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Reeperbahn Festival 2018 - 1. Teil

Hamburg, Reeperbahn
19.09.2018

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Goat Girl
September und Hamburg, das bedeutet: Reeperbahn Festival. Das war es und es war mal wieder ein Fest. Vier Tage lang hat es nur ein Thema gegeben: Musik und alles, was drumherum damit zu tun hat. Neben den vielen Diskussions-Runden haben sich natürlich unzählige Bands/Künstler angekündigt, um in den verschiedenen Clubs und anderen Auftrittsorten rund um die Reeperbahn (Bank-Filiale, St. Pauli Fanshop, Elbphilharmonie, Kirche, Barkasse, etc.) für Stimmung zu sorgen. Das Wetter hielt zwar nur zwei Tage lang mit recht hohen Temperaturen durch, aber auch das konnte den Spaß keinesfalls trüben.
Das ging ja gleich schon mal gut los: Als Charlotte Brandi (die zuletzt mit ihrer inzwischen aufgelösten Band Me & My Drummer für Furore gesorgt hatte) mit ihrem Debüt als Solo-Künstlerin das Programm des Reeperbahn Festivals auf dem N-Joy-Reeperbus offiziell eröffnen wollte, ließ sich der Techniker, der für die Beschallung des Spielbudenplatzes zuständig war, nicht auffinden, so dass Charlotte und ihre beiden Mitstreiterinnen ihr Programm mit zünftiger Rockmusik-Untermalung von der direkt gegenüberliegenden Cocktail-Bar starten mussten. "Nun ja - zumindest ist es die gleiche Tonart", scherzte die Berlinerin und machte gute Miene zum bösen Spiel.

Als der junge Songwriter Declan O’Donovan aus Essex die Bühne betrat, konnte die Hintergrundbeschallung dann aber ausgeschaltet werden, so dass der Mann, der zur Zeit noch an seinem Debüt-Album bastelt, mit seinen eher balladesken, romantischen, melodischen Beat-Balladen die nötige Aufmerksamkeit einfordern konnte.

Aufmerksamkeit einfordern ist auch das Anliegen der holländischen Stylecrash-Truppe Eut aus Amsterdam. Die Band mit dem eigenartigen Namen und der quirligen Frontfrau Megan de Klerk hat es sich schließlich auf die Fahnen geschrieben, in der typischen BeNeLux-Manier möglichst viele Genres und Stile in ihren gut gelaunten, druckvollen Power-Pop-Songs durch den Wolf zu drehen. Das gelang der gut motivierten Band selbst auf der kleinsten Bühne des Festivals und im vergleichsweise zurückhaltenden "Folk-Setting" mühelos.

Ebenfalls aus den Niederlanden stammt Jett Rebel (der im richtigen Leben Jelte Steven Tuinstra heißt). Der junge Mann ist bei unseren Nachbarn bereits eine feste Größe und überraschte hier und jetzt mit einem bemerkenswert organischen Retro-Stil, mit dem er auf jazzige Art und mit bluesiger Stimme - vor allen Dingen aber mit seiner fast manischen Gitarrenarbeit - zeigte, dass auch heutzutage das musikalische Handwerk noch was zählt. Auch wenn sein Stil - irgendwo zwischen R'n'B, Swing und Ragtime - nun nicht wirklich gerade hip und modern sein mag.

Jasmina Quach, die unter ihrem Künstlernamen Kuoko quasi schon ihr Faible für fernöstliche Ästhetik im Namen trägt, ist eine Hamburger Lokalmatadorin, die mit ihrem durchaus originellen und verspielten Elektro-Pop regelmäßig auf den Bühnen der Hansestadt zu finden ist. Mit wenig Aufwand und charmanten, offensichtlich von der Natur beeinflussten, verträumten Songtexten nahm Kuoko das Publikum für sich ein - bevor sie dann zu ihrem Dayjob in einem Hamburger Plattenladen weiter zog.

In der Alten Liebe im Klubhaus hatte sich derweil das Team der Blauen Stunde bereit gemacht. Dabei handelt es sich um eine Radiosendung, in der täglich live vom Reeperbahn Festival aus interessante Newcomer mit Interviews und einigen akustisch vorgetragenen Songs vorgestellt werden. Als erstes präsentierten sich Goat Girl aus London - wobei den Damen anzusehen war, dass das Akustik-Setting nicht typisch für sie ist. Sie machten ihre Sache indes sehr gut, indem sie sich auf den Harmonie-Gesang konzentrierten und die eher melodischen Stücke ihrer Debüt-LP vortrugen.

