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Konzert-Bericht
 
Verwunschene Geister

Vera Sola

Köln, King Georg/ London, Rough Trade East
10.11.2018/ 15.11.2018

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Vera Sola
Liedermacher(innen) auf der Bühne können ja nach ganz unterschiedlichen Prinzipien funktionieren. Da sind diejenigen, die ihr Herz auf dem Ärmel tragen und sich mit einem hemmungslosen Seelenstriptease bloß legen, da sind die, die einfach aufrichtige Geschichten erzählen wollen, da sind die, denen es eher um die technische Präsentation des Materials geht - oder um die Interpretation des selben. Und da sind die - und zu denen gehört auch Vera Sola aus Los Angeles -, die auf der Bühne etwas darstellen und verkörpern. Wobei gar nicht mal so richtig deutlich werden muss, was oder wer das eigentlich ist - und im Falle von Vera Sola ist nicht ein Mal das Wort "verkörpern" das richtige, denn durch ihren mitternachtschwarzen Southern-Gothic-Moritaten und Balladen geistern - nun ja - eine ganze Menge Geister, Spirits und mystische Gestalten; gleichwohl sie durchaus auch persönliches zu berichtet weiß.
Soeben ist Veras Debüt-LP "Shades" erschienen und auch hier demonstriert sie das Prinzip des Unkonkreten, das aber dann doch einen tieferen Kern haben kann. Leicht morbide ist das schon, was Vera uns da präsentiert - nicht nur, aber auch, weil sie etwa Glenn Danzigs Song "Skulls" im Angebot hat (den sie auch schon auf der EP "Last Caress" zusammen mit drei anderen Danzig-Tracks, die der Meister weiland für seine Ur-Punk-Band Misfits schrieb, aufgenommen hat). Und dann war da noch "I Put A Spell On You" - nur um jeden Zweifel an der Zwischenweltlichkeit wegzuwischen. Also: Leicht morbide ist das also, was uns Vera Sola da präsentiert - aber auch unendlich faszinierend und auf hypnotische Art mitreißend. Insbesondere im Live-Format, wo Vera - anders als auf der LP, wo sie alles alleine machte - zusammen mit der Bassistin Janie Cowan und dem Drummer Wyatt Bertz aufspielte. Das sind offensichtlich Geschwister im Geiste. Janie Cowan sagt, sie liebe es, mit Vera Sola zusammenzuspielen, weil diese ihr nie sage, was sie tun solle und Wyatt Bertz hat eine Ratte als Maskottchen dabei. Noch Fragen?

Kommen wir aber mal zu der Musik, die uns Vera Sola da im Kölner King Georg präsentierte. Diese hatte dann nicht sehr viel mit dem zu tun, was auf der Scheibe passiert. Zum einen, weil die Songs aus dem Set, die darauf enthalten sind, mindestens drei Mal so schnell und so laut gespielt wurden, wie auf der Konserve - und zum anderen, weil dann auch vollkommen andere Arrangements zum Einsatz kamen. "Wir mögen es, mit dem Format zu spielen und es kommt immer auf den Club und den Tag an, wie die Songs letztlich klingen", versucht Vera das in Worte zu fassen. Was gemeint ist: Das ist dann Live-Musik in ihrer Idealform. Und dann noch etwas: Veras Scheibe ist ja sozusagen noch gar nicht richtig angekommen - und dennoch spickte sie das Set mit Outtakes und Nicht-LP-Tracks wie z.B. dem Song "Honey And Peaches" - ein (natürlich morbides) Südstaaten-Drama (Veras Eltern stammen aus Tennessee). Das Ganze präsentiert Vera dann mit grandiosen, dramatischen Gesten, einem knurrenden Vibrato, irgendwie auch einem zwinkernden Auge und dann auch noch mit einer interessanten Glissando-Technik auf der Gitarre. Schön, dass es in Zeiten, wo insbesondere die Singer-Songwriter mehr oder minder einfallslos um sich selbst kreisen, noch Leute wie Vera Sola gibt, die sich Gedanken über die Präsentation ihrer Kunst machen. Alles was recht ist: Diese Show war ein durchaus ernstzunehmender Anwärter für das Konzert des Jahres.

