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Wieder das Gleiche, nur ganz anders!

Julien Baker

Tourtagebuch Herbst 2018

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Julien Baker
Im Spannungsfeld von Zerbrechlichkeit und Energie, niederschmetternder Trostlosigkeit und erhebender Stärke katapultierte sich Julien Baker 2015 mit ihrem wunderbar minimalistischen Erstling "Sprained Ankle" aus dem Stand in die erste Liga der Indie-Folk-Heldinnen. Der Ende des letzten Jahres veröffentlichte herbstlich-melancholische Nachfolger "Turn Out The Lights" dagegen war dunkler, schwerer und komplexer, in seiner elektrisierenden Intensität aber nicht minder beeindruckend. Knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung der Platte geht Julien nun auf eine vierwöchige Gastspielreise durch ganz Europa - in Deutschland stehen Mitte September noch Auftritte in Leipzig und München an - und Gaesteliste.de hat die Bleistifte gespitzt, um von möglichst vielen Konzerten berichten zu können.
Köln, Volksbühne, 29.08.2018

Großer Tourstart oder doch eher eine Generalprobe vor der Tour? Das Gastspiel von Julien im Rahmen des c/o-pop-Spektakels in Köln ist beides: ihr erster Auftritt auf dem europäischen Festland in diesem Jahr und doch nicht mehr als eine kurze Aufwärmübung, der in den folgenden vier Tagen außer einem Auftritt beim britischen End-Of-The-Road-Festival nicht viel folgt, außer der Vorfreude auf die ersten Headline-Termine der Tournee im September.

Das Volkstheater ist an diesem Abend ob der etwas undurchsichtigen c/o-pop-Ticketpolitik leider alles andere als voll besetzt, ein feiner Ort für ein Julien-Baker-Konzert ist es aber allemal. Gebaut wie ein klassisches Theaterhaus oder ein altes Kino, mit hoher Decke, einer geräumigen, fest eingebauten Bühne, die Mehrheit der roten Plüschsessel im Parkett und einige wenige oben im kleinen Balkon, lässt der Saal der Performance viel Platz, sich richtig zu entfalten, und fühlt sich trotz seiner 400 Plätze doch winzig wie ein Wohnzimmer an: ein Ort, an dem das Publikum das Konzert mit stiller Freude entspannt genießen kann.

Für den Auftritt selbst gilt das Motto: "Wieder das Gleiche, nur ganz anders!" Hatte Julien die letztjährige Europa-Tournee im Anschluss an die "Turn Out The Lights"-Veröffentlichung letztmalig mit kleinem Besteck, sprich: solo, bestritten, durfte das Kölner Publikum jetzt einer Künstlerin lauschen, die inzwischen nicht nur eine weitere Musikerin, Geigerin Camille Faulkner, bei vielen Liedern an ihrer Seite hat, sondern auch behutsam, aber doch unüberhörbar an den Arrangements ihrer Stücke geschraubt hat. Fast hat man bisweilen das Gefühl, dass diese Europa-Konzerte ein Testlauf für die kommenden USA-Auftritte ihrer Boygenius-"Supergroup" gemeinsam mit Phoebe Bridgers und Lucy Dacus sind, denn mehr als einmal scheint sie ihre Lieder in Phoebes Richtung zu schubsen. Fast unmerklich schleicht sich ein wenig alternatives Zeitgeist-Pop-Flair ein, etwa, wenn sie sich bei "Sprained Ankle" mit atmosphärischen Bass- und Klaviersamples eine kleine Band aus dem Off einlädt oder das Outro des Liedes mit wortloser Vokalisierung verlängert. Später am Abend kommt bei "Sour Breath" mit verhallten Drums und Bass aus dem Sampler sogar echtes Bandfeeling auf: Ein wenig erinnert die Nummer klanglich nun an Juliens ersten Boygenius-Song "Stay Down".

Doch es ist nicht nur der verstärkte Einsatz all der neu zusammengestellten kleinen technischen Helferlein zu Juliens Füßen, der unterstreicht, wie schnell sich Julien als Künstlerin entwickelt. Schnell fällt auch auf, wie selbstsicher sie nun auf der Bühne agiert. Ihre Ansagen bleiben knapp und schüchtern, doch performerisch brilliert sie mit einer Lockerheit, die von Tour zu Tour beeindruckender wird, ohne dass deshalb die oft rohen Emotionen ihrer Lieder, die sie gerade zu Beginn ihrer Karriere so einzigartig gemacht haben, deshalb in den Hintergrund rücken. Schließlich gibt es immer noch genug Songs im Set wie "Turn Out The Lights" (bei dem der Spaßvogel am Lichtpult der Volksbühne kurzerhand das komplette Bühnenlicht löscht) oder das einmal mehr fantastisch intensive "Rejoice", die Julien ganz ursprünglich, nur auf Stromgitarre und Stimme konzentriert zeigen.

Für die zweite Hälfte des Konzerts kommt dann Camille mit auf die Bühne und braucht ob ihres charmanten Dauerlächelns und ihrer übersprühenden, positiven Energie nicht lange, um selbst Verfechter der Theorie, dass Julien allein auf der Bühne mehr als genug ist, für sich zu gewinnen. An diesem Abend ist zudem ihre Spontaneität gefragt, da die gerade einmal 20-minütige Probe mit Julien vor der Tour nicht annähernd gereicht hat, all die kleinen neuen Drehungen und Wendungen detailliert durchzugehen, die Julien in viele Lieder eingebaut hat. Musikalisch gibt sie derweil Julien und den Songs an den richtigen Stellen mehr Raum zu atmen, ohne ihnen den melancholischen Kern zu rauben. Gerade die Nummern, bei denen Julien von der Gitarre ans Keyboard wechselt, blühen mit Camille richtig auf und klingen nun viel lebendiger, ja epischer denn je. Im Vergleich dazu klingen die Studiofassungen von "Televangelist" oder "Hurt Less" geradezu skizzenhaft.

Die lächerlich frühe "Sperrstunde" (um 21.40 Uhr?) bedeutet leider, dass der strikt auf die "Greatest Hits" beschränkte Auftritt bereits nach knapp einer Stunde zu Ende geht. Nach der Show sind Julien und Camille dennoch beide glücklich über diese gelungene Generalprobe, die gleichzeitig Spaß auf mehr gemacht und trotzdem noch Luft nach oben gelassen hat, und auch wir verlassen die Volksbühne mit dem Gefühl, dass dies eine richtig tolle Tournee werden wird!

Nächste Station: Amsterdam

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Surfempfehlung:
julienbaker.com
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www.instagram.com/julienrbaker
julienbaker.bandcamp.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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