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Shut Up And Dance!

Berlin Festival

Berlin, Flughafen Tempelhof
07.09.2012/ 08.09.2012

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Berlin Festival 2012
In großen Buchstaben prangte die Aufforderung "SHUT UP AND DANCE!" auf dem Gelände des diesjährigen Berlin Festivals und sie sollte im Verlaufe des Wochenendes von den rund 20,000 Besuchern auch in die Tat umgesetzt werden. Anlass zum Tanzen gab es schließlich genug. Wer beim Anblick des breit gefächerten Programms schon freudig mit den Füßen scharrte, wurde keineswegs enttäuscht. Einige Besucher humpelten nach Ende des Tages gar glücklich vom Ort des Geschehens nach Hause. Echte Musikliebhaber kennen keinen Schmerz und können selbst schwierigen Wetterbedingungen trotzen, ohne sich den Spaß verderben zu lassen. Die Sonne hatte es schwer, sich inmitten von aufgetürmten Wolkenfeldern zu behaupten, doch dank vieler musikalischer Highlights strahlten immerhin die Besucher, auch wenn die Hauptbühne dieses Jahr nicht mehr unter dem Schutze des Terminal-Daches stand.
Nachdem James Blake im letzten Jahr die Ehre hatte, das Festival einzuläuten und mit seinem früh angesetzten Set überraschte, wurde auch dieses Mal auf eine für Festival-Verhältnisse untypische Eröffnung gesetzt. Statt normaler Band-Besetzung nahm ein ganzes Ensemble unter den Scheinwerfern Platz und bewies eindrucksvoll, dass Kammerpop durchaus hörbar vermittelt werden kann und klassische Arrangements kein Grund für Langeweile sind. THE BRANDT BRAUER FRICK ENSEMBLE legte samt Überraschungsgast JAMIE LIDELL einen fulminanten Startschuss für viele weitere, spannende Live-Momente am besagten Wochenende hin und erntete für die zutage gebrachte Leidenschaft und kreative Umsetzung der Stücke zurecht von allen Seiten jubelnden Zuspruch.

OF MONSTERS AND MEN zogen danach auf der Hauptbühne vielleicht mehr Menschen an, wirkten aber längst nicht so geschlossen und mitreißend wie erwartet. Erst nach Startschwierigkeiten gelang es der Band sich zu befreien und das leicht trübe Spiel aufzuheitern, so dass auch das Publikum spürbar mehr Interesse zeigte als noch zu Beginn der Show. Viel weniger Mühe hatten dagegen die Herren von CLOCK OPERA, deren musikalischer Funken sofort über den Bühnengraben sprang und ohne Umwege inmitten der Fans zündete. Kaum waren ein paar Minuten gespielt, zappelte die Menge im Einklang mit Sänger Guy Connelly, dessen hektische Bewegungen und Tanzeinlagen ohne Frage einen animierenden Charakter hatten. Die Songs ihres Debüts "Ways To Forget" gewannen live sogar noch an Größe und Energie dazu. Selbst die vergleichsweise kleine Bühne im Hangar konnte die Londoner nicht in ihrem Tatendrang bremsen.

Eine ganze Spur ruhiger, aber nicht weniger wirkungsvoll zog dagegen der Newcomer MICHAEL KIWANUKA das Publikum in den Bann. Trotz der Konkurrenz der Kollegen, konnte sich die englische Blues-Hoffnung inmitten poppiger Gitarren-Bands mehr als gekonnt behaupten und punktete mit seinen feinfühligen, zurückhaltenden Songs, die auf der Bühne durch Backing-Band und ausgefeilte Arrangements sowie Raum für Improvisationen Eindruck machten. Doch auch der Künstler selbst zeigte sich vom Flughafen-Ambiente beeindruckt und genoss seinen Auftritt zwischen den aufgemalten Flugzeug-Tragflächen der Hauptbühne. Neben Songs seines Debüts "Home Again" verdeutlichte der sympathische Sänger und Gitarrist sein musikalisches Können auch durch "May This Be Love (Waterfall)", eine Cover-Version von Jimi Hendrix, deren Interpretation großes Gitarren-Kino versprach.

Mit LITTLE DRAGON hielt dann der schwedische Pop in feinster Form Einzug ins Festival-Programm des ersten Tages. Obwohl die Band bemüht schien, ihre tanzbaren Songs möglichst schnörkellos auf die Fans loszulassen, wirkte der Auftritt durch eine etwas dünne, stimmliche Darbietung von Sängerin Yukimi Nagano leider etwas schwächer als gewohnt und färbte auf den Rest der Band ab. Wären WE HAVE BAND ein Flugzeug und wollten sich in Anlehnung der Berliner Geschichte präsentieren, wären sie wohl einer der legendären Rosinenbomber. Ihre Songs Zucker für's Volk, ihr Auftritt über die gesamte Länge des Sets bombig. Jedes Lied setzte zum Höhenflug an und beschleunigte das allgemeine Wohlbefinden der zahlreichen Besucher, die gekommen waren, um mit Konfetti, Seifenblasen und hochgerissenen Armen einen Band zu feiern, die nicht mehr aus ihrem Auftritt herausholen hätte können. Voller Elan konnte es da schon mal zu einer "Wardrobe Malfunction" kommen, wie Thomas Wegg-Prosser die aufgegangene Gürtelschnalle am Outfit seiner Frau Dede Wegg-Prosser bezeichnete. Zum Schluss eines wahrlich rauschenden Sets dann noch der Gruß an den Schwiegervater, der sich im Publikum befand und die Band verschwand wohlverdient in den Feierabend.

