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Konzert-Bericht
 
Füchse!

Kristin Hersh
The McCarricks

Berlin, Fritzclub im Postbahnhof
26.03.2007
Kristin Hersh
Es gibt Konzerte, nach denen mag man die sie bestreitenden Künstler weniger als vorher, aus den verschiedensten Gründen. In anderen Fällen mag man sie aus den verschiedensten Gründen mehr als je zuvor. Der Abend mit Kristin Hersh im Postbahnhof in Berlin war einer der zuletzt genannten Sorte. Alles begann damit, dass ein Fuchs (!) den Parkplatz vor dem Club überquerte, sich erstaunt umsah, unter dem Zaun zum Postbahnhof-Gelände durchschlüpfte und in der Dunkelheit der Stadt verschwand. Ab diesem gänzlich surrealen Erlebnis konnte schon gar nichts mehr schief gehen.
Den Anfang im kleinen, zum Glück gar nicht überfüllten Fritzclub machte das Ehepaar Kimberlee und Martin McCarrick. Mit Violine und Cello schaffen die beiden eindringliche Leise-laut-Stücke, begleitet von einem Videobeamer, der verstörende Bilder und Erzählungen an die Wand wirft. Nach einigen Problemen mit der Programmierung des Sample-Computers können die Stücke zunächst auch durchaus überzeugen, legen aber im weiteren Verlauf die Vorhersehbarkeit ihrer Arrangements offen zutage.

Die McCarricks haben Kristin Hersh ja schon auf ihrem Album "Learn To Sing Like A Star" unterstützt, sie sind also beim sich zügig anschließenden Hauptact mit auf der Bühne, und tatsächlich fügen sie sich in Hershs so rauhe wie gefühlvolle Songs weitaus besser ein als in den zum Teil etwas bemühten Computersound. Als weitere Musiker hat Hersh Mitglieder ihres Seitenprojekts 50 Foot Wave mitgebracht. An Kristin beeindrucken auf den ersten Blick vor allem ihre muskulösen Oberarme – dahinter kann sich Madonna locker verstecken. Sie trägt, ganz passend zur Grunge-Atmosphäre des Abends, ein T-Shirt mit der Aufschrift "Seattle". Überhaupt ist dieser Schriftzug auch auf der Garderobe der Zuschauer offensichtlich besonders beliebt. Ansonsten durchzieht das Publikum eine äußerst angenehme Mischung aus jung und mittelalt.

Kristin Hersh spielt fast alle Songs ihres neuen Albums "Learn To Sing Like A Star" und auch einige Klassiker, zum Beispiel das todtraurige "Your Ghost", das damals durch die Mitarbeit von Michael Stipe zum Hit wurde – nicht erst jetzt merkt man, dass der Song Stipe überhaupt nicht benötigt. Überhaupt Kristins Stimme: Dreckig und intensiv röhrt sie ins Mikro, wie es ihr so leicht keine von den jungen Hüpfern nachmacht, ihr "Getting up is what hurts" aus "Day Glo" klingt noch lange nach. Vorne fummelt ein Mann seiner Freundin am Hintern herum, in einer Ecke steht ein Pärchen und sucht tief im Mund des jeweils anderen nach Erlösung, in der Mitte des Raumes tanzt einer, den man draußen für einen Grufti halten würde, selbstvergessen mit sich selbst – und oben auf der Bühne stehen fünf Menschen wie Freunde und spielen den Soundtrack zu diesem Mikrokosmos. Mit Nachdruck macht Kristin Hersh klar, welch Albumjuwel ihr mit "Learn To Sing Like A Star" gelungen ist.

Selten darf man eine solch freundliche, entspannte Atmosphäre genießen wie hier im Fritzclub. Ein ganz und gar gelungener Abend also, bei dem man sich fühlte, als sei man mitten in einer riesigen Familie gelandet, die sich gegenseitig Anekdoten erzählt wie die von der alten Frau im Bus, die Kristin weismachen will, sie verlasse niemals das Haus ("and she told me this on a bus!"), aus Angst, ihr könne dasselbe passieren wie dem Gottessohn ("Look what they did to Jesus!"). In Berlin allerdings, wo sich selbst Füchse nachts auf die Straße trauen, da ist die Welt noch in Ordnung.
Surfempfehlung:
www.4ad.com/kristinhersh/
www.myspace.com/kristinhersh
www.throwingmusic.com
www.houseofmccarrick.com
Text: -Tina Manske-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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