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Hurricane Festival

Scheeßel, Eichenring
23.06.2006/ 24.06.2006/ 25.06.2006

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Hurricane 2006 - Billy Talent
Anlässlich der zehnten Ausgabe wurde das Hurricane Festival sowohl vergrößert als auch verkleinert. Denn nicht nur, dass es erstmals drei Bühnen auf dem Eichenring gab, die Zuschauer-Zahl wurde um 10.000 auf fast schöne gemütliche 50.000 reduziert. Außerdem wurde auf den ganz großen Headliner, wie man ihn den letzten Jahre kannte, verzichtet und nach drei Tagen waren sich alle einig: die Festival-Macher haben alles richtig gemacht. Und kurz vorher hätte man auch denken können, dass sie beim Wettergott vorgesprochen hätte. Denn bis kurz vor dem Sonntags-Headliner Muse hörte man Sätze, die man beim Hurricane wohl noch nie vernommen hat: "Es könnte ruhig mal etwas abkühlen" oder "Etwas Regen täte dem Ganzen jetzt echt ganz gut." Denn drei Tage lang war heiß und noch heißer, ehe es zum Abschluss den tatsächlichen Hurricane gab...
Wir sind Helden hatten als zweitletzte Band auf der Hauptbühne bereits gespielt, Within Tempatation und Gnarls Barkley waren gerade auf der Bühne und die meisten freuten sich auf Muse, als das Chaos seinen Lauf nahm. Der Himmel wurde schwarz, der Himmel öffnete sich, machte den Beckham und erbrach sich über dem Gelände. Innerhalb weniger Minuten stand man fast knieftief im Wasser, die Konzerte wurden abgebrochen und im Falle von Muse abgesagt und das Festival nahm ein seltsames, überaus nasses Ende. "Aber die Stimmung war trotzdem klasse", sagte eine junge Dame später. Sie meinte das Unwetter, könnte aber auch vom ganzen Wochenende gesprochen haben. Denn schon lange herrschte auf dem Hurricane nicht mehr eine so entspannte, gelöste und schlicht schöne Stimmung. Erinnerungen an alte Zeiten wurden wach, als sich gerade 20.000 Leute auf dem Eichenring tummelten und man sich auch die großen Namen gemütlich aus der Nähe ansehen konnte.

Die beiden Open Air-Bühnen waren an der langen Seite aufgebaut und da, wo zuletzt die Headliner spielten, fand das von vielen gehasste, von vielen aber auch geliebte Zirkus-Zelt seine Rückkehr. Dafür wurden die Marktstände auf den Zeltplatz gepackt und plötzlich gab es den Platz, den man gerade 2005 so vermisst hatte. Plötzlich konnte man sich am Freitag angesagte Bands wie Maximo Park und die Arctic Monkeys, die beide leidiglich auf dem Hurricane und auf der Schwesterveranstaltung Southisde auftraten, ohne Stress und großes Drängeln ansehen und überlegen, warum diese Combos wohl so groß sind. Viele wussten das schon vorher, einige haben die Lösung in Scheeßel gefunden und ein paar wenige grübeln immer noch. Warum diese beiden Acts auf der zweiten, der blauen Bühne spielten, Seeed und Fettes Brot aber auf der großen, der grünen Bühne standen, war sofort jedem Zuschauer klar. Weil sie einfach zwei unfassbar famose Live-Combos sind! Denn nachdem die Zigeuner-Punks Gogol Bordello zum ersten Warmmachen baten und anschließend Ben Harper diesmal mehr den Jimi als den Bob machte (aber dessen "Exodus" coverte) und so die Fans schonte, zeigten Seeed, was eine richtige Party ist. Es dauerte nicht lange und schon tanzte und sprang die Masse vor der Bühne und es wippten die restlichen Leute auf dem kompletten Gelände. Denn es waren Seeed und die kamen nicht nur mit der dicken Schampus-Flasche auf die Bühne und coverten "Tainted Love", sondern gaben auch sonst einen Hit nach dem anderen zum Besten. Auch Fettes Brot vergriffen sich an diversen Klassikern, so stimmten sie Rage Against The Machine (!) an, coverten The Clash und packten ihren Abschluss-Hit "Nordisch By Nature" in verschiedene musikalische Gewänder. Nachdem der Song erst zu den Melodien von "Sailing", "Don't Worry, Be Happy" und "Macarena" performt wurde, entschied man sich zum Finale für den DJ Pauli-Variante und brachte die Leute mit dem "I Like To Move It"-Rhytmus zum Ausrasten. Keine Überraschung war, dass Tomte anschließend trotz aller Schönheit dagegen abfielen, umso überraschender aber, dass es das kleine Highlight schon viel früher im Zelt zu sehen gab. The Feeling konnten mit den Songs ihres Debüts und einem ungemein sympathischen Auftreten punkten. So kündigte Sänger Bell an, beim nächsten Gig den Single-Hit "Sewn" in deutsch zu singen und brachte die Zuschauer innerhalb weniger Momente auf seine Seite. Mit Manu Chao fand der erste Tag ein erneut unterhaltsames Ende und dass die Lightning Seeds ihren Auftritt kurzfristig absagten war zwar schade, störte aber nur die wenigsten.