Zu hören war von GRIMES im Vorfeld ihres Festival-Auftritts einiges, überschüttete die internationale Presse die kanadische Künstlerin doch mit viel Lob für ihren experimentellen Drang und ihren süßen Synth-Pop. Claire Boucher, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, schmiss sich aber trotz ihres Status als musikalischer Überflieger auf der Bühne nicht in Pose, sondern zog das Versteckspiel im Schummerlicht vor während Tänzer mit bunten Neon-Lichtern für Furore sorgten. Das für Festivals übliche Kontrastprogramm fand in den direkt nacheinander stattfinden Auftritten von SIGUR RÓS und THE KILLERS wohl seine, wenn auch völlig unterschiedlich geprägten, Höhepunkte. Gegensätzlicher hätte es wohl kaum zugehen können am Ende des ersten Festival-Tages. Während die isländischen Post-Rocker von Sigur Rós die atmosphärische Größe bis in die letzten Winkel des Berliner Nachthimmels ausschöpften und durchaus auch die Stille als Element in ihren Songs wirkungsvoll zu nutzen wissen, setzten ihre Kollegen aus Las Vegas dagegen auf ungebremste Dramatik, inszenierte Posen, aalglatte Interpretationen ihrer größten Hits und die gewohnt kitschigen Texte, die auch zuhauf auf dem neuen Album "Battle Born" vertreten sind. Funkenregen zum Abschied und ein blinkendes Blitz-Mikro inklusive. Las Vegas-Charme mit chronischem Hang zu Überschwänglichkeit in jeglicher Hinsicht. Da konnte man sich angesichts von so viel aufgetischtem Pomp schon einmal die Frage stellen, meinen die das wirklich ernst? "Smile Like You Mean It" - das Zahnpastalächeln von Brandon Flowers untermauerte die Aussage des Songs und vermittelte den Eindruck, dass die Glitzer-Show der Amerikaner keinesfalls ein Scherz war. Mit Humor war sie dann aber immerhin erträglich.

Der zweite Tag des Berlin Festivals begann, wie der erste am Abend zuvor aufgehört hatte...mit einer ordentlichen Portion Regen. Zum Glück blieb der vor der Tür, als CROCODILES aus San Diego im Hangar des Flughafen-Geländes die Bühne betraten. Darum war es durchaus legitim, dass Sänger Brandon Welchez seine schwarze Sonnenbrille stolz auf der Nase trug, während er sich lässig mit Hand in der Hosentasche an sein Mikro schmiegte und sich dem Noise Pop der eigenen Songs hingab. Auch wenn die Songs auf ihren Alben vom Pop ins Psychedelische abdriften, live bleibt davon meistens nur wenig übrig und die Band versuchte auch an diesem Tag, den Pop mit fulminanter Lautstärke zu ersticken und in den Sphären einer Rock-Band zu schwelgen. Einzig Gitarrist Charles Rowell wäre da dank seiner Fingerfertigkeit gut aufgehoben. Der Indie-Pop steht euch besser, Jungs!

Weit entfernt von jeglichen Pop-Einflüssen ist JAMIE N COMMONS, dessen Gitarren--Country-Blues sich an diesem Tag von vielem absetzen sollte, was sich musikalisch auf dem Programm tummelte. Den Hut stets locker auf dem Kopf, die Stimme rauchig tief und die Country-Gitarre im Anschlag bot der in England geborene Sänger dem Publikum eine gelungene Abwechslung, nachdem CRO auf der Hauptbühne für leichte Unterhaltung und massenkompatible Songs mit Sing-Along-Charakter sorgte.

Die offizielle Festival-Hymne "Neuzeit" stammt von Berlins spannendem Elektro-Pop-Act I HEART SHARKS, die es sich natürlich nicht nehmen ließen, diese samt weiterer Songs ihres Repertoires vor den Augen eines großen Publikums gebührend zu performen. Und zwar vor einer Fan-Schar, die die Songs mit Leibeskräften und wahrscheinlich auch die eigene Heiterkeit feierte, bis der letzte Ton verklungen war. Da hielt es die Band verständlicherweise nicht lange auf der Bühne und es wurden Konfetti-Kanonen über der Menge abgefeuert, sowie ein Bad inmitten der Fans genommen.

