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Immergut hier zu sein

Immergut Festival

Neustrelitz, Landratsamtgelände
25.05.2001/ 26.05.2001

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Immergut Festival
Im zweiten Jahr in Folge wird die Festivalsaison nicht etwa am Nürburgring oder im Nürnberger Frankenstadion eröffnet, nein, schon vor Pfingsten findet in Neustrelitz/MäcPom, ein Event erster Güteklasse statt. In vielerlei Hinsicht ist das Immergut-Festival eine Veranstaltung der Superlative. Die deutsche Indiepop-Meisterschaft sozusagen, musikalisch wie auf dem Fußballfeld. 80 km nördlich von Berlin, inmitten wunderbarer Natur, geben sich die erste Liga deutscher Gitarrenmusik die sprichwörtliche Klinke in die Hand, und sie tun es gerne. Frisch und unverbraucht. Im Gegensatz zu den durchkommerzialisierten Megafestivals bekommt der Besucher hier Musik in einem Rahmen geboten, der seinesgleichen sucht. Okay, wenn Du auf warmes Bier zu 7 DM stehst oder unbedingt Guns'n'Roses und Slipknot sehen willst, bist Du hier falsch. Hier gibt es nur wunderbare Stimmung, billiges Desperados und ehrliche Rockmusik. Moderiert von der Viva-Stimmungskanone Rocco Clein (Rock on!) gaben sich Readymade, Sportfreunde Stiller, Slut, Miles oder Eskobar auf der Hauptbühne die Ehre. Nicht weniger spannend waren die Auftritte der Newcomer im Zelt des Knaartz-Fanzines. Die berliner Band Delbo wußte genauso zu gefallen wie Tom Liwa, der live und akustisch immer wieder sehenswert ist. An die Auftritte von Tomte oder den sympathischen wie energetischen Berlinern von Virginia Jetzt! wird man sich sicherlich noch lange erinnern. Melanie Dahms hat uns einen bezaubernden und atmosphärisch dichten Bericht zukommen lassen, dem eigentlich kaum etwas hinzuzufügen ist. Genauso war es!
"Immergut hier zu sein, es ist immergut hier zu sein. hier kannst du Sterne sehen, hier kannst du baden gehen, Du kannst den ganzen Tag am Wasser oder in der Sonne stehen" (Virginia Jetzt!)

Kluge Köpfe, die von Virginia Jetzt!. Wie sie das so singen. Und Recht haben. Und noch dazu den Sampler zum wohl schönsten Festival Deutschlands (sagt zumindest der Sportpeter) einleiten. Damit uns die gute Laune auch jetzt nicht vergeht. Im letzten Jahr bin ich mit einem dicken fetten Grinsen nach Hause gefahren. Dieses Jahr starte ich mit demselben Richtung Mecklenburg-Vorpommern, weil ich ja weiß, daß wunderbar rocken in derart schöner Kulisse und derartiger Entspannung nur hier möglich ist. Klettern wir Freitag mittag grinsend aus dem Auto. Ein noch leeres Festivalgelände. Die letzten Aufbauten, bevor der Indiepophörersturm losbricht. Unser Pegel der Festivallust klettert vor lauter Vorfreude noch ein klein wenig mehr nach oben. Schnell bauen wir unser Zelt in einem der wenigen Schattenplätze auf, schnappen uns ein paar Kassetten und düsen zum See. Musikhörend ergötzen wir uns an der großzügig scheinenden Sonne. Uns freuend auf die kommenden zwei Tage.

Der Anblick von heute Mittag dann als längst Vergangener. 18 Uhr und unsere erneute Ankunft auf dem Gelände. Wochenendbehausungen, soweit unsere sonnenbebrillten Augen blicken. Deutsche Popkulturhörer schlendern zwischen rollenden Autos, Dixiklos und bereits auf Höchstouren laufenden Grills daher. Kurze Wartezeiten, um sich in ungekannter Schnelligkeit Bändchen an die noch sauberen Handgelenke binden zu lassen. Ein sich langsam füllendes Festivalgelände. Staub an den Füßen, Bier in der Hand, Grinsen im Gesicht. Ein paar wippende Köpfe als Porous im Zelt den musikalischen Start zum diesjährigen Immergut geben. Als die Friends of Dean Martinez den Auftakt auf der Hauptbühne geben, schlendere ich übers Gelände. Die Musik im Ohr, die Augen schweifend. Schaue mich um. Entdecke die vom Sportpeter beschriebenen schönen Festivalbesucher, stimme ihm innerlich zu und freue mich. Schon wieder. Das Grinsen scheint gar nicht mehr zu verschwinden. Tom Liwa singt anschließend im Zelt von Faultieren und anderen uns berührenden Dingen. Plötzlich ärgere ich mich, daß hier so viele große Menschen sind. Aus anerzogener Höflichkeit schubse ich sie nicht weg, sondern stehe still und starr und versuche etwas von den Texten aufzuschnappen - wenn ich schon nichts sehen kann. Das Zelt erscheint mir zu klein, Tom Liwa sitzt zu tief und mir bleibt nichts, als mir vorzunehmen ein Ticket für ein Solokonzert zu kaufen.