Am Samstag waren dann irgendwie alle im Fußball-Fieber, schließlich stand das Achtelfinale gegen Schweden an. Dafür wurde eine Leinwand auf dem Zeltplatz aufgebaut, der Platz vor dieser aber war deutlich zu klein und so wurde entschieden, dass die Partie auch auf den Leinwänden der blauen Bühne gezeigt wurde. Für vielleicht 15.000 Zuschauer eine tolle Entscheidung, für Nada Surf und ihre Fans leider nicht. Denn so wurde deren Gig einfach mal auf Halbzeit-Länge (sprich: 15 Minuten) gekürzt und wurde so zu einem kurzweiligen Vergnügen. Die Band nahm es hin, spielte und wurde gefeiert. Und ist im nächsten Jahr wieder beim Hurricane. Ist ja auch was. Was aber die Umfrage von Ansager Olli Schulz sollte, bleibt sein Geheimnis. Der fragte nämlich nach dem Gig, ob die Zuschauer lieber Fußball oder Nada Surf gucken wollten und als sich deutlich mehr für die Musik entschieden, machte sich Hoffnung breit. Was aber kam, waren Podolski und Co. und anschließend Death Cab For Cutie, die zwar für all das nichts konnten, von einigen aber trotzdem aus Prinzip boykottiert wurden. Besser hatten es die Bands, die keine WM-Konkurrenz zu fürchten hatten. So durften Boozed schon zu früher Stunde in einem vollen Zelt und die sympathischen Gods Of Blitz auf einer gut besuchten grünen Bühne spielen. Auf dieser langweilte anschließend Skin, die einfach nicht mehr die Klasse von früher hat. Schade. Besser machten es The Sounds und Zebrahead mit einem punkigen Spice Girls-Cover, noch besser aber - rein objektiv, versteht sich - natürlich Smoke Blow, die nach dem Ausfall von Collective Soul anstatt im Zelt auf die blaue Bühne wechselten und nicht nur aufgrund ihrer zehnjährigen Unterstützung am Bass (Zitat Letten: "Wir wollen auch mal in die Bravo!") absolut überzeugen konnten. Das war Rock N Roll und da konnten selbst Bands wie die - warum eigentlich? - angesagten The Kooks und auch The Raconteurs nicht mithalten. Den größten Andrang gab es dann bei Mando Diao, die sich von der Schweden-Niederlage nicht beinflussen ließen und einen richtig starken Auftritt hatten und alte Hits und auch neue Songs spielten. Mit The Hives - die wie auch Adam Green, Elbow, Hard-Fi, Wolfmother oder Apocalyptica exklusiv auf dem Hurricane und Southside spielten - kamen dann schon die nächsten Schweden und die kündigten an: "If you beat us in soccer, we have to beat you in music." Und ja, The Hives rockten mal wieder die Scheiße fett und auch die anschließende Strokes konnten mit alten und neuen Hits überzeugen. Warum sie aber gleich eine Kamera zerstören mussten, war nicht ganz klar. Schließlich waren die USA schon lange aus dem Turnier...

