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Reeperbahn Festival 2018 - 4. Teil

Hamburg, Reeperbahn
22.09.2018

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Estrons
Der letzte Festivaltag begann bei dann doch schon mächtig herbstlich anmutenden Temperaturen. In der Spielbude trat das italienische Projekt Any Other um die Songwriterin Adele Nigro auf. Wohl weil Adele nach der Auflösung des Vorgängerprojektes The Lovecats zunächst solo mit akustischer Gitarre unterwegs war, wurde sie als Singer/Songwriterin kolportiert. Das stimmt allerdings im Zusammenhang mit Any Other dann schon nicht mehr, denn hier gibt es ziemlich spröden Indie-Rock mit Post-Elementen und in dem Fall auch einem unglücklich gewählten, knochentrockenen Sound-Setting. Hinzu kam, dass die ganze Band keine rechte Lust zu haben schien, am wolkenverhangenen, grauen Mittag unter freiem Himmel aufzutreten. Besonders atmosphärisch war dieser Auftritt dann demzufolge nicht.
Leider wurde das Wetter nicht besser, als gegen 14 Uhr die Tore des Molotow für den alljährlichen Showcase von PIAS und FKP Scorpio im Backyard mit einem Set des Franzosen Sage öffneten. Der Moderator der Veranstaltung, Klaus Fiehe vom WDR, der stets bemüht ist, den Acts in seinen Ansagen poetische Dimensionen abzuringen, erklärte, dass die Songs des Franzosen einfach - aber mit Twist - angelegt seien. Das mag bei seinen Studioproduktionen auch zutreffen, wie sich aber herausstellte, waren seine Stücke im Solo-Setting dann aber doch eher einfach als twistig. Und der Mann täte sich selbst eigentlich einen Gefallen, wenn er auf Französisch sänge - und nicht (mit starkem Akzent) auf Englisch.

Und dann war da noch das Duo Field Division aus Des Moines in den USA. Evelyn Taylor und Nicholas Frampton hatten mit der LP "Dark Matter Dreams" einen der Überraschungshits des Jahres geliefert - jedenfalls für Freunde spannungsgeladenen, abwechslungsreichen und zuweilen zupackenden Indie-Songwritings mit Americana-Einschlag. Kurz gesagt machten Evelyn und Nicholas mit ihrem sehr reduzierten Akustik-Auftritt mit 12-saitiger Akustikgitarre und den beiden Vocals keine besonders erläuternde Werbung für das Album, denn eine "Folk-Kapelle vom alten Schlag mit berührendem Hippie-Gesang" - wie es im Info-Text des Festivals hieß - sind sie im Grund genommen ja gar nicht. Aber ohne Band-Unterstützung oder ähnliches erreichen die Songs niemals jene magischen Qualitäten, wie sie auf der LP (auch wegen der Stimmungsmäßigen Nähe zu Fleetwood Mac-Produktionen der 70er) entfacht werden. Leider war es aus Kostengründen aber nicht möglich, weitere Musiker mit auf die Stippvisite beim Festival zu nehmen. Das bedauerte auch Nicholas selbst, der sich nach der Show quasi dafür entschuldigte, dass es bei dem Akustik-Auftritt bleiben musste.

Charlotte Brandi und ihren Musikerinnen steckten dann die vier Festival-Tage, an denen die Band mehrfach aufgetreten war, ganz schön in den Knochen. "Ich will ja nicht übertreiben - aber ein bisschen Autopilot ist schon dabei nach so vielen Auftritten", meinte Charlotte selbstironisch zu ihrem Auftritt. Ganz so schlimm war es dann aber doch nicht. Nachdem Klaus Fiehe die musikalische Herkunft Brandis als Tochter einer Musikerin der Hippie-Anarcho-Band Cochise erläutert hatte, zelebrierte die Dame aus Berlin ihren zuweilen eigenartig, aber auch ungewöhnlich faszinierend inszenierten Kook-Art-Pop auf Keyboard-Basis mit dem notwendigen Nachdruck.