Frum ist eine junge Dame von den Faröer Inseln, die unter anderem im diesjährigen Anchor-Wettbewerb als Kandidatin beteiligt war. Am ersten Festivaltag war sie zuvor gerade in Ray's Reeperbahn-Show aufgetreten und dann gleich in die alte Liebe hinübergehastet. Dort spielte sie mit ihrem Gitarristen einige zurückhaltend inszenierte Songs, die in diesem Setting die poppigen Qualitäten, die sie mit ihrer Band auf der Bühne zeigt, nicht so recht zum Ausdruck brachte.

Das Österreichische Duo Cari Cari ist schon einige Zeit im Geschäft - allerdings steht die Debüt-CD "Anaana" erst im November an. Gut Ding will Weile haben, könnte man da sagen. Und in der Tat haben Stephanie Widmer und Alexander Köck (die übrigens optisch aussehen wie ein sensibles Folk-Duo) schon so einiges vorzuweisen: Eine Tour durch Australien etwa, Festivalauftritte oder Platzierungen ihrer Songs in US-Fernsehserien. Und Cari Cari haben ein Konzept, das es in sich hat: Alexander mit einer schrammeligen Blues-Gitarre und Stephanie am Drumkit (sowie am Didgeridoo) bieten einen ziemlich wüsten, gutturalen Indie-Weltmusik-Ur-Blues mit unberechenbaren psychedelischen Elementen und einem gewissen unfertigen Charakter, der so gar nichts gemein hat mit der heute üblichen auf Hochglanz polierten Klangästhetik.

Auf der Astra Bühne hatte sich derweil die Chemnitzer Band Blond warmgespielt. Die Band, die vor allen Dingen die Liebe in die Welt hinaustragen möchte, hat sich ein unübliches Konzept ausgedacht, um ihre Anliegen vorzutragen: Sie mischen ihre Texte mit deutschen und englischen Zeilen, die sich gerne auch mal gegenseitig reimen dürfen. Mal abgesehen davon, dass sich die Astra Bühne bauartbedingt eigentlich nicht für Live-Konzerte mit direktem Publikumsbezug eignet, gelang es den beiden Schwestern der Kraftklub-Frontleute und ihren Musikanten, doch eine ganze Menge Aufmerksamkeit zu erringen.

Im gut gefüllten Karatekeller des Molotow haben sich inzwischen Le Vertigo aus Frankreich warmgespielt - die drei präsentieren Electro-/Synthie-Pop, der durchaus in den 80s seine Wurzeln hat, aber nicht dort hängengeblieben ist. Ein Grund dafür ist auch der Drummer, der dem ganzen Synthie-Sound ein gutes Fundament bietet. Ohne ihn wäre das alles garantiert eher nüchtern und steril geworden, so haben die Songs (die übrigens mit durchaus schönen Melodien aufwarten konnten) eine wohltuende Portion Schmackes bekommen - und einen gewissen Unterhaltungswert hatte der Drummer mit seinen Posen und Grimassen auch noch.

Im Headcrash-Club hatte derweil Malena Zavala mit ihrer Band die Bühne betreten. Die junge Dame aus Argentinien hatte zuletzt mit ihrer Debüt-CD "Aliso" bezaubert. Auf dieser präsentierte sie sich jedoch von einer eher folkigen Seite als Indie-Songwriterin und arbeitete sogar mit elektronischen Elementen. Deswegen überraschte es schon, dass sie bei ihrer Show im Headcrash auf ein konventionelles Band-Setting setzte und ein erstaunlich druckvolles Set präsentierte, in dem sie sich nicht nur als Sängerin durchaus durchsetzen konnte, sondern auch als Gitarristin brillierte.

Die junge Songwriterin Jerry Williams aus Portsmouth präsentierte sich auf dem Reeperbahn Festival erstmals mit ihrer Band dem deutschen Publikum - während sie zuvor lediglich einige Male solo auf unseren Bühnen unterwegs gewesen war. Jerry favorisiert einen - heutzutage durchaus auch mal kräftig zupackenden - Power-Pop britischer Prägung, der durchaus in Richtung Mersey Beat zielen würde; wenn die gute Jerry selbst überhaupt wüsste, was Mersey Beat überhaupt ist. Immerhin: Bei ihrer Musik zeigt sich, aber, wie die landestypische Sozialisierung den Sound beeinflussen kann. Mit geradezu ansteckend guter Laune machte Jerry ihrem Ruf als singender Sonnenschein selbst in der saunamäßig aufgeheizten Molotow SkyBar alle Ehre.

