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Nie so gut wie heute

Dinosaur Jr.

London, Kentish Town Forum
08.06.2005/ 09.06.2005
Dinosaur Jr.
Vor 16 Jahren verkündeten Gitarrist Joseph "J" Mascis und Drummer Murph bei einem unangekündigten Besuch in Lou Barlows Küche, dass sich ihre Band Dinosaur Jr. aufgelöst hätte... Dabei formierte sich die Band gleich am Folgetag wieder neu, allerdings ohne Lou, dafür mit Donna Dresch (später bei Team Dresch) am Bass! Was war geschehen? Das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Persönlichkeiten gipfelte nicht selten in gegenseitigen Psychoterror und dazu kam eine allgemeine Kommunikationsunfähigkeit, die es J unmöglich machte, mit Lou zusammen zu arbeiten.
Kurz darauf verklagte Lou seinen Ex-Dinosaur-Kumpan J wegen unterlassener Tantiemenzahlungen von einigen 1000 Dollar. Es folgten eine Reihe böser persönlicher Anschuldigungen aus allen Richtungen und niemand hätte wohl je damit gerechnet, dass diese drei Wegbereiter des 80er-US-Undergrounds jemals wieder zusammen spielen würden. Aber nachdem sich J und Lou in letzter Zeit immer wieder "zufällig" bei Konzerten des jeweils anderen getroffen hatten, fand man sich Ende 2002 in London bei einen Konzert der Stooges-Coverband von J und Mike Watt gemeinsam auf der Bühne wieder, als Lou unangekündigt die Vocals für "I Wanna Be Your Dog" übernahm. Vergangenes Jahr gab es dann in Northampton bei einem von Lous Mutter Louise Barlow organisierten Benefiz-Festival eine weitere musikalische Annäherung, als die zwei ihre erste gemeinsame Band Deep Wound spontan für eine Ein-Song-Reunion wieder belebten. Gleichzeitig kündigte das US Label Merge Records den Re-Release von Dinosaurs ersten drei Alben an, und langsam kam - nicht nur bei den Fans, sondern auch bei der Band selbst - der Wunsch auf, wieder zusammen zu spielen. Also machte man sich auf die Suche nach Dinosaur-Drummer Patrick "Murph" Murphy. Den fand man, wenn die Gerüchte stimmen, in einem Rehazentrum, wo er sich von seinen Drogenproblemen erholen wollte.

Nachdem einige organisatorische und finanzielle Fragen geklärt wurden (J beansprucht für diese Reunion 50% der Gagen, Drummer Murph und Bassist Lou dürfen sich die anderen 50% teilen), wurde einige Tage lang in Lous Heim in L.A. geprobt, gleich ein TV Auftritt in der Late Late Show und ein Probegig in L.A.s Spaceland Club gespielt, bevor es für eine Woche nach Europa ging. Dabei standen auch gleich zwei Abende hintereinander in London auf dem Programm. Rund 4000 Zuschauer kamen an diesen beiden Juni-Tagen ins wunderschöne Kentish Town Forum in London und feierten mit ihren und ihre Helden.

In den typischen, von späteren Dinosaur-Plattencovern her bekannten Farben Giftgrün und Violett getaucht, betreten drei Herren mittleren Alters unscheinbar die Bühne, als ob sie niemanden etwas beweisen müssten, greifen nach ihren Instrumenten und legen los. Aber wie. Gleich der erste Song des Sets, "Gargoyle" (vom 1985er Debut), fliegt einem regelrecht um die Ohren, dass es nur so knallt. Lou Barlow (38) am Bass, der vor kurzem noch auf Solo-Euro-"Emoh" - Tour seine ruhigen, zerbrechlichen Folknummern mit sanfter Stimme dargeboten hat, schreit sich nunmehr regelrecht die Stimmbänder aus dem Hals, und das an diesem Abend gleich bei einigen Nummern. Drummer Murph, mit seinen 40 Jahren das älteste Bandmitglied, prügelt dermaßen heftig auf sein Set ein, dass bereits zu Beginn der Show seine kaputten Drumsticks durch die Gegend fliegen. J Mascis (39), der in seiner Adidas-Jacke wie eine Kreuzung aus Froschkönig und Magier im Taucheranzug aussieht, fegt wie ein Wirbelsturm über die Bühne und spielt dermaßen leidenschaftlich, als ob er jahrelang darauf gewartet hätte, endlich wieder mit dieser Band spielen zu können.

Vom Hass und Misstrauen früher Tage ist bei diesen Konzerten überhaupt NICHTS zu spüren. Ganz im Gegenteil: Murph und Lou kommunizieren das ganze Set über, reden zwischen den Songs immer wieder miteinander, machen Scherze mit dem Publikum (Lou: "Hey, jemand hat mit einem Bier nach mir geworfen... ist das etwas, das man bei Rock-Shows so macht, mit Bierbechern werfen? Ja? OK, hehe... "), werfen sich musikalisch die Bälle zu und bilden einen dynamischen Soundteppich, auf dem sich J bedenkenlos in seine Gitarrenstratosphäre katapultieren kann. Zwar werden Klassiker wie "Raisans" und "The Lung" etwas gedehnt, so dass sich J ein wenig auf der Gitarre austoben kann, aber abenteuerlich lange Gitarrensoli gibt es an beiden Konzertabenden nicht, dazu ist das frühere Material der ersten drei Alben zu sehr an seine ungewöhnlichen Songschemata gebunden, aber die Dynamik stimmt einfach. Der Sound ist dicht, sobald J zur Gitarrensoloexkursion übergeht, schließen Murph und Lou mit ihrer Rhythmuseinheit die Lücken, die sonst wohl nur ein zweiter Gitarrist ausfüllen kann. Dabei klingt die Band sehr rau und ungeschliffen, was auch darauf liegen kann, dass die Band bewusst auf das gleiche Equipment zurückgreift, welches sie bereits um 1989 benutzt hatte: Lou borgte sich seinen alten original "Dinosaur" Rickenbacker Bass plus Verstärker, die er nach seinem Dinosaur-Split 1989 an einen Freund abgegeben hatte, und J organisierte für Schlagzeuger Murph via eBay (!!!) ein Gretsch Drumset, genau so eines wie Murph es damals schon benutzt hatte.

