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Konzert-Bericht
 
Kunst ohne Perücke

Scout Niblett

München, Rote Sonne
10.11.2005

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Scout Niblett
Scout Niblett ist schon auf Platte bemerkenswert, nein erhaben. Harte Gitarren treffen auf ätherischen Gesang und simple Schlagzeugparts sind oft die einzige musikalische Begleitung, mit der die junge Chanteuse aus Nottingham, England, ihre von komplizierten Beziehungen und verwirrenden Emotionen überbordenden Songs versieht. Auf Tonträger ist das wie gesagt cool, live ist es eine verdammte Offenbarung und dafür gibt es einen Grund.
Denn nach den ersten paar Nummern, die Scout mit ihrem leptosomen Schlagzeuger (Todd Trainer von Shellac) zu Gehör bringt, wird klar, dass man hier nicht einfach einem Konzert im Sinne einer Aufführung aus dem Reich der schönen Künste beiwohnt. Scout Niblett ist live eine Performance-Künstlerin. Nicht in dem Sinne, dass sie sich auf der Bühne ein Ohr abzwickt und sich nackig in ihren Exkrementen wälzt, sondern in jenem, dass Form und Inhalt der Darbietung nicht nur einfach stimmig und unterhaltsam sind, sondern in ihrer unprätentiösen und kompromisslosen Andersartigkeit etwas verstörendes haben, das über die Summe dessen, was man sieht und hört, weit hinausweist. Und so wurde der Abend in der Roten Sonne, der neuen Spielstätte des allseits geschätzten Club 2, zu einem Beitrag zur modernen bildenden Kunst, die sich ja immer weiter von ihrem per definitionem materiellen Wesen emanzipiert.

Die junge Frau betritt die Bühne. Ihr Markenzeichen, die blonde Perücke, hat sie zu Hause gelassen. Sie sagt ihren Namen, schlägt in die Saiten ihrer Gitarre, von der sie später die Auskunft erteilen wird, dass sie zwölf Jahre älter ist als sie, und intoniert "Hot To Death", den Eröffner ihres aktuellen Albums "Captured By Neptune". Konzentriert, ohne vordergründige Präsenz. Sie selbst ist der Song. Neben ihr ein winziges, golden glitzerndes Schlagzeug, fast wie ein Kinderspielzeug, und dahinter ein dürrer junger Mann, der eine ganze Weile mit seinem schwarzen Outfit verschmilzt, bis er, ohne sich sonderliche emotionale Verstrickung anmerken zu lassen, mit brachialer Gewalt und fast besenstieldicken, kopflosen Stöcken auf das fragil wirkende Arrangement aus Trommeln und Becken vor sich eindrischt.

Scout Niblett verweigert sich, in zweierlei Hinsicht. Einerseits unterlässt sie es, irgendetwas Persönliches von sich preiszugeben, das nicht schon in ihren Texten steckt. Andererseits versorgt sie ihr Auditorium nicht mit einem regelrechten Image, das einem aufstrebenden Rockstars entspräche. Man ist beunruhigt, fragt sich, was treiben die da, dann gefesselt. Alles steht stumm, niemand geht zur Bar, keiner denkt daran, sich eine Zigarette anzustecken. Was hier geschrieben steht, kann das Inkommensurable dessen was geschah, nicht wiedergeben. Ein Fan und Adept der zeitgenössischen Popularmuisk meinte "besser kann man's nicht machen." Soviel zur Form der Darbietung.

Nach ein paar Nummern wechselt Scout ans Schlagzeug und dann kommen erstmal ältere Songs dran, die distanzierte Intimität des Auftritts erreicht den Höhepunkt. Einmal trommelt sie zu der wiederholt und dringlich proklamierten Richtigstellung "I am the driver!". Irgendwann macht sie, das hätte keiner erwartet, eine Ansage. Any Questions? Und da ist man überfordert (siehe oben). What do you like? Wäre evtl. angemessen gewesen. Ein großartiger Abend und ein vortreffliches Rockkonzert.

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Surfempfehlung:
www.scoutniblett.com
www.epitonic.com/artists/scoutniblett.html
Text: -Dirk Ducar-
Foto: -Dirk Ducar-


 
 

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