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Zwischen Glauben und Regen

25. Haldern Pop Festival

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
07.08.2008/ 08.08.2008/ 09.08.2008

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The Flaming Lips
So ganz verschont vom gefürchteten Regen blieb das Jubiläums-Fest im niederrheinischen Haldern dieses Jahr nicht. Zumindest am Donnerstag (der mit dem Auftritt der Foals und der Flaming Lips auf der Hauptbühne quasi zum "normalen" Festivaltag geworden war) und am Freitag brachen einige der angekündigten brachialen Unwetter tatsächlich über das Festivalgelände herein. Das machte aber nichts, denn erstmals hatten die Macher Vorsorge getroffen und die ganze Fläche vor der Hauptbühne und weite Teile der verbindenden Wege zwischen Gelände, Parkplatz, Sanitätscamp und Spiegelzelt mit Kunststoff-Elementen ausgelegt, so dass die üblichen, gefürchteten Halderner Schlammschlachten dieses Jahr ausblieben. Was natürlich merklich der Laune und dem Zuspruch zugute kam. Das diesjährige Haldern-Festival brauchte allerdings einige Zeit, um in die Gänge zu kommen.
Die ersten Acts - Finn. und der Newcomer Norman Palm waren nicht gerade dazu angetan, die Massen anzuheizen. (Im letzten Jahr eröffnete Kate Nash das Festival - und man weiß ja, was daraus geworden ist.) Finn. - gekleidet wie ein mittelalterlicher Minnesänger und - wie seine Musiker - mit indianischer Gesichtsbemalung versehen - spielte dermaßen verträumten Folk-Pop, dass man sich als Zuschauer im Halbschlaf wähnte und Norman Palm gab grüblerisches Songwriting mit schweren, teutonischem Zungenschlag. Sympathisch zwar, aber ohne großartige nachhaltige Wirkung. So etwas kann das beste internationale Festival der Welt in Deutschland ansonsten eigentlich besser.

Von da ab ging es allerdings Schlag auf Schlag: Die Fleet Foxes aus Seattle sehen zwar aus wie eine Familie von Waldschraten, werden aber nicht zu Unrecht als Geheimtipp gehandelt: Was auf der Debüt-CD noch ziemlich zerfasert und verstiegen daher kommt, steigert sich im Laufe des Konzertes zu einer geradezu erhebenden, hymnischen Angelegenheit. In einem casterischen Geniestreich hatten die Haldern-Macher nämlich neben den direkt danach aufspielenden Yeasayer die andere aktuelle Indie-Band mit Affinität zu gestaffelten Herrenchören eingeladen. Und diese waren es denn auch, die den verspielten, komplexen und manchmal poppigen Folk-Prog-Rock-Swing des Quintetts (zu dem auch Josh Tillman gehört, der im letzten Jahr mit seinem im Vergleich verträumten Solo-Debüt erfreute) auf eine ganz eigene Ebene hievte. Sehr überzeugend, das. Darauf konnten Yeasayer aufbauen. Das Quartett kommt von der anderen Seite der USA (New York) und hat daher wohl einen urbaneren Anspruch als die Foxes. Nicht nur, dass Yeasayer sich mit Electronics und Samplern auskennen, sie wissen auch, wie man ein Spiegelzelt zum Beben bringt. Voller Energie und gut gelaunt ließen Anand Wilder und seine Mannen hier alle Weltmusik-Dünkel außen vor und setzten ganz auf die mächtigen Grooves, die die Band ansonsten auszeichnen. Die Stücke schienen im Vergleich zur letzten Tour gestrafft - was aber nichts machte, denn sie hatten auch neues Material im Gepäck, das zeigte, wozu diese Band in der Zukunft noch fähig sein könnte. Da tobte der Saal, da wackelten die Boxentürme. Ein Einstand nach Maß.