Die Band spielt an diesen beiden Abenden alles in Grund und Boden. Als "Folk-Metal" hat Lou Barlow einmal versucht ihre Musik zu umschreiben, was die Sache ziemlich auf den Punkt bringt: Die Instrumente werden derart aggressiv bearbeitet, dass schon nach kurzer Zeit das Equipment dran glauben muss: Murph verballert gleich mehrere Paar Trommelstöcke, Lou zerstört beinahe seinen Bass, und als J eine Saite reißt, wechselt er mitten im Song die Gitarren, was beim Publikum ziemlich verblüffte Gesichter hinterlässt. Hier zeigt sich dann zwar wieder die klassische "Uns ist alles egal"-Mentalität, welche der Band schon immer nachgesagt wurde, was aber wiederum Ausdruck dafür ist, dass es sich hier um kein kalkuliertes Reunion-Getue auf Hochglanz handelt, sondern vielmehr beweist, wie ehrlich diese Band sich selbst geblieben ist (obwohl Geld bei dieser Reunion sicherlich auch eine nicht unwichtige Rolle spielt...).

Wer Post-80er Nummern wie "The Wagon", "Out There" oder "Feel The Pain" erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht, aber es gilt, die Re-Releases der ersten drei Dinosaur-Alben zu promoten, deren Kraft in einem Live-Kontext auf der Bühne zu verdeutlichen, und: sich selbst zu feiern. So bestehen die Sets ausschließlich aus Material der Alben "Dinosaur" und "You're Living All Over Me", gepaart mit einigen wenigen Nummer von "Bug", einem Album, an dem J Mascis nach eigener Aussage bis heute zu knacken hat, da es zu einem Zeitpunkt aufgenommen wurde, an dem sich J und Lou bereits völlig zerstritten hatten.

Davon ist Gottseidank nunmehr nichts zu spüren, vielmehr kann man in Js Gesicht einen Hauch von Besorgnis erkennen, als sich Lou beim Soundmann über den Bühnenmix beklagt, der ihm das Singen erschwert, so als ob J zu Lou sagen wollte "Hey, das mit dem Sound kriegen wir schon hin, ich will, dass du eine gute Zeit hast...". "Dies ist das erste Mal, dass ich diesen Song überhaupt live spiele..." - so kündigt Lou den Klassiker "Little Fury Things" an, bei dem man J und Lou ZUSAMMEN singen sehen (und hören) kann, wie so oft an diesem Abend. "Forget The Swan", "In A Jar", "Bulbs Of Passion", "Does It Float", auf viele dieser Songs musste J jahrelang verzichten, da er dabei immer auf Lous Stimme angewiesen war. Endlich, so scheint es, kann er sie wieder live spielen, was u.a. ein Grund für seine sichtbare Spielfreude sein muss! Teilweise ist J für das Publikum gar nicht mehr zu sehen, so spielt er, wie auch sein (nach eigener Aussage) "kleiner Bruder" Lou am Bass, auf dem Boden knieend, sein Gesicht von seiner silbergraue Haarpracht verdeckt. Hin und wieder kommt auch das alte dynamische Chaos früher Live-Shows auf, wie z.B. als bei "Tarpit" gegen Ende Bass und Schlagzeug in bester Sonic Youth-Freeform-Manier aus dem Songschema ausbrechen und J einen Moment lang nur noch die Grundakkorde schrubbt. Am Ende des eigentlichen Sets wird mit "Sludgefeast" der wohl heftigste Dinosaur-Song ever dargeboten, welcher in einen Jam übergeht, bei dem minutenlang über ein monumentales Monster-Riff improvisiert wird. Grandios!

Zum Schluss gibt es neben dem The Cure-Cover "Just Like Heaven" und dem obligatorischen "Freak Scene" mit "Mountain Man" und "Does It Float" zwei von Lou "gesungene" Nummern, bei der die Hardcore-Roots gepaart mit den 60s-Rock Einflüssen der Band am besten zum Vorschein kommen. "Thanks a lot" - viel mehr sagt J an beiden Abenden wirklich nicht. Das Reden überlässt er da lieber dem Lou: "Here we are. Although we do not know how to show our appreciation sometimes, we do, very much, appreciate it."

Konnte man bei frühen Konzerten vermuten, das man sich auf der Bühne gegenseitig musikalisch auszulöschen versucht, präsentieren sich Dinosaur Jr. 2005 als Einheit von drei äußerst unterschiedlichen Persönlichkeiten, die mittlerweile wissen, wie man musikalisch aufeinander zugeht und bemerkt haben, wie wichtig jeder Einzelne ist, die Energie aufzubringen, um diese einzigartige Musik zu kreieren. Noch nie waren Dinosaur live so gut wie heute. Bleibt abzuwarten, ob aus der Reunion eine dauerhafte Einheit wird... Bis 2006, so heißt es, sei man bereits für Konzerte gebucht... Sie dürfen gerne wiederkommen!

Surfempfehlung:
www.dinosaurjr.com
Text: -Karsten Sten Bert Siebert-
Foto: -Bob Berg-

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