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Die Sinfonie der Großstadt

Berlin Festival 2013 - 2. Tag

Berlin, Flughafen Tempelhof
07.09.2013

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Björk
Tag zwei des Berlin Festivals startete mit der ernüchternden Nachricht, dass Delphic ihren Auftritt hatten absagen müssen. Ganz im Sinne des Mottos "The show must go on!" blieb der Ausfall aber abgesehen von enttäuschten Delphic-Fans ohne größeres Drama und der Samstag bot auch ohne Delphic im Programm genügend Abwechslung, wer sie denn suchte.
Für Liebhaber der leichten Hip-Hop-Kost war das Hoodie Allen, der die Hauptbühne zur Eröffnung des Festival-Tages stürmte und in Begleitung des immer noch andauernden Sonnenscheins auf ein ihm wohlgesonnenes Publikum blickte. Auch wenn das spätsommerliche Wetter das Festival und seine Besucher in einen allgemein von guter Laune durchzogenes Licht rückte, alle anwesenden Künstler konnten nicht unbedingt davon profitieren. So taten sich The Mouse Folk schwer damit die vor ihnen sitzenden Leute zu begeistern, die von der Wärme gelähmt die Musik lieber als beiläufige Geräuschkulisse oder Untermalung ihrer Tagträume aufzunehmen schienen.

Zum Aufwachen oder poppig unbeschwerten Start in den Tag zog es dagegen tausende Besucher zum Auftritt von Ellie Goulding, die zwar nicht so recht ins Line-Up passen wollte, aber aus der Not eine Tugend machte und die Zuschauer Song für Song daran erinnerte, warum sie derzeit wohl die am meisten gefeierte Pop-Prinzessin Englands ist.
Ihrem Status als mittlerweile Stadion tauglicher Band gerecht werdend, rückten die White Lies kurz darauf vielleicht ein wenig zu früh für ihre Verhältnisse im blendenen Licht der Nachmittagssonne an und spielten sich routiniert durch ein Set, das wie so oft vor allem darauf abzuzielen schien dem Publikum zu gefallen und diesem wie maßgeschneidert Songs sowie Ansagen vor die Füße zu legen. Stets ein wenig zu einstudiert und nach kurzer Zeit auch ermüdend, wirkten die ständigen "Come on!" Rufe von Sänger Harry McVeigh, die die emotional ausladenden und kläglich triumphierenden Songs begleiteten, aber nicht einmal annähernd aus der ihnen gewollt auferlegten Schwere retten konnten. Wie also sollte es das Publikum schaffen sich aus der daraus entstandenen Lethargie zu retten?

Da brach man lieber vorzeitig auf, um sich zumindest die Aussicht auf einen Spannungsmoment mit Savages zu bewahren. Dass ein großer Hype nicht immer das hält, was er verspricht, kann zumindest im Fall des englischen Quartetts nicht behauptet werden. Vom Erfolg ihres Debüts "Silence Yourself" unbeeindruckt und mit einer natürlichen Coolness gesegnet, schleuderten sie den vielen interessierten Gesichtern im Zuschauerraum der Pitchfork Stage ihre geballte Ladung an Post-Punk um die Ohren und gaben sich dem Noise so selbstverständlich hin als hätten sie ihn gerade erfunden.

Einen musste der Technikteufel ja treffen und leider geriet das Set des Engländers S O H N zu einem Ringen um das Ausfindigmachen von Fehlerquellen, das nach kurzem Kampf letztendlich als verloren eingestuft werden musste. Eine Stunde war für die Show angesetzt, gerade einmal 30 Minuten blieben letztendlich davon übrig, in denen das musikalische Können und das gesangliche Talent gewiss aufblitzten, aber eben viel zu kurz und dem Werk des Künstlers nicht wirklich gerecht werdend. Dieser nahm die Umstände jedoch mit Fassung auf, konnte immerhin seinen bis dato bekanntesten Song "The Wheel" zum Besten geben und stapfte danach sich artig beim geduldigen Publikum bedankend von der Bühne.