Auf der Hauptbühne überraschte dann Linne, die graue Eminenz des Haldernfestivals, in Vertretung des erst am nächsten Tag anreisenden Conferenciers mit einer Gesangseinlage: Seine Version des Klassikers "Happy Birthday" war ein erhebendes, transzendentes Erlebnis allererster Güteklasse. Die Foals aus England erfreuten dann besonders jüngere Fans mit einer harten, aber auch poppigen Variante des modernen Art-Rock, der Acts wie Muse oder Tool so erfolgreich hat werden lassen. Es folgte dann der erste Höhepunkt: Der größte denkbare Kindergeburtstag für Erwachsene mit den Flaming Lips aus Oklahoma. "Wir spielen ja nicht so viele Shows", untertrieb Wayne Coyne eingangs, "aber wir versuchen, jede einzelne so einzigartig und magisch zu machen, wie möglich." Das gelang auch beim Haldern Festival - auch wenn die Lips dieses Mal keine wirklich neuen Sensationen auffuhren. Alles war nur eine Nummer größer als bei den Hallen-Konzerten. Es gab mehr Fans in Teletubbies-Kostümen auf der Bühne als sonst, die Ballons, die ins Publikum geworfen wurden, waren größer, die Konfetti-Kanonen schossen weiter, der Nebel quoll in mächtigen Wolken umher, statt einer Leinwand mit Projektionen für Wanyes Mikrophonkamera hatte man sich eine riesige LED-Fläche geleistet und Wayne ließ es sich nicht nehmen, sich Eingangs in einer großen Plastik-Blase über die vorderen Reihen des Publikums bugsieren zu lassen. Insgesamt war dies ein tolles Lips-Konzert und dem Rahmen durchaus angemessen. Dass anschließend noch Fettes Brot als Überraschungsact im Spiegelzelt auftraten, bekamen natürlich nur die härtesten der Harten mit - denn da war es schon lange nach Bettzeit.

Der zweite Tag begann dann im Spiegelzelt mit einer dieser Entdeckungen, für die das Haldern Festival immer gut ist: Die Dagons aus Los Angeles überzeugten mit einer kompromisslos alternativen Show: Zunächst spielte Drew Kowalski einen mörderischen E-Sitar zu Beatbox Sängerin und Gitarristin Karie Jacobson mit New Wave-Riffs und ätherischer Stimme im Stile der frühen 90er dagegenhielt. Im zweiten Teil kletterte Kowalski dann hinter das Drumkit und drosch drauflos, als würde er dafür bezahlt. Auch wenn das dann ein wenig nach den Blood Red Shoes klang: Insgesamt überzeugten die Dagons als origineller Act links der Mitte.

Um kurz nach 14.00 Uhr war es dann bereits Zeit für einen der absoluten Höhepunkte des Tages: My Brightest Diamond. Versteckt hinter gleich vier Mikroständern, mit stylischer Turmfisur, gestreiftem Kleidchen und flankiert von mehr als einem Dutzend Luftballons, hatte Shara Worden beim Soundcheck zwar mit einer Reihe technischer Probleme - sie bekam beim Anfassen ihres Mikros gleich mehrfach kleine Stromschläge - zu kämpfen, lieferte allerdings trotzdem scheinbar mühelos ein wunderbares Konzert ab, das mit "Inside A Boy" begann, mit "Black And Costaud" einen ersten dramatischen Höhepunkt erlebte, mit außergewöhnlichen Coverversionen (von Prince und Kurt Weill) zu überraschen wusste und mit "From The Top Of The World" unerwartet laut endete. Dabei war Shara bestens gelaunt, erzählte von ihrer Violinistin mit der Luftballon-Allergie (weshalb die eingangs erwähnte Deko nur bei ihren Soloauftritten zum Einsatz kommt), empfahl augenzwinkernd die Mikro-Stromschlagtherapie all denjenigen, die sich morgens vom Jetlag geplagt in einem fremden Land wiederfinden, zum Aufwachen, machte Scherze über das Zirkus-Flair des Spiegelzelts ("Ich wollte eigentlich mit Schnurrbart auftreten") und bedankte sich abschließend artig beim ungemein aufmerksamen Publikum. Kein Wunder: Von diesem außergewöhnlichen Auftritt, an dem ohne Frage jeder Fan von Björk, Joanna Newsom oder St. Vincent seine helle Freude gehabt hätte, wollte niemand auch nur eine Sekunde verpassen.