Auch am Sonntag wurde fleißig Fußball geguckt, doch erstmal gab es mit Pete Blume norddeutschen Nachwuchs (hallo Pinneberg!), mit den für Snow Patrol eingesprungene Pale Berliner Sympathen und mit Karamelo Santo und Panteon Rococo südamerikanische Übersee-Künstler zu bewundern, die allesamt für einen hitzigen Start in den Tag sorgten. Denn noch immer war keine Wolke am Himmel, noch immer war es ungemein heiß und noch immer schwitzen sich die Zuschauer das Bier aus den Poren. Doch vielleicht lag es auch daran, dass es diesmal weitaus unprolliger und gemütlicher zuging. Waren die negativen Alkohol-Auswirkungen im letzten Jahr deutlich schlimmer und störender, gab es diesmal nur wenig wirklich nervige Trinker, sondern überwiegend gut gelaunte, aber durchaus entspannte Leute auf dem Hurricane. Ähnlich war es schon zum Beispiel 1999, als ebenfalls dEUS dabei waren und im Zelt einen der besten Gigs der damaligen Ausgabe spielten. Diesmal gab es die Belgier auf der großen Bühne, aber auch sieben Jahre später konnten sie begeistern und spätestens als sie "Suds & Soda" spielten, hatten sie gewonnen. Gar nicht störend, sondern umso vorteilhafter war die überraschende Leere vor der Bühne, so dass man nicht nur Barman in die Augen schauen, sondern sich später auch Nina Person und ihren Cardigans ganz nah fühlen konnte, die tief in die Klassiker-Tasche griffen und sich durch ihre Karriere spielten. Dazwischen aber wurden Billy Talent zu den Helden des Sonntags, denn die Kanadier wollte anscheindend jeder sehen, es war voll und es war toll und weil sie mit "Devil In A Midnight Mass" und "Red Flag" von Anfang an alles richtig machten, konnte man über die auch live etwas schwächeren neuen Songs hinweg sehen und nur hoffen, dass es die Band bald wieder in den Clubs zu sehen gibt. Etwas gemischter fielen die Reaktionen bei Live aus. Die einen erfreuten sich an frühen Klassikern und einem Haut zeigenden Sänger, die anderen störten sich an Eds leicht arrogantem Auftreten, dem schwachen Johnny Cash-Cover ("Walk The Line") und den langweiligen neuen Songs. Auf der zweiten Bühnen standen derweil mit den Mad Caddies und Lagwagon zwei Fat-Bands auf der Bühne, die mit guter Laune und massig Tempo und Melodien die verschwitzten Zuschauer begeisterten und zum Massen-Pogo animierten. Noch heißer war es natürlich im Zelt, aber Fans von den Two Gallants, The Cooper Temple Clause oder auch Archive schwitzen gerne, wenn ihre Helden mal wieder da sind. Stichtwort Helden: Auch Wir sind Helden waren da und bauten erneut an ihrem eigenen "Denkmal". Denn selbst wenn man die Berliner schon hundertmal gesehen hat, es ist einfach immer wieder schön.

Schön wären sich auch Gnarls Barkley, die ein wirklich famoses Album gemacht haben - aber nicht nur, dass das Zelt schon lange überfüllt war, so langsam zogen dann auch die Wolken auf und das Unwetter nahm seinen Lauf. Es folgte ein vorzeitiges Ende, das das Hurricane an seinem zehnten Geburtstag einfach nicht verdient hatte. Denn zu schön und schlicht zu entspannt war dieses Wochenende. Zu gelungen die neue Bühnen-Verteilung und zu gekonnt die Entscheidung auf die Mega-Stars (und 10.000 Zuschauer) zu verzichten und dafür auf ein dichtes und qualitativ hochwertiges Line-Up zu setzen. Und zu logisch das begeisterte Fazit: weniger ist manchmal mehr...

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Text: -Mathias Frank-
Foto: -Michael Kellenbenz-

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