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Seltsame Entertainer

Die Regierung

München, Kammerspiele
23.12.2006
Die Regierung
Es gibt eine neue Band in München. Tilman Rossmy ist - bereits vor einigen Jahren - nach München übersiedelt und hat seine Regierung neu formiert. Und die gibt sich im vorweihnachtlichen Trubel die Ehre im neuen Haus der Kammerspiele. Mit dem kleinen Werkraum im dritten Stock beheimatet das Schauspielhaus einen ganz famosen Auftrittsort. Äußerst entspannt lässt es sich dort auf den Stufen des Auditoriums lagern oder an der Bar abhängen. Irgendwie aber doch eine ganz untypische Kulisse, man ist eben im Theater. Und am Eingang wird einem von einem bodenständigen Ordner in Uniform der Weg gewiesen. Vergleichsweise passiv verhält sich entsprechend die illustre Schar, die hier dem Weihnachtsterror entkommen ist. Aber auch das macht nicht wirklich etwas, denn in gerade diesem Kontext kann man Rossmys Regierung neue Seiten abgewinnen.
Die Band, aus Schlüsselfiguren des alternativen Kulturlebens der Stadt zusammengestellt, will es offenbar krachen lassen. Schlagzeug, Bass und drei Telecaster Stromgitarren stehen auf der Bühne. Wie sich zeigen wird ein hübscher Kontrast zu Rossmys Stimme, die mit den Jahren immer mehr an Songwriterqualität gewinnt. Ganz sattelfest und in blindem Einverständnis ist die neue Regierung dabei allerdings noch nicht. Als etwa der Kanzler seine Minister spontan auffordert, "Kommt, lasst uns zusammen rüber gehn nach D. Gehen wir nach D-Dur und in den nächsten Song.", erntet er nur hilflos-verwunderte Blicke. Egal, der Abend hat – auch das passender Weise – einen gewissen Werkstattcharakter.

Da sind diese tollen Popsongs von vor fünfzehn Jahren, was machen wir mit denen? Das war wohl der Ausgangspunkt der Neuformierung. Ganz klar, das kann, darf man nicht mehr so spielen, auch wenn es eigentlich perfekt war. Und so erkennt man manchen Titel kaum wieder, vor allem weil Rossmy die Melodien der Singstimme konsequent neuerfindet. Eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielen dabei auch die neuen Arrangements. So dauert es eine ganze Weile bis man "Seltsam", "Es hat keinen Namen" oder "Professioneller Fan" von der grandiosen "Unten"-Scheibe identifiziert hat. Hits wie "1975" oder "Loslassen" werden einfach ausgelassen. Allzu leicht will man es dem Sentimentalen offenbar nicht machen, in Jugenderinnerungen zu schwelgen. Alles ist neu und es gibt auch brandneues zu entdecken. Zwei Songs aus der Feder von Ivi (Club 2), der immer wieder mit seiner Vintage-Akustikgitarre angenehm weiche Klänge beisteuert, fallen äußerst positiv auf und machen neugierig auf das angekündigte Album.

Das besondere an der Regierung bleiben aber Rossmys Texte und sein extraordinärer Vortrag. Die phänomenologischen Erkenntnisse der modernen Philosophie können ihn nicht beeindrucken ("Wittgenstein") und seine arrogante Sicherheit darüber, wie die Welt ist, lässt er sich gerne vorwerfen. Seine unbedingte Überzeugung von dem was er da singt, verleiht dem ganzen (beabsichtigt oder unbeabsichtigt, darüber rätselt man für sich) eine gewisse ironische Stoßrichtung aber auch eine besondere lyrische Tiefe, die es dem Geneigten erlaubt, sich die poetischen Wendungen der Songs zu eigen zu machen – und das geht so: "Ich bin der Raum, ich bin die Band, ich bin dort draußen, ich bin der andere Mann, der lang vermisste andere Mann. Hallo Raum, hallo Band, hallo Ordner. Ich bin der Ordner. Und ich bin der Raum." Und so lässt man sich gerne auf Wittgensteins ontologische Erwägungen ein, der nicht sicher ist, ob es die Welt überhaupt gibt. Bin ich der Raum, der Ordner, die Band? Der lang vermisste andere Mann und auch die hübsche junge Frau neben ihm, die er gerade kennen gelernt hat? Seltsam.
Surfempfehlung:
www.tilman-rossmy.de
Text: -Dirk Ducar-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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