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Konzert-Bericht
 
New Weird America

Joanna Newsom
Alasdair Roberts/ Six Organs Of Admittance

München, Ampere
07.04.2005

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Joanna Newsom
München hat einen neuen Club. Das Ampere, in einer kleinen Halle des alten Muffatwerks angesiedelt, überzeugt mit hippem Streifendesign, hohem Dachgebälk und locker gruppierter Sitzkubusbestuhlung. In diesem ästhetisch fast perfekten Setting tritt eine junge Frau auf die niedrige Bühne. Angetan mit einem engen, armfreien roten Top mit Fransenbesatz an den Schultern und einem weiten roten Blümchenrock, zusammengehalten von einem breiten Ledergürtel mit gigantischer Schnalle, stellt sie sich, statt an ihrer Konzertharfe Platz zu nehmen, am Bühnenrand auf und blickt einige Momente neugierig und zugleich herausfordernd ins Auditorium. Für einen Augenblick ist alles in der Schwebe, das Publikum hüllt sich in erwartungsvolles Schweigen. Dann beginnt Joanna Newsom mit ausladender Geste kräftig in die Hände zu klatschen und dazu mit leicht quäkender Stimme und aus voller Kehle ein absurdes kleines Liedchen anzustimmen - "Yarn And Glue", von einer der bisher nur inoffiziell veröffentlichten CDRs der jungen Künstlerin aus Nevada City.
Bevor mit dieser eigentümlichen Performance der Hauptteil des Konzertabends beginnen sollte, waren aber zunächst die beiden Briten Alasdair Roberts und Six Organs Of Admittance an der Reihe. Beide trugen einige ihrer Folksongs an der Stahlsaitengitarre vor, beide mit viel technischem Können und einem eher traditionellen Ansatz folgend. Sehr hübsch und durchweg sympathisch, aber auch einigermaßen irreführend für den weiteren Verlauf des Abends, denn Joanna Newsom ist höchstens auf den allerersten Blick im Diskurs der traditionellen Volksmusik zuhause. Natürlich hat sie dort ihre Wurzeln, stilistisch und inhaltlich sind ihre Songs, wie sie selbst konstatiert, aber meilenweit vom Common Ground der Altvorderen entfernt. "This is an old song / these are old blues / and this is not my tune / but it's mine to use." heißt es in "Sadie", einem der vielen Highlights ihres aktuellen Albums "The Milk-Eyed Mender". Und wenn man eine Weile zuhört, will man auch nichts mehr von Neo- oder Antifolk hören. Denn die klassischen Songwriting-Ansätze konterkariert Newsom mit interessanten rhythmischen Verschiebungen und harmonischen Seltsamkeiten. Die Texte sind voller hermetischer Absurditäten und ironischer Dadaismen oder,wenn man möchte, voller esoterischer Weisheiten.

Ein Redakteur der BBC hat dafür das Label "New Weird America" kreiert und mit ihm eine neue musikalische Bewegung behauptet. Mit ihrem Labelmate Devendra Banhart lässt sich Joanna auf jeden Fall gut und gerne in eine Schublade stecken. Beide zeichnen sich durch überbordende kindlich-unbefangene Kreativität und ihre eigenwilligen Singstimmen aus, die an die 60er Jahre-Phänomene Tiny Tim bzw. Melanie erinnern. Überhaupt ist das Folk-Revival dieser Epoche der wohl wichtigste musikalisch Bezugs- und Ausgangspunkt der beiden.

Joanna spielt seit ihrem achten Lebensjahr Harfe und hat am Mills College Center for Contemporary Music Komposition studiert und das merkt man ihren Songs auch an, die für U-Musik vergleichsweise komplex sind. In den letzten drei Jahren hat sie neben der regulären Veröffentlichung bei Drag City noch zwei CDRs mit Songs aufgenommen und an diesem Abend gibt sie jede Menge unveröffentlichtes Material zum Besten. Die Interpretationen sind live durchweg weniger krass als die Aufnahmen, aber das örtliche Publikum ist ohnehin derart ergeben, dass Joanna keine Überzeugungsarbeit leisten muss, im Gegenteil. Selbst als ihre Sandkastenfreundin Arielle mit ihrer Querflöte dazukommt und ein paar Songs mit nervlich belastenden, weil unsauber geblasenen und teils falsch intonierten Melodien versieht, wird niemand unruhig.

Das Publikum frisst ihr aus der Hand und Joanna greift rund eineinhalb Stunden beherzt und virtuos in die Saiten. Ansagen gibt es kaum, stattdessen immer wider dieses breite, in sich ruhende Lächeln, wenn sie einen Schluck aus der Wasserflasche nimmt, an ihrer Harfe ein paar Pedale verstellt oder sich auf dem zusammengerollten roten Samtvorhang auf ihrem Stuhl zurechtsetzt. Dann tosender Applaus gefolgt von einer einzigen Zugabe, der Singleauskopplung des aktuellen Albums. Dann ist Joanna Newsom verschwunden und man fragt sich, was an ihr eigentlich genau das beeindruckende ist. Auf jeden Fall hat sie etwas märchenhaftes oder außerirdisches an sich und unter ihrem dichten Haarschopf verbergen sich mit Sicherheit spitz zulaufende Ohren.

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Surfempfehlung:
www.dragcity.com/bands/newsom.html
www.alasdairroberts.com
www.sixorgansofadmittance.com
Text: -Dirk Ducar-
Foto: -Dirk Ducar-


 
 

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