Viele mochten sich bei der Meldung ungläubig die Augen gerieben und an einen Scherz gedacht haben als My Bloody Valentine für das diesjährige Berlin Festival bestätigt wurden. Nach einer für Fans unverschämt langen Abstinenz vom Musikgeschehen meldete sich die Band Anfang des Jahres mit "mbv" erst mit einer neuen Platte und nun auch live in Deutschland zurück. Betont aufgeregt und voller Spannung drängte sich das Publikum vor der Bühne, auf dem die Altmeister des Shoegaze über eine knappe Stunde lang ihren ohrenbetäubenden Sound in jeden Winkel des Hangars jagten, alles unter dem für ihre Verhältnisse gewohnt brachialen Lautstärkepegel begruben und dabei selbst so innerlich ruhend wirkten als wüssten sie gar nicht um die geballte Energie, die sie mit jedem Ton freisetzten.

In ähnlicher Art und Weise die Sinne berauschend, aber gleichzeitig fernab von diesem musikalischen Kosmos wirkte dagegen der Auftritt von Björk, der der weltweit letzte ihrer "Biophilia"-Konzerte sein sollte. Wer aus unerfindlichen Gründen noch darüber im Unklaren war, warum diese Ausnahmekünstlerin aus Island zu einem der innovativsten, kreativen Köpfe zählt, der wurde schlagartig darüber aufgeklärt sobald Björk die Bühne betrat und alle Anwesenden in ihre wundersame Welt zog, die ebenso phantasiereich wie unnachahmlich schien und dabei jegliche künstlerische Grenzen außer Kraft setzte, ohne dass ihr selbst der Verlust des eigenen Bodens unter den Füßen drohte. Stattdessen ebnete sie lieber einen neuen Nährboden für ihre schier unbändige Vorstellungskraft, die sie auch bei ihrer Show in Berlin mit Leichtigkeit auf ihre Zuhörer übertrug. Die Hauptbühne des Berlin Festivals wurde binnen Minuten zu ihrer ganz eigenen Spielwiese, die sie mit der Vielseitigkeit ihrer Songs und ihrer Präsenz als Künstlerin füllte. Auf dieser durfte sie dann auch ihr Gesicht gänzlich vom Kopfschmuck ihres Outfits verhüllen, zusammen mit ihrem mitgebrachten Chor enthusiastisch über die Bühne huschen oder mit einer geradezu unglaublichen Klarheit in der Stimme alles um sich herum ausblenden, mochte die Intensität der Songs noch so groß sein.

Musikalische Highlights im Set lassen sich nach einer Performance wie dieser und gespielten Songs wie "Hunter", "Jóga", "Army of Me", "Crystalline" oder "Hyperballad" nur schwer bis gar nicht ausmachen und würden einem Verrat gleichkommen. Zu betörend und fesselnd das Gesehene und Gehörte, was uns Björk da über die volle Distanz ihres Sets darbot. Zu unwirklich und schön die erzeugte Atmosphäre, die sich wie ein stilles Einvernehmen über die Zuschauer legte und diese bis zum letzten Verklingen von "Declare Independence" auf angenehme Weise festhielt. Eigentlich mochte man diesen Moment gar nicht loslassen.

Der im Anschluss spielende Fritz Kalkbrenner konnte nichts dafür, aber schon bevor er die Bühne betrat, hatte das diesjährige Berlin Festival mit Björk einen mehr als würdigen Abschluss gefunden, nachdem alles Weitere nur verblassen konnte. Die einzige Ausnahme bildete unter diesen Umständen vielleicht der Auftritt von Graf von Bothmer, dessen musikalische Untermalung des Stummfilms "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" ebenfalls aus dem Rahmen fiel, aber gerade deswegen für Begeisterung sorgte und wieder einmal belegt, dass in Berlin nichts unmöglich ist. Auch dieses Jahr hat das Berlin Festival gezeigt, dass es große Acts und spannende Newcomer, Musik auf den Bühnen und Bildende Kunst im Art Village sowie nationale und internationale Gäste gleichermaßen anziehen und miteinander vereinen kann. Ein ganzes Wochenende lang wurde mitten im Herzen des Flughafen Tempelhofs und darüber hinaus im Club XBerg ein beachtliches musikalisches Line-Up geboten, entspannt miteinander gefeiert und ein Ausrufezeichen hinter die diesjährige Veranstaltung gesetzt, auf deren Fortführung wir uns 2014 angesichts dieses Rückblicks schon jetzt freuen dürfen.


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Text: -Annett Bonkowski-
Foto: -Anne Bonkowski-


 
 

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