Gute Laune verbreitete danach - wie sollte es anders sein - auch Bernd Begemann. Ohne den sonst obligatorischen Anzug sorgte der Hamburger Entertainer allein mit seinen Ansagen und Sprüchen für einen denk- und erinnerungswürdigen Auftritt. Über seinen allerersten Besuch in der langen Haldern-Geschichte sagte er: "Mir wurde immer gesagt: Haldern ist irgendwie okay, aber es gibt zu wenig Exzesse. Deshalb haben sie mich gebucht", auf den Songwunsch eines männlichen Besuchers erwiderte er: "Ich spiele dein Lieblingslied, wenn sich kein Mädchen etwas wünscht" oder das Publikum forderte er auf: "Macht so viel Krach, dass selbst die Besoffenen aus ihren Zelten angelockt werden." Das machte so viel Spaß, dass sogar die ansonsten mit versteinerter Miene dem Geschehen folgenden Sicherheitskräfte rechts und links der Bühne lachen mussten. Programmtechnisch bewegte sich Begemann derweil auf "Best Of"-Terrain. Von willkommenen Ausnahmen wie "Deutsche Hymne ohne Refrain" abgesehen ging es Schlag auf Schlag: "Ich habe nichts erreicht außer dir", "Fernsehen mit deiner Schwester", Bist du dabei?", "Judith", "Unten am Hafen" und, und, und. Am Ende durfte er sogar eine echte Zugabe geben und beschloss den kurzen, wilden Auftritt passend mit einem kurzen Abstecher zu "Wild Thing".

Während Bernd Begemann im Spiegelzelt noch die Lachmuskeln massierte, debütierten auf der Hauptbühne die Kilians aus Dinslaken. Die Strokes vom Niederrhein überzeugten mit einer unhterhaltsamen, klassischen Gitarrenpop-Melange mit einer deftigen Prise Rock und begeisterten nicht nur die lokalen Fans. Und zum Schluss wagten sich die sympathischen Youngsters auch noch erfolgreich an U2s "Sunday Bloody Sunday" heran.

Danach öffnete der Himmel seine Schleusen und schloss sie praktisch erst wieder, als der Auftritt von White Lies vorbei war. Irgendwie passte das allerdings zur Musik, denn die vier schwarzgekleideten Herren erinnerten mehr als nur ein bisschen an Joy Division und unterstrichen allein schon mit Songtiteln à la "A Place To Hide", "To Lose My Life" oder "Death", dass bei ihnen die Sonne nur selten scheint. Eine Band, die außer ihrem tollen Namen bisher recht wenig Eigenständiges zu bieten hat.

Wollte man ihm etwas Böses, könnte man sicherlich auch Jack Peñate bisweilen fehlende Eigenständigkeit unterstellen, doch dafür besitzt der junge Engländer jede Menge Charisma, mit dem er dieses Manko wieder ausgleicht. Was machte es da schon, dass sein ansteckend fröhlicher, vom Beat nach vorne getriebener Sommerpop zumindest ältere Semester nicht nur bei "Have I Been A Fool?" an die Hochzeiten des britischen Indiepop in den 80ern denken ließ? Mit "Tonight's Today" hatten Jack und seine Band sogar einen ohrwurmverdächtigen neuen Song im Programm, und "Torn On The Platform" war wie schon auf dem Album ein Highlight. Der einzige Fauxpas des Briten? Er gab zu, nicht religiös zu sein, und dankte deshalb "nur" Mutter Erde dafür, dass es nicht regnete. Weil aber der liebe Gott kleine Sünden bekanntlich sofort bestraft, zog keine drei Minuten später der nächste heftige Schauer auf...

Ein Fehler, aus dem Joan Wasser alias Joan As Police Woman lernte. "Thank God for the sunshine!", rief sie dem Publikum entgegen und wurde mit trockenem Wetter während ihres gesamten Auftritts belohnt. Ein Auftritt, der überraschte. Hatten wir Joan doch eher als dezente Folk-Stimme in Erinnerung, die vor einigen Jahren als Solistin im Vorprogramm von Rufus Wainwright aufgetreten war, präsentierte die Amerikanerin mit zwei Mitstreitern an Schlagzeug und Bass in Haldern einen bisweilen schwer zu beschreibenden Stilmix aus Folk, Soul, Jazz und Pop, der ohne Frage dann am attraktivsten war, wenn Joan Klavier spielte und die Arrangements ein wenig an Carole King zu Glanzzeiten erinnerten, während die Songs mit der Protagonistin an der Stromgitarre doch manchmal etwas spröde gerieten. Zur Mitte ihres Sets, das vor allem Songs ihres neuen Albums "To Survive" und nur wenige Rückgriffe auf ihr feines Debüt "Real Life" beinhaltete, gab es noch eine Zeitlupen-Coverversion von Jimi Hendrix' "Fire" (stilecht mit der Zeile "Move over Rover and let Joany take over"), die Miss Wasser auch optisch unterstützte, trug sie doch während des gesamten Auftritts eine bis in die hinterste Ecke des Festivalgeländes gut sichtbare Afro-Perücke.