Viel gediegener ging es da bei den schwedischen Schwestern von FIRST AID KIT zu, die eine Stunde lang, und gerade frisch von ihrer Sommer-Tour mit Jack White zurück, ihren Folk-Pop mit Anmut vortrugen und dabei mit ihren hellblauen Kleidern so unbescholten wirkten wie so manch einer ihrer Songs. Nötig haben sie es nicht, ihr Set mit Cover-Versionen zu füllen, doch zwei musikalische Grüße an Fever Ray und Paul Simon fanden dann doch ihren Weg auf die Setlist und wussten ebenso wie ihre eigenen Songs zu überzeugen. Spätestens seit ihrem zweiten Album "The Lion's Roar" sollte klar sein, diese beiden jungen Musikerinnen sind ihrem Alter und dem daran gemessenen musikalischen Output weit voraus und dürften wohl auch in Zukunft noch für Überraschungen sorgen.

Wer bei FRIENDLY FIRES nicht mit allen Gliedmaßen im Takt der Musik zuckte oder versuchte, die unvergleichlichen Hüftschwünge von Sänger Ed Macfarlane zu imitieren, der war eindeutig nicht bei Friendly Fires. Von den ersten Reihen bis hin zum letzten Winkel des Hangars tobte das Publikum in Ekstase und feierte die Band mit jedem Song auf's Neue. Ein Triumphzug, der zwischenzeitlich nur wenig Raum für kleine Verschnaufspausen bot. Sowohl auf der Bühne als auch davor wurden eine Stunde lang gefühlt 200 Prozent gegeben und die englischen Indie-Granaten spielten sich in einen wahren Rausch, der an Bilderbuch-Akrobatik kaum zu überbieten war.

Etwas abgeklärter, aber dennoch mitreißend hangelten sich danach die schottischen Kollegen von FRANZ FERDINAND von einem Club-Hit zum nächsten und wirkten völlig routiniert. Ganz das eingespielte Team, bat die Band das zahlreich erschienene Publikum zum Tanz und wurde großzügig belohnt. Textsicher und mit lautstarken Chorgesängen feierten die Fans ihre Helden, zückten die erhobenen Hände für Mitklatsch-Orgien und bescherten dem Quartett ein frohes Wiedersehen mit der Hauptstadt.

Wer noch nicht genug hatte und völlig verausgabt nach Luft schnappte, schaute sich dann im Anschluss noch SBTRKT an und ließ sich vom entstandenen Frontalangriff auf die Gehörnerven einnehmen. Eine überaus gute Alternative zum Set von PAUL KALKBRENNER, der währenddessen von der Hauptbühne aus elektronische Beats über den ehemaligen Flughafen jagte und das offizielle Programm auf diesem beendete, bevor nach Mitternacht noch der Club X-Berg seine Pforten für die Festivalbesucher öffnete. Freuen durften sich diese vor allem auf das spektakuläre Set vom Allround-Kollektiv MOSTLY ROBOT unter der Aufsicht von Jamie Lidell, der spät am Abend zusammen mit vier weiteren Ausnahmekünstlern (Tim Exile, Jeremy Ellis, Mr Jimmy und DJ Shiftee) zu Höchstform auflief. Die selbsternannte "Boy band from the future", die in dieser Formation erst ihren zweiten Auftritt überhaupt bestritt, ließ keine Sekunde lang vermuten, dass es sich um ein gerade erst auferstandenes Projekt handeln könnte. Wohl auch, weil jedes Mitglied in seinem Bereich und im Zusammenspiel mit den anderen auf einem solch hohen Niveau agierte, dass der Auftritt zurecht als kleine Sensation bezeichnet werden kann. Samples, Genre-Mashing und ein musikalischer Ausnahmezustand - willkommen bei Mostly Robot. Wenn Boy Bands der Zukunft so aussehen, dann will man sofort wieder Teenager sein und ins Schwärmen geraten.

Kaum ist das Berlin Festival 2012 zu Ende gegangen, darf angesichts der gelungenen Ausgabe diesen Jahres ein hoffnungsvoller Blick Richtung 2013 gewagt werden. Sollte sich das bisher tolle Konzept mit großen Künstlern, Nischen für Newcomer und einem musikalisch abwechslungsreichen Feld sowie dem zusätzlich spannendem "Art Village" auf dem Gelände erneut bewahrheiten, dann dürfte das Berlin Festival auch im kommenden Jahr wieder die Nase ganz weit vorne haben. Die einmalige Kulisse, entspannte Atmosphäre und die zahlreichen Helfer vor und hinter den Kulissen machen das Festival nicht nur für Hauptstadt-Bewohner, sondern auch international zu einem großen Anziehungspunkt, der auch in Zukunft für einen fantastischen musikalischen Ausklang des Sommers sorgen wird.

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Surfempfehlung:
www.berlinfestival.de
www.facebook.com/Berlinfestival
Text: -Annett Bonkowski-
Foto: -Annett Bonkowski-


 
 

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