Eine echte Überraschung bot dann auch das französische E-Pop-Duo Royaume. In Paris trafen sich die Sängerin Yumi und der Produzent und Multiinstrumentalist Moon Boy und stellten fest, dass sie gemeinsam auf derselben musikalischen Wellenlinie schwammen. Dabei lebt der treibende Club-Sound des Duos vor allen Dingen von den Gegensätzen zwischen der optischen und der akustischen Wahrnehmung. Schließlich hätte kaum jemand eine dergestalt beeindruckende Blues-Stimme im handlichen Körper der kleinen Yumi vermutet und das der eher anämisch wirkende Moonboy sich mit seiner Heavy Metal-Gitarre zu stadienreifen Poser-Gesten hinreißen lassen würde, war dann auch nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Insgesamt zeichnete sich das Programm von Royaume (übrigens ein frankophilisiertes Akronym aus den Vornamen der Protagonisten Roy und Yumie) durch eine enorme Ökonomie aus: Da saß wirklich jeder Ton dort, wo er auch hingehörte und es gab keinen zu viel oder zu wenig.

Ebenfalls in Sachen E-Pop machte das isländische Duo Milkywhale im Häkken-Club. Allerdings mit einem ganz anderen Anspruch. "Wir wollen etwas eigentlich Unmögliches versuchen", erklärte etwa Melkorka Sigríður Magnúsdóttir, die Sängerin, Tänzerin und treibende Kraft des Duo-Projektes, das sie zusammen mit Árni Rúnar Hlöðversson im letzten Jahr lostrat. "Wir wollen eine Tanzparty um 19 Uhr starten." Im Wesentlichen war es dann auch das, was Milkywhale mit Unterstützung des Publikums im gut gefüllten Häkken dann auch machten. Es gab poppige Club-Tracks mit Bewegungszwang, die Melkorka und Arni mit durchaus humorvollen Sprüchen garnierten. Nicht mehr - aber auch nicht weniger.

Kuoko aus Hamburg verzauberte dann in der sonst recht sterilen Atpmosphäre der Haspa Bank-Filiale auf der Reeperbahn die zahlreich erschienenen Menschen. Diesmal hatte sie auch wieder eine spezielle visuelle Show dabei, die u.a. ihre eigenen Zeichnungen und Kunstwerke präsentierte. Kuoko stellt vieles selbst her, angefangen von den erwähnten Zeichnungen bis hin zu Plattencovern - und nicht zu vergessen: Musik! Hier gibt es schönen Elektro-Pop mit guten Beats, immer ein wenig verträumt, immer wieder schön!

Liam Ramsden aka Mellah ist auch so ein Zeitgenosse, den man zu nehmen wissen muss. Hört man sich den Gig im sehr gut gefüllten Molotow so im Vorbeigehen an, kann man zwischen den Songs einen Menschen am Mikro wahrnehmen, der komisch vor sich hin lallt - aber vielleicht klingt er einfach so und kann gar nichts dafür? Musikalisch kann man recht heiteren IndieRockPop hören, textlich geht es allerdings teilweise recht düster zu. Die Balance zu halten, ist wohl die große Herausforderung. Das gelingt Mellah bestens und sollte man durchaus auf dem Zettel für die Zukunft haben.

In der Prinzenbar versuchte sich dann Charlotte Lawrence, eine in Web-Kreisen immens populäre Tochter einer Schauspielerin und eines Filmproduzenten, an der heutzutage angesagten Soulpop-Musik. In dem kleinen Club machte sich vor der Show eine unangenehme (und unangebrachte) Superstar-Energie breit, wo mit eigenem Sicherheitspersonal und Convenience-Roadies der Auftritt der - dann entsprechend schnöselig aufgebrezelten - jungen Dame vorbereitet wurde. Fast erwartungsgemäß brachte das Ganze - aufgrund fehlenden erkennbaren Songmaterials - musikalisch keinen rechten Mehrwert und auch Charlottes hingehauter Semi-Gesang beeindruckte nicht wirklich - allerdings überraschte dann doch die Nachdrücklichkeit, mit der sich Charlotte vor ihren begeisterten (weiblichen) Fans in Profanitäten erging und insgesamt mit mehr "Fuck Yous" aufwartete als vermutlich alle auf dem Festival aufspielenden Punk-Bands zusammen.

Etwas rätselhafter ging es zunächst im Nochtspeicher weiter, wo sich die mysteriösen Shotgun Sisters angekündigt hatten - über die es im Vorfeld so gar keine verwertbaren Informationen gegeben hatte. Das war auch kein Wunder, denn bei den Sisters handelte es sich schlicht um Friska Viljor, die sich diesen Tarnnamen ausgedacht hatten, um so neues - und eher atypisches - Songmaterial ausprobieren zu können. "Erwartet keine Party", meinte Joakim Sveningsson (natürlich mit dem indigenen, verschmitzten Friska Viljor-Augenzwinkern), denn bei dem neuen Material handelt es sich weitestgehend um (elektronisch dargebotene) Elegien, in denen insbesondere Joakim auf ungewohnt melancholische Art sein Lebensleid beklagte. "Das Problem ist nur, dass die Stücke noch nicht fertig sind", erklärte er im Folgenden, "wenn sich das nächste Stück also anhörte, als sei es in der Mitte abgeschnitten, dann deswegen, weil es so ist." Nicht dass sich die Fans (die vorher irgendwie herausgefunden hatten, worum es bei dieser Show ging) im restlos gefüllten Nochtspeicher deswegen die gute Laune hätten nehmen lassen.