"Boah ey, die haben ja nur Singles gespielt", rief nach dem Set von Kula Shaker ein begeisterter Festivalbesucher. Nun gut, das stimmte nicht ganz, trotzdem kann man Crispian Mills und seinen drei Mitstreitern ganz sicher nicht vorwerfen, den Fans nicht das geboten zu haben, was sich die Meute vor der Bühne erhofft hatte. Von einem kleinen Ausblick auf das kommende Album "Pilgrim's Process" einmal abgesehen, gab es strictly greatest hits: "Hey Dude" gleich zu Beginn, "Sound Of Drums" "Grateful When You're Dead" noch im ersten Drittel, den Überhit "Tattva" versteckt in der Mitte des Sets und "Govinda" selbstverständlich zum Schluss. Sogar das altbekannte "Deep Purple"-Cover "Hush" war mit dabei! Innovativ war das ganz sicher nicht, in höchstem Maße Festival-kompatibel dagegen schon. Fast schon schade, dass es nicht regnete hat - das hätte wirklich gut zum musikalischen Woodstock-Flair der englischen Psychedelic-Rocker gepasst.

Derweil spielte Bernd Begemann am Stand der Kollegen vom Festival Guide ein improvisiertes zweites Set, das neben einigen Begemann-Hits (darunter der zuvor im Spiegelzelt ausgelassene Dauerbrenner "Oh, St. Pauli") auch eine Handvoll Coverversionen enthielt: Bernd spielte Songs aus Leinwandklassikern, und das Publikum konnte Preise gewinnen, wenn es die Filme erriet, darunter Smokey Robinsons "Tracks Of My Tears", "Everyday" von Buddy Holly und "Surfin' Bird" von den Trashmen. Natürlich durften auch einige typische Begemann-Sprüche nicht fehlen. Gefragt, welcher Film für ihn denn am ehesten das Haldern-Festival symbolisiere, antwortete Bernd trocken: "Soldat James Ryan"...

Fyfe Dangerfield und seine Guillemots - neben den Editors übrigens die zweite Band des diesjährigen Festivals, die R.E.M. auf deren aktueller Tour als Support unterstützen - sind ja auch bereits Haldern-Veteranen. Seit dem letzten Auftritt an gleicher Stelle hat Fyfe sich vom freakigen Aussenseiter zum respektierten Berufs-Wahnsinnigen gewandelt. Er hat sich mit seiner eigenwilligen Art, die Songs als Sänger mit hysterischer Energie und kippender Stimme vorzutragen, offensichtlich durchgesetzt und auf der neuen CD "Red" auch das zuvor zuweilen ausufernde Songwriting in den Griff bekommen. Als Live-Truppe vermochte die Band ja immer schon zu überzeugen - so auch dieses Mal. Das ist kreativer Wahnsinn in Reinkultur. Rätselhaft nur, warum eine so attraktive und vielseitige Musikerin wie Aristazabal Hawkes immer im Hintergrund neben dem Drumkit dahinvegetieren muss (und im übermäßig eingesetzten Bühnennebel kaum auszumachen war).