Von Okay Monday aus Frankreich hatten sich wohl einige Leute etwas versprochen, anders wäre der proppevolle Karatekeller des Molotow nicht zu erklären gewesen. Das Trio sollte laut Programmheft gut gelaunten Power-Pop bieten - nunja, Versprechungen sind manchmal das ein, die Realität dann das andere. Das war dann zwar gut gelaunt, aber alles schonmal dagewesen, das ging ins eine Ohr rein, aus dem anderen wieder heraus und hängengeblieben ist so gut wie nichts. Da half auch nicht die getönte Brille und Andy Warhol-Gedächtnis-Frisur des Sängers.

Die Berliner Sonnenbrillen-Freundin Laura Carbone hatte anlässlich ihrer zweiten LP "Empty Sea" zuletzt auf dem Orange Blossom-Festival gezeigt, dass man durchaus auch hierzulande mit druckvoller, schmirgelnden Rockmusik mit Düster-Charakter glaubwürdig reüssieren kann. Nicht umsonst heißt einer ihrer Titel dabei "Heavy Heavy" - denn obwohl Laura durchaus ein Händchen für griffige Hooklines und poppige Melodien hat, ging im Sommersalon dann ganz schön die Post ab. Und natürlich rockte es sich im dramatisch von unten beleuchteten Halbdunkel des Clubs dann auch etwas befreiter und effektiver als bei gleißendem Sonnenlicht zuvor auf der Fritz-Bühne auf dem Festival-Village.

Gute Nerven brauchte man dann bei black midi in der Molotow SkyBar - den derben Math-Rock der blutjungen Engländer muss man erstmal zu nehmen wissen. Hier fliegen einem die Akkorde und Tempo-Wechsel um die Ohren, dazu noch der trockene Gesang eines Sängers, der meistens keine Miene verzieht - im Gegensatz zum Drummer, der sich offensichtlich des Lebens und des Auftritts freute.

Bei den Bad Nerves aus London spielt auch die Show an sich eine große Rolle - anders lässt es sicht nicht erklären, warum der Sänger bereits beim Soundcheck schon die Monitore in der Bühnemitte so aus dem Weg räumt, dass er später dort problemlos den Kontakt mit der ersten Reihe suchen kann, inklusive breitbeiniger Pose. Die Musik kann soweit auch ganz gut mithalten - sicherlich inspiriert von den Ramones, T. Rex oder den New York Dolls bieten die Jungs eine intensive Garagen-Rock-Show.

Zwar zieht Brett Newski inzwischen nicht mehr rastlos durch Südostasien - wie zu Beginn seiner Laufbahn, als er in Vietnam seine erste CD einspielte - aber er ist immer noch ein ziemlich rastloser Geist; was ihn aber zum Glück auch öfter in unsere Breiten führt, wo er im Rahmen seiner aktuellen Tour auch im St. Pauli Museum Station machte. Scherzhaft hatte er diese Tour als seine erste mit Band angekündigt. Freilich bestand diese Band nur aus ihm selbst und Drummer Matt Spatola, der ihn auch bei seinen Studioaufnahmen unterstützt. Doch mehr braucht Brett auch nicht zum Glücklich-Sein, denn er ist schlicht ein Meister der musikalischen Ökonomie. Mit dem Ziel im Blickfeld, als lautester Akustik-Gitarrist in die Geschichte einzugehen und mit seinen brillanten, humorvollen Power-Pop-Songs im Gepäck hatte der Mann keine Mühe, die Fans mit seiner mitreißenden Performance für sich und seine Musik einzunehmen.

Wer sich den Luxus leistete, eine Band gleich mehrmals beim Reeperbahn Festival zu sehen (einige Bands spielen ja durchaus mehrfach), der konnte im Falle von Goat Girl direkt miterleben, wie groß der Einfluss des Venues auf ein Konzert sein kann. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag spielte die Band zunächst im Häkken und auch wenn die Stimmung auf der Bühne recht gelöst erschien und auch der Zuspruch des Publikums durchaus groß war, wollte der letzte Funken nicht so recht überspringen. Es war ein solides Konzert, aber man hatte das Gefühl, dass normalerweise mehr ging. Das hat es dann auch am Donnerstagabend getan, als der andere Gig auf dem Programm stand, diesmal im Knust - und hier passten Band und Venue und Publikum dann 100% zusammen. Erweitert um eine Geigerin spielten Goat Girl dann auch ihr reguläres Set, das nahezu alle Songs ihres aktuellen Repertoires beinhaltet - und man konnte sofort merken, dass dies das bessere der beiden Konzerte war.

Weiter zum 2. Teil...

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Surfempfehlung:
www.reeperbahnfestival.com/de/
www.facebook.com/reeperbahnfestival
Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -Ullrich Maurer / David Bluhm-


 
 

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