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Schwedenhappen

24. Haldern Pop Festival - 2. Teil

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
04.08.2007

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Haldern Pop 2007
Am Samstag war es dann quasi so heiß wie im Sommer. Schon bevor die ersten Fans den Weg ins Zelt zu den Zippo Acts fanden, konnte man sich einen Sonnenbrand geholt haben. Diese Gefahr bestand natürlich erst recht vor der im gleißenden Sonnenlicht liegenden Hauptbühne - weswegen sich an diesem Tag Erstaunliches im lauschigen, hinteren Teil des Geländes tat, den viele dann als Schattenparker frequentierten. Zumal man aufgrund der neuen Bühnenanordung von dort zumindest noch ein bisschen sehen konnte. Als erstes spielten am Samstag Navel aus der Schweiz. Dieses Trio bot dann eine für diese Gelegenheit vollkommen richtige Breitseite: Knallharten Rock mit gelegentlichen Nirvana-mäßigen Melodie-Attacken. "Das ist für die, die heute brechen mussten", kündigte Bassistin Eve (die so cool war, dass sie sicher umgefallen wäre, wenn sie nicht ab und zu einen Schluck Whisky getrunken hätte) den Song "Vomiting" an. Nun, zum brechen war es um diese Zeit noch zu früh - dennoch zeigten Navel allen Anwesenden, was eine rechte Rock-Harke ist und mussten dann vom Stagemanager mehr oder minder nachdrücklich von der Bühne komplimentiert werden, denn auch hier hatte sich bereits ein Verzug eingeschlichen.
Serena Maneesh ist das Ziehkind des norwegischen Produzenten und Hardrock-Liebhabers Emil Nikolaisen. Serena Maneesh als Rockband bezeichnen zu wollen, wäre dabei schon ein wenig verwegen, denn das Geheimnis des Erfolges liegt hier weniger im Abarbeiten von Klischees, sondern in der Improvisation und beim Zufall. Nikolaisen selber war vollkommen durch den Wind, haderte mit seiner Gitarre - die er aber andrerseits achtlos durch die Gegend pfefferte - und erzählte davon, wie kaputt die Band doch gerade sei. Ehrlich gesagt: Das hätte man gar nicht gemerkt, wenn er es nicht gesagt hätte, denn die Musik von Serena Maneesh ist dermaßen "anders", dass sich gar nicht beurteilen lässt, was da gut oder schlecht sein soll. Einigen wir uns mal auf die Formulierung: Nicht gut, aber toll. Scheinbar in großen Teilen frei improvisiert und von keinerlei technischen Dünkeln getrieben, agierte das Quintett irgendwo im Grenzbereich zwischen Avantgarde-Rock und totalem Chaos. Was aber dennoch nicht ohne Unterhaltungswert blieb, denn die Band (allen voran Bassistin Hilma Nikolaisen als Augenfang) steigerte sich regelrecht in eine Trance und Nikolaisen gab den enthemmten Schamanen, der es sich nicht nehmen ließ, auf der Bühne herumzukollabieren was das Zeug hielt und am Ende gar seinen Gitarristen zu würgen. Nachher saß er dann ganz entspannt im Pressezelt und gab Interviews. Es ist da also wohl auch ein bisschen Kalkül im Spiel...

Den heimlichen Co-Headliner des Samstags gab es bereits gegen 15 Uhr zu bewundern. Dass überhaupt so viele Menschen in den Genuss des Auftritts von Friska Viljor kamen, ist letztendlich auch einer kleinen Revolution von unten zu verdanken. Seit Wochen forderten Besucher im Forum der festivaleigenen Homepage "Friska Viljor auf die Hauptbühne", und mit Veröffentlichung des endgültigem Zeitplans stand fest: Dem Drängen wurde nachgegeben. Am frühen Samstagnachmittag zeigte sich dann: Zu Recht. Erstaunlich viele Menschen ließen sich weder von der brennenden Sonne noch vom leicht Rednex-haften Aussehen der Band abschrecken, und feierten die Schweden von Anfang an. Ihr Set wurde eingeleitet von "Shotgun Sister", das gleichzeitig in einer schnelleren und lauteren Version auch das triumphale Finale bildete. Nicht nur während ihres Überhits "Gold" konnte man nun endlich die euphorische Festivalatmosphäre erleben, die am Tag vorher bis zum Einbruch der Dunkelheit leider ausgeblieben war. Zu verdanken war dies wohl vor allem der außergewöhnlichen Mischung, die Friska Viljor von anderen Bands abhebt: Mandolineneinsatz und Melancholie auf der einen Seite, schräger Gesang und alkoholgeschwängerte Refrains, die zum Mitgrölen verleiten auf der anderen. Der Siegeszug der Band setzte sich auch nach ihrem Auftritt fort: Hatte man auf der Bühne noch bescheiden um einige CD-Käufe gebeten, damit man sich den Rückflug in die Heimat leisten kann, so zeigte ein Besuch am Merchandise-Stand, dass sich Friska Viljor darüber wohl keine Gedankten mehr machen mussten. Während bei den anderen Künstler lediglich einige Striche hinter der Liste der verkauften Tonträger und T-Shirts zu sehen waren, reichte der Platz bei Friska Viljor kaum aus, um alle unter das Volk gebrachten Gegenstände festzuhalten. Auch als sich drei der Bandmitglieder später noch einmal unter das Publikum mischten, wurden sie freudig mit La-Ola-Wellen begrüßt. Friska Viljor gehören damit zu den Gewinnern des Festivals - dieser Band wird man mit Sicherheit noch oft begegnen.