Im Zelt war inzwischen alles bereit für den Auftritt von Gisbert zu Knyphausen. Der Shootingstar der deutschen Songwriter-Szene war in den Jahren zuvor bereits einige Male als Besucher in Haldern gewesen und hatte für sich selbst das Karriereziel gesteckt, einmal im Spiegelzelt auftreten zu dürfen. Ein Wunsch, der sich nun bereits nach nur einem (exzellenten) Album erfüllte. "Eigentlich könnte ich mich jetzt auflösen", kommentierte er diesen Umstand lachend. Doch selbst wenn er diese Drohung in die Tat umsetzen würde: Ein besseres letztes Konzert als diesen Triumphzug könnte er sich kaum wünschen. Mit komprimierter Band im Rücken - ausnahmsweise ohne Keyboarder, dafür mit Gisbert an der Stromgitarre - wurde der Wahl-Hamburger von Beginn an vom Publikum gefeiert, kein Wunder, legte er nach einer Solonummer zu Beginn mit den Hits "Neues Jahr" und "Sommertag" doch einen wahren Traumstart hin, steigerte sich danach mit dem musikalisch wie textlich mitreißenden "Erwischt" sogar noch und verdiente sich so nah der niederländischen Grenze zusätzliche Sympathiepunkte damit, dass er "Flugangst" auf holländisch ansagte. Lediglich für die Idee, das Programm mit zwei neuen Songs zu beenden, bekam er einige Abzüge in der B-Note. Der Begeisterung über diesen wirklich eindrucksvollen Auftritt tat aber selbst das keinen Abbruch, sodass Gisbert danach als einem der wenigen Künstler das Privileg einer Zugabe zuteilwurde.

Kate Nash hat die Zeit seit ihrem Auftritt beim letztjährigen Haldern-Festival (mit dem ja praktisch alles begann) dazu genutzt, neue Songs zu schreiben und viel zu essen. Während man einer Songwriterin ja letzteres nicht vorwerfen kann, machte sich ersteres deutlich bemerkbar. Zumal Kate sich heutzutage nur noch so lange hinter ihrem Keyboard versteckt, wie Fotografen zugelassen sind. Ansonsten spielte sie eine Reihe von Tracks auf der Gitarre und sonnte sich ansonsten in der Zuneigung, die man einem respektablen Pop-Star bei solchen Gelegenheit ansonsten gemeinhin entgegen bringt. Das war alles recht in Ordnung - aber schon nicht mehr so ursprünglich und sympathisch wie im Spiegelzelt im letzten Jahr.

Während genau dort die Schwedin Lykke Li als aktuelle Haldern-Neuentdeckung ihren sympathischen Elektro-Pop aufbereitete und dabei bisweilen entfernt an Stina Nordenstam erinnerte, gaben die Editors auf der Hauptbühne den Headliner. Die vier Briten erfinden das Rad sicher nicht neu, aber das, was sie machten, machten sie mit äußerster Perfektion. Live mit mehr Pop-Appeal, als das ihre Platten mitunter vermuten lassen würden, und einem Sänger, der ohne Pause über die Bühne sprang, gelang es den Editors, das Publikum von der ersten Sekunde an mitzureißen. Doch nicht nur Frontmann Tom Smith schien überschüssige Energie abbauen zu müssen. Bei "Sparks" traute sich ein Kameramann des WDR, der das Festival im Rahmen des "Rockpalast" für die Ewigkeit festhielt, mitten auf die Bühne, bevor er vom Bandpersonal schnurstracks wieder an den Bühnenrand verbannt wurde... Trotz der Uniformität der Songs gab es Highlights: Bei "Smokers Outside The Hospital Doors" stand Tom, der zuvor schon vor, neben und hinter dem Piano zu sehen gewesen war, plötzlich auf dem Klavier, und auch das schwere Pianointro von "The Racing Rats" verdiente besondere Erwähnung. Fast noch interessanter, als der Band auf der Bühne zuzuschauen, war es allerdings, die Reaktionen der Zuschauer zu beobachten. Selbst bei einem vergleichsweise kleinen, betont geschmackvollen Indie-Festival wie in Haldern scheint es inzwischen durchaus üblich zu sein, ständig die Arme in die Luft zu recken und bei allem mitzuklatschen, das nur entfernt an einen 4/4-Takt erinnert, als sei der Alte Reitplatz in Rees der Nürburgring.

