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Konzert-Bericht
 
Falling Angels

CocoRosie

München, Ampere
14.11.2005
CocoRosie
Eine geschlagene Stunde musste das fiebernde Publikum im ausverkauften und voll besetzten Ampere ausharren, bis einer der Veranstalter auf die Bühne kam um zu erklären, in fünf Minuten ginge es los und man solle auf Wunsch der Künstlerinnen jetzt bitte das Rauchen einstellen. Als CocoRosie dann endlich die geräumige Bühne betraten, brach sofort frenetischer Jubel los. Kurze Zeit später wurde auf Betreiben der Künstlerinnen auch noch das Licht abgedreht und so fand das Konzert mehr oder weniger im Dunklen statt, alleine beleuchtet durch eine großflächige Video-Präsentation, die auf die Bühnenrückwand projiziert wurde. Das letztjährige Konzert in der Münchner Registratur war sicher eines der großartigsten Konzerte, die die Stadt in jenem Jahr gesehen hatte, und so waren die Erwartungen groß, die das begeisterungswillige Publikum diesem Auftritt entgegen brachte. Was CocoRosie diesmal aufführten, war allerdings ziemlich zwiespältig und so spaltete sich das Publikum im Laufe des Abends dann auch in zwei Fraktionen. Die eine euphorisch wie nach einer Marienerscheinung, die anderen mit einem schalen Geschmack im Munde, der alles entzaubert.
Das Musikspielzeug vom letzten Jahr – Fisher-Price-Sampler, Geräusch-Memory und dergleichen mehr – hatten die beiden daheim gelassen. Ein Großteil der Klangcollagen, zu denen CocoRosie ihre folkigen Songs ausbauen, kam aus der Konserve. Schade, war doch die Live-Dekonstruktion der Schein-Elektronik der großartigen ersten Platte "La Maison De Mon Réve", die damals mit dem Rapper Spleen als Human Beatbox zelebriert wurde, unerhört unterhaltsam. Offenbar war dem Duo, das über eine Vita verfügt, die so schön ist, dass man um ihre Wahrheit fürchten muss, aber auch gar nicht daran gelegen, dass das Auditorium allzu viel Aufmerksamkeit auf das Geschehen auf der Bühne richtete. Man konnte, nein sollte sich offenbar ganz den Emotionen hingeben, die von den melancholisch bruchstückhaften Songs evoziert und von der Flut bewegter Bilder verstärkt wurden.

Gemalte Tropfen fallen vom Himmel, rote, blaue, grüne. Dann changieren Muster, Strukturen, Farben. Man sieht Meeresbrandung, einen verzweifelten alten Mann. Schließlich die Protagonistinnen der Show. Sierra als traurigen Harlekin im schwarz-weißen Bajazzo in einer Art Veitstanz gefangen, Bianca als Drag King im Unterhemd mit maskenbildnerisch perfektem falschem Bärtchen, weit aufgerissenen ummalten Augen und sinnlich geöffnetem Mund. Sowas wirkt polarisierend. All die subtile Ironie, die die Inszenierung früherer Auftritte auszeichnete, ist einer Aneinanderreihung bedeutungsschwangerer Bilder gewichen, die bestenfalls als strategischer Essentialismus durchgeht, denn dass CocoRosie irgendwie auch politisch sind, bleibt unverkennbar. Allein die Mittel sind plump. Immer wieder marschiert etwa ein Terrornetzwerk aus gut gelaunten Glücksbärchen über die Leinwand – ein Verweis auf das Heiligtum der Kindheit, das von der Manga-Kultur der modernen Welt geschändet wird.

Es ist diese Diktatur der scheinbar starken Bilder, die die Musik von CocoRosie an diesem Abend zum Soundtrack degradierten, einem mittelmäßigen Soundtrack zu einem mediokren Film. Einen Gutteil dazu trug auch die Tatsache bei, dass sich die Songs der beiden letzten Alben aufgrund der reduzierten Live-Arrangements kaum noch von einander unterschieden und nach einer Weile irgendwie alles ähnlich klang. Das änderte sich erst zum Ende des Auftrittes, als sich die drei Aktricen auf der Bühne als Hiphop-Sistas versuchten. Die schwarze D-Jane und Human Beatbox im Schlepptau der beiden Casady Schwestern (eine Minderheit, der weltweit nur zwölf Personen angehören) erfüllte hierbei, beabsichtigt oder unfreiwillig, eine Quotenrolle. Denn jetzt durfte sie die Führungsrolle übernehmen – als sie zuvor aus der Reihe getanzt war, hatte ihr Bianca noch tadelnd die Bäckchen getätschelt – und das Publikum zum Mitklatschen animieren. Dann wurde gemeinschaftlich ziemlich unkoordinierter und –verständlicher Sprechgesang intoniert und ein wenig herumgehopst. Für die einen der krönende Abschluss, für die anderen das traurige Ende des Abends.
Surfempfehlung:
www.cocorosieland.com
Text: -Dirk Ducar-
Foto: -Dirk Ducar-


 
 

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