Das Line-Up des diesjährigen Festivals wurde offensichtlich von skandinavischen und britischen Bands dominiert. Voxtrot kommen zwar aus Austin, Texas, und waren damit eine der wenigen vertretenen amerikanischen Bands, klingen aber schon seit ihrer ersten Single "The Start Of Something", die sogar für Smiths-Vergleiche sorgte, sehr europäisch. Oft in Deutschland zu sehen waren Voxtrot dagegen noch nicht, obwohl mittlerweile auch das erste Album der Band erschienen ist, deswegen wurde ihr Auftritt sicher von so manchem mit Spannung erwartet. Schließlich bestand die Gefahr, dass die zwar sehr charmanten, aber manchmal eben auch harmlosen Indiepopsongs auf der großen Bühne verloren wirken könnten. Zum Glück war das Gegenteil der Fall. Die Lieder wurden live mit viel mehr Druck gespielt, als man es hätte ahnen können, und die Bühnenpräsenz einer offensichtlich spielfreudigen Band um Sänger Ramesh Srivastava tat ihr übriges. Der Fokus des leider viel zu kurzen Auftritts wurde dabei glücklicherweise nicht nur auf ihr aktuelles Album (eindeutig stärkstes Lied hierbei auch bei ihrem Liveauftritt war "Kid Gloves") gelegt. Gleich fünf der acht Stücke stammten von den drei vorher veröffentlichten EPs, so der Opener "Raised By Wolves" oder das schon vorher mit lauten Zwischenrufen geforderte "The Start Of Something", das man sich bis zum Schluss aufbewahrte.

Eine Akustikgitarre, Stimme und Drums - das ist alles was das schwedische Duo John und Ossi oder besser Johnossi - benötigen, um die Massen in den Griff zu bekommen. Nicht mal ein Oberhemd brauchte John dazu (dafür trug Ossi allerdings lila Socken). Zugegeben - das mit der akustischen Gitarre ist ein wenig untertrieben, denn John jagt diese durch mehr Effekte als ein durchschnittlicher Alimente-Antrag Durchschläge hat. Rocken können die Jungs also - auch wenn sie fast zu spät gekommen wären, weil sie zu Hause in Schweden um ein Haar verschlafen hätten. Dass sich die Tracks dann mit der Zeit doch ein wenig ähnelten, machten Johnossi durch Inbrunst wett - frei nach dem Motto: Wenn schon schwitzen, dann auch richtig. Dem Publikum jedenfalls gefiel das Ganze sehr gut und so gabs auch hier viel Bewegung vor der Bühne.

Auch als Malajube gegen 18 Uhr auftraten, war es noch heiß, was Sänger Julien Mineau allerdings nicht davon abhielt, mit einem wollenen Stirnband bekleidet die Bühne zu betreten. Bei diesem Anblick mag so mancher noch mehr geschwitzt haben, als es sowieso schon der Fall war, und Band und Publikum waren sich dann auch schnell einig, was sie jetzt lieber tun würden als sich auf dem Festivalgelände aufzuhalten. "I'm dreaming of the lake", nuschelte Mineau zwischendurch mit charmantem Akzent ins Mikro, "...and what do you dream of?" "The lake!", lautete die einstimmige Antwort der Besucher. Zum Glück wurde das Konzert daraufhin nicht zwecks gemeinsamem schwimmen gehen unterbrochen, sonst hätten wir doch einiges verpasst. Die Frankokanadier von Malajube unterscheiden sich von ihren hierzulande schon zu größerer Berühmtheit gekommenen Landsmännern und -frauen zunächst einmal darin, dass sie in ihrer Muttersprache Französisch singen. Aber nicht nur die Sprachwahl ist eine willkommene Abwechslung, auch die Musik der Band konnte überzeugen. Harte Gitarrenriffs stießen auf süßliche Keyboards, und der Refrain von "La Monogamie" war wohl einer der gelungensten des Nachmittags. Leider stießen die Kanadier nicht annähernd auf die Begeisterung, die sie verdient hätten, im Vergleich zu den Auftritten von Friska Viljor und Johnossi war es vor der Bühne verhältnismäßig leer.