Währenddessen machten die Skandinavier Loney, Dear im Spiegelzelt kräftig Werbung für ihre ausgiebige Deutschland-Tournee im November, bevor zu vorgerückter Stunde - inzwischen war es fast Viertel vor drei morgens - noch ein Auftritt der besonderen Art im immer noch gut gefüllten Zelt erwartet wurde. Hatte zuvor das Motto stets geheißen "Macht auf der Bühne Licht", ging nun erst einmal das Licht aus, bevor Bohren & The Club Of Gore die Bühne betraten. Wie gewohnt ohne einen einzigen Bühnenscheinwerfer präsentierte das Mülheimer Quartett seine kriechend langsamen, minimalistischen, oft geradezu gespenstischen Instrumentaltracks, deren Ernsthaftigkeit die oft aberwitzigen Ansagen zwischen den einzelnen Nummern gegenüberstanden. Neue Stücke spielten der Saxofonist, der Keyboarder, der Trommler und der Bassist (genau so wurde uns übrigens die Band vorgestellt!) trotz eines in wenigen Monaten anstehenden neuen Albums nicht, dafür entließen sie uns mit Klassikern wie "Black Earth" oder "Sunset Mission" in die Nacht.

Der letzte Tag des Festivals ging - wie üblich - mit infernalischem Krach zum Aufwachen los. Jumbo Jet aus Süddeutschland sind eine Art wahnsinniger Großfamilie (Freunde und Verwandte inklusive Kinder waren an der gleichartigen Gesichtsbemalung zu erkennen) und machen Screamcore der durchgeknalltesten Sorte. Wie die seligen Bloodbrothers turnen die Musiker mit Frontfrau und spontan fahrradfahrenden Gäste über die Bühne und lassen dabei keinen Stein auf dem anderen. Das war musikalisch nicht eben feinsinnig, aber motorisch durchaus aktivierend ... so dass beim nächsten Act, Mintzkov aus Belgien, schon ein paar mehr Männekes vor der Bühne versammelt waren. Sänger Philip Borsschaerts klingt dabei dermaßen nach Tom Barman, dass er diesem vermutlich Stimmtantienem zahlen muss. Ansonsten aber haben sich Mintzkov melodischer, pulsierender, treibender und poppiger Rockmusik verschrieben. Für den frühen Nachmittag war das jedenfalls genau das Richtige und es konnten die ersten tanzenden Fans beobachtet werden.

Der nächste Act war dann "typisch Haldern": Die Dodos sind Meric Long und Logan Kroeber, die hier, unterstützt von einem dritten Mann an Mülltonnendeckel und Vibraphon ihre Version von multikulturell inspiriertem, inspirierten, freistiligen und vor allen Dingen rhythmisch herausforderndem, psychedelischen Folkpop inszenierten. Das war ebenso hochenergisch wie anstrengend (zum Beispiel wegen fehlender Bass-Sounds) - nicht nur für die Musiker, sondern auch für jene, die sich darauf einließen. Dafür boten die Heavies aus Bath in England allerbeste Festival-Kost. Der charismatische Frontman Swaby und seine Mannen boten soliden Funk-Rock mit ein wenig Hip-Hop, Reggae und Disco-Einflüssen - aber eben auch jede Menge knackiger Riffs, Bläser-Samples und eben klassischem Sixities Soul-Funk der Extraklasse. Das alles war bislang komplett auf der Hauptbühne abgegangen. Erst jetzt wurde das Spiegelzelt geöffnet und - ungefähr, aber nicht genau - in den Pausen zwischen den Acts auf der Hauptbühne angesteuert. Als erstes spielte Nick Talbot alias "Gravenhurst Solo" auf. Der Mann aus Bristol arbeitete dabei alleine mit seiner akustischen Gitarre, ein paar Effektgeräten und natürlich seiner einfühlsamen Stimme, derentwegen er von vielen ja als eine Art Halbgott der Szene verehrt wird - ergo gab es die eher besinnlich-melancholischen Balladen seines Oeuvres. Diejenigen, die auf die rockigeren Parts der britischen Americana-Band warteten, müssen dann eben auf die nächste Tour warten.