Eine Woche nach dieser Show in Köln gastierte Vera mit ihrer Band im Rahmen des England-Abschnittes ihrer Europa-Tour auch noch ein Mal im legendären Rough Trade-Plattenladen im Osten von London. Wie sie das ja bereits angedeutet hatte, kam diese Show nun mit einer ganz anderen Dramaturgie daher - mit einer vollkommen anderen Songfolge und auch anderen musikalischen Akzenten. Vera erklärte das nach der Show so: "Wir wollten dich ja nicht langweilen. Wir achten schon darauf, dass wir jeden Abend eine andere Show bieten. Am letzten Abend hatten wir zum Beispiel vorgehabt, eine Show zu spielen, wie wir sie in Los Angeles spielen - das ging aber nicht, weil jemand im Publikum war, der diese schon gesehen hatte; also haben wir alles umgestellt." Wie dann auch bei der Show im Rough Trade East. Hier wurden dann auch die örtlichen Gegebenheiten genutzt - etwa ein traurig klingendes Vibrato, das der örtlichen PA geschuldet war (was dazu führte, dass es dieses Mal z.B. keine Soli Veras gab) und dann auch der Brexit, der genau an jenem Tag gerade durch Theresa Mays Kabinett diskutiert wurde: "In dem Song 'For' geht es eigentlich um die politischen Verhältnisse in meinem Heimatland", erklärte Vera etwa, "aber so wie es heute aussieht, gilt das ja auch für eure Nation." Insgesamt war die Note an diesem Abend sogar noch eine Spur düsterer (um nicht schon wieder den Begriff "morbide" bemühen zu müssen), aber auch druckvoller und lebhafter als zuvor in Köln. Insbesondere die Nicht-LP-Tracks wie "Honey" oder "Instruments Of War" stachen diesbezüglich hervor, aber auch der Song "The Cage". "In dem Stück geht es darum, wie es ist, eine Frau zu sein", erklärte Vera süffisant und fügte nach einer Kunstpause erklärend hinzu: "Das macht Spaß!" Wenn man bedenkt, dass Vera hier über Evas Vertreibung aus dem Paradies philosophiert, dann zeugt das schon von einer speziellen Art von Humor. Sei es drum: Mit diesem Konzept - sich quasi bei jeder Show neu aufzustellen - hat Vera Sola sicherlich ein solides Fundament für eine laaaaange Karriere als Live-Performerin im Gepäck.

Vera Sola
NACHGEHAKT BEI: VERA SOLA

GL.de: Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen? In deiner Bio steht ja, dass du schon viele Sachen ausprobiert hast.

Vera Sola: Also Musik habe ich eigentlich immer schon gemacht - aber mehr so für mich. Professionell habe ich erst damit angefangen, als ich als Musikerin in der Band von Elvis Perkins spielte. Damals hatte ich aber noch keine Ambitionen, meine Songs selbst zu singen. Ich habe auch Literatur studiert und zeitweise mit dem Gedanken gespielt, Ärztin zu werden, weil ich mich auch für die Wissenschaften interessiere. Und ich habe immer schon Gedichte geschrieben, weil mir die Sprache sehr wichtig ist. So kam dann eins zum Anderen, als ich mich endlich mal dazu durchgerungen hatte, ins Studio zu gehen, und eigene Sachen aufzunehmen.

GL.de: Was hat es denn mit der EP "Last Caress" auf sich?

Vera Sola: Oh - das ist eine EP mit Coverversionen von Songs, die Glenn Danzig für die Misfits geschrieben hat. Ich habe irgendwann ein Mal den Song "Last Caress" live gespielt und da sind die Leute ausgeflippt und haben gemeint, ich solle das dann mal aufnehmen. Das war aber erst nachdem ich die Songs für meine Debüt-LP "Shades" eingespielt habe. Ich bin dann einfach ins Studio gegangen und habe die Songs auf meine Weise gespielt - wie ich das immer mache; denn ich bin der Meinung, dass man Cover-Versionen nicht unbedingt gleich als solche wiedererkennen sollte.

GL.de: Worüber singst du eigentlich in deinen Songs? Nicht, dass man dich nicht verstehen könnte - es lässt sich aber nicht immer mit Sicherheit sagen, worüber du singst. Geht es zum Beispiel in dem Song "Black Rhino Experience" tatsächlich um ein Nashorn?

Vera Sola: In dem Fall ja. Ich möchte eigentlich aber gar nicht so genau sagen, worum es in meinen Songs genau geht, damit jeder die Möglichkeit hat, sich etwas vorzustellen.

GL.de: Einige Songs werden dann aber doch recht konkret, oder? Wie sieht es zum Beispiel mit dem Stück "For" aus - das ist doch bestimmt als politisches Statement gedacht, oder?

Vera Sola: Ja, diesen Song habe ich gleich nach den Wahlen in den USA geschrieben. Ich war am Boden zerstört und wusste nicht, was ich machen sollte. Dieser Song wendet sich an all jene, die nicht zur Wahl gegangen sind, die ihre Meinung nicht kundgetan haben und so überhaupt erst das Ergebnis ermöglicht haben.

