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Berlin und weltweit

Live 8

Berlin, Straße des 17. Juni
02.07.2005

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Live 8
Es gibt nur soviele Musikereignisse mit Ewigkeitsfaktor. Da war Woodstock, da war das Concert for Bangladesh, da war Tribute to Freddy (...) und natürlich Live Aid. Und jetzt Live 8, nicht mehr gleichzeitig auf nur zwei Kontinenten (wie 1985 bei Live Aid), sondern weltweit mehr oder weniger gleichzeitig in zehn Städten auf vier Kontinenten. Da sollte man dabei sein. Spätestens zwei Wochen vor dem Live 8-Ereignis läuft auf BBC eine Reportage über Live Aid. Am 13. Juli 1985 organisierte Bob Geldof das weltweit aufsehenerregendste Konzert seiner Zeit und sammelte über 50 Millionen Dollar. Damals waren es 60 Künstler vom Schlage eines David Bowie, Paul McCartney, Sting, U2, Mick Jagger, Inxs, Queen, Elton John, etc. etc. Geldof wollte die erfolgreichsten Acts seiner Zeit, um soviel Geld wie möglich für die Hungernden in Afrika zu sammeln. Erinnerungen kamen zurück. Damals war London oder Philadelphia weit, und die meisten Künstler kannte ein kleiner Junge noch gar nicht. Aber jetzt, in Berlin, just around the corner, die Möglichkeit dabei zu sein.
Etwa 160 Künstler sollen auf zehn Bühnen in London, Moskau, Johannisburg, Tokio, (wieder) Philadelphia, Rom, Paris, Berlin, Barrie und Eden im britischen Cornwall eine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die selbst die Eröffnung der Olympischen Spiele in den Schatten stellt. 1985 steckte die Satellitenübertragung ja noch in den Kinderschuhen, aber heute ist das pippifax und so will man durch zahlreiche Konferenzen die Venues immer wieder zusammenschalten. Geldof will, dass auf dem demnächst stattfindenden Gipfel der G8-Staaten die Schulden Afrikas erlassen werden und weitere Hilfsprogramme gestartet werden.

Dieser Anfangstext entsteht am Morgen des Ereignisses. In Tokio ist das Ereignis wegen der Zeitverschiebung schon durch. Etwa 10.000 Zuschauer sahen in einer halb gefüllten Arena Björk, Good Charlotte und einige japanische Acts. Ein lauer Auftakt, aber da kommt ja noch so einiges. So werden in Berlin zum Beispiel Brian Wilson, Crosby Stills and Nash, A-ha, und Roxy Music erwartet. Dazwischen jedoch auch die Söhne Mannheims, Michael Mittermaier oder BAP. Auf Radio 1 der BBC kündigen sie das Berlin-Line-Up an und halten sich lange am Namen BAP auf. Besonders lustig empfinden sie die Opener Die Toten Hosen: "Do you know what the translation service says: The name means The Dead Trousers or", und jetzt wird der Moderator mystisch: "Trousers of Death!". Ach, und Witze können die Jungs in England reißen, haben sie doch das Power-Line-Up im Londoner Hyde Park: Paul McCartney wird das Ereignis mit Bono "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band" singend eröffnen. Dann gibt es natürlich U2, Annie Lennox, Coldplay, Elton John, Keane, Madonna, Pink Floyd (!!!), R.E.M., Robbie Williams, Sting, Travis, UB40 und The Who. Wir werden daran denken, wenn Chris de Burgh gegen 17 Uhr seinen Ferryman gibt.

Und den hat er dann auch gegeben. Doch die leicht abfällige Bemerkung ihm gegenüber war unfair. Natürlich ist er nicht Bono, aber er war ehrlich affektiert und ganz im Dienste der Sache, spielte auch noch "The Lady In Red" und der Tiergarten schunkelte fröhlich. Aber kurz ein paar Minuten zurückgespult, und wir befinden uns auf dem Berliner Hansaplatz. Fünf Gehminuten nördlich der Siegessäule, wo der Berliner Beitrag der Demonstration stattfand. Dort sah es ganz festivaltypisch aus: Junge Menschen mit Bier- und Weinflaschen wankten auf der Suche nach einem Klo oder den Freunden umher und von fern konnte man dumpf die ersten Schlagzeuggeräusche vernehmen. In einem Café sitzen Anwohner und schimpfen über Berlins Oberbürgermeister Wowereit, der sich nicht sonderlich für das Festival einsetzte und so mitverantwortlich war, dass das Konzert auf einer Straße stattfinden musste. Einige Musiker werden Bürgers Unmut im nachhinein noch bestätigen. Aufgrund dieses Geländemankos entschied sich Gaesteliste.de nämlich das Feld nicht von hinten aufzurollen, sondern von der Seite, kurz vor der Bühne einzusteigen. Sich durch 100.000 Menschen durchzuschleusen drängte sich nicht unbedingt auf.