Auf der Hauptbühne machten sich derweil Okkervil River bereit: Die Band aus Austin war laut Frontmann Will Sheff nonstop und ohne Schlaf von ihrem Auftritt in Göteborg am Vortag zum Festival geeilt und offensichtlich blendend aufgelegt. Es gab Americana-Pop in Perfektion, mit Herzblut und Enthusiasmus vorgetragen, mitreißend und rockig inszeniert und hauptsächlich mit Material des brillanten Albums "The Stage Names" bestückt. Dabei ist das kommende Werk "The Stand Ins" mindestens genau so gut. Okkervil River haben ihr Pulver noch längst nicht verschossen. Übrigens klang die Band, die früher auch schon mal neben der Spur torkelte, auf der Hauptbühne tatsächlich eine Nummer größer und selbstbewusster als gewohnt. Während dann auf der Hauptbühne Jamie Lidell seinen Soul-Pop absolvierte, gab es im Spiegelzelt das Deutschland-Debüt von Fink UK. Fink sind ein Trio aus Brighton, die mit akustischer Nylon-Gitarre, sechssaitigem Bass und jazzigem Drumming einen unglaublich intensiven Spannungsbogen aufzubauen in der Lage sind, der sich von Song zu Song steigert und an Intensität zunimmt. Da konnte nicht ein Mal Heavies Frontmann Swaby, ein Freund der Band, mit seinen Späßen vor der Bühne Fink aus der Ruhe bringen. Als Bonbon gab es eine Coverversion von Kraftwerks "Model" im Bauhaus-Stil und eine Zugabe. Nach Fink spielten Alamo Race Track aus Amsterdam einen ihrer seltenen Gigs außerhalb des Heimatlandes. Richtig nervös waren Ralph Mulder und seine Mannen - dabei spielten sie doch quasi fast vor Heimkulisse. Ihr spröder, aber gutgelaunter und leicht unegaler Gitarrenpop kam dabei aber prächtig an, so dass sich die Jungs dann im Verlauf des Konzertes so richtig schön in Stimmung spielten und eine letztlich mitreißende Show hinlegten.

Auf der Hauptbühne wurde es dann eine Spur ruhiger. Sam Bean und sein Iron & Wine genanntes Kleinorchester spielen eine Musik, die durchaus ein wenig an die seligen 60s erinnert. Deswegen lief in der Umbaupause wohl auch dauernd "Southern Man". Mit Rockmusik hat Sam Bean aber nicht so viel am Hut. Seine Musik zehrt mehr von Folk und Country Einflüssen - gleichwohl die Sache durchaus auch swingt und sich bewegt. Nicht, weil drauflosgedroschen wird, sondern weil die Instrumente miteinander verwoben und verschachtelt werden und Sam seinen Nummern Raum zum Atmen gibt. So sehr sogar, dass die Ordner schon ganz nervös wurden, als nach einer Viertelstunde das dritte Stück immer noch nicht angefangen hatte und sich immer noch Fotografen in ihrem geliebten Sicherheitsgraben tummelten. Als kurz vor zehn The National aus Brooklyn aufspielten, war es mittlerweile richtig dunkel geworden und der Platz erstmals fast überfüllt. Matt Berninger und seine zwei Brüderpaare plus Geiger Padme Newsom haben eine - für diese Art von Musik - erstaunlich steile Karriere hingelegt. Mit ihrem eigenwilligen Indie-Rock, der mehr auf Atmosphäre und Spannung setzt als auf die große Geste oder billige Thrills, haben sie sich im Laufe der Jahre eine stetig größer werdende Anhängerschaft erspielt und überzeugten auch in Haldern mit einer druckvollen Show, bei der auch die - nur für Anlässe dieser Art - mitgeführten Bläser zum Einsatz kamen und sich Newsom mit den beiden Gitarrenbrüdern der Band wilde Sound-Duelle lieferte. Das alles, obwohl eine The National-Show optisch nicht so viel hergibt, da sich Matt Berninger lieber mit dem Rücken zum Publikum zeigt und eigentlich nur Newsom dazu neigt, über die Bühne zu toben. Sei es drum: Als Rockshow war dies ein deutlicher Festival-Höhepunkt. Es folgten noch Maximo Park auf der Hauptbühne sowie die Haldern Veteranen Greg Dulli und Mark Lanegan alias Gutter Twins, Ober Jesus Scott Matthew und der Isländer Olafur Arnalds im Spiegelzelt.

Fazit: Haldern 2008 bot tatsächlich alles, was man sich von einer zünftigen Jubiläumsveranstaltung dieser Art auch hätte erwarten dürfen.

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Surfempfehlung:
www.haldern-pop.de
Text: -GL.de Festival Patrol (Maurer, Mahler)-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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