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Konzert-Bericht
 
Der Aufstand der Maschinen hat gerade erst begonnen

E-tropolis Festival 2010

Berlin, Columbiagelände
26.06.2010

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Combichrist
Die T-Shirts haben sie bereits ausgezogen, Schweiß läuft an ihren Oberkörpern hinab. Es ist eng, heiß und stickig. Doch die Fans der amerikanischen Band KMFDM stört das nicht. Einige von ihnen bilden inmitten des Zuschauerraums einen Kreis, schubsen, drängeln und springen gegeneinander. Es ist der erste Moshpit an diesem heißen Sommertag auf dem Berliner Columbia-Gelände, bei weitem jedoch nicht der letzte.
Zum ersten Mal hatten die Veranstalter des Amphi-Festivals zu einem rein elektronischen Festival, dem E-tropolis eingeladen. Sollte es zunächst auf dem Gelände der Zitadelle in Spandau stattfinden, wurde die Veranstaltung nach einem sensationellen Vorverkaufsergebnis auf das Columbiagelände gelegt. Der Vorteil: Mehr Platz, zwei Bühnen und keine Nachtruhe, die eingehalten werden muss. Folglich konnten mehr Bands, insgesamt 13, eingeladen werden. Denn nicht nur in der Columbiahalle, sondern auch im Columbiaclub konnte gefeiert werden. Bässer, härter, lauter, titelte der Veranstalter - und sollte damit Recht behalten. Der Nachteil war jedoch das fabelhafte Sommerwetter: Die Sonne brannte vom Himmel und bei solch hohen Temperaturen ist niemand gerne in einer stickigen Halle.
Trotzdem zog es die Elektrofans schon früh in die Halle. Denn schon um 15 Uhr enterten die Berliner Bauarbeiter der Patenbrigade:Wolff die Bühne in der Columbiahalle. Sie hatten jedoch einige Mühe das Eis bei den Zuschauern zu brechen, schienen sie auf die Top-Acts des Abends, wie Combichrist und Hocico zu warten. Ganz anders dann bei KMFDM, wo trotz Hitze kräftig gepogt wurde. Ihr elektronischer Gitarrensound riss die Fans mit, Songs wie "Megalomanic" oder "Hau Ruck" brachten die Menge zum Tanzen.

Derweil startete auch das Programm im Club. She's All That, die geheimnisvollen Newcomer aus Köln, hatten die Ehre den Anfang zu machen. Mit ihren druckvollen Elektrohymnen wie "Jabtac" oder "Mash It Up" hatten die vier Musiker, die alle Masken tragen, um nicht erkannt zu werden, bei den Zuschauern ein leichtes Spiel. Direkt nach dem Opener tanzte die Menge ausgelassen. Neuankömmlinge staunten erstmal, ließen sich aber von der guten Laune auf und vor der Bühne schnell anstecken und rockten mit ab. Zu ihrem Hit "Jump 1,2,3,4" holten sich die vier als alte Herren verkleidete Musiker schließlich Verstärkung auf die Bühne. Zwei Jungs aus Thüringen durften zusammen mit der Sängerin, die einige ohne Maske mit Sicherheit wiedererkennen würden, den Refrain des Liedes singen.

Wenige Minuten später ging es dann schon in der Halle weiter. Alleinunterhalter Claus Larsen, Leather Strip, stand auf der großen Bühne. Seine energiegeladene Show zeigte, dass er schon seit vielen Jahren im Musikgeschäft ist und genau weiß, was sich die Elektro-Fans wünschen. Und er weiß auch, dass sich harte Beats und sozialkritische Texte nicht unbedingt ausschließen müssen. So kommentierte er die Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko vor seinem Song "Black Gold" mit einem lauten "Fuck BP" und wandte sich mit seinem neuen Hit "Turmoil (Fuel For Fascism)" gegen jedwede Form des Faschismus. Fehlen durften natürlich auch nicht seine Klassiker, wie "Strap Me Down" oder "Hate Me!". Wer zuvor Sorgen hatte, dass die Bühne für nur einen Mann zu groß sein könnte, wurde eines Besseren belehrt. Leather strip füllte sie perfekt aus.

Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es weiter: Gabi Delgado, Sänger der Deutsch-Amerikanischen-Freundschaft, stürmte auf die Bühne, rannte zu den Klängen von "Verschwende Deine Jugend" ruhelos von rechts nach links über die Bühne, um kurz inne zu halten und wieder in die andere Richtung zu laufen. Abkühlung versuchte er sich mit Wasser zu verschaffen. Anstatt es zu trinken, goss er sich den Inhalt der Plastikflaschen über den Kopf oder in die ersten Zuschauerreihen. Die Fans tanzten schon wieder wild und ausgelassen, verschnauften kurz bei "Ich & die Wirklichkeit", um beim Klassiker "Tanz den Mussolini" völlig die Kontrolle zu verlieren. Die DAF-Fans tanzten, schubsten sich weg, schrien die Texte mit, die weniger gesungen, als geshoutet wurden. Das Berliner Publikum heizte die Band an, die Band heizte die Zuschauer an. Gabi Delgado und Robert Görls strahlten Zufriedenheit aus, als sie nach den Hits wie "Alle gegen alle", "Sato, Sato", "Der Sheriff" und "Liebeszimmer" die Bühne wieder verließen.