GL.de: Das heißt aber doch, dass in deinen Songs durchaus Botschaften stecken?

Vera Sola: Das kann so sein. Eigentlich betrachte ich mich als Geschichtenerzählerin. Wenn eine Botschaft in einem Song steckt, dann ist das ein Bonus. Mir ist es aber schon wichtig, dass bei einigen Songs deutlich wird, mit welcher Absicht ich diese geschrieben habe. In "The Colony" geht es zum Beispiel um den amerikanischen Imperialismus und die Kolonisierungen der USA - einfach, weil ich als weiße, amerikanische Frau da teilweise auch eine Muítschuld trage. In "The Cage" singe ich über Eva und die Vertreibung aus dem Paradies. Eva unterhält sich da mit Gott und der erklärt ihr, dass sie nur ein Derivat seiner selbst ist. Das hängt damit zusammen, dass ich mich durchaus für Spiritualität und Religion und die Kirche und die Auswirkungen davon auf die Menschen interessiere - auch wenn ich selbst nicht religiös bin. Es gibt aber natürlich auch persönliche Songs auf der Scheibe.

GL.de: Was zeichnet eigentlich einen guten Song aus?

Vera Sola: Das ist eine gute Frage, denn ich glaube nicht, dass ich schon meinem Anspruch an einen guten Song genügen kann. Mir ist die Sprache natürlich sehr wichtig. Ich habe mich eben noch mit meinen Musikern darüber unterhalten. Manchmal basiert die Sache auf einem Gedicht, manchmal auf etwas, das ich beobachte - aber weil ich Literatur studiert habe, versuche ich das immer irgendwie auch poetisch auszudrücken. Dann ist mir die Atmosphäre noch wichtig - wobei es nicht unbedingt zwingend eine düstere Atmosphäre sein muss, auch wenn das oft passiert. Und dann sollte ein guter Song noch eine gewisse Spannung haben.

GL.de: Ebenso wie die Texte ist auch die Musik sehr eigenwillig. Hast du das eigentlich beabsichtigt?

Vera Sola: Eigentlich nicht. Ich hatte natürlich einen Tontechniker, denn ich bin sehr schlecht in technischen Dingen. Alles, was ich anfasse, geht kaputt - pass’ also auf mit deinem Mikrofon da. Im Studio bin ich dann also sehr intuitiv vorgegangen. Ich habe aber viel Wert darauf gelegt, wie die verschiedenen Elemente im Raum platziert sind. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, habe ich als erstes Piano gespielt, weil sich das für mich als geeignet anbot. Mit der Gitarre habe ich hingegen bis heute zu kämpfen, obwohl ich sie jetzt oft spiele. Meine Hände sind ziemlich klein und nicht so für die Gitarre geeignet. Die macht manchmal einfach nicht, was ich will...

GL.de: Das ergibt dann aber doch auch interessante Spannungen, oder?

Vera Sola: Ja, in der Tat. So richtig rund wurde die Sache aber erst, als ich angefangen habe, Bass zu spielen. Tatsächlich sind viele der Stücke um die Basslinien herum verankert. Und dann habe ich alles Mögliche als Perkussions-Instrumente verwendet - Spielzeug, Gläser, Töpfe, Knochen, ein Kickboard...

GL.de: Wie es die alten Blueser auch gemacht haben?

Vera Sola: Ganz genau. Es ist aber auch so, dass ich Tom Waits viel zu verdanken habe. Nicht, weil ich ihn nachmachen möchte, aber ich denke, dass "Rain Dogs" mich in dieser Beziehung stark beeinflusst hat.

GL.de: Letzte Frage: Was haben eigentlich deine Videos mit deiner Musik zu tun? Gibt es viele Geister in deinen Videos?

Vera Sola: Nicht nur in meinen Videos, sondern auch auf der Scheibe. Auf allen Songs sind Geister vertreten. Aber nicht nur Gespenster, sondern Geister in jedem Sinne. Und was die Videos betrifft, so betrachte ich die als Teil des Ganzen. Ich habe die Songs immer auch im Zusammenhang mit bestimmten Bildern gesehen. Und diesen wollte ich in den Videos zum Ausdruck bringen. Auch wenn es mir nicht möglich war, alle Ideen umzusetzen - denn ich habe die Videos praktisch ohne Budget und für so gut wie nichts gemacht - wollte ich doch, dass da eine visuelle Note ins Spiel kommt.

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Surfempfehlung:
www.verasola.com
www.facebook.com/verasolasound
www.youtube.com/channel/UCbO7VfL6BPCqghGUrxi6DPA/feed
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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