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No Strings Attached

The Delgados
Cass McCombs

Köln, Gebäude 9
05.12.2004

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The Delgados
Nun, so ganz stimmt der Titel dieser Story dann doch nicht: Die beiden halbamtlichen Tour-Keyboarder der wackeren Schottenband spielten bei einigen Tracks Violine bzw. Cello. Aber die generellen Streicherzeiten bei den Delgados sind momentan erst mal passé. In den Interviews zur aktuellen Scheibe "Universal Audio" wird als Grund dafür angeführt, dass sich die vier Delgados von den mittlerweile zur Routine gewordenen "Streichereinheiten" beim Songwriting sogar eher behindert fühlten. Der daraus resultierende "Back To The Roots"-Ansatz und die damit verbundene Konzentration auf den bloßen Song als solchen passt natürlich ganz hervorragend zur Live-Präsentation der Band - die damit wieder einen Schritt kräftiger, lauter und kompakter geriet als z.B. zur "The Great Eastern" Tour. (Wir erinnern uns: Eine Deutschland-Tour zum "Hate"-Album fiel ja aus - nicht der Band wegen, wie Bassist und Sprachrohr Stewart Henderson beim Konzert noch mal ausdrücklich festhielt.)
Doch der Reihe nach: Eröffnen durfte die Show Cass McCombs und seine Band aus London. McCombs selbst stammt aus Portland und lebte lange Zeit in New York - hat damit musikalisch aber überhaupt nix am Hut. Denn dass der Mann englische Musik über alles liebt, ließ sich nicht nur daran erkennen, dass er beim Soundcheck "Running Up That Hill" von Kate Bush sang, sondern auch mehr oder minder deutlich an seiner eigenen Musik. McCombs veröffentlicht Anfang nächsten Jahres ein Album namens "Prefection" (not sic!), das musikalisch einen ganzen, lauten, polternden Schritt weiter geht, als etwa das eher besinnlich-songwriterische Debüt "A". Doch auch dieses Material konnte nur unvollständig auf das vorbereiten, was den Zuhörer im Live-Kontext erwartete. Als McCombs - der als Bühnenperson mindestens genauso verschlossen und schüchtern rüberkommt wie im wirklichen Leben - den zweiten Track, "Subtraction", ankündigte, meinte Kollege Wohlfeld scherzhaft, das müsse doch eigentlich "Submission" heißen, weil nämlich der stolpernde, treibende, laute, schrammelige, von torkelnden Synthie-Sounds unterstützte Ansatz der Cass McCombs Band ziemlich deutlich an Joy Division erinnerte. Und dabei hatte Carsten noch nicht mal den Soundcheck mitbekommen, in dem die Jungs gar mittels wahrlich epischer, instrumentale Space-Opera-Jams in eher psychedelische 80s Gefilde abdrifteten. So schlimm wurde es beim Konzert dann doch nicht. Unter anderem wohl deshalb, weil es ziemlich kurz war und McCombs dem Publikum so bloß einen Appetithappen in Form einiger ausgesuchter Tracks hinwerfen konnte. Darunter "Sacred Heart", der heimliche Hit der kommenden Scheibe, der etwa von den Smiths auch nicht besser hätte formuliert werden können oder "Aids In Africa", bei dem McCombs' Fähigkeit, als Songwriter mit ungewöhnlichen Melodien oder Harmonien aufzuwarten, zumindest erahnt werden konnten. Doch machen wir uns nichts vor: Live ist die Cass McCombs Band zunächst und vor allem eine ruppige Rock-Truppe. Auch wenn z.B. ein durch unzählige Effekt-Pedale verfremdeter Synthie und gar eine Conga zum Einsatz kamen. Übrigens konnte bei dieser Show aufgrund der aufwendigen Delgados Technik kein Kanal für einen Hall-Effekt mehr freigemacht werden - worunter Cass ziemlich litt, da er meint, Hall auf der Stimme zu brauchen, um sein Selbstbewusstsein aufzupolstern. Vielleicht kam er deswegen heuer besonders introvertiert rüber: Oft mit dem Rücken zum Publikum agierend und stets mit geschlossenen Augen singend. Dafür überzeugte er aber zumindest als interessanter, eigenwilliger Gitarrist, der nicht mit einem Plektrum, aber dennoch sehr rhythmisch betont agiert. Die Entdeckung der elektrischen Gitarre als Leitinstrument ist übrigens auch der Grund für den energischen Auftritt von Cass & Co. Unter dem Strich war dies jedenfalls kein schlechter Einstieg für die dann folgende Delgados Show.