Schöne Musik am ganzen Abend verfestigt mein Grinsen. Vielleicht ist das Bier in meiner Hand auch ein bißchen schuld am Glückszustand. Das äußerst zufriedene und liebenswürdige Publikum ist auch sehr dankbar und rockt. Rockt bis der Staub in ihre Nasen krabbelt. Atmen als Schwierigkeit. Aber was macht das schon, wenn man tanzend und singend die Nacht begrüßt. Lachend. Mit Glitzern in den Augen. Von soviel schönen Dingen. Wenn die Sportfreunde Stiller gutgelaunt die Massen animieren. Fast schon nasse T-Shirts und Haare, weil man einfach nicht stillstehen mag. Nicht kann. Ein paar neue Stücke. Gute Laune. Höchstmotivierte Grinsebacken auf der Bühne. Ein mutiger Sportpeter und viele grapschende Hände beim stage diven. Die Nimmermüden unter den Besuchern gönnen sich zum Abschluß dieses ersten Festivaltages die Donots und Noise Pollution. Besser kann so ein Tag auch gar nicht aufhören. Schöne Träume garantiert.

Samstag vormittag und Fußball. Genuß des weiß-schwarzen Leders, um abends noch besser Musik machen zu können? Ein paar prominentere Mannschaften und gewillte Besucher. Ein Sportplatz irgendwo in Neustrelitz. Sonne und kurze Hosen. Diejenigen, die sofort baden, entspannen, beobachten, essen, plaudern wollen, fahren ans Wasser und verpassen sicherlich eine Menge Spaß. Ich bin jetzt noch ein wenig melancholisch deswegen.Ein Blick auf das heutige Line-up läßt meine Augen ungekannte Größe annehmen. Staunen, bei so wohlklingenden Namen von den heute auftretenden 12 Indiebands. Subterfuge, Delbo, The Electric Club, Tomte, Miles (um nur ganz kurz ein paar zu nennen) lassen meine Lippen jetzt noch ein leises bedächtiges "Hach" formen.

Das Hamburger Quartett Silber startet den zweiten Tag. Sehr schade, daß im Zelt nicht mehr Leute sind. Die Band um Julian Friedrich (Voc/Bass) animiert unsere Füße zur fröhlichen Bewegung. Träumereien, weil es einfach nur schön ist. Zauberhafter Pop, von einer Band die wir bisher nicht kannten. Uns aber unbedingt merken wollen. Saxophone konnte ich schon immer gut leiden.

Besonderes Aufhorchen bei Nova. Die CD muß ich haben. Das ist das erste, was ich denke, als Michi K. (voc/git), Michi D. (git/key/voc), Kris (drum/voc) und Markus (bass) anfangen zu spielen. Eine Band, die allein, wenn man sie ansieht, schon zum Wundern anregt. Wunderschöner tanzbarer Pop. Die Füsse bewegen sich von allein, der Körper fängt an den Takt der Musik nachzufühlen. Purer Genuß in dieser Kulisse. Sonne im Nacken, gutgelaunte Menschen überall. Ein charismatischer Frontmann, dem mit seiner Band zu wünschen wäre, daß er ein "Star" wird. So von wegen Cadillac. Zuversicht, das Starsein vielleicht manchmal ganz leicht geht. Tip!