Flackernde Stroboscheinwerfer, viel Nebel, Tarnnetze, Kanonen, viele Trommeln und weiße Grab-Kreuze bestimmten das Bühnengeschehen bei der nächsten Band. Feindflug machten ihrem Namen alle Ehre und verwandelten die Bühne, auch mit Hilfe von Videoprojektionen in einen Kriegsschauplatz. Altbekannte Hits wie "Ak 47" donnerten den Zuschauern um die Ohren. Von der Lautstärke her, versuchten sie alles bisher dagewesene zu übertreffen. Einige der Zuschauer spekulierten nach dem Gig, ob Feindflug, nach dem Einsturz der Hallendecke auf dem Amphi 2009, auch diesmal testen wollten, wie viel Bass das Gebäude aushält. Das Gebäude hielt stand und nach der Tanzwütigkeit der Fans zu urteilen, hatten diese auch eine ganze Menge Spaß bei dem Auftritt. Besonders der Clubhit "Stukas im Visier" kam bei den Fans gut an.

Auf der Bühne verwandelt er sich in Schwiegermamas Alptraum: Er wirkt wirr und verrückt, schneidet furchterregende Grimassen, tigert ruhelos vor seinen Musikern hin und her. Combichrist-Frontmann Andy LaPlegua, diesmal mit blonden, kurzen Haaren, hat die Menge in der Berliner Columbiahalle sofort im Griff. "All Pain is gone" schreit er in die Menge, die auch keine Schmerzen zu spüren scheint. Und das, obwohl sie in dieser Bullenhitze schon einen Tanzmarathon hinter sich haben. Die Bässe schlagen ihnen um die Ohren, werden vom Körper absorbiert und sofort in Bewegungen umgesetzt. Angepeitscht werden sie zusätzlich von den beiden Live-Drummern Joe Letz und Trevor Friedrich, während Keyboarder Z_Marr für den Klangteppich zuständig ist. "Electrohead" schallt durch die Halle - nirgendwo besser ist dieser Song aufgehoben, als auf diesem Festival. "This Shit Will Fuck You Up", das fast schon hypnotische "Get Your Body Beat" und zu guter Letzt "What The Fuck Is Wrong With You People?" werden von den Fans frenetisch gefeiert. Auch wenn die ersten Reihen beim letzten Song ein wenig in Deckung gehen mussten: Wie immer zerlegten Combichrist die Bühne völlig, schmissen mit Trommeln um sich und versuchten sich gegenseitig mit ihren Instrumenten zu treffen. Combichrist stehen für eine energiegeladene Show, einen guten Sound, eine 1A-Performance. Und auch die Lichtshow begeisterte ausnahmslos. Rundum gelungen. Combichrist - der heimliche Headliner des Abends.

Was die Zuschauer von Covenant mit Sicherheit nicht behaupten werden. Die Vorfreude stand ihnen in die Gesichter geschrieben, als das Hallenlicht aus- und das spärliche Bühnenlicht anging. Doch die Minuten verstrichen - keine Spur von den Schweden. Dann endlich erklang das Intro, welches wenige Minuten später in den Song "Stalker" überging. Doch schon bei den ersten Tönen wurde klar, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Die Bühne blieb relativ dunkel, der Text des Songs blieb recht unverständlich. Kraftlos kam er daher, die folgenden Songs wie "20hz" und "Dynamo Clock" ebenso. Der negative Höhepunkt der Show: Keyboarder Joakim konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und kroch minutenlang über den Bühnenboden. Ob da Alkohol im Spiel war, lässt sich vermuten. Zumindest schienen der Schwede schon kräftig die Mittsommernacht gefeiert zu haben. Im Covenant-Forum hat er sich bei den Fans und auch bei seiner Band für sein verhalten entschuldigt. Trotzdem wird dieser Auftritt den vielen Musikfans mit Sicherheit noch lange in schlechter Erinnerung bleiben.

Zum Glück bildete der Auftritt von Covenant nicht den Schlusspunkt des ansonsten so gelungenen Festivals. Wenig später betraten zwei Krieger die Bühne, die den Auftritt des mexikanischen Duos einläuten. Sie tragen Fernseher vor sich her, setzen diese ab und beginnen, sich zu bekämpfen. Erk Aicrag und Racso Agroyam lassen noch auf sich warten, aber nicht lange bitten: Mit "A Fatal Desire" legen sie direkt heftig los. Erk rennt wie immer ruhelos über die Bühne, während Racso sich eher im Hintergrund hält und für die harten, elektronischen Sounds zuständig ist. Sounds, die zu einer Best-Of-Show gehörten, bei denen Titel wie "Dog Eat Dog", "Forgotten Tears" und "Poltergeist" nicht fehlen durften.

Als schließlich die Aftershow-Party startete, waren sich alle Zuschauer einig, einen großartigen Festivaltag erlebt zu haben. Einziger Kritikpunkt: Hunger! Denn ab dem späten Nachmittag war das Nahrungsangebot eher dürftig, wenn nicht völlig ausverkauft! Ansonsten gebührt dem Veranstalter Lob für den Wagemut - ein rein elektronisches Festival macht Lust auf mehr. Und den Nachschlag gibt es auch: Am 03. September 2011 geht der Aufstand der Maschinen in die nächste Runde.

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Surfempfehlung:
www.etropolis-festival.de
Text: -Esther Mai-
Foto: -Esther Mai-


 
 

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