Wirkten die Musikanten beim Soundcheck noch angespannt und verkniffen, so hatte sich das beim Konzert wieder gelöst. Offensichtlich gut gelaunt stürzte sich die Band mit dem Album-Opener "I Fought The Angels" gleich kopfüber ins Programm. Dieses sah aber nicht bloß ein Abarbeiten des aktuellen Werkes vor, sondern sorgte mit gezielten Rückgriffen auf die Frühzeit (z.B. dem fast punkigen "Arcane Model" von "Peloton") und einigen akustischen Einlagen (die daher rührten, dass Drummer Paul Savage trotz seines Namens relativ gesittet - bzw. z.T. gar nicht - spielen musste, da er an einen entzündeten Arm laborierte) für Abwechslung. Außerdem wurde auch gleich die "Hate"-Tour nachgeholt. Abwechslung gab es dann auch durch die ungemein lustigen Unterhaltungen auf und Kommentare von der Bühne. So erzählte Stewart z.B. die unglaubliche Geschichte vom ersten Köln-Besuch der Delgados, bei dem der Fahrer des Busses mehrere Ampelanlagen beschädigt hatte, aus dem Gefängnis freigekauft werden musste und einen Schaden von 30 000 Euro verursacht hatte. Anschließend beschwerte er sich wieder mal darüber, dass wir Deutschen ja angeblich David Hasselhoff so sehr mögen (was ein beliebter Vorwurf angelsächsischer Musiker ist). Woraufhin Emma Pollock dann einräumte, dass sie das KITT-Auto aus der Serie Knight Rider doch sehr möge und wenn jemand im Publikum dessen Stimme nachmachen könne, sie doch bitte darauf ansprechen möge. Und schließlich entspann sich noch ein Diskurs über eine "leichtfertige Annäherung an die internationalen politischen Gegebenheiten", wie Alun Woodward Emmas Generalabrechnung mit der amerikanischen Kultur nannte, in der sie eigentlich nur anführte, dass sie doch Europa ganz nett fände mit seinen Kathedralen, seinem Brot, seinem Käse und seinem Bier - alles Dinge, die in den USA eben von zweifelhafter Qualität seien, wie sie auf der soeben zuende gegangenen US-Tour noch einmal festgestellt habe.

Musikalisch gab's einen ziemlich ausgewogenen und auch nahezu perfekten Streifzug durch das vielschichtige Delgados Soundwunderland. Die Streicher vermisste man jedenfalls nicht wirklich. Dafür gab's nämlich wunderschöne Harmoniegesänge von Alun und Emma, die verstärkt durch die Beiträge der anderen zuweilen in wahre Beach Boys-Sphären abdrifteten. Mal allen Ernstes: Warum wird denn das auf den Scheiben nicht mehr gefeatured? Wenn man "Universal Audio" ja etwas vorwerfen möchte (was nicht unbedingt notwendig ist), dann vielleicht, dass hier der Gesang (besonders der von Alun) ein wenig unenthusiastischer als üblich 'rüberkommt. Nix davon im Live Kontext: Hier wurden die Vocals mit mindestens derselben Inbrunst und Verve dargeboten, mit der Emma etwa ihre Gitarre und Stewart seinen Bass attackieren. Bestes, weil intensivstes Beispiel hierfür war vielleicht das eher lyrische "Come Undone", bei dem Alun bei Keyboarder Alan aushalf, während Emma als Solo-Vokalistin brillierte. Und natürlich "Girls Of Valour" mit den besagten Beach Boys Harmonien. "Ich habe gehört, dass einige Leute noch den Zug nach Hause erwischen müssen", merkte Stewart dann noch an - wohl auf diesbezügliche Beschwerden auf der Website der Band und den doch relativ verschleppten Konzertanfang in London anspielend, "da müssen wir unsere Stücke wohl schneller spielen." Natürlich taten sie das nicht. Lauter vielleicht, aber nicht wirklich schneller. Wenn es um überzeugende Live-Auftritte geht, sind die Delgados nach wie vor eine sichere Nummer - auch wenn dies mit ewig langen Soundchecks erkauft werden muss ("Das sind absolute Perfektionisten", meinte Cass McCombs, der ziemlich lange auf seinen eigenen Soundcheck warten musste). Ganz so perfekt sind aber auch absolute Perfektionisten nicht. Als "Accused Of Stealing" auf der Setlist stand, überlegten Emma und Alun, von welcher Scheibe das denn nun sei und einigten sich schließlich auf "The Great Eastern" - Emma meinte noch abschließend: "But I can never be trusted in these matters." Gerade solche Spirenzchen machen aber die Delgados auch zu einer äußerst sympathischen, menschelnden Erscheinung auf der Bühne. Wer ein Delgados Konzert besucht, kommt also auf jeden Fall nach wie vor auf seine Kosten. Versprochen.

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Surfempfehlung:
www.delgados.co.uk
www.chemikal.co.uk/artist/the_delgados.html
www.4ad.com/artists/cassmccombs/
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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