trotzdem nicht, denn es musste ja noch ein wenig erzogen werden...

Es folgte dann nämlich ein weiterer Act, der musikalisch eigentlich recht wenig einzusortieren ist. Transmissionary Six - das Projekt um den ex-Willard Grant Conspiracy-Gitarristen Paul Austin, dessen Ehegattin, die Walkabouts-Drummerin Terry Moeller und Gitarrist Maz Morsink hat sich im Laufe der Zeit heimlich still und leise einen ganz eigenen Stil erarbeitet. Mit Terry als Chanteuse (und höchst experimentierfreudige Mundharmonikaspielerin) und ganz ohne Drummer gelang es den Dreien, eine doch ziemlich beeindruckende musikalische Szenerie aufzubauen, die sich von Track zu Track - auch lautstärkenmäßig - ständig steigerte. Maßgeblichen Anteil daran hatte wohl das Material der kommenden neuen Scheibe "Get Down", das doch über die eher zaghaften Versuche auf den ersten beiden Tonträgern hinausging. Zuguterletzt knapste Maz Pauls Gitarrensaiten mit einer Kneifzange durch. Ganz so schlimm war es ja nun doch nicht. Nachher verriet uns Paul noch, dass sie gerade eine Cover-Version von Steve Wynns "Lay Of The Land" für das Tribute-Album "From A Man Of Mysteries" eingespielt hatten, auf die er ganz besonders stolz sei.

Was dann folgte, war für viele sicherlich der Höhepunkt des Festivals. Austins spielfreudigste Wohnzimmerband The Resentments hatten endlich den Weg auch in deutsche Lande gefunden. Das paritätisch besetzte Songwriter-Quartett mit Drummer baute sich sitzenderweise am Rande der Bühne auf und dann ging's los. Eine dermaßen perfekte, harmonisch abgestimmte und getimte, und doch aus dem Ärmel geschüttelte Rock'n'Roll-Show hatte es wohl schon lange nicht mehr gegeben. Dabei wechselten sich die vier hauptamtlichen Protagonisten - von denen außer durch Jud "Scrappy" Newcombs expressiv psychedelische Sonnenbrille eigentlich keinerlei optische Reize ausgingen - an den Lead-Vocals ab und es gab einen bunten Reigen potentieller Hits aus allen möglichen stilistischen Kategorien, die immer wieder von brillanten musikalischen Einlagen (besonders John Dee Grahams schneidende Steel Gitarre muss hier lobend erwähnt werden) abgerundet wurden. Und so tierisch hatte man schon lange keine sitzende Band mehr grooven sehen! Das Publikum war wieder mal begeistert und stimmte bei Grahams Hymne, dem OBS-Klassiker "Big Sweet Life", grölend mit ein.

Bevor dann Big Bang aus Norwegen sich ins Zeug legen durften, wurde die ganze Glitterhouse-Mannschaft auf die Bühne geholt, vorgestellt und mit stehenden Ovationen gefeiert. So was sieht man auf anderen Festivals auch eher selten. Und auch wenn es vorher kaum jemand für möglich gehalten hätte: Big Bang setzten anschließend noch mal eins drauf. Das, was Oystein Greni und seine Kumpels da nämlich auf der Bühne abbrannten, trieb sogar hartgesottenen Veteranen die Freudentränen in die Augen (vom wohl eigens angereisten Fanclub einmal ganz abgesehen). Obwohl der momentane Stammdrummer, "Wikinger" Olaf Olson, gar nicht dabei war und durch den ursprünglichen Trommler Karim Sayed vertreten wurde (der bei allen möglichen norwegischen Acts von St. Thomas über Salvatore und Madrugada bis hin zu A-ha bereits mal mitgemischt hatte), spielte das Trio, als ginge es um ihr Leben. Egal ob es dabei um die bekannteren Stücke des Erfolgsalbums "Front Side Rock'n'Roll" ging oder um ausgezeichnete neue Tracks wie "Fly Like A Butterfly, Sting Like A Bee": So energetisch und charmant hat den gitarrenorientierten 70s Rock schon lange niemand mehr für sich neu entdeckt. "Normalerweise wird es ja schnell langweilig, wenn die Bands einen Rocker nach dem anderen raushauen", meinte Pat MacDonald nachher anerkennend, "die haben aber was!" Das fand auch Reinhard, der sich Oystein nachher in die Arme nahm und meinte, dass dies das Beste sei, was er in der langen Geschichte der an tollen Momenten ja gewiss nicht armen Geschichte des OBS je gesehen habe. Kleine Anekdote am Rande: Oystein hatte es geschafft, zwei seiner Gitarren auf die Terrasse zu schleppen, bevor John Parker dieses Tun unterbinden konnte ("Wir haben da unser eigenes System") und den Rest der Instrumente durch den Keller auf die Bühne trug. Eine dieser Gitarren - eine 64er Gibson Firebird, wie Oystein nicht ohne Stolz erklärte - hatte eine merkwürdige Einkerbung am Korpus. Diese erklärte sich dann im Folgenden dadurch, dass Oystein bei einem Solo in diese Gitarre hineinbiss und selbige mit dem Kopf nach oben riss. Das nennt man wohl auch "Frontside Rock'n'Roll".

Während sich dann Timesbold - die selbsternannt unprofessionellste Band des Tour-Zirkus - für ihren Auftritt bereit machten (was ganz schön aufwendig war, denn sie hatten sperriges Gerät wie z.B. Kontrabass und eine Harfe dabei) - erklärte Neal Casal noch, dass es gesünder sei, stoned als etwa besoffen Auto zu fahren. Das könne er ohne weiteres sagen, da seine Mutter und seine Schwester schon mal den Führerschein verloren habe, ihm hingegen aber noch nichts dergleichen passiert sei. Jason Merritt und seine Jungs waren dann wohl endlich mal eine Band auch im Sinne des Nachbarn. "Wir können einfach nicht lauter", meinte der sympathische Songwriter aus Brooklyn, der sein Orchester dann in zuweilen unsteter, "unprofessioneller", aber immer sympathischer Manier durch die Meisterwerke z.B. der letzten CD "Eye Eye" steuerte. Zwar hätte man - ehrlich gesagt - auf die Harfe auch verzichten können, aber cool aussehen tat es allemal. Einen Szenenapplaus gab es dann, als eine Gitarre gegen einen Mikroständer knallte und Jason vor Lachen einen Song abbrechen musste. "Da sind wir wohl noch tiefer in den Graben gerutscht", meinte er, "aber es ist schön hier."

Fazit: Wettertechnisch, organisatorisch und musikalische Höhepunkte betreffend, setzte dieses OBS beispiellose Maßstäbe. Nur das mit dem Witze erzählen war dieses Mal ein Schuss in den Ofen...


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www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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