In Angies Nightclub hatte derweil Jessica Einaudi die Bühne erklommen. Die Songwriterin aus Mailand, die aber zwischenzeitlich in Berlin lebt und arbeitet, hatte soeben das von ihrem Partner Frederico Albanese (mit dem zusammen sie auch das Projekt La Blanche Alchimie betreibt) produzierte Debütalbum unter eigenem Namen, "Black And Gold" veröffentlicht. Hier wie da überraschte Jessica mit einer sehr eigenen Art, melancholische Pop-Musik zu inszenieren. Mit minimalen Mitteln (einem kleinen Keyboard, einer Rhythmusmaschine und zugegebenermaßen ein wenig Kunstnebel) schaffte sie es - alleine durch ihren eindrücklichen Gesang und die harmonisch interessant aufgebauten Songs - die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen und letztlich auch von der Qualität ihres überwiegend melancholisch angelegten Songmaterials zu überzeugen.

Laut wurde es dann bei The Dirty Nil aus Ontario, als das Trio zunächst zu Techno-Klängen mit Luftballon-Buchstaben "N", "I,", "L" auf die Bühne des Molotow stapfte. Schnell Gitarre, Bass umgeschnallt und ab ans Drumkit - los geht die wilde Rock-Show, inkl. etwas übertriebenen Bühnen-Gehabe (Posen, Glitzer-/Sterne-Outfit, Kaugummi). Die Show war gut, keine Frage, aber da die Songs manchmal doch etwas gleichförmig klingen, stellte sich recht schnell eine gewisse Sättigung ein.

Aus einem ganz anderen Holz sind Wyvern Lingo aus Irland gestrickt. Obwohl die drei Freundinnen Caoimhe Barry, Karen Cowley und Saoirse Duane im Prinzip eigentlich schon aussehen wie ein leicht durchgeknalltes Irish-Folk-Trio, haben sich die drei hellhäutigen Damen dazu entschieden, in ihrer Musik möglichst schwarze Musik-Elemente wie R'n'B, Soul, Funk oder HipHop durch den ganz eigenen Wolf zu drehen - wie sie an diesem Abend zum Beispiel mit Coverversionen von Drake oder Michael Jackson verdeutlichten. Die Mädels sind auch als Songwriterinnen tätig und legen bemerkenswerte instrumentelle Fähigkeiten an den Tag. Freilich entwickelt sich schnell der Eindruck, dass all das nur aufgefahren wird, um den beeindruckend tighten Harmonie-Gesang der Damen möglichst effektiv in Szene setzen zu können. Das ist insofern bemerkenswert, als dass die Mädels eigentlich schon als Gitarristin, Drummerin und Keyboarderin/Bassistin gut ausgelastet erscheinen (zumal Caoimhe zwischen Drums und Akustik-Gitarre hin und her wechselt) - doch es sind tatsächlich die auf den Punkt gemeißelten Vocals, die den Reiz der ganzen Sache ausmachen. Dass dabei ab und an der irische Akzent durchaus noch durchschimmert, macht die Sache eigentlich nur noch reizvoller.

Kurz vor dem Ende des Reeperbahn Festival-Konzert-Programms hat es noch einen düsteren, intensiven Höhepunkt im Molotow gegeben: Estrons aus Cardiff/Wales absolvierten ihren Gig komplett eingehüllt im Nebel und so konnte das versammelte Publikum sich ganz und gar dem Klang hingeben - und der hatte es in sich, denn das Trio haut einem Songs um die Ohren, die mal Rock, mal Punk, mal Pop, mal irgendetwas dazwischen oder einfach alles durcheinander sind. Auch gerne mal eine Spur härter. Dazu noch hörenswerte Texte. Eine sehr explosive Mischung, die mitreißt und Lust auf die Zukunft macht. Vor allem auch auf das nächste Reeperbahn Festival!

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Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -Ullrich Maurer / David Bluhm-


 
 

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