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Konzert-Bericht
 
Jazzology im Zeichen der Kehre

Franz Kasper

Düsseldorf, Coffy
28.10.2004

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Franz Kasper
Das Café Coffy in Düsseldorf ist einer jener Läden, in dem - nachdem die Pizzakartons des Musikantenabendmahls beiseite geräumt sind - gleich doppelt so viele Gäste Platz finden wie vorher. Nicht eigentlich die besten Voraussetzungen also, für eine an diesem Abend doch immerhin fünfköpfige Band, einen gelungenen Konzertabend hinzulegen. Dennoch geriet die Show von Franz Kasper & The Violin Violence dann doch zu einem - zwar eher intimen - aber doch eher beeindruckenden Ereignis. Schauten sich die Musiker um den jugendlichen Virtuosen zu Beginn ihrer Karriere beim Spielen zuweilen noch ungläubig an - ganz so, als glaubten sie nicht so recht daran, was da eigentlich abging - so ist davon heute nichts mehr zu spüren. Die zunehmend internationaler werdende Truppe von Franz - neben Stehgeiger Radek Stawarz aus Krakau bedient auf dieser Tour erstmals Kees van Zomeren aus Holland den Bass - ist heutzutage eine gut geölte, perfekt abgestimmte Maschinerie, in der sich offensichtlich alle pudelwohl fühlen und jegliche etwa mögliche Unsicherheit schlicht nicht aufkommt.
So schien Maestro Kasper geradezu darauf zu lauern, dass sich angesichts der Unzahl von hochkomplexen fünfsiebzehntel Triolen und fünffach gedoppelter reziproker Zwölfton-Septimen, die Franzens Kompositionen bevölkern, etwa jemand verspielen möge. Doch nichts da: Eine tightere, punktgenauere Performance wäre schlicht kaum möglich gewesen. Inhaltlich wurden vornehmlich die Tracks des neuen, dritten Albums "Don't Forget To Say No, Baby" geboten, das dieser Tage erscheint. Wer nun etwa gehofft hatte, dass der o.a. Titel ein etwas relaxteres, kommerzielleres Krönig-Album verheißt, der wurde schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Offensichtlich hat Franz hier sein Psychologiestudium vertont. Davon künden Titel wie "Rock'n'Roll vs. Martin Heidegger", "Pathopsychological Thing" oder "Girl". (Heidegger ist natürlich nicht der ehemalige Drummer von Spliff, sondern ein Philosoph, der die Frage des Seins erörterte und der - siehe Titel - seine Art des Umdenkens als "die Kehre" bezeichnete) Franz, das merkt man, hat viel im Kopf. Und das muss alles rein in seine Songs. Obwohl er alle drei Minuten einen Song komponiert, der den Begriff "Rock'n'Roll" im Titel führt, ist seine Musik alles andere als das. Auf der neuen Scheibe (wie auch bei dem Konzert) greift er zwar wieder zur Gitarre, scheint diese jedoch nach wie vor eher als notwendiges Übel zu sehen, um z.B. Cover-Versionen wie "Dancing In The Moonlight" von Thin Lizzy möglichst elegant umsetzen zu können. So fiel z.B. dem Gitarristen Kasper beim genannten Heidegger-Song ein Solo aus dem Ärmel, hinter dem sich z.B. auch diesbezügliche Spezialisten wie Steve Vai gar nicht hätten verstecken zu brauchen - danach stellte er sein Instrument aber eher verschämt wieder in die Ecke. (Wofür es keinen Grund gibt: Kasper spielt souveräner Gitarre als mancher Gitarrengott) Aber der Rock'n'Roll passiert eben hier nur am Rande. Worum es Franz zu gehen scheint, ist eine möglichst vollständige Verquickung all seiner Einflüsse und Ideen in - so scheint es - möglichst komplizierten Gesamtkunstwerken. Der Bogen - auch bei dieser Show - reichte dabei mühelos vom Jazz über die Klassik bis hin zur Folklore. (Was nicht böse gemeint ist, sondern lediglich ausdrücken soll, dass Radek zuweilen echtes Zigeunerblut getankt zu haben schien) Dabei schoss die Mannschaft zuweilen aber ein wenig über das Ziel hinaus: Ist es z.B. wirklich notwendig, wie bei einem Jazz-Konzert, pausenlos Soli einzustreuen (bei den neuen Tracks merkwürdigerweise oft schon nach der ersten Strophe)? Manchmal hätte man sich in der Tat einen kurzen Rausschmeißer gewünscht, der in drei Minuten auf dem Punkt kommt - ohne bis zu 12 Rhythmus-, Tonlagen und Stimmungswechsel oder Drumsoli. Es ist ja schließlich so, dass man den Musikern das, was sie spielen, auch so ohne weiteres glaubt.

Noch etwas fiel auf: Franz hält langsame Songs - oder Songpassagen - für Schnulzen. Deswegen gibt es bis heute eigentlich keine Franz Kasper-Ballade, die diesen Namen ohne rot zu werden tragen dürfte. Soviel zur Kritik. Dazu sollte allerdings unbedingt noch erwähnt werden, dass dieses das Publikum überhaupt nicht anfocht. Ganz im Gegenteil: Teilweise wurde sogar trotz o.a. snobistischer Überheblichkeiten des Rezensenten getanzt - was wiederum zeigt, dass Franz & Co. durchaus auf dem richtigen Weg sind. Immerhin hat sich Franz ja nicht auf die Fahnen geschrieben, möglichst die primitivsten Instinkte anzusprechen, sondern durchaus neben dem Bauch auch den Geist zu bedienen. Fazit: Dieses Konzert zeigte Franz Kasper & The Violin Violence - an diesem Abend sogar ohne Cellist de Rigeur Sebastian Ruin - zweifelsohne auf dem Höhepunkt ihres spielerischen Vermögens. Jetzt müssen sie nur noch lernen, wenigstens ab und an mal einfach loszulassen und auch einmal einen Witz mit ihrer Musik zu machen. (Also im Gegensatz zu witziger Musik mit Mandolinenukelele z.B., wie sie immer noch zum Abschluss gegeben wird)

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Surfempfehlung:
www.franzkasper.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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