Bei der 1994 gegründeten schwedischen Band Eskobar gerät man schon wieder ins Schwärmen. Ins Nachdenken über Wahrheiten, wenn Daniel (voc), Robert (drums) und Frederik (git) inmitten der untergehenden Sonne gefühlvoll von den Leiden des Lebens berichten, von Lieben und Verabschieden, vom Neubeginn. Hoffnungsvolle Musik, wie sie sagen. Auf den ersten Blick, ist sie das wohl nicht. Musik, die nicht für Parties gemacht ist, sondern eher für danach. Sagen sie. Egal für was. Faszinierend auf jeden Fall. Ihr Album "Til We're Dead" ist ein weiteres, was man unbedingt kaufen sollte. Wenn ihr das nicht schon längst getan habt. Abgelöst werden die Skandinavier von Virginia Jetzt!. Das fünfzigste Konzert der Berliner ist im Knaartz-Zelt. Ich stelle fest, daß ich zu langsam hergelaufen bin bzw. daß dieses Zelt schon wieder etwas klein ist. Stehe wieder so ungünstig, daß ich nichts sehen kann. Leicht aufgewirbelter Staub setzt sich überall fest. Schweiß hängt in der Luft. Gerade mißfällt mir das. Ein weiteres Ticket für ein Solokonzert muß gekauft werden. Weil es doch auch so schön ist, wenn sie Geschichten von geworfenen Schneebällen erzählen. Und weil ich auch mal was essen muß, gebe ich meinen eh doofen Platz her. Überladung aufgrund zuviel positiver Reize will ich schließlich auch nicht diagnostiziert bekommen. Gestärkt und mit erkämpften Platz in rockender Masse genieße ich Slut. Die Texte mittlerweile gut bekannt, singt das sympathische Publikum mit. Laut und falsch. Egal. Hauptsache es rockt. Das tut es und zwar ziemlich gut. Macht Spaß - aber was hat hier noch keinen gemacht? Keine Antwort. Readymade und wahrscheinlich ziemlich viel Bier. Ein angetrunkener Frontmann. Ein nicht minder angetrunkener Rocco Clein. Alles zusammen läßt das Publikum tanzen, springen, stage diven und sich freuen. Mit Elvis verabschieden sie sich. Wanken zum Ausgang. Können diesen erahnen. Wenn auch knapp.

Die Größe des Zelts ist mir zu diesem Zeitpunkt nun wurscht. So viele Einzelkarten will ich vorläufig nicht kaufen. Außerdem weiß ich auch gar nicht, wann Sofaplanet überhaupt noch live zu sehen sind. Vergesse ich meine gute Erziehung und schubse mich jetzt doch in Richtung Bühne. Plötzlich hab ich auch ganz viel Platz. Ganz viel Staub. Drei lustige Gesellen auf der Bühne, die zum Abschluß des Festivals die Massen nicht still stehen lassen. Füssetreten in doppelter Ration als sich fast das ganze Zelt zum Springen animiert fühlt. Schwitzige Körper. Erwartungsvolle Augen schauen andächtig zu Sven, Jan, Gotti. "Lieb ficken". Damit auch derjenige tanzt, der sagt, daß er diese Art von Musik nicht leiden kann. Selber schuld.

Fast schon wieder hell, als alle ins Freie gehen. Kalt. Viele schöne Gedanken. Immer noch das Grinsen. Lagerfeuerromantik überall. Feiernde Menschen. Adressenaustauschende Besucher. Ein paar Stunden Schlaf. Oder eben feiern bis die Sonne niemanden mehr schlafen läßt. Ein rumpelstilzchenähnlicher Typ animiert 11 Uhr morgens mit einem "Ich bin der Meinung, ihr seid Spitze" die im Kreis sitzenden Zuschauer. Mit einer Bierdose in der Hand hüpft er angetrunken über den Platz. Nicht die Sportfreunde - nur der Liedzeilenklau. Ich schiebe schnell die Sonnenbrille auf die Nase. Die bereits eingepackten Zelte will ich nicht wahrnehmen. Die abreisenden Menschen auch nicht. Die ersten stehen am Shuttlebus, einige an dem stets rinnenden Wasserhahn (oder wie ist die Wasserstelle zu bezeichnen). Wasser rinnt wie schon Samstag über die schmutzigen Füsse. Zahnpastaflecken kleben am Gras. Sonnenverbrannte und staubige Gesichter werden tagfrisch gepflegt. Soweit das möglich ist. Ich schlurfe zum Zelt. Komme nicht gegen die Aufbruchstimmung an. Alles wird verpackt. Das große Paket neuer Erlebnisse ist schon ganz schwer. Unser Auto fährt Richtung Süden, wir lauschen dem Silberling "Immergut rocken 2". Unsere Köpfe nicken, als Nino vom "Immergut rocken" singt.

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Text: -Melanie Dahms-
Foto: -Immergut-

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