Wer das bunte Treiben von Architecture in Helsinki auf der Bühne beobachtete, den mag das Geschehen dort durchaus an einen Kindergeburtstag erinnert haben. Sängerin Kellie Sutherland trug ein Hasenkostüm, und die Bühne glich einem riesigen Parcours zum Topfschlagen. Jeder durfte überall einmal draufhauen, reinblasen, sich an Gesang- und Rapeinlagen versuchen und ansonsten einfach wild durch die Gegend hüpfen. Musiktherapie für aufgedrehte ADS-Kinder oder doch großartige Popmusik? Manchmal verlaufen die Grenzen fließend. Die beiden Superhits der Band waren nach wie vor "Wishbone" und "Do The Whirlwind" vom letzten Album "In Case We Die", die neueren Sachen wirkten dagegen etwas schwerer zugänglich. Trotzdem erfreuen sie sich in Deutschland durchaus größerer Popularität, und so war es auch selbstverständlich, dass die Band die weite Anreise auf sich nahm, um an diesem Abend aufzutreten. Ganz im Gegenteil zu den Editors, die eigentlich an diesem Abend den Headlinerplatz übernehmen sollten, sich aber kurzfristig dazu entschlossen, ihre Australientour nicht für einen längst bestätigten Festivalauftritt in Deutschland zu unterbrechen. "We're from Australia and we probably came third without anyone else to play here", kommentierten Architecture In Helsinki dann wohl mit Anspielung auf den weggefallenen Headliner ihren Auftritt in den frühen Abendstunden und hatten sich damit einen großen Extraapplaus verdient.

Eine ungewöhnliche Band übernahm es dann, auf den Hauptact des Abends vorzubereiten. Den Namen Loney, Dear hatten bis dahin wohl noch nicht allzu viele Festivalbesucher gehört, immerhin wusste die Band aber schon ein paar Wochen vorher im Rahmen der Halderner Landpartie zu begeistern. "This is almost our first performance in Germany, but our second one in Haldern" wurde die Situation treffend zusammengefasst. Vor der Bühne war es für diese Uhrzeit eher leer, was man den Festivalbesuchern aber verzeihen konnte, da sich die Musik von Loney, Dear bestens dafür eignete, entspannt auf der Wiese zu sitzen und der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Die sympathische Band um Emil Svanängen legte derweil einen überzeugenden Auftritt hin, der zu den großen Überraschungen des diesjährigen Festivals zählte. Trotz oder gerade wegen einiger Bee Gees-Gesangseinlagen lässt sich die Musik eigentlich nur mit einem Wort zusammenfassen: Wunderschön.

Was wäre das diesjährige Haldern ohne die Schweden gewesen? Nach Friska Viljor, Johnossi und Loney, Dear konnte man mit den Shout Out Louds nun gleich die vierte schwedische Band für heute auf der Hauptbühne erleben. Auch die Shout Out Louds stellten noch einmal unter Beweis, dass Popmusik mit Recht der berühmteste Exportschlager des skandinavischen Landes ist. Es war mittlerweile dunkel, als die Band die Bühne betrat, um ihr Hitfeuerwerk abzubrennen. Die beiden Singles vom ersten Album, "The Comeback" und "Please Please Please" (von denen besonders letzteres mit großer Begeisterung begrüßt wurde), kamen dabei schon sehr bald zum Einsatz, aber auch die neueren Stücke der Band, bei denen ihre Liebe zu The Cure immer deutlicher nach außen getragen wird, wie "Tonight I Have To Leave It" oder "You Are Dreaming" standen diesen in nichts nach. So kurzweilig der Auftritt der Shout Out Louds auch war: Nach so viel guter Laune vermisste man die Editors als dunkleres und dringlicheres Gegenstück zur schwedischen Dominanz auf der Hauptbühne umso mehr.

Die Gaesteliste.de-Korrespondenten verabschiedeten sich an dieser Stelle vom 24. Haldern Pop Festival, das auf der Hauptbühne noch Jan Delay & Disko No. 1 und im Zelt The Drones, Ghosts, Duke Special und die Earlies zu sehen bekam. Bis zum nächsten Jahr!


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Text: -GL.de Festival Patrol (Maurer, Ocklenburg)-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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