Guter Plan, aber je näher man der Bühne kam, umso mehr Besucher drängten sich schon um das nahe Gewässer und belagerten die weiten Wiesen des Tiergartens. Da wo der Park an die Straße des 17. Juni angrenzt, und wo das Konzert stattfand, ist der Spielort mit Gitterzäunen halbwegs abgesperrt. Aber man kommt trotzdem durch, um jedoch gleich bewegungsunfähig am Rand, in der Menschenmasse festzustecken, in der man weder etwas sehen, noch besonders gut hören kann. Green Day sind gerade auf der Bühne und spielen "We Are The Champions" von Queen. Na, wenn man schon mal so eine Masse vor sich hat... Wie sich später herausstellt, sind das über 200.000 Leute. Und die sind nach vorne hin recht ausgelassen, trotz des Platzmangels. Da sich aber kein Fortschritt mehr machen lässt, scheint der Rückzug sinnvoller. Zurück in den Park, zwanzig Meter zurückgelaufen, und wieder in den Schlauch der Menge. Hier stehen die ersten Videoleinwände, die allerdings auf den Sound von der Bühne bauen, den man hier jedoch kaum hört. Juli entert die Bühne, das Publikum mag sie. Nochmal einige Meter weiter hinten gibt es Leinwand und Lautsprecher, die gleichzeitig vernehmbar sind. Grins - nur leider nicht synchron. Das Bild ist etwa drei Sekunden früher da als der Ton. Was für ein Genuss!

Nach einigen Verzögerungen im Programmablauf hat Brian Wilson immer noch nicht gespielt, die Atmosphäre ist hinten nicht besonders prickelnd, unterer Festivaldurchschnitt, und die Zeitverzögerung auf den Bildschirmen ist nicht zu ertragen. So will Gaesteliste.de das Londoner Finale nicht erleben, das für acht Uhr abends angesetzt ist und nun zeitlich naht. Der Fernseher scheint die bessere Alternative. Zudem ist der Sound über Internet auf den AOL-Seiten klasse. Also, wieder zurück. Berlin selbst ignoriert das Ereignis. Aus keinem Fenster hört man lautstark die Schallwellen der Künstler. Alles normal.

Zuhause, im Internet, beginnt dann der wahre Genuss. Auf den AOL-Seiten, die offiziell die Streams kostenlos zur Verfügung stellen, kann man sein eigener Regisseur sein und zwischen den Städten lustig hin- und herschalten. Umbaupause in Philadelphia? Egal, rüber nach London, nach Paris oder Rom. An diesem Tag sind die Städte wirklich nur einen Klick entfernt. In allen Städten verzögert sich das Programm jedoch erheblich. Am Ende werden es vier Stunden sein. Aber am Ende hat man Pink Floyd gesehen. Roger Waters spielt wieder mit David Gilmour (!) und sagt: "This is a really emotional moment for me, to be on stage again with those guys." Sie spielen "Comfortably Numb" und "Wish You Were Here" und sind großartig. Ebenso wie The Who. Roger Daltrey hat seine Stimme wieder, die ihm auf diversen Jubiläumskonzerten schon abhanden zu kommen schien, und Pete Townshend wirbelte seinen Arm wie am ersten Tag. Dann Placebo aus Paris, ein wuschiger Robert Smith, souverän aufspielende Roxy Music, grandioses Duett von Richard Ashcroft und Coldplay, die "Bittersweet Symphony" spielen, Bob Geldof, der nochmal die 85er Pause in "I Don't Like Mondays" gibt. Aber leider kein Mick Jagger, der Paul McCartney bei "Hey Jude" unterstützt. Das macht George Michael, nur hört man ihn nicht. Wer saß da am Mischer? Das Ganze kann man sich vorerst noch eine Weile selbst bei AOL ansehen.

Was bleibt, ist der Neid auf London, da die die besten Acts hatten, und mit dem Hyde Park, den wesentlich besseren Austragungsort. Die Bestätigung, dass Berlin, trotz Weltstadt, eigentlich Provinz ist. Aber immerhin waren wir mit dabei, haben Präsenz gezeigt und Bob Geldofs Ziel unterstützt, Armut zur Geschichte zu machen (Make Poverty History). Die G8-Staaten werden in dieser Woche über den Schuldenerlass Afrikas, sowie die Budgetierung der Hilfsprogramme abstimmen. Live 8 war eine Veranstaltung, die die Politiker daran erinnern soll, dass ihr Tun beobachtet wird, und dass die Forderungen im Sinne des Volkes sind, deren Vertreter sie lediglich sind. 30.000 Afrikaner starben im Verlauf des Konzertes. Und 30.000 sterben jeden weiteren Tag. Über den Live 8-Link kann man sich dem Protest anschließen. Oder selbst in Edinburgh auftauchen.

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Surfempfehlung:
www.live8live.com
Text: -Christian Biadacz-
Foto: -Christian Biadacz-

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